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Woke-Religion vs. Christentum

R.C. VanLandingham verdeutlicht, wie wichtig es ist, über ein Denken zu verfügen, das weit, weit in die Zeit zurückreicht – rund zwanzig Jahrhunderte. Wer aus solchen Quellen schöpft, läßt sich nicht so schnell ein X vor ein U machen, auch im Moralischen:

There are several problems with wokeness. Most importantly, it is sinful. To be truly woke is to be self-righteous. Just as the Pharisee in our Lord’s parable self-righteously thanked God that he was not a sinner like the tax collector, the woke believe themselves to be better than others and hold the less-woke in contempt.   

(Es gibt verschiedene Probleme mit dem Woke-Sein. Vor allem ist es eines, nämlich sündhaft. Wirklich woke zu sein, heißt, selbstgerecht zu sein. Ganz wie der Pharisäer in Christi Gleichnis Gott dafür dankt, daß er kein Sünder wie der Steuereintreiber ist, halten sich die Woken für etwas Besseres und verachten Menschen, die weniger woke sind.)

Touché. Wie VanLandingham weiter ausführt, müsse der – nun folgt, wie schon in der Zitat-Übersetzung gebraucht, ein zweisilbiges Unwort – Woke vor allem auf Außenwirkung bedacht sein, also das tun, was neuerdings Virtue Signalling heißt. Der sich als – jetzt wieder einsilbig – woke Gerierende sehe sich gezwungen, alle und jeden in seiner Umgebung (und per Social Media darüber hinaus) wissen lassen, wie woke er ist, sonst werde er nicht für voll genommen.

Über dergleichen Image-, Markenbildungs- und zuweilen auch bloß Balz-Bemühungen gehen weit wichtigere Dinge verloren, z.B. das Vergeben-Wollen:

To truly be woke is to be unforgiving. God tells us to forgive those who have sinned against us, but the woke never forgive. They will destroy a teenager for a tweet he or she tweeted years earlier or get a person fired for an off-color joke.

(Wirklich woke zu sein, heißt, keinesfalls zu vergeben. Gott gebietet uns, denen zu vergeben, die gegen uns gesündigt haben, aber die Woken vergeben niemals. Sie ruinieren einen jungen Menschen für einen Tweet, der vor Jahren gepostet wurde, und sorgen dafür, daß jemand für einen mißglückten Scherz entlassen wird.)

Wer die Anhänger der Woke-Religion verstimme, werde zum Aussätzigen gemacht – und dies, da keine Vergebung in Frage kommt, auf alle Zeit. Selbst lange Verstorbene trifft, wie man ergänzen darf, der Fluch der Selbstgerechten.

Schließlich berührt der Autor die Frage des „intellektualen Gewissens“, wobei seine Anamnese auch denjenigen überzeugenden dürfte, der hinsichtlich seines Therapie-Vorschlages skeptisch bleibt:

But perhaps the most troubling aspect of being woke is that to be woke one must embrace untruths. The woke live in a fantasy world where there is no objective truth. Like Pilate, they believe they can define their own truth. For example, the woke pretend that there are 60-plus genders instead of the two created by God. 

(Doch das Schlimmste am Woke-Sein besteht darin, daß der Woke Falschheiten akzeptieren muß. Leute, die woke sind, leben in einer Phantasiewelt, in der es keine objektive, von ihnen unabhängige Wahrheit gibt. Wie Pilatus meinen sie, ihre eigene Wahrheit definieren zu können. So meinen sie etwa, es gebe über 60 Geschlechter statt der beiden, die Gott geschaffen hat.)

Den ganzen Text finden Sie hier.

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Beleidigtheit vs. Lernfähigkeit

Vor kurzem in einer katholischen Internet-Zeitschrift diese Perle gefunden:

It was with great delight that I came across a remark made by the esteemed editor Robert Fulford: “University education has always been offensive and always will be. Being offended is part of learning how to think.” The obligation of the professor is not to reinforce student prejudices. In order to learn, one must trade erroneous ideas for correct ones. This process exemplifies the passage from darkness to light. It may be humbling to recognize the errors of one’s ways, but it is not offensive.

