Götz Aly und Hans-Ulrich Wehler über Kapitalismus, Antisemitismus und Sozialpolitik

Der vorliegende Essay enthält einige Beobachtungen und Reflexionen, die an den Aufsatz „Zur Kontroverse um Götz Alys Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ anschließen. Die neuerliche Beschäftigung mit Alys Forschung rechtfertigt sich aus dem Erscheinen seines neuesten Buches Europa gegen die Juden 1880-1945. Die 2017 publizierte Abhandlung stellt eine Weiterführung des Ansatzes dar, der Alys 2011 auf den Markt gekommenem Buch über den in letzter Konsequenz mörderischen Neid der Deutschen auf die Juden zugrunde liegt. Beide Aufsätze widmen sich also einem Forschungsprogramm, wenn Imre Lakatos’ Begriff in das Reich idiographischer Wissenschaft ausgedehnt werden darf (vgl. Lakatos 1982: 46-52).

Wie zuvor geschehen, sollen auch diesmal ausgewählte Reaktionen auf Alys Buch in der deutschsprachigen Presse diskutiert werden. Unter ihnen verdienen zwei Rezensionen besonderes Lob dafür, daß sie in einer Zeit, wo nur zu gern ‚mißverstanden‘ und entstellend zitiert wird, in prophylaktischer Absicht hervorheben, was auch der Verfasser der gegenwärtigen Zeilen über Alys Buch denkt:

An der deutschen Urheberschaft für den Holocaust lässt Aly keinen Zweifel. Nur böser Wille kann ihm die Absicht unterstellen, diese Schuld und Verantwortung relativieren zu wollen, wenn er betont, dass die Nationalsozialisten Helfer und Mittäter in ganz Europa fanden. (Jahr 2017)

Die Idee, Antisemitismus als europäisches Phänomen von Athen bis Budapest, von Paris bis Berlin zu deuten, ohne den Holocaust direkt in den Mittelpunkt zu rücken, ist originell. Darin nach heimlichen Entschuldungswünschen zu fahnden, ist keinen Gedanken wert, gerade bei einem Historiker, ohne den die hiesige Holocaustforschung um einiges ärmer wäre. (Reinecke 2017)

Darüber hinaus betrachtet der vorliegende Aufsatz ausgewählte Argumente Hans-Ulrich Wehlers, der uns als scharfer Kritiker Alys erinnerlich ist (vgl. Dahlmanns 2017: 45, 52). Dies geschieht in der Absicht, Wehlers Kritik zu kontextualisieren. Wie sich erweisen wird, könnte ein systematischer Grund für Wehlers Ablehnung des Alyschen Forschungsprogramms vorliegen. Er wäre in Wehlers kapitalismuskritischen Anschauungen zu finden, die – mit manchem sachlichen Fehler belastet – sozialdemokratische Vorstellungen von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft favorisieren, sowie dem Umstand, daß jedwede anthropologische Argumentation, die vollständig genug ist, um auch den Neid zu kennen, auf Ideen sozialdemokratischen oder sozialistischen Zuschnitts zu wirken pflegt wie das Tageslicht auf Vampire. Insofern wiederholt Wehler mit Aly, was Karl Marx mit dem französischen Schriftsteller Eugène Sue vornahm, nachdem jener einen Roman über den Neid und dessen Überwindung als Aufgabe für den Einzelnen, nicht für die Gesellschaft, veröffentlicht hatte (vgl. Schoeck 1966: 159-163).

1 Alys Argument in grundsätzlicher Betrachtung

Alys neuestes Buch untersucht die Judenfeindschaft in Europa während der Jahre 1880 bis 1945, mit besonderem Gewicht auf der Zeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Dabei wird der deutsche Sprachraum ausgespart; erforscht werden Frankreich, Polen, die Ukraine, Rußland, Litauen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Griechenland.[1] Der Historiker beschreibt die verschiedenen Erscheinungen des Antisemitismus in diesen Ländern unter drei Aspekten:

  • Angehörige der Mehrheitsbevölkerung vieler der genannten Staaten berauben Juden ihres Besitzes, beschädigen oder vernichten deren Behausungen und Werkstätten, Ladengeschäfte etc., vergewaltigen, verstümmeln und morden (vgl. Aly 2017: 166-178 u.ö.).
  • Die Regierungen fast aller der genannten Staaten betreiben Sozialpolitik auf Kosten der Juden. Um die jeweilige Mehrheitsbevölkerung zu fördern, werden verschiedenste Gesetze erlassen, die Juden in ihrer Berufswahl und -tätigkeit behindern, jüdische Kaufleute und Unternehmer mit Sondersteuern und schikanösen Auflagen belegt. Auch im Bildungswesen wird den Juden das Fortkommen erschwert, um die Mehrheitsbevölkerung zu bevorteilen, z.B. durch konfessionell gebundene Studienplätze (vgl. ebd. 94-98, 205-208 u.ö.)
  • In den Jahren vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wird in den meisten der genannten Staaten eine Politik favorisiert, die auf die Emigration ihrer jüdischen Minderheit zielt. Dies soll einen möglichst homogenen Nationalstaat schaffen, ist nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen andere Minderheiten gerichtet. Daher wird es von Aly u.a. im Zusammenhang mit Maßnahmen des Bevölkerungsaustausches betrachtet (z.B. zwischen Griechenland und der Türkei, vgl. ebd. 188-192).

Wie jedem mit den Ergebnissen der Kulturanthropologie und den ‚benachbarten‘ Gebieten der Philosophie auch nur oberflächlich Vertrauten deutlich sein dürfte, künden sämtliche Einträge dieser Liste von einem starken Einfluß des Neides. Mehr noch als die Aneignung fremden Eigentums verrät dessen Zerstörung sein Wirken; erkennt der Neider ein Ding oder Talent in fremdem Besitz, kommt es ihm weniger darauf an, dergleichen ebenfalls zu besitzen – dies wäre Ehrgeiz oder Wetteifer –, sondern darauf, daß der Beneidete es nicht habe (vgl. Schoeck 1966: 27-29, 111-113, 187). Wie in der vorigen Nummer dieser Zeitschrift besprochen, kann sich dieser Zerstörungswunsch auch auf das (inner- und äußerliche) Wesen des Beneideten beziehen; in solchen Fällen wäre von Existenzneid zu sprechen (vgl. ebd. 123-126, Dahlmanns 2017: 51-52). Freilich mag auch die ‚wilde‘ Aneignung fremden Besitzstandes desto leichter fallen, wenn der Plünderer sich zuvor hat zu der Meinung überreden lassen, daß die fraglichen Summen oder Gegenstände auf bedenklichen Wegen in das Haus des Geplünderten (und zudem womöglich Ermordeten) gelangt seien. Derartige Überzeugungsarbeit übernehmen nur zu gern Ideologien – nicht ausschließlich dann, wenn Juden auszuplündern sind.

Erkennt der Neider ein Ding oder Talent in fremdem Besitz, kommt es ihm weniger darauf an, dergleichen ebenfalls zu besitzen – dies wäre Ehrgeiz oder Wetteifer –, sondern darauf, daß der Beneidete es nicht habe.

