Soviel zu Mitte, jetzt in den Westen und Südwesten

Weitere Sittenbilder aus unserer exzentrischen Front- und Hauptstadt. Diesmal von Maximilian Tarrach auf seinem Blog Philosophische Auszeit. Zunächst eine kurze Skizze über das Berliner Bürgertum, die wiederum Antiamerikanismus verzeichnet:

In Berlin ist man als Bürgerlicher offen und liberal. Man schätzt die „Diversität“ dieser „großen Stadt“, hier sei einfach „immer etwas los“, die Stadt „werde nie langweilig“, außerdem erfreue man sich an den vielen Kulturen Kreuzbergs. Man ist ja pro Flüchtlinge, schließlich hat man Vorfahren aus Pommern, man geht ins kritische linke Theater und klatscht beim politischen Kabarett zu den antiamerikanischen Witzen. Nach so viel Klassenkampf und antikapitalistischer Revolte fährt man zurück in sein Villenviertel in Dahlem oder in den Grunewald und gießt seinen Vorgarten, sorgt sich um den Glanz der Mercedes S-Klasse oder eines SUV des persönlichen Geschmacks. Man setzt sich selbstredend für Chancengleichheit in der Gesellschaft ein, die eigenen Kinder jedoch schützt man vor zu viel schlechtem Umgang und hält die Gymnasien, auf denen bereits die eigene Familiendynastie das Abitur ablegte, auffällig ausländer- und niedriglohnsektorfrei.

Der launig geschriebene Text handelt eigentlich vom örtlichen Wohnungsmarkt; er lohnt eine Lektüre.

Da von Dahlem die Rede ist: Zwischen den Villen und reizenden kleinen Parks brummt eine Hochschule, und was sie ausbrütet, ähnelt dem, was sie schon vor Jahren hervorbrachte. Tarrach berichtet von einem Philosophie-Seminar dort:

Nun diskutieren wir, wie aber nun nicht-entfremdete Arbeit aussehen soll? Die Kriterien für Lukacs scheinen zu sein: (1.) Die Arbeit muss der Person, welche sie ausführt, umfassend in Charakter und Art gerecht werden; (2.) Sie darf nicht eintönig, nicht zu anstrengend und ganz wichtig (3.) nicht auf den Verkauf eines Produkts ausgerichtet sein, sondern (4.) nur aus Selbstinteresse heraus getan werden. Jeder Zwang zur Arbeit soll aufgegeben werden. Ich frage spöttisch, ob dann nicht nur noch Hobbys übrig blieben? Echte Arbeit sei von der Definition schlichtweg ausgeklammert. Das kommt gar nicht gut an. Ich fange mir böse Blicke ein. Schnell wird versichert, dass wir uns solche Arbeit nur nicht vorstellen könnten, weil wir eben Kinder des Kapitalismus seien und daher erst fähig würden, wahre Arbeit zu erkennen, sobald dieser abgeschafft sei. Ich frage mich insgeheim, was wir dann noch hier zu suchen haben, wenn wir doch zur Erkenntnis der wahren Dinge unfähig sein sollen, solange wir in dieser korrupten und bösartigen Gesellschaft leben?

Bilder: Pavel Nekoranec auf Unsplash. Oben: „Bierpinsel“ in Berlin-Steglitz. Beitragsbild: Unterführung in Berlin-Charlottenburg.