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Geschichte

Der ehrliche Mitläufer

Fritz Stern erinnert sich

1946, als der Bahnverkehr in der britischen Besatzungszone wieder in Gang gekommen war, betrat ein britischer Offizier ein Abteil, in dem bereits drei Deutsche saßen. Er wandte sich an den ersten Deutschen mit der Frage: „Waren Sie Mitglied der Nationalsozialistischen Partei?“ Ärgerlich entgegnete der Deutsche, natürlich sei er nicht Mitglied gewesen; im Grunde hätte kaum jemand dazugehört, und an allem, was geschehen war, waren einzig ein paar Leute an der Spitze schuld. Nach einer Weile richtete der Offizier dieselbe Frage an den zweiten Deutschen, der noch wütender erwiderte, schon die Frage sei eine Beleidigung für ihn. „Ihr Briten wollt uns Demokratie beibringen, und dann schnüffelt ihr herum und fragt nach unserer politischen Meinung.“ Er war jedenfalls kein Mitglied gewesen. Auf dieselbe Frage antwortete der dritte Deutsche: „Ich hatte 1937 eine Frau und drei Kinder. Ich bekam nur Arbeit, wenn ich der Partei beitrat, und so bin ich beigetreten.“ Der britische Offizier nickte ihm zu und antwortete: „Danke. Ich suche nur jemanden, der auf mein Gepäck aufpasst, während ich im Speisewagen sitze. Würden Sie das übernehmen?“

Stern fährt fort:

Arglos erzählte ich die Geschichte auf der ersten Abendgesellschaft, an der ich in Berlin teilnahm, und fand heraus, daß sie ein perfekter Lackmustest war: Einige Deutsche konnten darüber lachen, doch die meisten versanken in betretenem Schweigen.

Fritz Stern, Fünf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen. München 2007: C.H. Beck, S. 267. (Photo: Flickr Commons. San Diego Air and Space Museum Archive. Catalog #: 10_0020293. Title: Reconnaissance Photo Aerial View Germany. Date: 1941-1945.)

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Egalitarismus Geschichte Stil im Alltag

Kultur zwischen Gewinnstreben, Nächstenliebe und Sozialstaat

 

Epistemologische und ethische Katastrophen ereignen sich für gewöhnlich in den unausgesprochenen Zusatzannahmen. Einen beliebten Fehler bilden überstrenge Dichotomien, das ewige „Entweder-Oder“, wo es rein gar nichts zu suchen hat. Hören wir, um solcher Infantilerei abzuhelfen, ein wenig Wilhelm Röpke zu:

Daß […] den höchsten geistigen Leistungen das Gewinnmotiv keineswegs fremd ist, lehrt besonders eindringlich der Fall Goethes, der offenbar erst durch ein günstiges Angebot Cottas, seines Verlegers, den letzten Anstoß erhielt, seinen „Faust“ zu vollenden. Es war Schiller gewesen, der dieses Angebot hinter Goethes Rücken veranlaßt hatte, indem er an Cotta am 24. März 1800 schrieb: „Ich fürchte, Goethe läßt seinen „Faust“, an dem schon so viel gemacht ist, ganz liegen, wenn er nicht von außen und durch verlockende Offerten veranlaßt wird, sich noch einmal an diese große Arbeit zu machen und sie zu vollenden… Er rechnet freilich auf einen großen Profit, weil er weiß, daß man in Deutschland auf dieses Werk sehr gespannt ist. Sie können ihn, das bin ich überzeugt, durch glänzende Anerbietungen dahin bringen, dieses Werk in diesem Sommer auszuarbeiten“ […]. Die prompte Wirkung auf Goethe ist in seinem Brief an Schiller vom 11. April 1800 nachzulesen. Wer aber wollte deshalb das Gewinnmotiv schmähen!

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Geschichte

Rotmistrz Witold Pilecki

Vor einigen Monaten ist mir in Katowice ein Flugblatt in die Hand gefallen. Auf ihm steht:

Witold Pilecki (1901-1948).

Held aller Zeiten.