Die Behinderung jüdischen Aufwärtsstrebens raubt einer Minderheit von Landsleuten Bildungs- und Karrieregelegenheiten einschließlich der Früchte, die sie dank dieser Gelegenheiten einfahren dürfte. Selbiges gilt für (wilde) Vertreibungen und (geregelte) Ausweisungen. In beiden Fällen soll Konkurrenz aus dem Weg geschafft werden, verlangt es die Mehrheit nach den Posten, Geschäften und Einkünften, welche sonst von Juden errungen, abgeschlossen und erzielt würden. Damit dürfte das Raub- und Plünderungsmotiv hinreichend deutlich geworden sein. Außerdem läßt sich das für den Neid in seiner Reinform kennzeichnende Zerstörungsmotiv ausmachen. Denn natürlich bilden die Volkswirtschaften der bei Aly in Rede stehenden kontinentaleuropäischen Staaten keine Nullsummenspiele; natürlich wird die Zurückdrängung oder Vertreibung eines sehr dynamischen Anteils der Bevölkerung dazu führen, daß die Gesamtleistung der jeweiligen Volkswirtschaft hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt, ihre künftige Entwicklung verkrüppelt. Das Ergebnis: weniger Wohlstand für alle.   

Wie die gegenwärtigen Bemerkungen deutlich machen, sollte Alys Ansatz weder als originell, noch als abseitig bezeichnet werden. Aus der Sicht einer liberalen Staatsphilosophie, die die Einsichten der Kulturanthropologie über den Neid nicht ignoriert, wirken Alys Bemühungen eher wie eine lange erwartete Fallstudie, eine gleichsam folgerichtige Expedition in die Abgründe des zwanzigsten Jahrhunderts, geführt wie von einem Kompaß vom hier mehr als relevanten Begriffe des Neides.

2 Zu den Reaktionen auf Alys neues Buch

Wie seine Vorgänger-Publikation hat auch Alys neuestes Buch unterschiedliche Reaktionen in der deutschsprachigen Presse hervorgerufen.

Stefan Reinecke stimmt den im vorausgegangenen Abschnitt getroffenen Erwägungen zu, wenn er feststellt: „Am Grund des Antisemitismus leuchtet […] Aly zufolge ein antikapitalistischer Affekt.“ (Reinecke 2007) Der Rezensent der taz hält einen solchen Ansatz jedoch für zu allgemein. Außerdem werde von Aly „der traditionelle christliche Antisemitismus als Movens beiseite gewischt“, bleibe außer Acht, daß die Opfer des Holocaust in Ost- und Ostmitteleuropa „oft bettelarm“ gewesen seien (ebd.).

Diese offenkundige Leerstelle in seiner Erklärungskette versucht Aly durch den Verweis auf den Essay des linken Zionisten Ber Borochow von 1917 zu füllen, der glaubte beobachtet zu haben, dass jüdische Schuster und Weber in Osteuropa wendiger als ihre christlichen Konkurrenten mit dem Veränderungsdruck klarkamen. Dieser schüttere Beleg überzeugt nur, wer ohnehin an Sozialneid als Schlüsselmotiv glaubt. (ebd.; vgl. vor diesem Hintergrund Aly 2017: 78, 359-365)

Der zuletzt erwähnte Umstand stellt ganz sicher ein Problem für Alys Ansatz dar, wie schon in der vorigen Nummer dieser Zeitschrift ausgeführt. Ähnlich äußert sich Sybille Steinbacher in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wenn sie Alys Deutung für „zweifellos nicht falsch, jedoch als alleinige Erklärung für antijüdische Politik nicht hinreichend“ hält (Steinbacher 2017). Hingegen läßt sich der von Reinecke genannte Antijudaismus traditionell christlichen Zuschnitts („Gottesmörder“ etc.) als eine jener Ideologien, die, wie oben ausgeführt, Raub und Brandschatzung jüdischen Eigentums erleichtern, in Alys Ansatz integrieren. Deshalb darf Reineckes Einwand – wie auch der ganz ähnlich gelagerte Einwand Andrea Hopps, Aly „vernachlässig[e] die Verschränkungen des synchron und diachron vielschichtigen Vorurteils mit jeweils unterschiedlich gewichteten politischen, ökonomischen oder sozialen Impulsen.“ (Hopp 2017) – als nicht-stichhaltig gelten. Darüber hinaus betont der Verfasser des Buches Europa gegen die Juden, daß in den zeitgenössischen Quellen Argumente im Sinne des kirchlich tradierten Antijudaismus kaum vorzufinden seien (vgl. Aly 2017: 377).

Ein Kuriosum bildet die von der Süddeutschen Zeitung publizierte Rezension Barbara Distels. Die ehemalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau leitet ihren Text mit den folgenden Bemerkungen ein:

Es ist sicherlich nicht rufschädigend zu behaupten, dass Götz Aly, den die Welt als „Bestsellerautor, Journalist und Historiker“ tituliert, umstritten ist. Der heute fast Siebzigjährige hat es im Laufe von Jahrzehnten immer wieder verstanden, Mitglieder seiner Zunft vor den Kopf zu stoßen, persönlich zu kränken oder lächerlich zu machen. […] Mitarbeiter von Gedenkstätten bezeichnete er als „schlecht getarnte Langweiler, die einfallslos und betulich an ihren Lebenszeitstellen kleben und den Status quo verteidigen“. (Distel 2017)

Solche Bemerkungen sind vortrefflich geeignet, Bedenken bezüglich eines womöglich auf Seiten der Rezensentin bestehenden Mangels an Objektivität zu zerstreuen. Im Verlauf ihrer eigentümlich unbeholfen wirkenden Rezension kritisiert die derzeit im wissenschaftlichen Beirat des Trägervereins des Hauses der Wannsee-Konferenz tätige Frau Distel[2] denn auch als einen der wenigen greifbaren Punkte, daß Aly „bei seiner Darstellung der Geschichte der Wannsee-Konferenz […] den aktuellen Diskurs der Zeitgeschichtsforschung“ unberücksichtigt gelassen habe (Distel 2007). Weitere Kritik gilt dem Umstand, daß Weißrußland kaum besprochen worden sei.  

Von bedeutenderem Kaliber ist die in der Welt erschienene Rezension aus der Feder Sven Felix Kellerhoffs, der eine Ähnlichkeit zwischen Aly und Ernst Nolte ausmacht, sie zudem mit bösartiger Eleganz unter der Bemerkung lanciert, daß Aly davon hätte wissen können, wenn er in seinen (jungen) Jahren an der Freien Universität Berlin nur gewollt hätte; doch sei er „seinerzeit als Innenpolitikredakteur der ‚tageszeitung‘ tätig gewesen und gehörte eher nicht zu den Hörern der morgendlichen Nolte-Vorlesung“ (Kellerhoff 2017):

Wie einst Ernst Nolte ist inzwischen auch Götz Aly, ein ehemals archivorientierter Geschichtsforscher, zu einem phänomenologisch arbeitenden Essayisten geworden. Das macht seine Bücher nicht weniger anregend, im Gegenteil. Man sollte sie nur als das nehmen, was sie sind: ausgearbeitete Gedankenblitze. Als solche lohnen sie die Lektüre. (ebd.)

