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Antirationalismus Political Correctness Stil im Alltag

David Hume Tower, gecancelled

Die Universität von Edinburgh wird eines ihrer Gebäude, den David Hume Tower umbenennen, weil der Philosoph Rassist gewesen sei. Das schien mir etwa dreißig Sekunden lang schlimm, bis ich gesehen habe, wie der so-gut-wie ehemalige David Hume Tower aussieht: ein Beton-Ungetüm (wie es leider viele gibt), mit dem assoziiert zu werden der große Philosoph nun wirklich nicht verdient hatte.

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Stil im Alltag

Jörg Bernig: Labenbrods Umgebung

Wie das Radebeuler Amtsblatt für den September 2020 auf Seite 9 verlauten läßt, hat sich der Oberbürgermeister der sächsischen Stadt, Bert Wendsche bei Jörg Bernig „für die öffentliche Beschädigung“ entschuldigt, nachdem er zuvor Widerspruch gegen die Entscheidung des Stadtrats eingelegt hatte, den Schriftsteller zum Kulturamtsleiter zu wählen. Damit ist die Causa Bernig zu einem versöhnlichen Ende gelangt, wiewohl einzuwenden wäre, daß man nicht „sich entschuldigen“ kann, sondern bloß „um Entschuldigung bitten“.

Mir scheint, es wäre nun Zeit, einmal auf den Schriftsteller Bernig zu schauen, den es ja jenseits aller politischen Fragen auch noch gibt. Hören wir also, wie Bernig in seinem Roman Anders (2014) die Umgebung der Stadt Labenbrod schildert, die natürlich ein fiktives Radebeul verkörpert, zumal sie, wie ihr Name bezeugt, an der „Labe“ (Tschechisch für „Elbe“) liegt:

Die Stadt konnte etwas Südländisches haben. Es blühte in einem fort an den Häusern und in den Gärten um sie herum, das Frühjahr begann hier etwas eher als anderswo, und der Herbst wehrte sich hier länger gegen den Winter. Aber oben auf dem Kamm der Hügel, da begann mit eins eine andere Welt.

War die Stadt unten ein grünes Kissen aus Linden, Kastanien und mächtigen Magnolien, so hatte sich oben ein Kiefernwald bis an den östlichen Hügelrand herangeschlichen. Er stand dort wie ein Barbarenheer, rotstämmig mit krätziger Rinde und zerzaustem Haar. Wie Wächter warteten die Kiefern da oder wie fiebrige Eroberer und gierten hinab auf die kultivierte Welt, die sie einnehmen, aber nicht erhalten wollten. Vielleicht hatten so auch die wirklichen Barbarenstämme auf Rom geblickt, bevor sie es plünderten und zerstörten. Abends glomm die Kiefernhaut bei flachstehender Sonne feurig und bedrohlich auf.

Die Hügel westlich des Flusses dagegen schwangen in Feldern davon, eines und noch eines und noch eines, und sie trugen, so schien es, immer andere Frucht, Gerste oder Weizen, Mais oder Raps. Zwischen den Feldern schlängelten sich Alleen mit alten Obstbäumen die Hügel hinauf, sie standen im Mai an der schmalen Straße weiß und rosa Spalier. Einer der Hügel leuchtete von einem Jahr auf’s andere lila von Lavendel. Wald und Felder hingen über der Stadt wie Heranrückungen längst vergangener Zeiten, wie letzte Echos aus den großen Tagen der Wildnis, aus denen der Dreifelderwirtschaft, die ja ein Kampf gegen die Wildnis war. […]

Sie passierten mit dem Moped den östlichen Hügelkamm und fuhren lange durch den Kiefernwald, es duftete nach Harz und Sandboden. Links und rechts der Straße standen weißgestrichene Markierungssteine an den Straßengräben, manche lehnten schief, als wären sie betrunken oder zum Umsinken müde. […] Der Waldausgang war ein Gleißen, sie hielten auf der kerzengeraden Straße darauf zu, das Moped summte und brummte unter ihnen, es sandte Wellen durch ihre Körper, und es dauerte eine Ewigkeit, bis sie den Wald wieder verließen, aber dann öffnete sich alles. Das Kiefernschattige verschwand, zu beiden Seiten dehnten sich Getreidefelder aus, mit einem Mal lag kein Harzgeruch mehr in der Luft.

Gar nicht schlecht, oder? Bernigs Anders enthält viele derart ‚dichte‘ Beschreibungen. Der Erzähler begleitet die Figuren, als würde er ihnen über die Schulter blicken; er schildert optische Eindrücke, Geräusche und Gerüche mit einer Intensität, die, wie auch die musikalische Qualität der Prosa, das Buch lesenswert macht. Dazu enthält es eine melancholische Liebesgeschichte mit überraschendem und im Hinblick auf die Logik des Erzählten höchst interessantem Ausgang.

Zitat aus: Jörg Bernig, Anders, Mitteldeutscher Verlag 2014, jetzt beziehbar über das Buchhaus Loschwitz, S. 72-73.