Von seinen Verdiensten im Polnisch-Sowjetischen Krieg, in der Zwischenkriegszeit, während des Warschauer Aufstandes abgesehen, hat dieser Mann etwas getan, was kein Anderer auf der Welt getan hat: Er ging freiwillig ins Konzentrationslager Auschwitz. Sein Ziel war es, eine Widerstandsbewegung innerhalb des Lagers zu organisieren und einen detaillierten Bericht über die Vorgänge in Auschwitz zu erstellen. Das Resultat seines Tuns sollte – im Zusammenwirken mit einem Angriff der [West-]Alliierten – ein Aufstand im Lager sein. Leider wurde sein Bericht als übertrieben eingeschätzt, und die Alliierten lehnten eine Intervention ab. Nach dem Krieg [d.h. unter kommunistischer Herrschaft] wurde Witold Pilecki verhaftet, unmenschlichen Foltern unterworfen und durch einen Schuß in den Hinterkopf ermordet. Seine sterblichen Überreste wurden in einer namenlosen Grube verscharrt und bis heute nicht gefunden…

Die Feinde Polens haben alles unternommen, um ihn aus dem Bewußtsein der Polen und der Welt zu tilgen. Such seinen Namen bei Google, Youtube, Wikipedia… Frag Deine Bekannten, ob sie ihn kennen. Komm auf die Konferenz, das Konzert, die Feierlichkeiten…,

…die auf der Rückseite angeführt sind. Dort wird u.a. ein Konzert in einem Krakauer Studentenklub genannt. Titel: „Warum haben sie mich in der Schule nichts über Dich gelehrt?“

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Antiamerikanismus Antikapitalismus Antiliberalismus Geschichte Wissenschaft

Sprachimperialismus

Eine Reihe von Vereinigungen in Deutschland engagiert sich für den Erhalt und die Pflege der deutschen Sprache. Sie sind recht unterschiedlichen Charakters; das Spektrum reicht von der sehr gediegenen Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) bis zum umtriebigen und teils unbotmäßig aggressiv handelnden (K. Wirth, 2010, S. 290-296) Verein Deutsche Sprache (VDS), welcher von dem Wissenschaftler, Hochschullehrer und Erfolgsautor Walter Krämer ins Leben gerufen wurde. Wo die Tätigkeit der letzteren Vereinigung von Liebe zur Muttersprache getragen wird, sich zivilisierter Umgangsformen befleißigt und während irgendwelcher „Aktionen“ das Eigentum anderer auch dann achtet, wenn diese Anglizismen lieben (ebd., S. 283), überzeugt sie. Weniger schlagend hingegen mutet ihre Analyse der Ursachen an: Da ist (i) von „Sprachimperialismus“ die Rede – was einen Kategorienfehler beinhaltet, weil das Englische sich, einem Herrscher gleich, ein Reich bauen zu wollen scheint, obschon man dergleichen Absichten nur Personen zuschreiben kann –; werden (ii) Kontinentaleuropäer, welche sich des Englischen gern und oft bedienen, zu Äffenden gestempelt – was, von Fragen der Höflichkeit abgesehen, mehr als vorschnell wirkt, denn es könnte ja gute Gründe geben, sich der führenden Verkehrssprache in Wissenschaft und Ökonomie bedienen zu wollen –; werden (iii) mit Schlagworten wie „Stoppt die Amerikanisierung“ und „USA-Massenverblödung“ (ebd., S. 283) alte Verwerfungen zwischen Anglosphäre und Kontinentaleuropa aufgerissen, die bis in die letzten Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg zurückreichen, als Max Scheler, Werner Sombart und andere wider das Merkantil-Utilitaristische im Angelsächsischen zogen.

Hören wir eine Passage aus dem Vortrag „Macht über Marionetten“ des Germanisten Gert Ueding, der auf der Website des VDS veröffentlicht worden ist:

 „Die Globalisierung läuft nach dem Vorbild der USA ab“, stellt der Leiter der Pariser Zweigstelle von McKinsey befriedigt fest und weist darauf hin, daß die Dominanz der englischen Sprache für diesen Erfolg nicht unwichtig ist. Wir können solches Understatement ruhigen Gewissens in seine reale Dimension übersetzen.