Dies konstituiert selbst einen Gedankenblitz, der die Lektüre lohnt. Doch bleibt das Problem ungeklärt, welchen epistemologischen Status die Kategorie „Gedankenblitze“ beanspruchen könne. Bewegt sie sich irgendwo zwischen Dichtung und Wissenschaft, und, sofern ja, wo? In jedem Falle will es scheinen, daß der ‚späte‘ Aly näher an den Quellen arbeite als der ‚späte‘ Nolte (vgl. Aly 2017, Nolte 2011).

Im weiteren Verlauf seiner Rezension konstatiert Kellerhoff, Alys Neid-Deutung wolle nicht recht zu den Verhältnissen in Griechenland passen. Außerdem wolle diese Deutung nicht mit anderen Ansätzen harmonisieren, die der Historiker in seinen über Jahrzehnte hin erschienen Büchern vorgestellt habe. Dies sei auch deshalb problematisch, weil Alys Stil „auf den Leser sehr oft apodiktisch wirke – wie vermeintlich allein gültige Erklärungen.“ (ebd.)

Zu Kellerhoffs Diagnosen ist im Einzelnen zu bemerken: Die Juden im griechischen Saloniki, deren Schicksal Aly ausführlich behandelt, waren in der Tat nicht sämtlich vermögend; viele lebten in bescheidenen Verhältnissen. Das freilich ist kein Hindernis für den Neid, der ja gerade in sozialer Nähe gedeiht (vgl. Schoeck 1966: 30), wie der 1908 gescheiterte Versuch eines Boykotts gegen jüdische Obst- und Gemüsehändler oder die nach 1912 üblich gewordene Praxis der Kapitäne griechischer Frachtschiffe nachweisen, jüdischen Hafenarbeitern das Löschen der Fracht zu verweigern und bloß (nicht-jüdischen) griechischen Schauerleuten den Auftrag zu erteilen (vgl. Aly 2017: 120, 126). Beide Maßnahmen richteten sich nicht gegen Leute von großem Wohlstand in Saloniki, etwa die jüdischen Besitzer der von Aly erwähnten Industrien (vgl. ebd., S. 121). – Zur Frage der Inkompatibilität Alyscher Standpunkte sei bemerkt, daß Forscher sich zu entwickeln pflegen, diesen oder jenen Ansatz entwerfen, im Lichte der Empirie ausreizen, verändern oder verwerfen. Unvereinbarkeiten zwischen den verschiedenen Manifestationen dieses Prozesses sind die logische Folge, ob es sich dabei um Bücher oder Aufsätze handle; es wäre unklug, hier sterile Einheitlichkeit zu wünschen. Über das vermeintlich Apodiktische von Alys Stil ist im gegenwärtigen Rahmen nicht mehr zu bemerken, als daß der Verfasser von Europa gegen die Juden seinen Standpunkt in unprätentiöser Weise und aller Klarheit deutlich macht. Das ist wünschenswert und löblich, zumal es zu sachlicher Kritik einlädt.  

Christoph Jahr von der Neuen Zürcher Zeitung bringt Alys Heuristik sehr genau auf den Punkt: Aly verstehe, „dass der Antisemitismus als Erklärung für den Genozid an den europäischen Juden nicht ausreiche“, halte sich deshalb „nicht mit den Details judenfeindlicher Ideologien auf.“ Dafür suche er „nach den dahinter liegenden ‚Rationalitäten‘ des Völkermords“ (Jahr 2017). Dies gelinge ihm in beeindruckender Weise, allerdings um den Preis einer Kollision mit landläufigen Vorstellungen von Verteilungsgerechtigkeit:

Wer sich auf der Verliererseite wähnte, mobilisierte soziale und nationalistische Ressentiments gegen die Juden, die ihren sozialen Aufstieg, so hiess es, ausschliesslich zulasten der „einheimischen“, der christlichen Bevölkerung geschafft hätten. Um der „sozialen Gerechtigkeit willen“ den Aufstieg der Juden wieder rückgängig zu machen, war das Ziel christlich-konservativer, aber auch sozialistischer Bewegungen und Parteien. (Jahr 2017)

Da Jahr die Fügung „soziale Gerechtigkeit“ (statt z.B. der weniger erbaulichen Bezeichnung „Egalitarismus“) verwendet, dürfte ihm deutlich vor Augen stehen, weshalb Alys Argumente „bisweilen heftige Abwehrreaktionen“ hervorrufen (ebd.). Steinbacher beschreibt den fraglichen Zusammenhang, wie folgt:

Aly wär nicht Aly, ginge es dem ehemaligen Maoisten nicht auch in diesem Buch darum, Repräsentanten und Errungenschaften sozialistischer und sozialdemokratischer Politik zu blamieren, was darin gipfelt, dass er in der Idee von der sozialen Gleichheit und Gerechtigkeit einen Ursprung für den Massenmord an den Juden im Zweiten Weltkrieg sieht. (Steinbacher 2017)

Die Rezensentin fügt an: „Dennoch überwiegt in diesem Buch die Polemik nicht“ (ebd.). Sie lobt den Kenntnisreichtum seines Autors, der „Exzess an Exzess“ reihe, so ein „Panorama des Schreckens“ entfalte; nennt die „Quellenbasis“ des Werks „eindrucksvoll“ (ebd.).

Arno Widmann kommt in der Berliner Zeitung zu einem vergleichbaren Befund. Alys Buch lebe von den Details seiner Schilderungen, verschiedensten Vignetten und Episoden. „Sie erst machen die Infamie deutlich, mit der die Judenverfolgung funktioniert“ (Widmann 2017) – und das bereits vor dem eigentlichen Holocaust. Besondere Beachtung verdient, daß Widmann jenen Effekt des Politik gewordenen Neides streift, welcher im vorigen Abschnitt auf die Formel „Weniger Wohlstand für alle“ gebracht worden ist. Er kommentiert Alys Schilderung antijüdischer Schikanen an den Hochschulen Ost- und Ostmitteleuropas mit den treffenden Worten: „Lieber doof als jüdisch.“ (ebd.).

„Lieber doof als jüdisch.“

Arno Widmann

Jahr, Steinbacher und, mit Einschränkungen, Widmann benennen, was man – je nach Anschauung – als wenig wichtigen Nebenkriegsschauplatz Alyscher Geschichtsschreibung, deren richtige und wichtige moralische Nutzanwendung allgemeineren Zuschnitts oder aber eine mißbräuchliche Überspitzung bezeichnen kann. Die in Warum die Deutschen? Warum die Juden? und Europa gegen die Juden geschilderten Begebnisse werfen manches Licht auf das Verhältnis von Individualismus und Kollektivismus. Bevor zu diesem Themenbereich weitere Stellung bezogen wird, soll zunächst untersucht werden, was der Historiker (und Aly-Kritiker) Hans-Ulrich Wehler über das Verhältnis von Ökonomie und Staat festzustellen weiß.

