Prophet an Kasseler Rippspeer

Friedrich Reck-Malleczewen berichtet über sein doppeltes Zusammentreffen mit Stefan George:

Eine Woche bin ich in Hechendorf am Pilsensee Gast meines Freundes Clemens zu Franckenstein, der noch zwei Wochen vor Kriegsausbruch in London ein Konzert dirigiert hat und Gast von Winston Churchill gewesen ist. […] Wir sprechen über die kürzlich veröffentlichten, in ihrer Arroganz wirklich maßlosen Briefe, die Stefan George an Hugo von Hofmannsthal geschrieben hat, und zu Clés Erheiterung erzählte ich ihm die Einzelheiten einer Audienz, die ich bei George hatte, als er mich, auf erhöhtem Sitz zwischen zwei silbernen Armleuchtern thronend, nach meiner Einstellung zu Aristoteles fragte, und zwei Stunden später sah ich dann den Dichterfürsten auf dem Heidelberger Bahnhof, wie er im Wartesaal II. Klasse fettspritzend und mit einem geradezu pöbelhaften Appetit ein Kasseler Rippspeer mit Sauerkraut verschlang.

Nun gut. Aber wäre es nicht besser gewesen, in der Manier Bertrand Russells darauf zu reagieren?

I remember meeting for the first time one of the leading literary men of America, a man whom I had supposed from his books to be filled with melancholy. But it so happened that at that moment the most crucial baseball results were coming through on the radio; he forgot me, literature, and all the other sorrows of our sublunary life, and yelled with joy as his favourites achieved victory. Ever since this incident I have been able to read his books without feeling depressed by the misfortunes of his characters.

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Nachweise: Friedrich Reck-Malleczewen, Tagebuch eines Verzweifelten, Frankfurt am Main: Eichborn 1994, S. 109; Bertrand Russell, The Conquest of Happiness, London: George Allen & Unwin Ltd. 1930, S. 154.

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