Mit der Sprache wird angelsächsisches Wirtschaftsdenken übernommen, in dem etwa, so wieder jener McKinsey-Agent, die Unternehmenspolitik den Eigentümer-Interessen bedenkenlos untergeordnet wird, die Interessen der Beschäftigten keine Rolle spielen. Daß solche ökonomische Politik zur Unternehmenskultur hochgejubelt wird, wirkt wie ein zynischer lapsus linguae, ist aber in Wahrheit Bestandteil der Sprachpolitik. (G. Ueding, 2002)

Ueding setzt dem angelsächsisch „kalten“ Stil des Wirtschaftens deutsches Verantwortungsbewusstsein entgegen. Dergleichen wirkt wie das Bekenntnis einer schönen Seele. Doch steckt nicht viel dahinter. Denn Uedings Ausführungen gereichen zu einer suppressio veri: Es ist keine Rede davon, dass (i) die den Eigentümer-Interessen Geopferten nicht selten selbst Anteilseigner sind, wo der Aktienbesitz weit gestreut ist, und (ii) in einer weniger überregulierten Wirtschaft Menschen, die entlassen werden oder kündigen, leichter andere Arbeit finden können. Außerdem „vergisst“ Ueding zu erwähnen, dass (iii) Eigentümer-Interessen selbst kulturstiftend wirken können. Stichwort: Mäzenatentum. Hingegen hat (iv) deutsche Sozialpartnerschaft ihren Preis; wer sich den Realien des Marktes verweigert, lässt seine Kinder und Kindeskinder die Zeche zahlen – was man als Verstoß gegen das siebte Gebot auffassen kann –, während in der Zwischenzeit die Bundesrepublik Deutschland als Wirtschaftsstandort an Brauchbarkeit verliert. Natürlich dürfte diese bedauerliche Entwicklung keineswegs ohne Auswirkungen auf im engeren Sinne kulturelle Dinge bleiben – deren Finanzierung nämlich –, von denen wir annehmen dürfen, dass sie Ueding am Herzen liegen. Wie überhaupt zu bedenken ist, dass (v) ein Zusammenhang zwischen Freiheit, Wohlstand und Markt besteht, den zu ignorieren in der Bundesrepublik Deutschland und weiten Teilen Kontinentaleuropas inzwischen Staatsraison geworden zu sein scheint. Dieser Zusammenhang besteht schlichtweg deshalb, weil (vi) Unternehmer zu dienen verurteilt sind. Der aus Lemberg (Lwów) gebürtige Ludwig von Mises hat die Sachverhalte (v) und (vi) kristallklar herausgearbeitet:

 Auf dem Markt einer kapitalistischen Gesellschaft ist der gewöhnliche Mensch der souveräne Verbraucher, dessen Entschluß zu kaufen oder vom Kaufen abzusehen letztlich darüber entscheidet, was und in welcher Quantität und Qualität produziert werden soll. Händler und Hersteller, die ausschließlich oder vorwiegend damit beschäftigt sind, die Nachfrage der reicheren Klassen nach verfeinerten Luxusgütern zu befriedigen, spielen lediglich eine untergeordnete Rolle in der ökonomischen Struktur der Marktwirtschaft. Sie erreichen nie den Umfang der Großbetriebe. Großbetriebe dienen immer – direkt oder indirekt – den Massen.

Eben in diesem Aufsteigen der Menge besteht die radikale soziale Umwälzung, die die industrielle Revolution hervorgerufen hat. Die Menschen von niederer Geburt, welche in allen vorhergehenden Zeitaltern […] die Herden der Sklaven und Leibeigenen, der Pauper und Bettler bildeten, sind zu dem kaufenden Publikum emporgestiegen, um dessen Gunst die Geschäftsleute werben. Sie sind die Kunden, die „immer im Recht“ sind, die Schutzherren, arme Fabrikanten und Kaufleute reich und reiche arm zu machen.

In der Struktur einer Marktwirtschaft, die nicht durch die Praktiken von […] Politikern sabotiert wird, […] können nur diejenigen gedeihen, denen es gelungen ist, die Bedürfnisse der Menschen auf die bestmögliche und billigste Weise zu befriedigen. Reichtum kann nur dadurch erworben werden, daß man den Verbrauchern dient. […] In einem täglich sich wiederholenden Volksentscheid, in welchem jeder Pfennig Wahlrecht gewährt, bestimmen die Verbraucher, wer die Fabrikanlagen, Läden und Landgüter besitzen und verwalten soll. […]