3 Wehler über Wirtschaft und Staat

Wehlers Essayband Die Deutschen und der Kapitalismus kündigt eine Rezension über Alys Warum die Deutschen? Warum die Juden? wie folgt an:

Der Journalist und Holocaustforscher Götz Aly […] ist mit einem neuen Buch hervorgetreten, in dem er den Sozialneid der Deutschen von 1933 für ihren schließlich militanten Antisemitismus verantwortlich macht. Das ist ein irritierender Irrweg, denn natürlich hat es namentlich im Bildungsbürgertum Neid auf die jungen jüdischen Anwälte und Ärzte gegeben, die dem eigenen Nachwuchs Konkurrenz machten. Aber die historische Forschung hat längst so viele wichtigere Ursachen des deutschen Antisemitismus herausgearbeitet, dass die dramatisierte These vom allgegenwärtigen Sozialneid nur auf ein Nebengleis führt. Wer weiß, was uns als nächste Frucht Alyschen Erkenntnisfleißes blüht. (Wehler 2014: 12)

Ganz offensichtlich gibt es etwas an Alys Schaffen, das den emeritierten Ordinarius der Universität Bielefeld aus der Ruhe bringt. Davon zeugt das deutlich hervortretende Bedürfnis, Aly als Journalisten und randständigen Querkopf abzutun.  

Im titelgebenden Aufsatz des Bandes skizziert Wehler, was er für Wege und Irrwege der Nationalökonomie als Fach, aber auch als realweltliches Phänomen (also den Gegenstand des Faches) in Deutschland und der Welt hält. Der Text schlägt einen Bogen von Christian Jacob Kraus, dem Nachfolger Kants an der Universität Königsberg und Übersetzer von Adam Smiths An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations in die deutsche Sprache, bis hin zu den Ursachen der Weltwirtschaftskrise seit 2008 und (vermeintlichen oder tatsächlichen) Fehlentwicklungen des Faches Nationalökonomie in der Gegenwart. Seiner hauptsächlichen Stoßrichtung nach zeiht der Essay tonangebende Volkswirtschaftler des neunzehnten, zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts, einer „zugleich normativ und politisch aufgeladenen Zielutopie“ das Wort zu reden, für die „die optimale Funktionsfähigkeit des Kapitalismus erst in einem staatsfreien, selbstgeregelten Produktions- und Marktsystem verwirklicht werde.“ (Wehler 2014: 20-21) Es sei klüger, sich an die – laut Wehler auf Smith zurückgehende – Tradition deutscher Staats- und Wirtschaftswissenschaft zu halten, die dem Staat in ökonomischen Dingen „Gestaltungskraft“ zubillige (ebd., 21, vgl. ebd., 31). Als Folgen wirtschaftswissenschaftlicher Staatsfeindlichkeit werden angeführt: Irrwege des Faches selbst, darunter die Verachtung der eigenen Tradition unter Wirtschaftswissenschaftlern deutscher Zunge; eine ungerechtfertigte Bevorzugung von Ideen, die „Turbokapitalismus“, „Raubtierkapitalismus“ oder „Casinokapitalismus“ (ebd., 29, 31) ausmachen oder hervorrufen, einschließlich der mit ihm (vermeintlich oder tatsächlich) einhergehenden Ungerechtigkeiten; die bis in die Gegenwart bestehende Wirtschaftskrise im Anschluß an den US-Immobilienkrach 2008. Immerhin gesteht der Text zu, daß während der 80er Jahre des verstrichenen Jahrhunderts die „in der Bundesrepublik beispiellose Regelungsdichte staatlicher Gesetze und kommunaler Verordnungen […] zu einem befreienden Zurückschneiden“ nach den Maßgaben des „Neoliberalismus“ (Margaret Thatcher, Ronald Reagan, Milton Friedman) eingeladen habe (ebd., 28).

Soweit Wehlers Argumentation. Sein Aufsatz eröffnet einige wertvolle Perspektiven, z.B. auf die Ursachen deutscher Selbstzerknirschung, wo Markt und Staat verachtet werden (ebd., 20, 25). Gleichzeitig sind gravierende Schwächen zu beobachten, neben rhetorischen Ein- und Ausfällen, die weitgehend übergangen werden mögen, vor allem vier sachliche Fehler, die nun im Einzelnen dingfest gemacht werden sollen. Gerade diese fehlerhaften Aussagen sind es, die dem Text seine etatistische Stoßrichtung verleihen.

3.1 „Marktmonismus“

Wehler führt aus:

Erst seit den späten 1970er Jahren brach der Marktfanatismus der ideellen Wegbereiter des künftigen Turbokapitalismus in die Theoriedomäne der deutschen Wirtschaftswissenschaft, dann allmählich auch in die Arena der öffentlichen Meinung ein. […] Die Schlüsselfiguren der neuen Heilslehre waren Ludwig v. Mises, Friedrich August v. Hayek und Milton Friedman.[3] Die beiden ersten […] spitzten die Wiener Theorietradition auf einen neoliberalen Marktmonismus zu, dem die totale Verbannung des Staates aus dem Wirtschaftsleben als Optimum galt. (ebd., 27-28)

Diese Passage enthält (wenigstens) einen schweren sachlichen Fehler. Es läßt sich bezüglich Hayeks nicht einfach über „die totale Verbannung des Staates aus dem Wirtschaftsleben“ schreiben. Dies aus zwei Gründen. Zum einen empfiehlt der spätere Wirtschaftsnobelpreisträger in seiner berühmten Abhandlung The Road to Serfdom, daß der Staat den Akteuren auf dem Markt – vulgo: seinen Bürgern – ein Existenzminimum zu garantieren habe (vgl. Hayek 2007: 215). Zum anderen kennt Hayeks Theorie des liberalen Staates den stabilisierenden Einfluß einer ganzen Reihe von nicht-ökonomischen Institutionen sowohl greifbarer, kodifizierter, als auch ‚bloß‘ habitueller Art bis hin zu Glaube und Aberglaube (vgl. Hayek 1991: 135-140, 154). Wenn sich irgend etwas Hayek nicht vorwerfen läßt, handelt es sich um „Marktmonismus“.

Was den von Wehler im selben Atemzug erwähnten Mises angeht, mögen einige wenige Hinweise genügen. Zum einen ist dem aus Lemberg (Lwów) gebürtigen Nationalökonomen deutlich, daß eine liberale Gesellschaft auf den Staat als Zwangsmittel nicht verzichten kann, außerdem moralische Ressourcen voraussetzen muß, die Marktwirtschaft nicht zu produzieren vermag (vgl. Mises 2002: 33-34, 36-37, 41-42). Er stimmt darin mit Hayek überein, der diesen Sachverhalt umfassender und, wie sogleich deutlich werden wird, in Gestalt einer Evolutionstheorie ausarbeitet. Zum andern war Mises in seinen Wiener Jahren mit Max Scheler bekannt und schuf ein seiner Argumentationsweise nach dessen berühmter Abhandlung Das Ressentiment im Aufbau der Moralen ganz ähnliches Buch unter dem Titel The Anti-Capitalistic Mentality (vgl. Mises 2008, Scheler 1972). Es zeichnet in teils bestürzender, teils amüsanter Manier habituelle Hemmnisse für jenen „neoliberalen Marktmonismus“ nach, dessen „Zuspitzung“ Mises laut Wehler zu verantworten habe. Damit dürfte deutlich geworden sein, wie verfehlt der Wehlersche Anwurf ist, durch die Österreichische Schule der Nationalökonomie werde mit dem „Marktfanatismus“ eine „Heilslehre“ naiven und, wie sogleich besprochen werden wird, ahistorischen Zuschnitts verbreitet.

