„…dass Leute wie ich keineswegs Eliten hassen“

Wolfram Ackner auf Publico:

Einem Großteil der Bevölkerungsgruppe, der ich mich zugehörig fühle – hart arbeitende kleine, bodenständige Leute, die in unspektakulären Jobs schuften und sich oft genug gerade so über Wasser halten können – wurde von Hillary Clinton die Bezeichnung ‘deplorables’ verpasst. Genau so werden wir auch hier in den Medien und Talkshows pathologisiert – als bedauernswerte, minderwertige Gestalten, zerfressen von Hass und Abstiegsängsten, die an Fake News glauben und in bösartiger Borniertheit die (selbsternannten) kosmopolitischen, humanistischen, gebildeten Schichten verachten.

Ich möchte dazu nur kurz anmerken, dass Leute wie ich keineswegs Eliten hassen. Wir verstehen darunter nur etwas anderes als das momentane Spitzenpersonal in Medien, Kultur und Politik. Deren Mitglieder sollten vielleicht schon im Eigeninteresse erkennen, dass die Gelder, welche sie verteilen möchten, immer noch mit unseren rauchenden Industrie-Schloten verdient werden. Und nicht, indem wir uns gegenseitig bezahlte Vorträge über Antifaschismus, Critical Whiteness und Gender Studies halten.

Völlig richtige Bemerkungen, saftig-herzhaft formuliert. Besonders gefällt mir der Hinweis auf die Abstiegsängste, ein nahezu universell brauchbares Psycho-Argument, das schon auf das Bildungsbürgertum des Hohenzollernreiches angewandt wurde, inzwischen jedoch in der Fachliteratur einen, nun, gewissen Abstieg erleben mußte (vgl. Thomas Rohkrämer, Eine andere Moderne? (1999), Carola Groppe, Die Macht der Bildung (2001)).

Unerbauliches aus New Jersey

J. Oliver Conroy über eine Diskussionsveranstaltung an der Rutgers University, New Jersey:

The worst of the audience’s animosity was directed at Kmele Foster, who is black. The protesters were particularly antagonized by Foster’s contention that police violence against African-Americans has been statistically exaggerated. When he started explaining the methodological research behind his claim, the audience exploded. “Facts?! Facts?! Don’t tell me about facts!” one person screamed. Foster tried to finish as five or six people shouted at him. “Do facts matter?” Foster asked, and repeated it several times in mounting frustration. “Do facts matter? Do facts—”

The resounding, devastating answer was no, facts do not matter. One of the things that struck me over and over was the protesters’ complete intolerance of complexity. It’s not just that many intersectional activists seem to have no capacity for nuance; they fear and hate it, because they hate anything with the potential to complicate their narrative. Get on the bus or get under it.

Quelle (gekürzt).

Staatsverschuldung, ‚billiges‘ Geld und Moral

Die absurde, nicht mehr steuerbare Liquidität, die als Gegenbuchung zur aberwitzigen Verschuldung… stehen geblieben ist, hat zu falschen Allokationen… geführt; sie hat aber auch die Menschen nachlässig und unkritisch werden lassen; sie hat die Arroganz der Mächtigen gesteigert; sie hat der Hochfinanz das Pulver geliefert, mit dem das Feuerwerk der 80er und 90er Jahre an den Finanzmärkten gezündet worden ist; sie hat die Sitten und die Moral in weiten Teilen der Gesellschaft erodieren lassen; sie hat auch die Machtverhältnisse und die Besitztümer verschoben und damit viele gesellschaftliche Probleme geschaffen; sie hat die wohlfahrtsstaatliche Verluderung vorangetrieben und einen Teil der Bonitäten an den Finanzmärkten zerstört… Kurzum: die ausufernde Liquidität hat die Menschen verdorben.

Walter Hirt, zitiert nach Roland Baader, Geld, Gold und Gottspieler. Am Vorabend der nächsten Weltwirtschaftskrise, Gräfelfing 2007, S. 96; Auslassungszeichen bei Baader. (Bild: Maerten de Vos, Die Versuchung des heiligen Antonius (Detail).)

Europas Kinder für Baal-Hammon

Menschenopfer waren unter vielen Kulturen verbreitet. Daß die Sache noch nicht ausgestanden ist, verdeutlichen die Ereignisse der vergangenen Monate. Wir sind eher geneigt, unsere Kinder dem Götzen von Multikulti und Toleranz, des virtue signalling, der Politischen Korrektheit zu opfern, als etwas zu unternehmen.

Wir spielen Karthago.  Eine unerwartete Folge unserer De-Christianisierung. Sollten wir vergessen haben, daß das alte abhorret vacuum eben nicht nur für natura gilt?