(Es war eine große Freude, auf eine Bemerkung des geschätzten Herausgebers Robert Fulford zu stoßen: „Der Bildungsprozeß an einer Universitä war immer schon anstößig oder beleidigend [offensive] und wird es immer sein.“ Die Aufgabe des Professors besteht nicht darin, seine Studenten in ihren Vorurteilen zu bestärken. Um zu lernen, muß man irrige Ideen durch korrekte Vorstellungen ersetzen. Dieser Prozeß läßt sich als Heraustreten aus der Dunkelheit und Eintritt in das Licht verstehen. Es mag als demütigend empfunden werden, sich seine bisherigen Verfehlungen einzugestehen, aber es ist weder anstößig, noch beleidigend.)

Es sei nur allzuoft Stolz, so Donald Demarco, der Verfasser dieses Artikel unter dem Titel „The Offensiveness Pandemic“ weiter, der sich den Beleidigungsvorwurf zu nutze mache: „Wie können Sie es wagen, mir und anderen zu zeigen, wie unwissend ich bin?“

So hätten wir ein ‚modernes‘ Übel mit gänzlich ‚altmodischen‘ Begriffen durchschaut: Bescheidenheit vs. Stolz, Demut vs. Hoffart. Was dergleichen Hinterweltlertum nicht alles zu leisten vermag…

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Ausrufezeichen

Ein drolliges Akzidens des Lebens in Polen ist der hiesige Gebrauch von Ausrufezeichen. Viele Polen lieben es, gleich mehrere Ausrufezeichen zu setzen, etwa „Dziękuję!!!“ (Ich bedanke mich.) oder „Uwaga!!!!!“ (Achtung!). Die Sache scheint mir insofern bemerkenswert, als sie rein gar nicht zur doch eher leisen Art vieler Bürger meines Gastlandes passen will; immer wieder fallen Besucher aus meinem Herkunftsland dadurch auf, daß sie zu laut (und ‚laut‘) auftreten.

Zuweilen findet man sich in und um Krakau oder in Oberschlesien vor Glastüren wieder, hinter deren Scheibe ein horizontales A4-Blatt in Augenhöhe angebracht worden ist. Das sollte genügen, um Aufmerksamkeit zu heischen. Dennoch – oder zur Sicherheit – liest man darauf oft erst einmal „Uwaga!!!“ oder „Uwaga!!!!!“, bevor die eigentliche Information übermittelt wird. Vielleicht handelt es sich dabei um einen ironischen Kommentar zum Phänomen der Redundanz. Es gibt ja bekanntlich keine arbeitslosen Philosophen. Haben sie hier ein Betätigungsfeld gefunden?

Wie dem auch sei: Ich habe etwas gegen Ausrufezeichen. (Hätte ich hier eines setzen sollen?) Man sollte sich ihrer selten bedienen, damit der Text nicht schreit. Es mag angemessen sein, „Herzlichen Dank!“ zu setzen, um seiner Emotion Nachdruck zu verleihen. Aber jenseits solcher Fälle kann man getrost darauf verzichten.

Theodore Dalrymple bringt die Sache auf den Punkt (auf den Punkt, nicht auf ein Ausrufezeichen):

I once read a sentence of Coleridge, the great romantic poet, that described his supposed agonies, and in which there were seventeen exclamation marks. No sentence that contains seventeen exclamation marks can be telling the truth, but it was an invitation to anyone who thought that he suffered more than Coleridge to use eighteen such exclamation marks in a sentence in order to prove it.

(Einst habe ich einen Satz des großen Dichters der Romantik Samuel Taylor Coleridge gelesen, in dem er beschrieb, was er für seine Leiden gehalten werden wissen wollte. Diesem Satz folgten siebzehn Ausrufezeichen. Kein Satz, der siebzehn Ausrufezeichen enthält, teilt die Wahrheit mit. Solch ein Satz bildet allenfalls eine Einladung an jeden, der meint, mehr als Coleridge gelitten zu haben, nun achtzehn Ausrufezeichen in einem Satz zu gebrauchen, um es zu beweisen.)

Weshalb es keine „weiße“ Mathematik gibt
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Weshalb es keine „weiße“ Mathematik gibt

Der in Rumänien aufgewachsene, an der renommierten Universität von Princeton (New Jersey, USA) lehrende Mathematiker Sergiu Klainerman erklärt, weshalb es keine „weiße“ Mathematik gibt.