Das ist es, was die moderne Auffassung von Freiheit bedeutet. Jeder erwachsene Mensch ist frei, sein Leben nach seinen eigenen Plänen zu formen. Er wird nicht gezwungen, nach den Wünschen einer planenden Autorität zu leben, die ihren Einheitsplan durch die Polizei, das heißt durch Zwang und Zwangsherrschaft durchsetzt. (L. v. Mises, 1979, S. 9-10; Übersetzung vom Verfasser des gegenwärtigen Aufsatzes anhand des Originals – L. v. Mises, 1972 – überarbeitet)

Die Alternative lautet: Entweder Marktwirtschaft und Freiheit, oder Unterwerfung. Anders gefasst: Ohne Markt keine Freiheit. Dies zu erkennen, sollte recht eigentlich jeder in der Lage sein. (Wilhelm Röpke würde an dieser Stelle aufseufzen; vgl. W. Röpke, 1959, S. 282-286.) Wenn man dennoch wie Ueding argumentiert, ist mehr im Busche als „nur“ Sprachliebe. Seine Rede treibt in einer seit Strömung des deutschen Denkens, die sichseit Wilhelminischer Zeit übelträchtiger Prominenz erfreut. Darum werden die von Ueding getroffenen Voraussetzungen nur selten kritisch überprüft; sie scheinen „Selbstverständliches“ auszumachen.

Ein Wort der Vorsicht: Die Rede von Traditionslinien will nicht auf ein „Es musste so kommen!“ hinaus. Recht verstanden, handelt es dabei sich um Moden im Denken, die auf diese oder andere Weise verlaufen können, zumal sie vom Fortschritt in der Wissenschaft allenfalls beeinflusst, nicht aber bestimmt werden.

*

Ueding grenzt sich von „nationalistischer Deutschtümelei“ ab (Ueding, 2002), seine Mitstreiter vom VDS betonen, „keine engstirnigen nationalistischen Ziele“ (VDS, leg. 2011) zu verfolgen. Das wirkt löblich, doch – unter zivilisierten Menschen – kaum der Rede wert. Die interessanten Fragestellungen liegen tiefer. So bestürzt die Paarung aus Antikapitalismus und Opposition gegen das Angelsächsische. Ganz offenbar gefallen sich weite Kreise in den geistigen Eliten Deutschlands bereits mehr als ein Jahrhundert in der Opposition gegen England, die Vereinigten Staaten von Amerika und dasjenige, wofür diese Länder stehen.

Einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, dem Großen Krieg, wie er anschließend hieß, weil er soviel verheert hatte, das sich seitdem nie wieder hat aufbauen lassen – zum Beispiel eine stabile, das heißt im Goldstandard gegründete Währung, deren erzieherischer und, wie die Debatte um den Euro zeigt, freiheitsverbürgender Effekt kaum zu überschätzen ist (R. Baader, 2005, S. 16-73) –, verfasste Max Scheler seine berühmte Studie „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen“. Die Abhandlung streift verschiedene Nebenthemen, unter anderem (i) den Bürger (Bourgeois) als Träger des Ressentiments und (ii) die Verworfenheit der angelsächsischen Kultur. Den damaligen Machtverhältnissen geschuldet, gilt Schelers Unwille vor allem den Briten.

Ad (i): Was macht den Bürger zur Ressentimentfigur? Scheler wirft ihm vor, den traditionellen – und das bedeutet für Scheler: in irgendeinem Sinne „ritterlichen“, religiös-aristokratischen – Kanon (im engeren Sinne) moralischer, wie auch (im weiteren Sinne) ethischer Werte umzukehren, bis schließlich

die Berufswerte des Kaufmanns und Gewerbetreibenden, die Werte der Eigenschaften, durch die eben dieser Typus Homo reüssiert und Geschäfte macht, zu allgemeingültigen moralischen Werten, ja zu den „höchsten“ unter diesen erhoben werden. Klugheit, rasche Anpassungsfähigkeit, kalkulierender Verstand, Sinn für „Sicherheit“ des Lebens und allseitigen ungehemmten Verkehr, für Stetigkeit in der Arbeit und Fleiß, Sparsamkeit und Genauigkeit in der Einhaltung und Schließung der Verträge: das werden jetzt die Kardinaltugenden, denen Mut, Tapferkeit, Opferfähigkeit, Freude am Wagnis, Edelsinn, Lebenskraft, Eroberungssinn, gleichgültige Behandlung der wirtschaftlichen Güter, Heimatliebe und Familien-, Stammes-, Fürstentreue, Kraft zu herrschen und zu regieren, Demut usw. untergeordnet werden. (M. Scheler, 1972, S. 132)

