Wie wenig sich doch ändert

Universität Bochum (Hastur Harbrough - Flickr Creative Commons)

Anton Tschechow schreibt rund ein Jahrzehnt vor der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert:

А вот мрачные, давно не ремонтированные университетские ворота; скучающий дворник в тулупе, метла, кучи снега… На свежего мальчика, приехавшего из провинции и воображающего, что храм науки в самом деле храм, такие ворота не могут произвести здорового впечатления. Вообще ветхость университетских построек, мрачность коридоров, копоть стен, недостаток света, унылый вид ступеней, вешалок и скамей в истории русского пессимизма занимают одно из первых мест на ряду причин предрасполагающих… Вот и наш сад. С тех пор как я был студентом, он, кажется, не стал ни лучше, ни хуже. Я его не люблю. Было бы гораздо умнее, если бы вместо чахоточных лип, желтой акации и редкой стриженой сирени росли тут высокие сосны и хорошие дубы. Студент, настроение которого в большинстве создается обстановкой, на каждом шагу, там, где он учится, должен видеть перед собою только высокое, сильное и изящное… Храни его бог от тощих деревьев, разбитых окон, серых стен и дверей, обитых рваной клеенкой.

Das ist: „Und hier sind die düsteren, lange nicht erneuerten Tore zur Universität; der sich langweilende Hausmeister im Bauernpelz, ein Besen, Schneehaufen… Auf einen frisch aus der Provinz eingetroffenen jungen Mann, der sich vorstellt, ein Tempel der Wissenschaft sei tatsächlich ein Tempel, können solche Tore keinen guten Eindruck machen. Überhaupt stellen der fortgeschrittene Grad des Verfalls bei den Universitätsgebäuden, die Düsterkeit der Korridore, der Ruß an den Mauern, der Mangel an Licht, die Trostlosigkeit der Treppen, der Kleiderhaken und Bänke in der Geschichte des russischen Pessimismus eine seiner wichtigsten Ursachen dar… Und hier haben wir unseren Garten. Seit der Zeit, als ich Student war, ist er, scheint es, weder besser, noch schlechter geworden. Ich mag ihn nicht. Es wäre weit vernünftiger, wenn hier statt der schwindsüchtigen Linden, der gelb gewordenen Akazie und des schütteren, zurückgeschnittenen Flieders hohe Kiefern und schöne Eichen wüchsen. Ein Student, dessen Einstellung zum Großteil durch das Ambiente bestimmt wird, sollte dort, wo er lernt, auf Schritt und Tritt nur Hohes, Kräftiges und Elegantes vor sich haben. Gott bewahre ihn vor dürren Bäumen, zerschlagenden Fenstern, grauen Wänden und Türen, die mit rissigem Wachstuch bezogen sind.“

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Natürlich geht’s schlimmer, denn schlimmer geht’s immer. Dietrich Schwanitz ein halbes Jahrzehnt vor dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts:

Bernie […] liebte es, über den Campus zu schlendern. Er genoß seine maßlose Häßlichkeit mit einem perversen Schauder. In den Hohlräumen seines Gemüts hatte sich die Überzeugung verbreitet, daß er damit fertig würde, wenn andere, zartere Gemüter darunter litten. […] Alice war immer etwas verwirrt, wenn sie dort oben [d.i. in ihrem Institut] ankam. Sie hatte sich noch nicht an die schweinische Brutalität der Graffiti auf dem Hamburger Campus gewöhnt. Und besonders in diesem dicht bevölkerten Fahrstuhl zu fahren und zu wissen, daß all die respektablen Akademiker um sie herum dieselben abstoßenden Filzstiftfresken betrachteten, die mit ihren grotesk gezeichneten Genitalien und ihren Inschriften von infernalischer Hemmungslosigkeit jedem die Sprache verschlugen, war für sie jedesmal ein Erlebnis von abgründiger Absurdität.

Siehe auch hier.

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Anton P. Čechov: Skučnaja istorija [Eine langweilige Geschichte]. In: ders.: Izbrannye proizvedenija v trech tomach, Bd. 2. Moskau 1971, S. 46–101, zit. S. 51–52. / Dietrich Schwanitz: Der Campus. Roman. Frankfurt a.M. 1995, S. 34, 166. / Bildnachweis: Universität Bochum, Photographie von Hastur Harbrough, Flickr Creative Commons.

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