3.2 „Physikneid“

Wehler attestiert der Wirtschaftswissenschaft eine „starrsinnige Prognosefixierung, die Albert Hirschman mit einer glänzenden Formulierung als ‚Physikneid‘ der Ökonomen, die auf die imponierende Architektonik der Newtonschen Physik als Vorbild gestarrt hätten, angeprangert hat.“ Demgegenüber empfehle sich ein „vertieftes historisches Verständnis des Kapitalismus“ als „ungleich wichtiger“ (Wehler 2014: 32).

Dazu will bemerkt sein: So geistreich der Physikneid-Vorwurf ist, trifft er doch nur Anteile jener, die Wehler des „Marktfanatismus“ beschuldigt. Seine Geschoßbahn endet somit bloß bei einem Akzidens, nicht dem Kern der Sache. Im Falle Mises’ wirkt der fragliche Vorwurf absurd, da dessen Lehre vom Handeln apriorischen Charakters ist (vgl. Caldwell 2004: 123-126; Rothbard 2009: 72). Sofern der inkriminierte Physikneid sich in einer Vorliebe zu formalisiertem Ausdruck niederschlägt, bleibt die Mises-Schule auch davon weitgehend unbetroffen (ebd., 75). Außerdem scheint es, als würden Fragen des Wissenschaftsideals unter Vertretern des Fachs Ökonomie diskutiert, ohne solch harsche Gegensätze ideologisch-geographischer Art anzunehmen, wie Wehler sie ausmacht (Vanberg 2009).

Hayeks Anschauungen über Ökonomie und den liberalen Staat bilden ihrer Anlage nach eine Theorie, die Evolution beschreibt und vor Devolution – vulgo: Verfall, dem Verlust von Freiheit und Wohlstand – warnt (Hayek 1991: 21-28, 52-54). Als solche handelt es sich um eine Lebenswissenschaft (d’accord Vanberg 2009), mithin kaum um ein Gebilde, dessen Schöpfer es für sinnvoll halten würde, die Physik zu imitieren. Deshalb ist die historische Reflexion, wie Wehler sie sehen möchte, ein unabtrennbarer Bestandteil Hayekschen Denkens.

3.3 Zu den Ursachen der Wirtschaftskrise in der Gegenwart

Wehler konstatiert: „In mancher Hinsicht kulminierte die neue Marktdogmatik in dem Verzicht auf die sorgfältige Überprüfung der neu erfundenen toxischen Finanzmarktinstrumente, damit aber letztlich im Kollaps des internationalen Finanzmarktsystems. Diese Konsequenz des entstaatlichten Turbokapitalismus“, der „Absturz in die tiefste Krise seit 80 Jahren“, beweise, daß sich der „Realitätssinn“ verschiedener deutscher Nationalökonomen, die dem Staat eine stärkere Rolle zubilligen, gegenüber „den Protagonisten der ‚Schönen Neuen Welt‘ des staatsfreien Kapitalismus als überlegen erwiesen hat.“ (Wehler 2014: 29) Gier in staatsfreiem Raum – das sei, Wehler folgend, was die Wirtschaftskrise der Gegenwart hervorgerufen habe.

Was als ‚Turbokapitalismus‘ und ‚Neoliberalismus‘ beschimpft wird, ist in Wahrheit ein Turbo-Etatismus.

Roland Baader

Die Dinge liegen anders. Wie allgemein bekannt, nahm die Banken- oder Wirtschaftskrise der Gegenwart ihren Anfangin den Vereinigten Staaten von Amerika. Weniger verbreitet ist die Einsicht, daß sie durch staatlichen Eingriff hervorgerufen wurde. Politiker wünschten, einkommensschwachen Schichten (i.e. Wählern) den Erwerb eines Eigenheims zu ermöglichen – gegen alle praktische, in diesem Falle aus langen Jahren betriebswirtschaftlicher Erfahrung gewonnene Vernunft. Kein Geringerer als der berühmte US-amerikanische Nationalökonom Thomas Sowell berichtet:

Lenders did not spontaneously begin to lend to people who would not have qualified for loans under the traditional criteria that had evolved out of years of experience in the market. Such risky loans were made under growing pressures from government regulatory agencies and politicians, and even threats of prosecution from the Justice Department if the statistical profiles of borrowers whose loan applications were approved did not match the government’s preconceptions. (Sowell 2009; vgl. zudem Sowell 2008, zur Vorgeschichte auch Baader 2007: 103-105)

Damit dürfte dem Wehlerschen Argument jede empirische Grundlage entglitten sein.

3.4 Casinokapitalismus und fiat money

Als Casino- oder Kasinokapitalismus wird üblicherweise das ‚Spielen‘ an Börsen oder sonstiges Spekulieren auf Gewinne durch Zins- und Preisschwankungen bezeichnet. Nach Meinung Wehlers „fungiert“ der „Marktdogmatismus […] als Basis des Casinokapitalismus“ (Wehler 2014: 31). Seine Auffassung läßt jedoch außer Acht, daß das Milieu, in dem solche Erscheinungen gehäuft beobachtet werden können, gerade nicht durch Marktdogmatismus oder -monismus geschaffen worden ist, sondern staatlicherseits – durch die Ablösung der wichtigsten Währungen der Welt vom Goldstandard nach 1914, sowie durch eine beständige und kaum anders als absurd anzusehende Erhöhung der Menge ungedeckten Scheingeldes (fiat money), vorgenommen durch staatliche oder staatsnahe Notenbanken (vgl. Baader 2007: 35-45, 99-103, 110-118). Wehlers Einschätzung der Sachlage verrät also gravierende Unkenntnis. „Was als ‚Turbokapitalismus‘ und ‚Neoliberalismus‘ beschimpft wird, ist […] in Wahrheit ein Turbo-Etatismus.“ (ebd., S. 81)

Dem Germanisten – und mit ihm jedem Liebhaber deutscher Literatur – ist fiat money, von Fürsten, Staaten oder staatsnahen Organen ausgegebenes Papiergeld ohne Deckung durch Edelmetall aus dem zweiten Teil des Faust vertraut. Dort war seine Einführung, kaum zufällig, die Idee eines Teufels (vgl. Goethe, Faust, Zweiter Teil, Kaiserliche Pfalz, Lustgarten).

4 Die Anmaßung von Wissen und das Schlechte im Guten

Wehlers Aufsatz Die Deutschen und der Kapitalismus, dessen Stoßrichtung je nach Auffassung des Rezipienten als kapitalismuskritisch oder etatistisch, sozialdemokratisch oder fiskalsozialistisch bezeichnet werden kann, ruht auf Fundamenten, die nicht standhalten. Der praktische Grund für dieses Ungenügen dürfte darin zu erblicken sein, daß der weithin anerkannte Historiker sich auf ein Terrain gewagt hat, das außerhalb seiner Kernkompetenz liegt. Nicht der Wissenschaftler Wehler spricht, sondern Wehler der Intellektuelle (vgl. Hayek 1960: 373-374). Diesen Eindruck verstärkt, daß der Historiker in recht naiver Weise annimmt, staatliche Akteure verfügten über einen kaum korrumpierbaren guten Willen und ein hinreichend umfassendes Wissen sowohl wissenschaftlicher, als auch nicht-wissenschaftlicher Natur, das heißt mannigfaltige Kenntnisse der jeweils herrschenden Umstände, Gelegenheiten und Widrigkeiten, vorauszusetzenden Erfahrungen etc. pp., um marktwirtschaftliche Prozesse so zu korrigieren, daß etwas Besseres dabei herauskomme (vgl. Hayek 1945: 519-524). Die unterliegende Theorie von Mensch und Gesellschaft hat Sowell mit adäquatem Sarkasmus als „Vision der Gesalbten“ (Vision of the Anointed)bezeichnet (vgl. Sowell 2011: 94-98).

