Grünkernsuppe mit Totalitarismus

Arnold Böcklin

Zum deutschen Antimodernismus.

Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, hat ein Buch über die Grünen geschrieben und Spiegel online ein Interview gewährt. Darin heißt es:

SPIEGEL: Sie beschreiben die Grünen fast, als wären sie die neuen Nazis. Die Partei habe anfangs „gegen einen pragmatischen Politikstil und gegen die sich den Notwendigkeiten der Moderne öffnende Gesellschaft“ gekämpft.

Güllner: Ich will die Grünen um Gottes willen nicht mit den Nazis vergleichen. Doch rein soziologisch betrachtet, entstammte der ursprüngliche Nukleus dieser Bewegung in der Weimarer Zeit und später der Grünen-Bewegung dem gleichen antimodernen Segment der Gesellschaft, einem radikalisierten Teil der deutschen Mittelschicht.

Was soll man sagen? Das ist nichts Neues. Jeder, der sich auch nur ein wenig mit dem deutschen (bzw. deutschsprachigen) Antimodernismus seit der Zeit Wilhelms II. beschäftigt hat, zuckt mit den Schultern: „Ja mei…“

Dennoch brodelt es in der Grünkern-Fraktion.

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Vom Glauben an die Vernunft

Zbliżenia interkulturowe 9 (2011)

Dirk Maxeiners Buch „Hurra, wir retten die Welt! Wie Politik und Medien mit der Klimaforschung umspringen“ läßt sich auf (wenigstens) zwei Weisen lesen. Man kann sich auf die Schilderung des Irrationalen darin konzentrieren und verzagen. Oder sich von Maxeiners Vertrauen in Vernunft und Wissenschaft inspirieren lassen.

Die Klimadebatte kreist um die Hypothese von der anthropogenen Erderwärmung, die behauptet, daß die Kohlendioxid-Emission von Industrie, Verkehr und Haushalten das Klima in entscheidender Weise beeinflusse. Bundeskanzlerin Angela Merkel, selbst promovierte Naturwissenschaftlerin, schließt diesbezüglich jeden Zweifel aus.[1] Doch liegen die Dinge weit weniger eindeutig. Wie Maxeiner ausführt, werde die Hypothese durch die Erfahrungswirklichkeit widerlegt; zum einen wirke sich eine erhöhte Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre weit weniger auf deren Temperatur aus, als die Prognosen voraussetzen; zum anderen habe seit 2001 keine Erwärmung stattgefunden, obwohl Industrie, Verkehr und Haushalte weiterhin fossile Energieträger verbrannt haben. Vor diesem Hintergrund „bleibt vom anthropogenen Treibhauseffekt nicht mehr viel übrig.“ (S. 49)

Der zweite Teil des Buches handelt von den außerwissenschaftlichen Einflüssen auf die Klimaforschung, welche der erste Teil bewußt ignoriert hat. Dazu zählen Politik, veröffentlichte Meinung (Medien), Nichtregierungsorganisationen und leider auch das unmoralische Verhalten gewisser Wissenschaftler, wie der Skandal um die Climate Research Unit (CRU) in Großbritannien gezeigt hat. Dort wurden Daten gefälscht oder, wenn von Skeptikern angefordert, „verloren“, die Redaktionen wissenschaftlicher Zeitschriften (in wenigstens einem Fall erfolgreich) unter Druck gesetzt, dissidente Aufsätze abzulehnen. Maxeiner referiert diese Geschehnisse mit hoher Bemühung um Sachlichkeit, vermeidet es auch dort, wo er deutlich Stellung bezieht, sich zu ereifern – selbst angesichts der Machinationen um die Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Ein gestandener Wissenschaftstheoretiker wie Karl Popper, der die ethische Dimension wissenschaftlicher Tätigkeit zu betonen pflegte, hätte weit Schneidenderes zu bemerken gefunden.