For historical reasons, we often discuss contributions to the field of mathematics from the Egyptians, Babylonians, Greeks, Chinese, Indians and Arabs and refer to them as distinct entities. They have all contributed through a unique cultural dialogue to the creation of a truly magnificent edifice accessible today to every man and woman on the planet. Though we pay tribute to great historical figures who inform the practice of mathematics, the subject can be taught — and often is — with no reference to the individuals who have contributed to it. In that sense it is uniquely universal. 

(Wenn wir historische Fragen besprechen, diskutieren wir oft die Leistungen der Ägypter, Babylonier, Griechen, Chinesen, Inder und Araber auf dem Felde der Mathematik und beziehen uns auf diese Leistungen als je für sich abgrenzbare Bereiche. Alle diese Kulturen haben in einem einmaligen interkulturellen Dialog zur Schaffung eines mehr als großartigen Gebäudes beigetragen, das nun jedem Mann und jeder Frau auf unserem Planeten zugänglich ist. Auch wenn wir die bedeutenden historischen Gestalten ehren, die das mathematische Denken geprägt haben, kann die Mathematik selbst ohne jeden Bezug auf ihre Schöpfer gelehrt werden. Und so geschieht es ja oft. In diesem Sinne ist die Mathematik universal.)

Klainerman unterscheidet zwischen dem Kontext der Entdeckung („Wer hat’s erfunden? Wer hat’s verbessert?“) und dem Kontext der Rechtfertigung („Ist das folgerichtig? Sind die Voraussetzungen geklärt?“). Diese beiden Kontexte werden oft englisch benannt, nämlich als Context of Discovery und Context of Justification. Wenn Sie in das Klainerman-Zitat schauen, erkennen Sie den Kontext der Rechtfertigung im Teilsatz: „the subject can be taught — and often is — with no reference to the individuals who have contributed to it“ (es „kann die Mathematik selbst ohne jeden Bezug auf ihre Schöpfer gelehrt werden. Und so geschieht es ja oft“). Die Sache selbst macht’s, nicht aber, wer zu ihrer Entstehung beigetragen oder nicht beigetragen hat.

Gerade die Universalität, der nicht-ortsgebunde, nicht-kulturabhängige Charakter der Mathematik eröffne jungen Menschen aus aller Welt die Möglichkeit, durch Talent und Fleiß ärmlichen oder von Unfreiheit geprägten Ausgangsbedingungen zu entkommen. Es gebe keinen Grund, so Klainerman, die Kinder dieser oder jener Minderheit für weniger Mathematik-befähigt zu halten. Solcher Unsinn führe allenfalls dazu, talentierte junge Menschen jener anspruchsvollen Schulbildung zu berauben, derer sie bedürfen, um Erfolg im Leben zu haben.

(Bild: Pixabay.)

13 Zwerge, 4 Verse, 1 Hobbit

Interessant, was Übertragungen aus Gedichten machen. Nehmen wir die erste Strophe von J.R.R. Tolkiens Zwergenlied vom Gold hinter den Nebelbergen:

Far over the misty mountains cold,
To dungeons deep and caverns old
We must away ere brake of day
To seek the pale enchanted gold. 

Schön, nicht wahr? Wie aber so etwas übertragen? Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Die deutsche Ausgabe vom Hobbit enthält eine Vers für Vers nachvollziehbare, wortgetreue Prosaübersetzung:

Weit über die kalten Nebelberge,
zu den tiefen Verliesen und uralten Höhlen
müssen wir fort, ehe der Tag anbricht,
das bleiche verzauberte Gold suchen.

Solche Genauigkeit hat natürlich (wie alles im Leben) ihren Preis: die Schönheit ist zerstoben. Man müßte das Original lesen oder sich vorlesen lassen, um seinen Reiz zu erahnen.

Zwei polnische Hobbit-Ausgaben gehen einen anderen Weg. Die ältere der beiden Editionen bietet folgende Nachdichtung an:

Ponad gór omglony szczyt
Lećmy, zanim wstanie świt,
By jaskiniom, lochom, grotom
Czarodziejskie wydrzeć złoto.

(Wörtlich übersetzt: Über der Berge umnebelten Gipfel
Laßt uns aufbrechen, bevor die Morgendämmerung anbricht,
Um den Höhlen, Verliesen, Grotten

Das zaubertätige Gold zu entreißen.)