Bemerkenswert überdies: So viele Europäer haben keine Kinder, die sie opfern könnten. Die Kanzlerin ist kinderlos, der neue Präsident Frankreichs ebenfalls. Für viele meiner deutschen Bekannten gilt Entsprechendes; „ich brauche das nicht“, sagen sie. – Nun, dann opfert man eben fremde Kinder. Werner Reichel:

Ein Mädchen, das sich für das Konzert ihres Idols extra schön gemacht und lustige Partyohren aufgesetzt hat, steht, eingehüllt in eine Decke, neben einem Polizeiauto und schaut verstört und verängstig in eine Kamera. Ein Bild, das sich einbrennt, ein Bild, das mehr über das Massaker in Manchester und den Zustand Europas aussagt, als die unzähligen Berichte, Analysen, Experten-Interviews und Einschätzungen, mit den immer selben beliebigen Aussagen und Antworten, die gerade in Dauerschleife auf den europäischen TV-Sendern laufen.

Nur wer selbst Kinder oder gar eine Tochter in diesem Alter hat, kann überhaupt ermessen, was in diesem Mädchen auf dem beschriebenen Bild vorgeht, was das für ihre Psyche, ihrer Zukunft und ihr Leben bedeutet. Die unzähligen kinderlosen Europäer haben nicht die geringste Ahnung, was so ein Blutbad für die überlebenden Kinder, ihre Eltern oder die Eltern und Geschwister der zerfetzten Opfer bedeutet.  Nein, können sie nicht, auch wenn sie so tun als ob. Eine Eltern-Kind-Beziehung und all die daraus erwachsenden Gefühle, Bindungen und Verantwortlichkeiten sind für kinderlose Menschen einfach nicht begreif-, nicht nachvollziehbar.

Statt solcher Bindungen und der Verantwortlichkeit, die aus ihnen erwächst, herrscht in den Hirnen zu vieler Europäer der Wunsch, ein etwas zu lautes, zu empfindliches Gut-Sein herauszukehren, mit dem es schon deshalb nicht allzu weit her sein kann, weil jeder, der es aus den lautersten Beweggründen heraus kritisiert, zum Rechtspopulisten oder Nazi erklärt wird. Weshalb seid Ihr so empfindlich?

Weil der interkulturelle Dialog außerhalb gepflegter Seminargebäude kollabiert?

Nein, sondern deshalb, weil Ihr einem Kult anhängt, einem grotesken Todeskult: Kulturmarxismus trifft Neopaganismus. Selbsthaß wird zur Tugend.

Blumen und Teddybären

Wahrscheinlich geht es Ihnen wie mir: Sie können die Blumen und Teddybären, Teelichte und gefühlig-korrekt betexteten Karten nicht mehr sehen, die nach einem jeden Anschlag, der im Namen Allahs geschehen ist, aus dem Boden wachsen. Wo sind die Opfer? Nähern wir uns einem von ihnen, einem elfjährigen Mädchen namens Ebba Åkerlund. Schauen Sie sich das Bild der toten Ebba an. Sie finden es leicht. Aber sie werden es nicht so leicht vergessen.

Ebbas Körper wurde unterhalb der Hüfte zerrissen. Ein Bein liegt nahe am Rumpf. Zwischen ihm und dem Leib des Mädchens ist eine Art Fleisch-Brei, den man nicht beschreiben möchte. Seine Farbe verstört. Das andere Bein, abgerissen und etwa einen halben Meter vom Körper der Ermordeten liegend, zeigt mit dem Knie nach links, vom zerstörten Leib, den es getragen, fort; sein Fuß liegt mit der Ferse zum Antlitz der Toten. Beide Füße stecken in hellbraunen Freizeitschuhen mit weiß abgesetzten Sohlen.

Der linke Arm des Mädchens ragt auf den Betrachter zu. Die Hand scheint unversehrt. Der Kunstfell-Rand der blauen Wetterjacke ist an einem Ende von dem Fleisch-Brei bespritzt.

Unernst über Hanau

Zwei Artikel der Welt beschreiben Massenprügeleien in Hanau. Beteiligt seien „sowohl Deutsche als auch Deutsche mit Migrationshintergrund und Ausländer“, dazu sog. Flüchtlinge. Ein Unbeteiligter von 38 Jahren wurde dabei so verprügelt, daß er möglicherweise blind wird.

Es lohnt nicht, die Sache selbst zu kommentieren.

Interessanter ist die äußere Form der Artikel.

Da ist von „Krawallkids“ die Rede. Das ist rührend. Man scheint bei der Welt zu meinen, es handle sich um etwas größere Kinder, die ein wenig über die Stränge schlagen. Gleichzeitig wird behauptet, es sei ein Neunzehnjähriger festgenommen worden. – Ja, was denn nun? Kinder oder junge Männer?

Vielleicht tun wir uns keinen Gefallen mit solcher Unklarheit. Um die Sache an einem Beispiel zu erklären: Mit neunzehn Jahren nahm Ernst Jünger am Ersten Weltkrieg teil, um mit dreiundzwanzig Jahren nicht weniger als den Pour le Mérite zu erhalten. Es ist denkbar, daß sich unsere Maßstäbe hinsichtlich grundlegender Dinge wie Lebensalter und -phasen seltsam verschoben haben, inzwischen durchweg verschroben sind.