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Etatismus Stil im Alltag

‚Freie‘ Fahrt für ‚freie‘ Bürger

Carl Christian Jancke auf Drehmoment und der Achse des Guten:

Seit dem ersten Januar 2020 müssen neue Automodelle, um als Fahrzeugtyp zugelassen werden, ein Onboard Fuel Consumption Meter haben. Ab 1. Januar 2021 gilt das für jedes neu zugelassene Auto in der EU. Die gemessenen Verbrauchsdaten müssen für jedes Auto an die EU-Kommission übermittelt werden. Big Brussels is watching you. Schließlich kann, wer den Spritzufluss misst, den Verbrauch auch rationieren, um dem ehernen Ziel des Klimaschutzes zu genügen.

Schwarzseherei, technisch nicht zu machen?

Da das Onboard Fuelmeter eine Softwarelösung in der elektronischen Motorsteuerung ist, kann mit dem nächsten Software-Update eine Funktion programmiert werden, mit der die Spritzufuhr unterbrochen wird. 100 Liter im Monat könnten reichen. Das macht die Lebensentwürfe von Millionen Menschen kaputt, die lieber auf dem Land leben und in der Stadt arbeiten oder als Selbstständiger auf das Auto mit Verbrennungsmotor angewiesen sind. Denn nur das verfügt über die erforderliche Reichweite. Aber die kann man im Namen des Klimaschutzes ja kappen.

Einer meiner Bekannten, der Freiheitsliebe und Sarkasmus zu gleichen Teilen im Herzen trägt, meint dazu nur: „Tja. Wir zahlen bargeldlos und erstellen so recht genaue Profile unserer Vorlieben und Gewohnheiten, gebrauchen ‚Gesundheitskarten‘, tragen ständig Smartphones mit uns herum, mithilfe derer sich unser Aufenthaltsort abfragen läßt. Warum sollte es unseren PKWs besser gehen als uns?“

Sicher übertreibt er, oder?

Wie dem auch sei. Eine interaktive Weltkarte, die Erdöl- und Erdgasvorräte zeigt, finden Sie auf dieser Website einer US-Regierungsbehörde. Falls mer gucke wolle, wieviel noch da is‘. Aber halt, es geht ja nicht um die Erschöpfung der Ressourcen. Es geht um’s Klima. Das ist das Wichtigste.

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Antiliberalismus

David P. Goldman: China

Alle reden von kulturellen Unterschieden. David P. Goldman (Spengler) rät dazu, dergleichen Differenzen ernstzunehmen:

There are fewer Marxists in China than in Cambridge, Massachusetts. China has been governed by a Mandarin caste selected by standardized exams for more than 2,000 years, and the Communist Party is merely today’s name for the new Mandarin bureaucracy. 

(Es gibt weniger Marxisten in China als an der Harvard-Universität in Cambridge, Massachusetts. China ist über 2.000 Jahre lang von einer Kaste von Mandarinen regiert worden, die mittels standardisierter Examnia ausgewählt wurden, und die kommunistische Partei des Landes ist bloß der heutige Name für die gegenwärtige Bürokratie von Mandarinen.)

Goldman warnt davor, gewisse Fehler zu wiederholen:

A lot of Americans have a warm-and-fuzzy illusion that the Chinese people would embrace American-style democracy if it weren’t for the nasty ChiComs in power. That’s the same kind of thinking that got us into endless wars in the Middle East.

(Viele US-Amerikaner erliegen der herzerwärmend-wattigen Illusion, daß das chinesische Volk eine Demokratie nach US-Vorbild wollen würde, wenn nur die bösen chinesischen Kommunisten nicht an der Macht wären. Solche Ideen gleichen demjenigen Denken, welches uns in endlose Kriege im Mittleren Osten verstrickt hat.)

Anregende Lektüre – hier.

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Stil im Alltag Video

John DeBerry über die Situation in den USA

Ort & Zeit: Repräsentantenhaus des Staates Tennessee, 12. August 2020. Gesunder Menschenverstand, moralische Klarheit, mutig und kraftvoll vorgetragen, mit Reminiszenzen an Jim Crow und Martin Luther King.

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Stil im Alltag

Alfred, Lord Tennyson: Ulysses (Auszug)

There lies the port; the vessel puffs her sail:
There gloom the dark, broad seas. My mariners,
Souls that have toil’d, and wrought, and thought with me—
That ever with a frolic welcome took
The thunder and the sunshine, and opposed
Free hearts, free foreheads—you and I are old;
Old age hath yet his honour and his toil;
Death closes all: but something ere the end,
Some work of noble note, may yet be done,
Not unbecoming men that strove with Gods.
The lights begin to twinkle from the rocks:
The long day wanes: the slow moon climbs: the deep
Moans round with many voices. Come, my friends,
It is not too late to seek a newer world.
Push off, and sitting well in order smite
The sounding furrows; for my purpose holds
To sail beyond the sunset, and the baths
Of all the western stars, until I die.
It may be that the gulfs will wash us down:
It may be we shall touch the Happy Isles,
And see the great Achilles, whom we knew.
Tho‘ much is taken, much abides; and tho‘
We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven, that which we are, we are;
One equal temper of heroic hearts,
Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.