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Die Flucht vor den Fakten

Winslow Homer, The Gulf Stream (full)

Alan Sokal und Jean Bricmont sezieren in ihrem weitbekannten Buch Eleganter Unsinn vor allem französische Vorkommnisse „tiefer“ Psychologie, Philosophie, Literaturtheorie etc. (Sokal/Bricmont, Unsinn, 1999). Der nämlichen Erscheinung an amerikanischen Universitäten widmet Roger Kimball sein Werk The Rape of the Masters. Alle von Sokal, Bricmont und Kimball vorgeführten Akademiker vernachlässigen die Empirie; sie schreiben, was ihre Laune diktiert. Viele von ihnen zeigen zudem „die Tendenz, die verborgenen Beweggründe unserer Handlungen zu entschleiern.“ (Popper, Offene Gesellschaft, Bd. 2, S. 264). Was dabei herauskommt, sind „Deutungen“ maritimer Malerei, in denen ein Boot umkreisende Haie „can be read as castrating temptresses, their mouths particularly resembling the vagina dentata, the toothed organ that so forcefully expressed the male fear of female aggression.“  (Kimball, Rape, 2004, S. 123) Sollte ein Hai nicht auch bloß ein Hai sein können?

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Deutscher Antiamerikanismus: Das antikapitalistische Motiv

Standard Oil

Siegfried Frederick „Fred“ Singer ist ein distinguierter Wissenschaftler aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Er lehnt die Hypothese von der anthropogenen Erderwärmung ab. Damit erregt er den Unwillen der Bundestagsfraktion „Bündnis 90/Die Grünen“. Am 3.11.2010 bringt sie eine Kleine Anfrage ein, deren Gegenstand Singer bildet:

Ist der Bundesregierung bekannt, von wem Herr Singer in der Vergangenheit für seine Aktivitäten finanziert worden ist? Sind der Bundesregierung in Deutschland Geldgeber bekannt, die – ähnlich wie Exxon und Koch Industries in den USA – die Aktivitäten von Klimawandelleugnern finanzieren?

[…] Teilt die Bundesregierung die Einschätzung, dass man durch Veranstaltungen mit Herrn Singer reinen Interessenvertretern der fossilen Energiewirtschaft ein Forum gibt und damit deren unwissenschaftliche Arbeiten und unseriösen Aktivitäten bewusst aufwertet?[1]

Wir erblicken ein klassisches adhominem-Argument. Eine inhaltliche Auseinandersetzung findet nicht statt. Dafür werden Verdächtigungen geäußert, welche die Glaubwürdigkeit Singers untergraben sollen. Der Hinweis auf die „Geldgeber“ soll den Wissenschaftler als käuflich desavouieren.

Nun wirkt diese Angelegenheit in vielfacher Hinsicht bedenklich. Dirk Maxeiner empfiehlt sie Geschichts- und Sozialkundelehrern als Gegenstand einer Unterrichtsstunde zum Thema Totalitarismus[2]. Das mag noch übertrieben sein[3], obgleich das Vorgehen der Bundestagsfraktion „Bündnis 90/Die Grünen“ Anlaß zu mancherlei politischem, moralischem und auch ästhetischem Einwand gibt.

Uns soll vor allem eines interessieren: Das antikapitalistische Motiv, und wie es auf die Vereinigten Staaten gemünzt wird. Ganz offenbar wird Singers Wirken von den Grünen im Bundestag als eine Bedrohung empfunden, zu der es ohne die Finanzierung durch amerikanische Konzerne nicht gekommen wäre. Die USA treten in diesem Szenario als Nation auf, welche am stärksten durch den Kapitalismus geformt, in welcher der Kapitalismus am schärfsten ausgeprägt ist – und nach Deutschland getragen wird. Als jener „Brand […], der in die umfriedeten Hütten unserer Kultur geschleudert wird“, wie es Werner Sombart im Jahre 1913 ausgedrückt hat[4]. Hier haben wir eines der wesentlichen Motive des deutschen Antiamerikanismus in seiner Kontinuität: Eine westliche Nation bedroht mit ihrem Kapitalismus deutsche Wege und Weisen, und wie sowohl die Feuer-Metapher, als auch die Emphase der Klima-Diskussion andeuten, handelt es sich dabei um einen Konflikt auf Leben und Tod.

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Der Bildungsauftrag öffentlich-rechtlicher Medien in historischer Perspektive

Churchill-in-quebec-1944-23-0201a

Als Winston Churchill ’störte‘. Milton Friedman:

From 1933 to the outbreak of World War II, Churchill was not permitted to talk over the British radio, which was, of course, a government monopoly administered by the British Broadcasting Corporation. Here was a leading citizen of his country, a Member of Parliament, a former cabinet minister, a man who was desperately trying by every device possible to persuade his countrymen to take steps to ward off the menace of Hitler’s Germany. He was not permitted to talk over the radio to the British people because the BBC was a government monopoly and his position was too „controversial“.

