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    „Vom besonderen Unglück tüchtigerer Minderheiten. Eine Reaktualisierung des Werks von Helmut Schoeck“ jetzt im Open Access erhältlich

    Meine 2023 publizierte Monographie über den Soziologen und Neidforscher Helmut Schoeck steht jetzt im Open Access zur Verfügung. Sie finden den Link zum kostenlosen Download des Buches hier, im Repositorium „Opus“ der Schlesischen Universität in Katowice (Kattowitz), Polen.

    Natürlich ist die ‚traditionelle‘ Ausgabe, ein gebundenes Buch mit schönem Satz auf cremefarbenem Papier weiterhin erhältlich.

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    William Shakespeare über den Kairos

    Der Kairos, ein besonders gesegneter, da ungemein erfüllender oder fruchtbringender Augenblick, spielt in Stefan Georges Dichtung eine bedeutende Rolle. Natürlich kommt die Sache schon bei William Shakespeare vor – als Salzwasser-Metapher, wie es sich für einen Insel-Barden gehört:

    There is a tide in the affairs of men,
    Which, taken at the flood, leads on to fortune;
    Omitted, all the voyage of their life
    Is bound in shallows and in miseries.
    On such a full sea are we now afloat;
    And we must take the current when it serves,
    Or lose our ventures.

    August Wilhelm Schlegel übersetzt:

    Der Strom der menschlichen Geschäfte wechselt:
    Nimmt man die Flut wahr, führet sie zum Glück;
    Versäumt man sie, so muß die ganze Reise
    Des Lebens sich durch Not und Klippen winden.
    Wir sind nun flott auf solcher hohen See
    Und müssen, wenn der Strom uns hebt, ihn nutzen;
    Wo nicht, verlieren wir des Zufalls Gunst.

    Carpe diem, Freunde. Nutzt die Tide, wenn sie günstig ist.

    (William Shakespeare, Julius Caesar, Act IV, Scene iii, auf den Shakespeare-Seiten des MIT; vierter Aufzug, dritte Szene der Schlegelschen Übersetzung bei Zeno. Beitragsbild: Tobacco Bay, Bermuda: ships in the bay, and a source of fresh water for them on land. Aquatint by J. Wells after Porgay, 1803, Wellcome Collection, Public Domain Mark.)

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    Noch einmal zum Stil-Defizit deutscher Politik

    Als Ergänzung zum Beitrag über König Charles III. in den Vereinigten Staaten von Amerika seien bezüglich dessen, was sich am ehesten als Stil-Defizit unserer Landsleute beschreiben läßt, wo immer Politisches gelebt oder besprochen wird, zwei ergänzende Beispiele angeführt: Jacob Rees-Moggs stilvolle, doch mitleidlose Bemerkungen über Keir Starmer einerseits, andererseits jene von Hans-Ulrich Jörges über Friedrich Merz.

    Man höre sich das an und bilde sich ein Urteil, welche Art zu sprechen, welche Art, sich selbst darzubieten, dem Gemeinwesen, ob Königreich oder Republik, zu größerem Segen gereichen dürfte.

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    König Charles III. in den USA

    Wenn man sich Clips vom Besuch König Charles III. in den Vereinigten Staaten von Amerika ansieht, seinen Ansprachen zuhört, wird deutlich, wie sehr es der bundesdeutschen Politik an Stil mangelt, weshalb denn auch vergleichbar erhebende Momente diesseits der Anglosphäre ausbleiben.

    Es gibt keinen Anlaß zu der Annahme, das werde sich in naher oder ferner Zukunft ändern. „Der kleinbürgerliche Charakter der bundesdeutschen Politikszene“, so Rolf Peter Sieferle, „ist eine allgemein bekannte und und vielbelächelte Angelegenheit.“ Er verdanke sich „der Tatsache, daß es in Deutschland keine kulturell geschlossene herrschende Klasse gibt“, sowie auch einem „Sozialdemokratismus“, dem „Differenzen aller Art für schlechthin unerträglich gelten“.

    (Zitate aus: Rolf Peter Sieferle, Finis Germania, Schnellroda 2017, S. 21, 23, 25.)

  • Maxime (III)

    Es gibt keine schwierigen Themen, bloß schwierige Gesprächspartner.

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    Coda (zum vorigen Post)

    Nachdem der Hagere und der Üppige das Weinlokal verlassen hatten, klaubte der Kellner die paar Groschen Trinkgeldes vom Tisch, sein von graumeliertem Haar bedecktes Haupt kaum merklich schüttelnd und einen Fluch südslawischer Herkunft diskret am Gaumen zerdrückend. Einige Fetzen ihres Gesprächs hatte er aufgeschnappt. „Wenn die Religion die Antwort auf die Trostlosigkeit des Lebens ist“, sprach er langsam und fast ohne Akzent vor sich her, „was ist dann die Antwort auf die Trostlosigkeit der Religion?“

    (Bild: Claude Monet, Rue de la Bavole, Honfleur, um 1864, gemeinfrei.)

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    Christentum, Marxismus und Wundersucht: ein Gespräch

    „Weißt Du, worin Christentum und Marxismus übereinstimmen?“, fragte der Hagere. „Beide versprechen Dir ewige Freude, ein Reich nichtendenwollender Glückseligkeit. Alles, was Du tun mußt, ist, Dich Deiner intellektuellen Redlichkeit zu entledigen. Zu glauben, was sich nicht denken läßt; jeden Bruch in der Logik als Nachweis wie auch immer gearteter Höherwertigkeit oder Tiefe hinzunehmen, ob als Mysterium oder Dialektik; das Haltlose als wohlgegründet, das Unverfügbare nicht bloß als das Verfügbare, sondern Dir schlechthin Wohlgesonnene anzusehen, als seiest Du Zweck des Alls. Christentum und Marxismus betrügen alle diejenigen, welche auf ein Wunder hoffen, gerade weil sie auf ein Wunder hoffen. Sie sind das Opium der Wundersüchtigen.“

    „Das ist gut, geistreich sogar“, versetzte der Üppige, „und eine Einsicht, die wir in einem freundlichen Gasthause begießen sollten, damit sie in der Wärme des roten Weins langsam zerfließt wie die Erinnerung an ein Übel, das Du oder ich vor vielen Jahren zu erdulden hatten.“

    Der Hagere stutzte und legte ein verbindliches Lächeln auf. „Es ist ja nicht so, daß ich glauben würde, mit meinem Argument das Christentum ad acta gelegt, Gott ertappt zu haben.“

    „Doch, das hast Du“, schloß der Üppige. „Ertappt und erledigt. Aber es macht ihm nichts aus.“

    (Bild: Claude Monet, L’église de Varengeville, effet matinal, (1882), gemeinfrei.)