Unsere Schuld

Es ist alles unsere Schuld. Denn wir haben die Krawatte weggelassen. Offene Hemden finden wir bequemer. Dann haben wir begonnen, nicht mehr „Guten Tag“ zu sagen, sondern „Tag auch“.

Alles unsere Schuld. Denn nach den Krawatten sind die Anzüge verschwunden. Chinos und Sakko geht ja auch. Und die Chinos kann man selber waschen. Das finden wir bequemer, wie es ja auch reicht, „Hi“ oder „Hallo“ zu sagen. Schließlich sind wir alle gleich. Dann haben wir unterlassen, unser Latein und Griechisch zu pflegen. Die Übersetzungen sind okay. Das paßt schon. Einer Dame in den Mantel helfen? Überholt.

Alles unsere Schuld. Denn nach den Anzügen sind die Sakkos im Schrank geblieben. Wozu so förmlich? Das ist bequemer. Dann haben wir begonnen, statt der Klassiker über die Klassiker zu lesen. Das geht schneller. Die Kenner teilen uns das Wesentliche mit, und wir sind hinreichend orientiert. Unsere Frau oder Freundin kann sich die Beifahrertür selber öffnen. Und der Sonntagmorgen ist zum Ausschlafen da.

Unsere Schuld. Denn inzwischen sind sommers die langen Hosen verschwunden; kurze tun’s auch. Wozu sich quälen? Hat doch keinen Sinn! Oder doch? Denn vor einiger Zeit haben wir uns zu wundern bekommen, weshalb unsere und andere Kinder aufwachsen, als hätten sie keine Vorbilder um und vor sich. Kommt die Rede auf Johann Sebastian Bach, Andrea Palladio oder Thomas Mann, ja selbst auf’s Rasenmähen, gähnt uns blasierte Faulheit entgegen.

Confidence

Einer der besseren Right Angles (ehemals Trifecta) über die Frage, weshalb die USA den nächsten Großkonflikt nicht verlieren werden. Selbstvertrauen und Dankbarkeit zu rechten Anteilen gemischt – ein Genuß. Und die Euroweenies unter uns, sie sollten sich zu Gemüte führen, was Stephen Green – oder Esteban Verde – (ab 3′ 35“) über Spielsüchtige zu sagen hat: jene seien, so Green, vernarrt in das Gefühl des Verlierens.

Imperialismus immer schlecht?

Eine der großen Ironien der Weltgeschichte, schreibt Thomas Sowell in seiner Studie Conquests and Cultures,  bestehe darin, daß mit Großbritannien die führende Sklavenhandel treibende Nation zur führenden Bekämpferin der Sklaverei wurde.

Wie Sowell in seiner überaus dicht geschriebenen Abhandlung ausführt, nahm der Widerstand gegen den Besitz von Sklaven und den Sklavenhandel seinen Ursprung im England und den englischen Kolonien des achtzehnten Jahrhunderts.  Im Jahre 1808 entschied das britische Parlament mit großer Mehrheit gegen den internationalen Sklavenhandel.

By then, ever-widening opposition to slavery led to petitions from all parts of the country arriving in London with hundreds of thousands of signatures from people of the humblest ranks to those of the titled nobility. This was unprecedented in an era before mass communications or mass transportation.

(Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die beständig anwachsende Gegnerschaft gegen den Sklavenhandel dazu geführt, daß aus allen Teilen des Landes Petitionen mit Hunderttausenden von Unterschriften in London eintrafen; sie waren von Menschen der niedrigsten Stände und von Vertretern des Hochadels unterzeichnet worden. Dies war in Zeiten ohne moderne Kommunikations- und Transportmittel etwas gänzlich Neues.) (Sowell, Conquests and Cultures, New York 1999, S. 92.)

