Neues von der Invasion (IV): Vom Ehre-Nehmen

Goya - Vergewaltigung Ausschnitt

Nach den Ereignissen von Köln (und anderen Städten in Deutschland) dämmert es allen Nicht-Mehr-Ganz-So-Gutmenschen, was die plötzliche Aufnahme hunderttausender Muslime recht eigentlich bedeute. „Bedeuten“ ist ein zumeist unterschätztes Wort. Dort, wo zwei oder mehr Kulturen aufeinander treffen, entfaltet es seine Wirkung.

‚Köln‘ bedeutet für die meisten westlichen Menschen einen groben Mangel an Zivilisiertheit und Verantwortlichkeit, der fehlender Aufklärung geschuldet sein dürfte. Zum Gegenmittel würden demnach taugen: Bildung im weitesten Sinne, einschließlich pädagogisch-psychosozialer Maßnahmen etc. pp., mit einem Wort: alles, was die steuerfinanzierte Zaubertüte der Erziehungswissenschaftler und der Sozialversteher säkularen oder klerikalen Zuschnitts zu bieten hat.

Das Problem ist: Dieser Zugang ist kulturanthropologisch naiv. Und deshalb wird nichts draus.

Selbst wenn er funktionieren würde, würde er in der Regel nicht funktionieren: Wohltätiges Handeln, das seinen Namen verdient, verbessert die Lage dessen, dem geholfen wird. Das heißt, es gibt ihm Anlaß zur Dankbarkeit. Es hieße, den Menschen stark zu überschätzen, wenn man nun glaubte, daß ein solches Gefühl der Verpflichtung einem jeden über längere Zeit hinweg erträglich wäre, solange es Sterblichen gilt. Neid, Scheelsucht und Ressentiment warten auf den Wohltäter so sicher wie der Frost im Winter. Oder haben Sie – ja Sie, der gründlich qualifizierte, anspruchsvoll tätige Steuerzahler – schon mehr als zwei-drei dankbare Hartz-IV-Empfänger getroffen?

Zurück zum „Bedeuten“. Carmen Frohne bemerkt in einem Artikel auf „Tichys Einblick“:

In Kriegen werden Frauen nicht vergewaltigt, weil die Männer den Frauen etwas beweisen wollen. Sie beweisen damit sich und dem Vater, Bruder oder Partner der vergewaltigten Frau ihre Macht. Die Demütigung der Frau des Feindes ist die schlimmste Demütigung. Es geht hier nicht um Frauen als Frauen. Die Fragen der Emanzipation stellen sich Männer nicht, die so ticken. Frauen sind es in ihren Augen gar nicht wert, so ein Risiko einzugehen. Der Terror gegen Frauen soll den Männern dieser Wertewelt demonstrieren, dass sie ihre eigenen Frauen und Töchter nicht beschützen können. Dass sie folglich keine Männer sind.

Das ist ein vernünftiger Ansatz, weit realistischer als das Gerede über Deprivation und kulturell bedingte Ungeschliffenheit, das wir von unseren Eliten und den etablierten Medien hören. Dergleichen war schon in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts abgestanden wie ein koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk, dem die Kohlensäure abhanden gekommen ist; allenfalls das kulturelle Element wurde leicht variiert.

Klaus-Jürgen Gadamer schlägt sich – ebenfalls bei Roland Tichy –  tiefer ins semiotische Gestrüpp:

Ich schreibe dies, während ich in Burma weile. In allen burmesischen und thailändischen Blättern kann man Berichte über die Vorkommnisse auf dem Kölner Domplatz lesen. Es dominiert das völlige Unverständnis darüber, wie die Deutschen es zulassen können, dass ihre religiösen Symbole und ihre Frauen angegriffen werden. Es ist in Südostasien vollkommen undenkbar, dass Tempel, noch dazu von Ausländern, mit Feuerwerks-Raketen beschossen werden. […]

Möglicherweise hat […] die deutsche Presse in ihrer provinziellen, ich-bezogenen Sichtweise das Entscheidende nicht verstanden. […] [W]as ist aus arabischer Sicht das Symbol der Ungläubigen? Es sind die christlichen Kirchen: und kaum eine mehr als der Kölner Dom. Wenn ich also die westliche Kultur im Kern treffen will, beschieße ich die Kirchen und leiste der Polizei mit aller mir zu Verfügung stehenden Verachtung Widerstand. Am besten ich spucke sie an oder werfe Knallkörper auf sie. Ich weiß ja, die deutsche Polizei ist zahnlos und mir kann eigentlich nichts passieren.