Dergleichen Einlassungen bleiben natürlich schon deshalb ein Unsinn, weil sie keine der Herausforderungen zu begreifen vermögen, vor denen ein Unternehmer steht. Denn der Unternehmer muss dem souveränen Kunden dienen, herausfinden, was dieser will und wollen könnte, oder er verliert sein Kapital. Von Mises hat uns bereits darüber unterrichtet. Wenn wir uns vor Augen rufen, wie risikoreich dieses Spiel ist, erkennen wir: Auch der Bürger benötigt „Mut, Tapferkeit, Opferfähigkeit, Freude am Wagnis, […] Lebenskraft, […] Kraft zu herrschen und zu regieren, Demut“. – Letztere namentlich dem Kunden gegenüber.

Nun hat Arthur Schopenhauer die Mahnung ausgesprochen, man solle zum „Maaßstab [sic] eines Genies […] nicht die Fehler in seinen Produktionen, oder die schwächeren seiner Werke nehmen, um es danach tief zu stellen“ (A. Schopenhauer, 1947, S. 483). Weshalb die Schelerschen Invektiven dennoch angeführt werden? Genau deshalb, weil sie sich auf dem Niveau bewegen, auf dem wir sie antreffen. Es verwundert, dass ein Denker von der Statur Schelers solche Flachheiten zu produzieren sich im Stande zeigt, wenn es um Wirtschaft und Bürgertum geht; – desto mehr, als er mit von Mises persönlich bekannt, ja befreundet war (vgl. M. Rothbard, 1973, S. 2; L. v. Mises, 1978, S. 69).

Ad (ii):  Die angelsächsische Kultur, vor allem das „perfide Albion“, machen sich in Schelers Augen schuldig, da in ihnen der beklagte Werte-Umbruch am weitesten fortgeschritten sei. Eine allgemeine „Rechenhaftigkeit“ (M. Scheler, 1972, S. 88) sowohl im praktisch-alltäglichen Zugang zur Welt, als auch – in Gestalt des Utilitarismus – in der Philosophie sei die Folge. Der Philosoph scheut sich nicht, dieses Argument bis ins Eugenische zu führen, indem er beklagt, dass in den

höchst- und längstindustrialisierten Ländern die repräsentative Frauenschicht – ceteris paribus – sich mehr und mehr, wahrscheinlich schon durch Auslese der Erbwerte, aus solchen Individuen rekrutiert, die spezifisch weiblicher Reize bar sind und wenig durch Liebes- und Mutterschaftssorgen im sozialen Emporkommen, in „Berechnung“ und kontinuierlichem Dienst an einer wesentlich utilitaristischen Zivilisation, gehindert sind. (M. Scheler, 1972, S. 53)

Wir wollen diesen Anwurf übergehen. Ob einem solchen Argument, wie Andrei Markovits anlässlich kontinentaler Kritik an den USA vermutet, Angst vor selbstgewissen Frauen unterliege, möge unentschieden bleiben (A. Markovits, 2007, S. 66, 76). Wichtiger wirkt Schelers Vermutung, in Großbritannien einer „wesentlich utilitaristischen Zivilisation“ zu begegnen.

Hier ist zunächst zu fragen, welche Qualifikation mit der Einfügung des „wesentlich“ recht eigentlich vorgenommen werde. Es scheint durchaus möglich, ja wahrscheinlich, dass wir es lediglich mit einem Essentialismus des Zuschnitts: „Jeder Mensch, auch der Gerechte, bleibt wesentlich Sünder“ zu tun haben, dem keinerlei empirischer Gehalt zukommt und deshalb der Eingang in unsere handlungsleitenden Hypothesen verweigert werden sollte. In jedem Falle dürfen wir feststellen, dass Scheler keine ausschließlich utilitaristische Zivilisation meinen kann, weil eine solche gar nicht zu existieren in der Lage wäre. Wie nämlich von Friedrich August von Hayek überzeugend darlegt, pflegen „purifizierende“ Reformen eine Gesellschaft zum Untergang zu verurteilen, wenn sie nur konsequent genug durchgeführt werden (F. A. v. Hayek, 1991, S. 81). Eine hinreichend verbissene Utilitarismus-Orientierung dürfte entsprechende Folgen zeitigen. Scheler kämpft also gegen Windmühlen, oder er baut einen Popanz.

