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Karsten Dahlmanns

ego autem et domus mea serviemus Domino

Ganz Gegenwart, stramm ideologisch

Die deutsche Linke hat zum Autonummer-Djihad geblasen. Waren es bisher einige Buchstabenkombinationen, die auf Kfz-Kennzeichnen keine Verwendung finden sollten („HJ“, „NA-ZI“) – was als völlig angemessen gelten darf -, werden nun auch Zahlenkombinationen inkriminiert. Zum Anlaß gereicht  der Werbespot einer Lebensmittelkette, in dem nicht nur „verdächtige“ Zahlenfolgen auf Nummernschildern vorkommen, sondern auch ein Kinderbuch mit dem Namen „Edda“ in die Kamera gehalten wird. Außerdem kamen zwei Buchstabenfolgen auf den Kennzeichen vor, nämlich „SO-LL“ und „MU-SS“, die verdächtig ins Deontologische und damit, wenn man unbedingt will, ins Autoritäre wiesen, und zudem eine der, wie erwähnt, zu vermeidenden Buchstabenreihungen zeigten.  Die Sache wäre eine Lachnummer, wenn, ja wenn Helldeutsche über einen gewissen Abstand zu sich selbst verfügen würden. Aber der muß ihnen irgendwo zwischen dem siebzehnten und neunzehnten Semester Sozialpädagogik verloren gegangen sein. Wie ja auch wenig Rede davon ist, daß die Macher des fraglichen Werbespots womöglich die Absicht gehabt haben könnten, dergleichen Hysterie hervorzurufen; womit denn dieses EDEKA-Filmchen ein Meisterwerk des Triggerns und Trollens wäre, darin ähnlich der Kampagne von Donald J. Trump. Jedenfalls hat keine andere Lebensmittelkette in Deutschland derzeit mehr Publicity – und dazu weitestgehend gratis.

Wie dem auch sei, man fragt sich – oder wie einer meiner Professoren in Göttingen zu sagen pflegte: man frägt sich -, ob denn überhaupt noch Ziffern genannt geschweige denn verknüpft werden können, ohne einen Bezug auf das Böse in der Geschichte zu evozieren. Meine Wenigkeit etwa wurde an einem Achtzehnten geboren. Nun muß ich erfahren, daß die Zahl 18 auf Adolf Hitler schließen läßt, wenn man sich auf die Initialen konzentriert und deren Reihenfolge im Alphabet zugrunde legt. Du meine Güte! Was tu ich, wenn meine Frau das erfährt? Und wie erklär ich’s den Kindern?

Freilich ist die Angelegenheit nicht ausschließlich amüsant. Der Autonummer-Djihad wird sein wenn auch nur nanometerfeines Quentchen dazu beitragen, die jüngeren Deutschen – und unter ihnen besonders die Strebsamen, Freundlichen, Empfindsamen – von ihrer Geschichte zu isolieren, indem letztere auf die zwölf Jahre unter den Nationalsozialisten eingedampft wird. So wird der Eindruck hervorgerufen, daß die Verbrechen der Jahre 1933-1945  das für jene jüngeren Deutschen schlechthin Definierende seien; es wird ein  Selbstverhältnis verhindert, das weiter in die Geschichte zurückreicht, neben Schlimmem auch Gutes findet, dazu andere, fremdgewordene Werte, Maße, Zwecke.

Das Ergebnis: Eine Generation, deren ältesten Rückbezug der Tag der Machtergreifung Adolf Hitlers ausmacht, die also radikal präsentisch lebt. Es lassen sich kaum willigere Opfer denken, um sein Spielchen zu treiben…

Was tun? Aus der deutschen Blase heraustreten, um zu lernen. In Ländern ohne Plastikflaschenpfand und Bionade sieht die historische Erinnerung so aus:

warschau-grabmal-des-unbekannten-soldaten

Dies ist das Grabmal des unbekannten Soldaten in Warschau. Haben Sie die Jahresangaben auf dem ersten Pfeiler gesehen? Dann können wir weitergehen, nach rechts über den Platz zur Straße Nowy Świat, später nach links zur Altstadt. Dort an der Hauptkirche sehen wir links vom Eingangsportal eindringliche Worte Stefan Kardinal Wyszyńskis, der zur Zeit des Kommunismus Primas von Polen war. In deutscher Sprache lauten sie: „Ein Volk ohne Geschichte, ohne Vergangenheit, wird zu einem Volk, das obdachlos ist, einem Volk ohne Zukunft.“

Freilich ist auch in Polen in Sachen historischer Erinnerung nicht alles zum Besten bestellt, wie der Krakauer Gelehrte Ryszard Legutko in dem kleinen, für den interessierten Ausländer sehr wertvollen Buch Esej o duszy polskiej ausführt. Das Grabmal etwa war während des Kommunismus ideologiekonform umgestaltet worden. Dies wurde nach 1990 rückgängig gemacht.

…und natürlich wird hier keinem heiter-naiven Kopieren das Wort geredet. Jeder Mensch, und das heißt: auch ein Deutscher, braucht ein vernünftiges Selbstverhältnis. Wie das lauten könnte, wird jeder Einzelne für sich herausfinden müssen. Eines aber ist sicher: Ziffern auf Kfz-Kennzeichen sollten dabei keine Rolle spielen.

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