4.1 Die Nachtseite des Social Engineering

Es kann bloß vermutetwerden, ob und in welchem Ausmaße Wehlers Etatismus zu seiner Empfindlichkeit Aly gegenüber beitrage. Für eine solche Vermutung spricht die Sachlage selbst. Denn die Studien des jüngeren Historikers über den Zusammenhang zwischen Neid und Antisemitismus enthalten verschiedenste Beispiele, die die Einsicht Hayeks belegen, daß sich mit den Mitteln des Staates der Wohlstand einer Bevölkerungsgruppe ausschließlich auf Kosten anderer Bevölkerungsgruppen steigern läßt (vgl. Hayek 2007: 153-154). Sie veranschaulichen somit zweierlei; zum einen, was sich in grundsätzlicher Weise gegen staatliche Programme zur Förderung ‚sozialer‘[4] Gerechtigkeit einwenden läßt, und zum andern, in welche Abgründe dergleichen Social Engineering führen kann. Alys Abhandlungen Warum die Deutschen? Warum die Juden? und Europa gegen die Juden dürften zusammen mit seinem früher erschienenen Buch Hitlers Volksstaat (Aly 2006) einen der machtvollsten Angriffe gegen die landläufige Idee darstellen, die Förderung ‚sozialer‘ Gerechtigkeit sei etwas per se Gutes, die in deutscher Sprache erschienen sind.  

Nun betrachtet Alys jüngstes Buch nicht lediglich den Wunsch nach ‚sozialer‘ Gerechtigkeit, während es die Vorgeschichte des Holocaust in verschiedenen Staaten Kontinentaleuropas untersucht, sondern auch nationale Emanzipationsbewegungen, Vorstellungen von ethnischer Homogenisierung in den neu entstandenen, verkleinerten oder vergrößerten Staatswesen. In diesem Zusammenhang schreibt Aly „von einer schwer erträglichen Einsicht“, die er „nicht behaupten, aber zur Diskussion stellen“ wolle (Aly 2017: 379):

Das Böse entsteht nicht allein aus dem Bösen, sondern auch aus dem prinzipiell Guten. Gute, niemals zu missbilligende Bildungspolitik und der staatlich geförderte Willen zu massenhafter Aufwärtsmobilität, also die größten Erfolge im Europa des 20. Jahrhunderts, steigerten den Hass. Dieselbe Ambivalenz muss für die schönsten, gleichfalls bewahrenswerten politischen Ideen der europäischen Neuzeit in Betracht gezogen werden. Sie heißen: Demokratie, Volksfreiheit, Volkswillen, Selbstbestimmung und soziale Gleichheit. […] Unter dem extremen Druck des von Deutschland begonnenen und geführten Krieges begünstigte der zivilisatorische Fortschritt den Zivilisationsbruch. (ebd.)

4.2 Wenig Substantielles in den Reaktionen

Viele Rezensenten heben auf diese Stelle ab. Steinbacher begreift sie im Zusammenhang mit Alys Wunsch, Sozialdemokraten und Sozialisten zu blamieren (vgl. Abschnitt 2). Distel konstatiert, daß man Alys zur Diskussion gestellter Hypothese nicht folgen müsse (vgl. Distel 2007). Hopp ergreift die Gelegenheit, ein Urteil über die angelsächsisch geprägten Staaten der Neuen Welt zu fällen: „Die Feststellung, dass Demokratien ihre eigenen Grundprinzipien wie Anerkennung und Integration von Minderheiten mitunter nicht beherzigen, gilt nicht nur für Europa. Das klägliche Versagen der Flüchtlingskonferenz von Évian ist dafür ein Beispiel.“ (Hopp 2017) Daran ist dreierlei bemerkenswert. Zum einen erweist sich Hopps Argument als wenig überzeugend, weil die fraglichen Menschen sich noch gar nicht auf dem Staatsgebiet z.B. der Vereinigten Staaten von Amerika befanden, dort also auch keine „Minderheit“ bildeten. Zum andern bleibt unklar, auf welche Theorie oder reale Spielform der Demokratie Hopp sich bezieht, wo sie die „Anerkennung und Integration von Minderheiten“ beschwört; nicht nur die Geschehnisse, von denen Alys Buch Europa gegen die Juden unterrichtet, sondern auch die Französische Revolution und der vornehmlich von Seiten der Democratic Party erfolgte Widerstand gegen die Emanzipation der Schwarzen in den USA deuten darauf hin, daß die von Hopp als grundlegend eingeforderten Tugenden nicht zu den stärksten Zügen vieler Ausführungen des demokratischen Staatsmodells gehören (vgl. Dahlmanns 2017: 56-57 im Anschluß an Wilhelm Röpke). Zum dritten schließlich bringt Hopp den westlichen Vertretern in Évian weit weniger Verständnis entgegen, als Aly es tut (vgl. Aly 2017: 280-292, bes. 286, 292). Sie scheint zu vergessen, wie einfach das Bewerten ex post im Vergleich zu der Aufgabe fällt, sich der Forderung des Tages mit ihren tausend Unwägbarkeiten gewachsen zu zeigen!

Widmann läßt seine Besprechung mit dem letzten Satz des obigen Zitats ausklingen, nachdem er einen Bogen zur sog. Flüchtlingskrise geschlagen hat. Wie die vor dem Zweiten Weltkrieg aus Europa auswandernden Juden würden auch die nach Westeuropa strebenden illegalen Einwanderer der Gegenwart „nach einem besseren Leben“ suchen. „Es geht um Menschen, die fliehen müssen, um leben zu können.“ (Widmann 2017). Die Deutung des Kommentators der Berliner Zeitung zeugt von gutem Willen, doch tut sie der Sachlage Gewalt an. Erstens wäre einzuwenden, daß die Beweggründe der Allermeisten, die widerrechtlich nach Europa kommen, sich von jenen der Juden unterscheiden. Zweitens mangelt das Element des Neides der Bevölkerungsmehrheit auf die vermeintlich oder tatsächlich Tüchtigeren, sich angesichts der Herausforderungen der Moderne geschmeidiger Zeigenden, erfolgreicher Bildenden, leichter Aufsteigenden. Wenn hier mit Aly ein zivilisatorischer Kontrast zwischen Mehrheitsbevölkerung und (künftiger) Minderheit angenommen werden soll, liegen die Dinge im Falle der sog. Flüchtlingskrise spiegelverkehrt (vgl. Wippermann 2011, Jahr 2011, wie bei Dahlmanns 2017: 54-56 diskutiert).