Sie sehen: hier hat sich einiges verändert. Immerhin haben wir – im Unterschied zur deutschen Ausgabe – ein Gedicht vor uns, aber doch eines, dessen Inhalt und Form deutlich vom englischen Original abweichen. Schon die Reimordnung ist verändert worden. Tolkiens Gedicht folgt dieser Reimordnung:

a
a
bb
a

Die polnische Nachdichtung bietet zwei Paarreime (wenn man die Assonanz „grotom“ – „złoto“ akzeptiert). Dazu wirkt sie weniger feierlich, denn der Imperativ „lećmy“ hat etwas Umgangssprachliches an sich; hier ist keine Rede verpflichtender Aufgabe („we must…“) mehr. Das gesuchte Gold ist nun nicht mehr verzaubert (enchanted), sondern zaubertätig (czarodziejski). Blaß ist es weder hier, noch in der sogleich diskutierten Übersetzung; das geht einfach verloren.

Die jüngere polnische Hobbit-Ausgabe überträgt Tolkiens Zwergenlied in folgender Weise:

Wśród szczytów gór, w głębokich grotach
w otchłaniach hen, gdzie skalne wrota,
gdzie mrok i mgła, u kresu dnia,
my swego wciąż szukamy złota.

(Wörtlich übersetzt: Zwischen den Gipfeln der Berge, in tiefen Grotten,
In sehr weit entfernten Abgründen, wo felserne Tore sind,
Wo Dunkelheit und Nebel herrschen, am Ende des Tages,
suchen wir immerzu unser Gold.)

Hier hat sich noch mehr verändert. Doch das ist kein Zeichen von Willkür. Der Übersetzerin lag vor allem daran, den Rhythmus und die Reimordnung nachzubilden. Dies ist ihr, wenn man eine Assonanz (grotach) zugesteht, vorzüglich gelungen. Das „ch“ in „grotach“ ist nicht allzu stark zu sprechen.

Bei Tolkien haben wir die Reime:

cold
old
away – day
gold 

Die jüngere polnische Edition bietet:

grotach
wrota
mgła – dnia
złota

Auch der Rhythmus scheint sich mir näher am Original zu bewegen; natürlich im Vers mit den Binnenreimen, außerdem im zweiten Vers. Ist dort nach „dungeons deep“ eine kleine Pause anzunehmen, gilt dies ebenfalls nach „hen“ („sehr weit entfernt“; die Bestimmung ist nachgestellt, was aus meiner Übersetzung der Nachdichtung nicht hervorgeht).

Um welchen Preis freilich dies alles erreicht wird! Das Gold ist hier weder verzaubert, noch zaubertätig. Der Nebel (mgła) erscheint weit, weit von den misty mountains getrennt, als habe er rein gar nichts mit ihnen zu tun. Die Bestimmung „ere break of day“ wird um rund zwölf Stunden verschoben. Wie mir einige Muttersprachler versichert haben, sei „u kresu dnia“, obschon wörtlich als „an der Grenze des Tages“ (und somit neutral im Hinblick auf Morgan und Abend) zu übersetzen, als abendlicher Zeitpunkt zu verstehen. Ob „u kresu dnia“ hier überhaupt noch auf die Stunde des Aufbruchs bezogen, als solche verstanden werden kann, wirkt fraglich.

Welche der drei Übertragungen ist nun die beste? Die wortwörtliche Prosa-Übersetzung der deutschen Ausgabe, die ältere oder die jüngere Nachdichtung in polnischer Sprache? Diese Entscheidung liegt bei Ihnen. Mir ging es lediglich darum zu zeigen, wie der Übersetzer mit der Materie (und sich selbst) verhandeln muß, wo ein Gedicht übertragen werden soll. Hier gibt es keinen Königsweg, sondern nur trade-offs. Jede Entscheidung ein Quid pro quo. Und, von Glücksfällen abgesehen, jeder Gewinn auch ein Verlust.


Die deutsche Übersetzung stammt von Walter Scherf (J.R.R. Tolkien, Der kleine Hobbit, München 2002). Die ältere polnische Nachdichtung erstellte Włodzimierz Lewik (J.R.R. Tolkien, Hobbit czyli tam i z powrotem, Warschau 1997), die jüngere polnische Übertragung Paulina Braiter (J.R.R. Tolkien, Hobbit albo tam i z powrotem, Warschau 2009).