(Capitalism and Freedom, Chicago 2002, S. 19.)

Helmut Schoeck: Sinnvernichtung

02

Evolution hat keinen guten Ruf. Sie wird oft als etwas aufgefaßt, das allem Menschlichen fremd, gar entgegengesetzt sei; als ein entmenschtes Gegen-Evangelium. Dieser Eindruck läßt sich mildern, indem man sich um ein umfassenderes Bild der Sachlage bemüht. Und erkennt, daß der Mensch nicht nur „Glied“[1], sondern auch „Steuernder“[2] der Evolution ist – durch seine Kreativität. Wir sollten uns deshalb verdeutlichen, „daß wir es sind, die in all den Bereichen von der Religionssoziologie bis zur Technikentwicklung das jeweils Neue hervorbringen“.[3] Und zwar auf vielfältige Weise; „in der Möglichkeit zur Zuchtwahl wie zur Genmanipulation, im Entwerfen und Verwirklichen sozialer Systeme, im Konzipieren wissenschaftlicher Theorien und im Realisieren technologischer Artefakte zur Befriedigung […] menschlicher Bedürfnisse.“[4]

Wie sehr der Mensch die Evolution beeinflußt, macht ein näherer Blick auf deren „Mechanismen“ deutlich; – auf jene Mechanismen, die Evolution ermöglichen und vorantreiben. Charles S. Peirce unterscheidet drei solche Mechanismen:

(i)    Die Evolution per Zufallsvariation („tychastische Evolution“[5]), auf der der Darwinismus gründet.[6] Sie wird durch Zufälle wie denjenigen ermöglicht, daß gerade jener Paul gerade jene Paula in gerade jener Stadt traf, sich verliebte und schließlich ein Töchterchen namens Paulette zeugte. Paulette verdankt die Zusammensetzung ihrer Gene dem Zufall.

(ii)    Die „Evolution durch mechanische Notwendigkeit“[7] („anankastische Evolution“[8]). Mechanische Notwendigkeit wirkt, „[w]enn ein Ei dazu bestimmt ist, eine gewisse Reihe von embryonalen Transformationen durchzumachen, von der es ganz gewiß nicht abweicht“.[9] Jedenfalls, sofern nichts Äußeres dazwischen kommt. (Was hinwiederum einen Effekt tychastischer Evolution bilden würde – „das Sichkreuzen zweier unabhängiger Kausalreihen“.[11])

(iii)    Die „Evolution durch schöpferische Liebe“[12] („evolution by creative love“[13]; „agapastische Evolution“[14]). Dieser Mechanismus wird gern übersehen. Das ist bedauerlich. Denn ohne ihn erweist es sich als schlichtweg unmöglich, das Entstehen all der Ideen für Handwerkszeuge und technische Geräte, der wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Theorien, der Kunstwerke und der Meisterwerke der Architektur zu erklären. Schließlich gedeihen all diese Pläne und Dinge nur dann, wenn ein Mensch Arbeit und Mühe – „Gehirnschmalz“ – investiert, lange darüber nachdenkt, was er verbessern, was er noch besser gestalten könnte; mit einem Worte, ihnen Zuwendung schenkt. Man sorgt (wie bei Pflanzen[15]) durch Zuwendung dafür, daß seine Pläne gedeihen; durch schöpferische Liebe. Sonst gedeihen sie nicht.

Wir erkennen: Ein umfassendes Bild der Mechanismen, die Evolution ermöglichen, verändert unseren Eindruck vom Ort des Menschen in der Evolution, und dies in entscheidender Weise! Zwar bleiben wir Geschöpfe der Evolution, deren Launen – man denke an die Sonne – ausgeliefert. Doch sind wir auch – zu Teilen – deren Gestalter; wir beeinflussen die Evolution. Durch unsere Kreativität. Durch unsere Kulturleistungen. So weicht der Eindruck bloßen Ausgeliefert-Seins dem einer gewaltigen Abenteuer-Fahrt.[17]

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