Jahr bemerkt zunächst wie Distel, daß man „Alys zugespitzter These, dass das Böse […] aus dem prinzipiell Guten, der Demokratie, der Volkssouveränität und der Forderung nach sozialer Gleichheit, entstehen kann, […] nicht folgen“ müsse. Er fügt an: „Aber darüber nüchtern nachzudenken, lohnt sich im Zeitalter populistischer Aushöhlung des westlichen Gesellschaftsmodells dennoch.“ (Jahr 2017) Gegen diese Einschätzung läßt sich wenig einwenden, obgleich es klüger gewesen wäre, bei ihrer Formulierung auf den unscharfen und überwiegend polemisch verwendeten Begriff des Populismus zu verzichten. So soll ebendies jetzt geschehen: nüchtern über Alys These nachzudenken.

4.3 Die Wucht ungewollter Konsequenzen

Rufen wir uns einen Satz Alys aus der oben zitierten Passage in Erinnerung: „Das Böse entsteht nicht allein aus dem Bösen, sondern auch aus dem prinzipiell Guten.“ Eine derartige Feststellung wirkt weit weniger dramatisch, sobald in Rechnung gestellt wird, daß sämtliches Handeln sowohl einzelner Menschen, als auch jenes von Gruppen, Institutionen bis hin zu Staaten und Staatenbünden dem Gesetz der ungewollten und unvorhergesehenen Folgen (Law of Unanticipated Consequences) unterliegt (vgl. Merton 1936). Kein Mensch – und auch kein Gremium von Menschen – kennt alle Konsequenzen seiner Handlungen, wie ihm auch die allermeisten Implikationen der diesem Handeln zugrundeliegenden Theorien, ja zumeist selbst wesentliche Züge ebendieser Theorien unbekannt sind und bleiben. Damit erweist sich die Feststellung, daß das Böse aus dem Guten erwachsen könne, als handlungslogische Binsenweisheit. Sie nennt einen wichtigen Ursprung des Tragischen in der conditio humana.

Interessanter wirkt Alys Fügung „aus dem prinzipiell Guten“. Wie der einige Zeilen darauf folgende Hinweis auf „dieselbe Ambivalenz“ bestätigt, enthält sie eine Einschränkung. (Dies entspricht der umgangssprachlichen Verwendung des Typs: „prinzipiell ja, aber…“.) Der Historiker erkennt damit an, daß einige der „schönsten, […] bewahrenswerten Ideen der europäischen Neuzeit“, darunter „Demokratie, Volksfreiheit, Volkswillen, Selbstbestimmung und soziale Gleichheit“ übelträchtig sein können. Daß Aly dies „nicht behaupten“, sondern bloß „zur Diskussion stellen möchte“, darf als Milde einem Publikum gegenüber angesehen werden, das ‚soziale‘ Gerechtigkeit und die anderen Einträge dieses Katalogs für sakrosankt zu halten gewohnt ist; die bloße Möglichkeit wird so oder so behauptet, lediglich das Anbranden der kognitiven Dissonanz abgeschwächt. 

4.4 Mögliche Einsichten

Ein jeder von Alys Rezensenten hat seine Weise, mit der beschriebenen Spannung umzugehen. Wehler fürchtet, was er – wie gesehen, mit manchem Irrtum geschlagen – als „Turbokapitalismus“ begreift, und hält Maßnahmen des Staates zur Förderung ‚sozialer‘ Gerechtigkeit für unbedingt geboten, die weit über Hayeksche Vorstellungen eines staatlicherseits zu garantierenden Existenzminimums hinausgehen dürften. Vor diesem Hintergrund nimmt es kaum wunder, daß der Emeritus der Universität Bielefeld sich dafür entschieden hat, Aly und dessen jüngeres Werk abzutun. Andere Rezensenten nehmen die Spannung zwischen den von Aly genannten Idealen und den seinerseits überlieferten Episoden wahr, schließen jedoch keine weitere Reflexion an; sie halten (und sitzen) aus, was daraus an kognitiver Dissonanz entstehen mag. Empfindlicher zeigt sich Widmann, der die sog. Flüchtlingskrise vor dem Hintergrund des Alyschen Buches Europa gegen die Juden in eine gänzlich verfehlte Analogie preßt, Sozialpolitik globaler Ausrichtung erwartet, sich, nach dem Duktus seines Textes zu urteilen, in heller Verzweiflung befindet. Lediglich Jahr deutet an, daß die Auflösung der kognitiven Dissonanz auch in anderer Richtung erfolgen könne. Sein Argument weist dabei nicht ins Grundsätzliche, sondern Graduelle. Sehr vermutlich meint er, es könne in Sachen „Demokratie, der Volkssouveränität und der Forderung nach sozialer Gleichheit“ (Jahr, wie in Abschnitt 4.2 zitiert) übertrieben oder mancher Irrweg beschritten werden. Seine Einschätzung ist ohne Zweifel richtig, wie einige ergänzende, natürlicherweise äußerst verknappte Bemerkungen grundsätzlichen Charakters illustrieren mögen:

  • Es darf kaum als sinnvoll gelten, von Demokratie zu schreiben, ohne nähere Bestimmungen anzuschließen, zumal mit der französischen, der angelsächsischen, der schweizerischen und der skandinavischen Tradition sehr unterschiedliche Modelle bereitstehen. Damit wird eine Schwäche benannt, die bereits an Alys Abhandlung Warum die Deutschen? Warum die Juden? zu beobachten war (vgl. Dahlmanns 2017: 56-57). Schreibt der Autor des Buchs Europa gegen die Juden von „Volkswille“, scheint er über Rousseau für die französische Tradition zu optieren. Es wäre an der Zeit, die „Konkursmasse von 1789“ (Röpke 1948: 76, ohne Kursive) hinter sich zu lassen, sich solchen Demokratie-Traditionen zuzuwenden, in denen die ‚negative‘ Freiheit des Einzelnen stärker verbürgt wird.
  • Demokratie und Freiheit sind zweierlei Größen, die einander beeinträchtigen können. Alys Europa gegen die Juden enthält viele Beispiele, die diese (keineswegs neue oder radikale) Einsicht untermauern. 
  • Es gibt eine umfängliche Literatur, die Vorstellungen von „Volksfreiheit“ (Aly) und den verschiedenen Spielformen des Nationalismus kritisch gegenübersteht (vgl. z.B. Popper 1980: 66-75, 395; auch Aly 2017: 128-130). Wie das Beispiel der Schweiz lehrt, muß, wer dies zugesteht, keineswegs im selben Atemzug einen transnationalen Superstaat mit überbordender Zentral-Bureaukratie empfehlen.
  • Wer sicherstellen möchte, daß niemand unter Brücken schlafen muß, braucht deshalb keinem Egalitarismus das Wort zu reden (vgl. Abschnitt 3.1). Es ‚reicht‘ Gutwilligkeit, um dergleichen bereitzustellen. Redeweisen wie „soziale Gerechtigkeit“ oder „Gleichheit“ verdecken diesen wichtigen Sachverhalt.
  • Wer umfangreiche staatliche Maßnahmen zur Förderung „sozialer Gerechtigkeit“ oder „Gleichheit“ fordert, hemmt die Wirtschaft seines Landes. Folglich optiert er für einen Zustand, in dem weniger Wohlstand generiert wird, als möglich wäre. Alle werden ärmer. Dies ist die (zumeist) nicht-intendierte Konsequenz einer Politik, die Widmann auf die treffliche Formel „Lieber doof als jüdisch.“ bringt.
  • Mit dem Neid ist zu rechnen, wo menschliches Handeln in Betracht gezogen wird. Er läuft auf Mißgunst hinaus; daß der andere etwas nicht habe – und sei es das Leben –, ist dem Neider wichtiger als der eigene Gewinn (vgl. Abschnitt 1; daher auch der Zusatz „zumeist“ im vorigen Punkt).
  • Wer Bildung und Wohlstand wachsen sehen möchte, muß deshalb keineswegs staatliche Maßnahmen empfehlen. Es gibt innerhalb und außerhalb von Alys Schriften genügend Zeugnisse dafür, daß Aufstieg aus eigener Kraft und gegen Schikanen von Seiten der Mehrheitsbevölkerung möglich ist (vgl. Aly 2011: 38, Aly 2017: 92-100, 211-223, Sowell 2015: 158).

