Am Rande der Bewegung

Bewegung 2Man sieht sie wieder öfter, die Parole „Atomkraft? Nein danke“. Diese Sommerferien hatte ich zwei-drei Wagen vor mir, deren hintere Partie von der „kritischen“ Einstellung der Fahrzeughalter kündet. Ob ein solcher Aufkleber den Pkw in Berlin davor bewahren würde, verbrannt zu werden?

Das bleibt abzuwarten. Jedenfalls genießen die Atomkraftwerk-Gegner in Deutschland, im Mainstream zu treiben. Und Mainstream sind sie. Etwa der freundliche Hafenmeister einer Marina an der Elbmündung. Der nach Gebaren, Bart- und Haartracht idealtypische Achtundsechziger wohnt auf der anderen Seite der kleinen Stadt. Er kommt mit einem schwarzen Kleinbus neuerer Bauart zur Arbeit, dessen eines hintere Seitenfenster der Aufkleber „Atomkraft? Nein danke“ wenigstens zur Hälfte abdeckt. Die Botschaft macht sich gut auf den abgedunkelten Scheiben.

Nun könnte man bemerken, daß es klimaverträglicher sei, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu kommen. Oder zu bedenken geben, daß ein Kleinbus mehr Schadstoffe per Personenkilometer in die Luft blase, als ein kleineres Kraftfahrzeug. Oder gar fragen, ob der soziale Charakter einer Beschäftigung, wie er sie aufgenommen hat, nicht bedenklich sei. Gehören doch seine Kunden zu den Besserverdienern, die sich, nachdem sie ihr Vermögen durch Ausbeutung – womöglich sogar der Dritten Welt – gewonnen haben, nun oberflächlichen Vergnügungen auf ihren Luxus-Sportgeräten hingeben. Aber ich möchte ihm die Laune nicht verderben. Außerdem spreche ich sie nicht – die Sprache der Bewegung.

Wahrscheinlich glaubt unser Hafenmeister, ein Rebell zu sein. Diese Selbsteinschätzung paßt nicht recht dazu, gelassen und auf Kosten nachfolgender Generationen „sozial“ abgesichert im Mainstream zu treiben. Ein Anlaß zu kognitiver Dissonanz? Sei’s drum, ich möchte ihm nicht den Tag vergällen.

Der Marina-Vorsteher jedenfalls zeigt Flagge. Und so flattert sie im auf- oder ablandigen Wind an einem Mast, der voriges Jahr noch die Farben eines Bundeslandes trug: Die Flagge der Bewegung.

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