Der Vers „It is not too late to seek a newer world“ beginnt mit einer Zusammenziehung von „It“ und „is“, die sich hier nicht wiedergeben läßt, weil das Auslassungszeichen nach unten springt. Übersetzung folgt bei Gelegenheit.

Graphik: Pixabay.

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Liberalismus Video

Joe Biden vs. Thomas Sowell (1987)

Eine kuriose Begegnung: Während der Anhörungen im Rahmen der (gescheiterten) Nominierung Robert Borks für den Supreme Court of Justice der Vereinigten Staaten von Amerika trifft – hier ab etwa Minute 2 des Films – Senator Joseph „Joe“ Biden, Jr. auf Thomas Sowell, der in diesem Blog bereits viele Auftritte hatte. Drollig ist, daß Sowells erste Entgegnung auf Biden gleich auf dasjenige hinauswill, was heute „Virtue Signalling“ genannt wird; dann geht es über die Nachteile von Affirmative Action weiter. Hörens- und sehenswert.

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Liberalismus Nationalökonomie

Kartoffeln und Kapitalismus

Roland Baader schreibt in seinem empfehlenswerten, wenn auch etwas rauh geschriebenen, um 30-40 Seiten zu kürzenden Buch „Das Kapital am Pranger. Ein Kompaß durch den politischen Begriffsnebel“ über Kartoffeln und Kapitalismus:

Der amerikanische Ökonom David A. Henderson hat folgende Zahlen ermittelt: Im Jahr 1890 wurden in den USA auf 2.557.000 acres [rund 0.4 Hektar] rund 10 Millarden amerikanische Pfund [rund 0,45 Kg] Kartoffeln geerntet. Das waren 2.990 Pfund je acre. Im Jahr 1997 wurden auf 1.362.000 acres – also auf ungefähr der halben Ackerfläche im Vergleich zum Jahr 1890 – 46 Milliarden amerikanische Pfund Kartoffeln geerntet, d.h. mehr als das Vierfache von 1890 – und, je acre gerechnet, fast das Neunfache von 1890. Die dramatische Steigerung des Ernteertrages hat viele Ursachen, vor allem verbessertes Saatgut, bessere Pflanztechniken, bessere Bewässerung, bessere Düngemittel und bessere Mittel gegen Schädlinge. Hinzu kamen verbesserte Methoden auf allen Verarbeitungsstufen. So werden beispielsweise aus einem Pfund Rohkartoffeln heute mit modernen Maschinen (bessere Schältechnik etc.) 25% mehr Pommes frites erzeugt als vor 25 Jahren. Alle diese Verbesserungen und Fortschritte lassen sich auf einen ursächlichen Nenner bringen, nämlich auf den marktwirtschaftlichen Wettbewerbsprozeß. Konsequent folgert Henderson für die Zukunft: „Die Menschheit wird nur dann verhungern, wenn sie die Märkte nicht frei funktionieren läßt.“

Baader fragt:

Was ist an diesem „System“, das als einziges die Menschheit vor dem Hungertod bewahren kann, unmoralisch?

Gute Frage. Vielleicht gibt die Rinderhaltung mehr Auskunft.

Aus: Roland Baader, „Das Kapital am Pranger. Ein Kompaß duch den politischen Begriffsnebel, Gräfelfing: Resch 2005, S. 87-88; Angaben zu den Einheiten ergänzt. Bild: Van Gogh (Wikimedia Commons).

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Wissenschaft

Neuerscheinung: Dahlmanns / Freise / Kowal (Hrsg.), „Krieg in der Literatur, Literatur im Krieg“

Vor wenigen Tagen erschienen: Karsten Dahlmanns / Matthias Freise / Grzegorz Kowal (Hrsg.), „Krieg in der Literatur, Literatur im Krieg“, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2020, 578 Seiten.

Der Band versammelt 37 Aufsätze von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den USA, China, der Schweiz, Österreich, Deutschland und Polen. Ein ausführliches Namenregister hilft bei der Erschließung seiner Inhalte. Weitere Informationen auf den Seiten des Verlags und bei Amazon (Blick ins Buch).

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Geschichte Stil im Alltag

„This isn’t the new normal, it’s the normal we forgot.“

„Das ist keine neue Normalität, sondern eine Normalität, die wir vergessen haben.“ Lesenswerter Artikel über das Wüten der Spanischen Grippe im ländlichen Alberta, Kanada, vor rund einhundert Jahren. Ein Zeitungsausschnitt empfiehlt u.a.: „Avoid crowds“, Menschenmengen zu vermeiden, aber auch: „Keep as much as possible in the Sunshine“, möglichst lange im Sonnenschein zu verweilen, bevor er mahnt: „Don’t be ’scared'“, sich nicht, nun, übermäßig verschrecken zu lassen; ein Zwiebelzüchter schaltet eine Anzeige, in der er sein Produkt als „one of the best preventatives against influenza“, eines der besten Mittel zur Vorbeugung gegen die Grippe anpreist. Mehr auf dem Blog Glen’s Travels.

Bild: Unsplash (alter Traktor in der kanadischen Provinz Alberta).