Gewissen sein vs. Gewissen haben

Zu Beginn seines Dutzende wertvoller Einsichten schenkenden Buches Unser Kampf. 1968 beruft sich Götz Aly auf Odo Marquard, der meinte, weite Teile der bundesdeutschen Jugend seien 1968 aus dem Gewissen-Haben in ein Gewissen-Sein geflohen, und erläutert:

Der Druck zur Selbstentlastung verstärkte sich seit der Mitte der 1950er Jahre; zum einen angesichts des Wohlstands, der das Lebensniveau der Opfer der deutschen Rassenkriege rasch überflügelte, zum anderen angesichts der nicht länger zu verschweigenden Einzelheiten des schier grenzenlosen Mordens. (S. XVII)

Das Gewissen-Sein bietet einen kommoden Ausweg.

Wer Gewissen ist, braucht sich nicht in dem Maße mit den Verbrechen seiner Väter und Großväter auseinandersetzen wie seine Altersgenossen, die auf dergleichen Selbstveredelung verzichten. Denn er ist ja, wenigstens für und vor sich selbst, etwas ganz anderes, geläutert und gerettet durch eigene Anstrengung oder den Segen einer revolutionären Lehre, die ihn herausreißt aus dem Elend der Väter und Großväter und durchtrennt, was ihn an die Vorfahren und deren Verfehlungen gebunden hat. So kann er belehren und bekehren – im Besitze der Wahrheit, im Vollgefühl der eigenen Güte. (Letzteres in beiderlei Sinne des Wortes.)

Es dürfte nicht fehlgehen, wer hier etwas erblickt, das in der gegenwärtigen Diskussion um die illegale Einwanderung („Flüchtlingskrise“) eine Rolle spielt. Die das Gewissen sind (oder es zu sein glauben), geben den Ton an; sie machen das leuchtende, hellere Deutschland aus. Die ein Gewissen haben, weil sie z.B. an ihre Kinder denken, die in der „neuen“ Bundesrepublik leben werden müssen, sind diejenigen, welche die Erklärung 2018 unterzeichnen.

Der Lärm und die kaum glaublichen Anwürfe gegen diese ihrem Inhalt nach schlichte und selbstverständliche Erklärung entlarven sich selbst. Freilich zeigt sich (auch) hier nichts Neues. Aly erinnert sich an 1968:

Als „Faschisten“ galten damals alle, die sich dem revolutionären Gedankengut versperrten oder gar dagegen angingen. (S. 92)

Der Furor unserer Einwanderungsfetischisten gemahnt in seiner Kompromiß- und Humorlosigkeit, seinem Mangel  an Einsichtsbereitschaft und Distanz zu sich selbst an verschiedene Beobachtungen Alys über die Ähnlichkeit zwischen den jugendlichen Aktivisten von 1968 und jenen, deren Bewegung 1933 zur Macht gelangte. Der Historiker spricht in diesem Zusammenhang vom „Basso continuo der jüngeren Nationalgeschichte“ (S. VI), und es würde schon fest in beide Ohren gerammter Finger bedürfen, ihn nicht immer wieder auch dort zu hören, wo in deutschen Landen von Umwelt- und Klimaschutz die Rede ist.

Und diese Melange aus blanker Unkenntnis und aktiver Faktenverachtung! Die das Gewissen sind, lassen nichts auf die Ehre ihrer Proletarier-Surrogate (oder Ersatz-Schäfchen) kommen, solange jene allochthon sind. Da will man dann auch nicht so genau hinsehen. Wie schon die 68er im Falle des Massenmörders Mao Tse-Tung und seiner Kulturrevolution in China, als

die westdeutschen Fans des „großen Revolutionsführers“ die Schreie überhörten, die aus dem Schlachthaus drangen. […] Analog zu dem für die NS-Zeit immer wieder erörterten Thema „Was konnten die Deutschen wissen?“ ergibt sich für die Mao-Bewunderer von einst die Frage: Was hätten sie […] über die Herrschaft des Verbrechens in China 1967/68 genau erfahren können? (S. 109, 111)

Alys nüchterne und beschämende Antwort lautet: „Sehr viel!“ (S. 111) So wirkte etwa an der Freien Universität Berlin, wo Aly damals selbst studierte, der China-Experte Jürgen Domes. Aber „man“ hörte ihn nicht, „man“ verunglimpfte ihn als Rechten (vgl. S. 111, 115), wie „man“ auch sonst genau bescheid wußte:

Ende April 1968 wies Bundesforschungsminister Stoltenberg in einer Fernsehdiskussion auf die „Grausamkeiten“ der chinesischen Kulturrevolution hin. Sein Gesprächspartner Rabehl entgegnete: „Das ist eine zynische Unterstellung von Ihnen!“ Zur selben Zeit publizierte Günter Amendt (SDS) die durch und durch gegenaufklärerische Voltaire Flugschrift Nr. 13 „China. Der deutschen Presse Märchenland“. Freilich enthält sie viele, damals als verzerrte Darstellungen der bürgerlichen Presse denunzierte Wahrheiten. (S. 115)

Es wird ersichtlich, daß (1) der „Kampf gegen Rechts“ keine neue Erfindung ist, (2) in seinem Zuge schon vor einem halben Jahrhundert mehr als großzügig mit Tatsachen umgegangen wurde, Wissenschaftler und Bürger, deren Äußerungen störten, als „Rechte“ verunglimpft wurden. Darüber hinaus sollte (3) notiert werden, daß der Lügenpresse-Vorwurf kein Privileg sächselnder Schäferhunde-Züchter mit AfD-Mitgliedsausweis ist.

Wie dem auch sei, der aus dem Exil zurückgekehrte FU-Professor Richard Löwenthal, von Aly öfter zitiert, beschreibt kurz und knapp, in welcher geistesgeschichtlichen Falle der Mao-verliebte 68er steckt:

Die Bewunderung der „Neuen Linken“ für Castro und Mao [beruht] auf einem romantischen Missverständnis, das in diesen rastlosen, harten Fronvögten ihrer Völker die „edlen Wilden“ unserer Zeit sehen will.“ (S. 109)

Wer heutzutage Gewissen ist (oder zu sein glaubt), hockt mit darin.  Wenn überhaupt, besteht der einzige Unterschied darin, daß sich der gegenwärtige Gutmensch „demokratischer“ geriert. Seine Gespinste gelten nicht lediglich den – o herrliche Wissenschaftsprosa vergangener Zeiten – Fronvögten aus der Fremde, sondern allen dort.

Es sei denn, natürlich, die Verhältnisse in Übersee zeugen von der Überlegenheit der Markt- und Unternehmerwirtschaft, der Rolle von Law and Order, der Wichtigkeit von Bildung, Ausbildung, Technik und Arbeitsethik. Aber das ist schon ein anderes Thema.

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Alle Seitenangaben beziehen sich auf die durchgesehene und erweiterte Ausgabe (Pb./2. Auflage), Frankfurt a.M. 2012.

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