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Karsten Dahlmanns

ego autem et domus mea serviemus Domino

Grünkernsuppe mit Totalitarismus

Arnold Böcklin

Zum deutschen Antimodernismus.

Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, hat ein Buch über die Grünen geschrieben und Spiegel online ein Interview gewährt. Darin heißt es:

SPIEGEL: Sie beschreiben die Grünen fast, als wären sie die neuen Nazis. Die Partei habe anfangs „gegen einen pragmatischen Politikstil und gegen die sich den Notwendigkeiten der Moderne öffnende Gesellschaft“ gekämpft.

Güllner: Ich will die Grünen um Gottes willen nicht mit den Nazis vergleichen. Doch rein soziologisch betrachtet, entstammte der ursprüngliche Nukleus dieser Bewegung in der Weimarer Zeit und später der Grünen-Bewegung dem gleichen antimodernen Segment der Gesellschaft, einem radikalisierten Teil der deutschen Mittelschicht.

Was soll man sagen? Das ist nichts Neues. Jeder, der sich auch nur ein wenig mit dem deutschen (bzw. deutschsprachigen) Antimodernismus seit der Zeit Wilhelms II. beschäftigt hat, zuckt mit den Schultern: „Ja mei…“

Dennoch brodelt es in der Grünkern-Fraktion.

„Zeit“-Redakteur Karsten Polke-Majewski läßt unter dem schönen Titel „Meinungsforscher verbreitet bizarre Thesen“ verlauten, „all diese von Manfred Güllner im Spiegel-Interview geäußerten Knallthesen Sarrazinscher Qualität“ seien „so spannend wie ein vernutztes Sockenbündchen“, nachdem er selbst einige Zeilen zuvor konstatiert hat, es helfe der „Auseinandersetzung, wenn man die Lautstärke herunterdreht.“ – „Touché!“, kommentiert Zettel. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Oder doch? Schauen wir uns Polke-Majewskis Argumente gemeinsam näher an:

Tatsächlich ist eine Grundlinie der Grünen eine gewisse Fortschritts- und Technikskepsis. Allerdings haben sie damit oft genug Recht behalten, etwa in der Frage der Atomkraft.

„Oft genug“ wirkt amüsant. Ich nehme an, es stehen genau zwei Fälle in Rede: Tschernobyl und Fukuschima. Zu Tschernobyl ist zu sagen, daß sowjetische Technik und der sowjetische Umgang mit Technik ebendas sind: sowjetische Technik und der sowjetische Umgang mit ihr. Was soll daraus für die USA, Deutschland oder sonstein westliches Land und die Atomkraftwerke in ihm folgen? Was Fukuschima angeht, wäre dem guten Herrn Polke-Majewski zu empfehlen, doch erst einmal die Sachlage zur Kenntnis zu nehmen. Wieviele Tote sind denn bislang zu beklagen?

Es stimmt auch, dass die Partei zunächst linksideologisch geprägt war. Nur ist das inzwischen eine ganze Weile her. Sowohl die Wiedervereinigung wie auch die Regierungsbeteiligung im Kabinett Schröder hat die Grünen stark verändert und verbürgerlicht.

An diesen wenigen Sätzen ist soviel falsch, daß man kaum weiß, wo man beginnen soll. Zunächst: Die Verwendung von „linksideologisch“ führt in die Irre, weil Polke-Majewski so tut, als seien die Grünen mit dem Abklingen dieser Richtung in der liberalen Demokratie angekommen. Das ist Unsinn. Ihre Projekte zum Umwelt- oder Klimaschutz nehmen den Einwohnern der Bundesrepublik Deutschland Stück um Stück die Verfügungsgewalt über ihr Eigentum – durch ideologisch geprägte Vorschriften und Steuern, gegen die der Ablaßhandel über eine vergleichsweise vernünftige Legitimation verfügte. Dergleichen schleichende Enteignung mag demokratisch legitimiert sein, aber sie hat mit einer liberalen Demokratie, in der die Bürger vor dem Staat und seinen Eingriffen geschützt sind, wenig zu tun. Nicht die Grünen haben sich verbürgerlicht, sondern das Bürgertum hat sich vergrünt. Der „radikalisierte Teil der deutschen Mittelschicht“ (Güllner) ist angewachsen. Dies mag an Jahrzehnten ideologisierten Schulunterrichts liegen – und/oder daran, daß die meisten Kontinentaleuropäer die Relevanz („bloß“) negativer Freiheit nicht verstehen. Wenn man nämlich die negative Freiheit als Maßstab nimmt, hat sich die Position der Grünen nur wenig bewegt. „Linksideologen“ erteilen Unternehmern Berufsverbot, „verbürgerlichte“ Grüne erteilen Bürgern ein Glühbirnenverbot. Verbot, Verbot, Verbot – sie scheinen’s zu lieben.

Betrachten wir zum Vergleich eine frühe grüne Position, die kaum als links gelten kann:

Ein im Sinn und im Wortlaut an Max Scheler erinnerndes „verinnerlichtes Einsgefühl mit der gesamten Natur“ […] macht [Herbert] Gruhl bei den nordamerikanischen Indianern aus. Diese besonders „einzigartige Einfühlsamkeit“ wird von Gruhl in der betreffenden Schrift über die Authentizität des Häuptlings Seattle als die eines „ökologischen Weltverständnisses“ […] dargeboten. (Volker Kempf, Herbert Gruhl. Pionier der Umweltsoziologie. Graz 2008, S. 76.)

Wenn ich mich recht erinnere, spielen die Ureinwohner Nordamerikas in der Marx’schen Geschichtsphilosophie keine vorherrschende Rolle. Dafür taucht Max Scheler auf, dessen antibürgerliche Haltung konservativer Provenienz auf diesen Seiten bereits thematisiert worden ist. Ein weiterer Gewährsmann ist Stefan George, den Gruhl, laut Auskunft seiner Witwe, verehrt hat (ebd. S. 37, 48):

Ihr bringt der aufgeklafften erde sühne
Der gier und wahn zerwühlten die geweide.
Ihr macht dass sie sich schliesse · wieder grüne ..
Und nackter tanz beginnt auf junger heide.

(Stefan George, „Die Hüter des Vorhofs“, Der Siebente Ring, Berlin 1907, S. 55)

Wir erblicken einen Antikapitalismus, der sich von Linksideologischem weit entfernt zeigt; dafür herrschen Neopaganismus und Ästhetizismus. Das Bürgertum „zerwühlt“ der Erde „die geweide“, weil es Gewinn sucht.

Handel und Industrie, Bürgertum und das liberal verfaßte Staatswesen (ganz gleich, ob Demokratie oder konstitutionelle Monarchie) werden also von wenigstens zwei Seiten angegriffen, soweit solche Positionen sich den Grünen zuordnen lassen. Beide Flanken träumen davon, Zwang auszuüben – nicht jenen Zwang, der the Rule of Law garantiert und ausmacht, sondern ideologisch motivierten Zwang: Beliebigkeit, Einseitigkeit und also Ungerechtigkeit. Deshalb auch ist der Vergleich mit dem Ablaßhandel keineswegs überzogen, sondern eher zu milde: Die Öko- und Klimaschutzsteuern und -abgaben müssen Sie zahlen; dem Ablaßhändler konnte man mit einem „Nein, vielen Dank!“ entgegnen.

Wenn Polke-Majewski uns weismachen möchte, daß das Nachlassen einer Seite dieses Zangenangriffs „Verbürgerlichung“ bedeute, hat er seine Hausaufgaben nicht gemacht, oder er liebt die kognitive Dissonanz.

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