Drollig auch der Hinweis, die Beteiligten müßten „die Stärke des Staates zu spüren bekommen“. Sagt der Sozialdezernent in Hanau, Axel Weiss-Thiel, ein SPD-Mitglied. Das können wir uns vorstellen. Zumal gleich darauf das ganze „soziale“ Programm heruntergeleiert wird, einschließlich Gewaltprävention ab Kindergarten, die Poeten der Welt von einer „betreuungsintensiven Klientel“ schreiben.

Über den Dünkel, auch den Rassismus, der in einem derartigen Nicht-Für-Voll-Nehmen verborgen ist, braucht kein Wort verloren zu werden.

We’re Wide Open

Gerade einmal 18 Prozent der Deutschen sind bereit, ihr Land mit der Waffe in der Hand zu verteidigen (2015). Weniger als jeder Fünfte.

Die Bundeswehr ist allenfalls „bedingt“ einsatzbereit. Bei einer Stärke von 177.000 Mann. (Ich bitte, die reaktionäre Ausdrucksweise zu verzeihen.)

Unterdessen läßt sich erfahren, daß selbst unsere britischen Freunde an Wehrhaftigkeit eingebüßt haben. Der ehemalige Chef des Britischen Generalstabs, General Sir Richard Barrons, geht mit den britischen Streitkräften hart ins Gericht. Man verlasse sich auf den Schutz der Amerikaner, lege zu großen Wert auf teure Waffensysteme, die man sich bloß in viel zu kleinen Stückzahlen leisten könne. Dies mache verwundbar. Um das Vereinigte Königreich seiner Verteidigung durch F-35 zu entkleiden, müsse man die Maschinen gar nicht abschießen, so der General; es reiche die knapp vier Dutzend Piloten, die sie fliegen können, im Schlaf zu ermorden.

Nafri vs. Nazi

In dem Kindergarten, der einstmals die Bundesrepublik Deutschland war, wird neuerdings über die Bezeichnung „Nafri“ gestritten. Sie sei rassistisch, wenigstens aber pauschalisierend.

Ferner wurde kritisiert, daß die Polizei „südländisch“ anmutende Personen überprüft, auch festgehalten habe. Man dürfe sich nicht am Erscheinungsbild von Menschen orientieren; auch das sei rassistisch, entmenschlichend, wenigstens aber pauschalisierend.

So also sieht er aus, der Lohn dafür, daß es der deutschen Polizei an Silvester mit viel Aufwand gelungen ist, sexuelle Übergriffe und sonstige Gewalttaten vor dem Dom in Köln und an anderen prominenten Orten zu verhindern. (Zu einschlägigen Übergriffen kam es anderswo in Deutschland und auch Österreich.)

Wunderbar: Tust du nix, bist du Versager. Tust du was – und mit Erfolg -, bist du Rassist. Das sind die (bislang) schönsten Blüten gutmenschlicher Dialektik.

Daß zuweilen der Eindruck von Rassismus entstehen kann, wo andere Größen wirken – kulturelle Unterschiede etwa, das Verhältnis zu Bildung und Arbeit, Achtung vor Frauen -, versteht sich dabei von selbst. Eben deshalb muß man es immer und immer wieder unterstreichen.

Und: Das ewige Pauschalisieren gegen Pauschalisierungen langweilt. Man sollte sich eingestehen, daß Vorurteile durchaus vernünftig sein können. Es kommt lediglich darauf an, sie fallibel zu halten – d.h. sie zu revidieren, wo die Erfahrungswirklichkeit dazu Anlaß gibt.

Darüber hinaus gilt: Seit wann haben denn all die Weltverbesserer, ob Linke oder Grüne, ein Problem mit Pauschalisierungen? Wer beschimpft Andersmeinende als „Populisten“, erhebt sich über deren „Stammtischparolen“, nennt besorgte Bürger der Bundesrepublik „Nazis“? Von „Pack“ ganz zu schweigen.

Tu quoque, Gutmenschle!

— Richtig, auch ich pauschalisiere. Doch habe ich eben nichts gegen Pauschalisierungen, jedenfalls nicht dort, wo keine empirischen Gründe gegen sie sprechen (s.o.).

Aha, und natürlich pauschalisiert ebenfalls so mancher Großschriftsteller und Dichter, an dessen Lektüre sich unsere grünen und sonstigen Bessermenschen mit strahlenden Augen erinnern. Zur bête noire gereicht nur allzuoft der „Bürger“. Jedenfalls dort, wo er nicht als Volltrottel belächelt wird. Wer daran zweifelt, möge mal wieder in seiner Hesse-Ausgabe blättern.

Pauschalisierung allerorten.

Ups, das war schon wieder eine.

Höchste Zeit also, erwachsen zu werden.