„Gut“, werden Sie sagen, „das ist einer von vielen, vielen Denkern. Muss man denn deshalb gleich von einer bedenklichen Strömung innerhalb der neueren deutschen Kultur sprechen?“ Man muss es – leider. Was in isolierter Darstellung wie die Grille eines einzelnen Philosophen wirken mag, die Melange aus Antiliberalismus und Gegnerschaft dem Angelsächsischen gegenüber, findet sich, wenn auch in veränderlichen Anteilen, bei vielen deutschen Denkern, und zwar sowohl bei jenen auf „der Linken“, als auch jenen auf „der Rechten“. Im Literarischen stößt es sowohl bei Bertolt Brecht auf, in dessen kapitalistischer Vorhölle „Sezuan“ die Währung nicht grundlos „Silberdollar“ heißt (B. Brecht, 1964, S. 18), als auch bei dem in Lebenshaltung und Schreibgestus gänzlich entgegengesetzten Stefan George, der seinem Groll auf Handel und Händler in dem Gedicht „Die tote Stadt“ Ausdruck gibt:

Die weite bucht erfüllt der neue hafen/Der alles glück des landes saugt · ein mond/Von glitzernden und rauhen häuserwänden ·/Endlosen strassen drin mit gleicher gier/Die menge tages feilscht und abends tollt./Nur hohn und mitleid steigt zur mutterstadt/Am felsen droben die mit schwarzen mauern/Verarmt daliegt · vergessen von der zeit.

Die stille veste lebt und träumt und sieht/Wie stark ihr turm in ewige sonnen ragt ·/Das schweigen ihre weihebilder schüzt/Und auf den grasigen gassen ihren wohnern/Die glieder blühen durch verschlissnes tuch.[…] (S. George, 1968, 243)

Die in der Hafenstadt handeltreibende („feilschende“) und anschließend nichtswürdigen Vergnügen nachgehende („tollende“) Menge dürfte Georges Schreckbild von „der angloamerikanischen Normalameise“ (George, nach Th. Karlauf, 2007, S. 504) spiegeln: „die völlige entseelung der menschheit, die amerikanisierung, die verameisung der erde, der sieg der Letzten Menschen aus dem Zarathustra, die das glück erfunden haben“ (George, nach Th. Karlauf, 2007, S. 505).

Die Malaise zeigt sich somit weit verbreitet. Bis sie schließlich unserer Tage bei einem gebildeten und freundlichen Manne wie Ueding auftritt, wenn er deutsche Kulturliebe angelsächsischem Kommerzdenken entgegensetzt.

*

Doch „endet nicht mit fluch der sang“ (S. George, 1968, S. 414). Was man tun soll, um die deutsche Sprache zu bewahren, sie gedeihen zu sehen? Ganz einfach: Dem Markt sein Recht lassen; er hat seine Gesetze. Ihn begreifen als das Meer, auf dem man segeln muß, kann und möchte. Und das Beste daran? Dergleichen dürfte sogar Freude bereiten!

Literatur

(anonym): VDS in Kürze. Leg. 2011. Online: http://www.vds-ev.de/verein (Zugriff am 3.09.2011).

R. Baader: Geld, Gold und Gottspieler.  Am Vorabend der nächsten Weltwirtschaftskrise.Gräfelfing: Resch 2005.

B. Brecht: Der gute Mensch von Sezuan. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1964.

S. George: Werke. Ausgabe in zwei Bänden, Bd. 1. Düsseldorf und München: H. Küpper 1968.

F. A. von Hayek: Die Verfassung der Freiheit. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1991.

Th. Karlauf: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. München: Blessing 2007.

A. Markovits: Uncouth Nation. Why Europe Dislikes America. Princeton: Princeton University Press 2007.

L. von Mises: Erinnerungen. Stuttgart und New York: Gustav Fischer 1978.

L. von Mises: The Anticapitalistic Mentality. Grove City: Libertarian Press 1972.

L. von Mises: Die Wurzeln des Antikapitalismus. Frankfurt a.M.: Fritz Knapp 1979.

W. Röpke: „Erziehung zur wirtschaftlichen Freiheit“. In: Albert Hunold: Erziehung zur Freiheit. Erlenbach-Zürich und Stuttgart: E. Rentsch1959, S.281-299.