Schlußbetrachtung

Selbst wenn Alys Bücher über den Neid der Deutschen auf ihre jüdischen Nachbarn und die Judenfeindschaft in Kontinentaleuropa nicht hinreichen, den Holocaust zu erklären – was der Historiker selbst zugesteht (vgl. Aly 2017: 375) –, bleiben sie von großer Wichtigkeit, weil sie einige wesentliche Voraussetzungen beschreiben, ohne die der Mord an den europäischen Juden nie hätte stattfinden können.

Es wäre an der Zeit, die „Konkursmasse von 1789“ (Röpke) hinter sich zu lassen, sich solchen Demokratie-Traditionen zuzuwenden, in denen die ‚negative‘ Freiheit des Einzelnen stärker verbürgt wird.

Darüber hinaus besitzen Alys Europa gegen die Juden,die zuvor erschienene Abhandlung Warum die Deutschen? Warum die Juden? und weitere Schriften aus seiner Feder, etwa Hitlers Volksstaat oder der kurze eindringliche Text Neid und Gier in Darmstadt (vgl. Aly 2010), kathartische Wucht breiterer Ausrichtung. Sie leuchten – gleichsam über Eck im Widerschein, da dies außerhalb des eigentlichen Themas liegt – die dunkle Seite von Bewegungen aus, die auf nationale Emanzipation und ‚soziale‘ Gerechtigkeit aus sind, dabei etatistische Mittel bevorzugen. Natürlich betrachtet Aly nur einige solche Bewegungen, aber seine Beobachtungen lassen sich verallgemeinern, wie sich mit Sowell zeigen läßt (vgl. Dahlmanns 2017: 57-58).

Bringen viele Kommentatoren diesem Kollateralschaden der Alyschen Explorationen Widerstand entgegen, dürfte dies dem Umstand entspringen, daß ihnen wichtige Werke des Übergangsfeldes von Anthropologie, Nationalökonomie und Philosophie unbekannt sind, welche Mißgunst und Neid als übelträchtige Evolutionsfaktoren in ihr Bild des Geschehens einbeziehen, also die Tugend der Umfassendheit besser verwirklichen als konkurrierende Ansätze (vgl. Dahlmanns 2009: 133-134, 139-141). Von einem pro-liberalen Standpunkt wäre weniger von einem Kollateralschaden, als von einem zusätzlichen Nutzen zu sprechen. Um ein bereits gefälltes Urteil (vgl. Abschnitt 4.1) in veränderter Formulierung zu wiederholen: Alys Bücher über den Neid gegen die Juden im Deutschen Reich und Kontinentaleuropa gehören zu den machtvollsten Veröffentlichungen für die Sache der (‚negativen‘) Freiheit, die in deutscher Sprache erschienen sind.

Wenn es in diesem Zusammenhang etwas Aly vorzuwerfen gibt, so lediglich, daß er selbst zu wenig auf den Nexus zwischen seinen historischen Studien und der Forschung eines Schoeck oder Sowell hinweist. Zwar gibt es gegen Ende des Buches Warum die Deutschen? Warum die Juden? einige Bemerkungen in Richtung Scheler, als dessen kritischer Nachfolger bezüglich aller hier in Rede stehenden Fragen Schoeck angesehen werden darf (vgl. Dahlmanns 2012), aber sie wirken lustlos und lassen nicht erkennen, daß eine Durchdringung der Materie stattgefunden habe (vgl. Aly 2011: 298-299). Da man nun freilich einem Historiker, der es meisterhaft versteht, die Quellen zum Sprechen zu bringen, unmöglich vorwerfen sollte, er ziehe die historische Forschung staatsphilosophischen Erwägungen vor, freut sich der Verfasser des gegenwärtigen Aufsatzes über die Gelegenheit, angedeutet haben zu können, welche Einsichten durch eine Verknüpfung der Alyschen Abhandlungen mit den Werken Schoecks, Sowells, auch Hayeks zu gewinnen seien.

Einen kuriosen Fall der Aly-Rezeption bildet Wehler, dessen Kenntnisse über – eine Marxsche Redeweise bereitet hier besonderes Vergnügen – die politische Ökonomie unserer Tage keiner näheren Überprüfung standhalten. Ob und in welchem Maße der Etatismus des älteren Historikers ihn dazu veranlaßt, den jüngeren Kollegen abzutun, kann nur vermutet werden. Für eine solche Vermutung spricht, daß Alys neuere Studien wuchtige Beispiele für Hayeks Einsicht enthalten, daß selbst die gutwilligsten Etatisten den Aufstieg einer Bevölkerungsgruppe lediglich auf Kosten anderer Bevölkerungsgruppen befördern können – und daß dergleichen nolens volens oft zu Lasten jener geht, die gefördert werden sollen. „Lieber doof als jüdisch“ (Widmann) bedeutet, wenn das Raubgut aus den Pogromen, den staatlichen Enteignungen etc. erst einmal verbraucht sein wird: Lieber gleich als reich.

Dank

Ich danke Herrn Dipl.-Math. Nils Gösche und Herrn Dr. habil. Jürgen Wandel, Professor der Szkoła Główna Handlowa in Warschau, für ihre wertvollen Hinweise, was Ökonomisches angeht. Alle dennoch bestehenden Mängel dieses Aufsatzes habe allein ich zu verantworten.

Anmerkungen

[1] Daß diese Aufzählung historisch ungenau ist, da, um nur ein Beispiel zu nennen, Polen erst nach dem Ersten Weltkrieg wiedererstand, versteht sich von selbst. Sie ist dennoch hinreichend verständlich.

[2] Vgl. http://www.ghwk.de/informationen/traegerverein-und-beirat/ (21.08.2017).

[3] Auf Wehlers aggressive Rhetorik sei hier bloß am Rande hingewiesen: „Marktfanatismus“ (für „Einsicht, daß vielfältige Gründe logischer und empirischer Art für die Überlegenheit der Markt- und Unternehmerwirtschaft sprechen“), „Turbokapitalismus“ (für „relativ, weitgehend oder möglichst unbeeinträchtigte Markt- und Unternehmerwirtschaft“), „Heilslehre“ (für „Theorieansatz“ oder „Schule“).

[4] Das Attribut erscheint in uneigentlicher Rede, weil es dem Begriff der Gerechtigkeit jede Klarheit raubt (vgl. Hayek 1991: 114-119).

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Zitable Version (PDF)

Eine zitable Version finden Sie in Wortfolge / Szyk słów, 2 (2018), S. 31-54, oder als PDF hier. Leichte Abweichungen im einleitenden Satz vorhanden und auch sonst möglich.