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David P. Goldman (Spengler) über Henryk M. Broder, Alexander Gauland und die Zukunft der Deutschen

Nein, die zwölf Jahre des Dritten Reiches seien eben kein Vogelschiß, wie Alexander Gauland meine, schreibt David P. Goldman in einem Artikel, der Henryk M. Broders Besuch bei der AfD-Bundestagsfraktion kommentiert, sondern ein Verbrechen, das so gewaltig auf der deutschen Seele laste, daß es sie zu erdrücken drohe („You speak of bird poop because you know that the matter of the Holocaust weighs so heavily on German sensibilities that Germany suffers from a self-hatred that might be fatal.“). Goldmans Rat:

Rabbi Joseph Soloveitchik, the intellectual leader of Modern Orthodox Judaism during the 20th century, taught that the past is determined by the future. He wrote: „It is impossible to regret a past that is already dead, lost to the abyss of oblivion….There can be a certain sequence of events that starts out with sin and iniquity but ends up with mitzvot and good deeds, and vice versa. The future transforms the thrust of the past.“ What if Germany were to become Israel’s best ally in Europe, rather than a temporizing, opportunistic, materialistic, cowardly, hypocritical entity, that cozies up to the mad mullahs of Iran at the same time that it provides second-strike weapons to Israel in the form of submarines? What if Germany were to take inspiration from Israel’s love of children, its sense of risk and adventure, its rootedness in the past and passion for the future? The way out of the trap of the past is to create a future that repurposes the past.

(Rabbi Joseph Soloveitchik, die bestimmende intellektuelle Gestalt des Modernen Orthodoxen Judentums im zwanzigsten Jahrhundert, lehrte, daß die Vergangenheit von der Zukunft bestimmt werde. Er schrieb: „Es ist sinnlos, eine Vergangenheit zu bedauern, die längst tot ist, gestürzt in den Abgrund des Nichts. … Es ist möglich, daß eine gewisse Folge von Ereignissen, die mit gewaltiger Ungerechtigkeit und Sünde begonnen hat, mit mitzvot und guten Taten endet – wie auch umgekehrt.“ Was wäre, wenn Deutschland der beste Verbündete Israels in Europa würde, statt auf Zeit zu spielen und sein Mäntelchen nach dem Winde zu hängen, opportunistisch, auf materielle Vorteile bedacht, feige und verlogen; statt ein Land zu sein, das sich bei den verrückten Mullahs im Iran einschmeichelt und zu gleicher Zeit Israel Waffensysteme für den Vergeltungsschlag in Form von U-Booten liefert? Was wäre, wenn sich Deutschland von Israels Kinderliebe inspirieren ließe, von seinem Sinn für Wagnis und Abenteuer, seinem Verwurzelt-Sein in der Vergangenheit und seiner Leidenschaft für die Zukunft? Der Weg aus der Falle der Vergangenheit besteht darin, eine Zukunft zu schaffen, die das Vergangene mit einem neuen Zweck versieht.)

Berlin als Unwille und Verstellung

Kürzlich mit einem Bekannten über Berlin als Stadt geplaudert, der wir vor Jahren entflohen sind. Sofort reproduzierten unsere Hirnschaltungen den unverwechselbaren Geruch der Berliner U-Bahn-Schächte und -Wagen, ein olfaktorisches Souvenir, auf das zivilisierte Menschen durchaus verzichten können. Die S-Bahn roch (damals) nicht viel besser, aber anders, zuweilen kurios ins Ranzige spielend.

Wie dem auch sei; Berlin war etwas, durch das man durch mußte – ganz so, wie es der Schweizer Benedict Neff in der NZZ beschreibt:

Generell bin ich in Berlin robuster geworden. Ich vermute, dass ich in den vergangenen drei Jahren in öffentlichen Verkehrsmitteln mehr Rippenstösse und Tritte auf die Füsse bekommen habe als in meinem gesamten Leben zuvor. An ungehobeltes Verhalten und eine gewisse Rauheit im öffentlichen Umgang muss man sich gewöhnen. Wenn ich in meinen Anfängen hier Reklamationen geäussert habe, wurden diese oft nicht verstanden oder sogar als etwas umständlich vorgetragene Komplimente interpretiert. In Berlin muss man sagen, was man will; das funktioniert mit «hätte gern», «ein bisschen» und «vielleicht» eher schlecht. Diese Phänomene haben vor allem mit Berlin zu tun, während sich die Sitten in anderen Landesteilen verfeinert haben und auch eine andere Geschäftigkeit herrscht. 

Dieses Ruppige, das natürlich auch mein Bekannter und ich beobachtet (oder besser: durchwatet) haben, entspringt, fürchte ich im Rückblick, weniger einer herzhaft-tappigen Menschenliebe, die sich um Konventionen wenig schert, als einer Disposition, die sich als geistige Ungewaschenheit bezeichnen ließe: Es war zu vielen Leuten zu viel egal, die gerade deshalb zu sehr von sich eingenommen waren.

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