Offensichtlich hatten die Araber genug Geld, um sich mit Raketen, Alkohol und Drogen einzudecken. Der Grund für den Kauf der nicht billigen Raketen war nicht, in großer Freude die extrem große Gastfreundschaft Deutschlands zusammen mit den Deutschen zu feiern, das Ziel war es offensichtlich, Raketen mit großer Symbolkraft auf die christliche Hauptkirche der Stadt zu feuern. Wenn Araber gezielt Raketen auf den Dom schießen und die aufgeheizte Menge laut WELT bei jedem Treffer dazu applaudiert, ist das eigentlich nicht mehr misszuverstehen. Da kann man nur froh sein, dass die kriegsgewohnten jungen Araber nicht wirkliche Raketenwerfer zur Hand hatten.

Gadamer schließt an: „Dass in der deutschen Gesellschaft die Kirche gar keine Symbolkraft mehr hat und diese deshalb die Provokation nicht versteht, ist sozusagen die Ironie der Geschichte.“ Das freilich wäre noch zu prüfen. Beziehen sich nicht viele Äußerungen des „Packs“ auf ein jüdisch-christliches Kulturerbe, auf die Identität Europas als christliches Land? Würde es nötig sein, jene Äußerungen derart ausdauernd zu ridikülisieren, wenn sie ohne Strahlkraft wären?

Wie dem auch sei. Die Vermutungen Frohnes und Gadamers gewinnen weitere Überzeugungskraft, wenn sie im Lichte einiger Überlegungen David P. Goldmans gelesen werden. Vor reichlich einem Jahrzehnt unterschied der Publizist die westliche von der muslimischen Welt anhand dessen, was für sie das größte Übel sei.

The West cannot endure without faith that a loving Father dwells beyond the clouds that obscure His throne. Horror – the perception that cruelty has no purpose and no end – is lethal to the West. Europe is dying slowly from the horror of the 20th century’s world wars, ending the way T S Eliot foresaw […], „not with a bang but a whimper“. Despite its intrinsic optimism, America is vulnerable as well.

The Islamic world cannot endure without confidence in victory, that to „come to prayer“ is the same thing as to „come to success“. Humiliation – the perception that the Ummah cannot reward those who submit to it – is beyond its capacity to endure.

Radical Islam has risen against the West in response to its humiliation – intentional or not – at Western hands. The West can break the revolt by inflicting even worse humiliation upon the Islamists, poisoning the confidence of their supporters in the Muslim world.

But radical Islam yet may horrify the West into submission, not only by large-scale acts of terrorism against Western countries, but also by provoking the West into mass destruction of life in the Islamic world. By operating in the midst of civilian populations, Islamist radicals put Western counter-insurgency in a delicate position. The Western response must be harsh enough to humble its adversaries, without turning the stomach of the Western population itself. To do this requires intelligence precise enough to target enemy resources without killing too many civilians.

Wo Demütigung (humiliation) das Schlimmste ist, ist sie das Beste, was man seinem Feind antun kann. Frohne und Gadamer haben das verstanden. Deshalb sollten wir ihre Hinweise ernstnehmen.

*

Das Argument in Sachen Undank habe ich von Helmut Schoeck gestohlen, der es in seiner großen Abhandlung über den Neid gebraucht (wofür ich dankbar bin). Es geht auf Immanuel Kant zurück. Glauben Sie nicht? Schauen Sie:

Dankbarkeit ist eigentlich nicht Gegenliebe des Verpflichteten gegen den Wohlthäter, sondern Achtung vor demselben Denn der allgemeinen Nächstenliebe kann und muss Gleichheit der Pflichten zum Grunde gelegt werden; in der Dankbarkeit aber steht der Verpflichtete um eine Stufe niedriger als sein Wohlthäter. Sollte also nicht die Ursache so mancher Undankbarkeit der Stolz seyn, einen nicht über sich sehen zu wollen; der Widerwille, sich nicht in völlige Gleichheit (was die Pflichtverhältnisse betrifft) mit ihm setzen zu können.

Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten, hrsg. v. K. Rosenkranz und F. W. Schubert, Leipzig 1838, S. 319-320 (§ 35 der Tugendlehre).

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