M. N. Rothbard (Hrsg.): The Libertarian Forum, fünfter Jahrgang (1973), Nr. 11.

M. Scheler: Vom Umsturz der Werte. Abhandlungen und Aufsätze. Bern und München: Francke  1972.

A. Schopenhauer: Sämtliche Werke, Band 6. Wiesbaden: E. Brockhaus 1947.

G. Ueding: Macht über Marionetten. Die Zerstörung der Kultur durch die Zerstörung der Sprache. 2002. Online: http://www.vds-ev.de/component/content/article/113-literatur/700-prof-gert-ueding-macht-ueber-marionetten (Zugriff am 31. 07. 2010).

K. Wirth: Der Verein Deutsche Sprache. Hintergrund, Entstehung, Arbeit und Organisation eines deutschen Sprachvereins. Bamberg: University of Bamberg Press 2010. Online: http://www.oapen.org/download?type=document&docid=368156 (Zugriff am 4. 05. 2012)

***

Der vorstehende Text ist ein Auszug aus dem Aufsatz „Die vielen Zwecke der Germanistik in einer ‚amerikanisierten‘ Welt“, in: Anna Majkiewicz/Karsten Dahlmanns (Hrsg.), Germanistik in vielen Kulturen. Studien und Reflexionen, Częstochowa: Wydawnictwo Wyższej Szkoły Lingwistycznej w Częstochowie 2012, S. 31-54. Der Text wurde für die gegenwärtige Veröffentlichung überarbeitet.

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Geschichte Stil im Alltag

Fußball und Krieg

Das linke Titelblatt trägt den Text „Polen-Rußland. Die Schlacht um Warschau 2012“. Es spielt auf den in Deutschland wenig bekannten Polnisch-sowjetischen Krieg (Wojna polsko-bolszewicka) an – und die entscheidende Schlacht in ihm.

Das rechte Titelblatt ist schon etwas älter: aus dem Jahre 1996. Die englischen Fußball-Profis tragen Helme aus dem Ersten Weltkrieg. Und natürlich wird der kontinentale Gegner mit seinem Akzent geneckt: „For you, Fritz, ze Euro 96 Championchip is over.“

Bemerkenswert ist, daß jeweils auf die Zeit des vorletzten großen Krieges zurückgegriffen wird. Nähere Erinnerungen würden zu schmerzlich sein.

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Geschichte

Titanic-Überlebende auf der Carpathia

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Geschichte Negative Freiheit

Mit Rudyard Kipling zum neuen Jahr (II): Norman and Saxon

My son,“ said the Norman Baron, „I am dying, and you will be heir
To all the broad acres in England that William gave me for share
When he conquered the Saxon at Hastings, and a nice little handful it is.
But before you go over to rule it I want you to understand this:–

„The Saxon is not like us Normans. His manners are not so polite.
But he never means anything serious till he talks about justice and right.
When he stands like an ox in the furrow – with his sullen set eyes on your own,
And grumbles, ‚This isn’t fair dealing,‘ my son, leave the Saxon alone.

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Grünkernsuppe mit Totalitarismus

Zum deutschen Antimodernismus.

Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, hat ein Buch über die Grünen geschrieben und Spiegel online ein Interview gewährt. Darin heißt es:

SPIEGEL: Sie beschreiben die Grünen fast, als wären sie die neuen Nazis. Die Partei habe anfangs „gegen einen pragmatischen Politikstil und gegen die sich den Notwendigkeiten der Moderne öffnende Gesellschaft“ gekämpft.

Güllner: Ich will die Grünen um Gottes willen nicht mit den Nazis vergleichen. Doch rein soziologisch betrachtet, entstammte der ursprüngliche Nukleus dieser Bewegung in der Weimarer Zeit und später der Grünen-Bewegung dem gleichen antimodernen Segment der Gesellschaft, einem radikalisierten Teil der deutschen Mittelschicht.

Was soll man sagen? Das ist nichts Neues. Jeder, der sich auch nur ein wenig mit dem deutschen (bzw. deutschsprachigen) Antimodernismus seit der Zeit Wilhelms II. beschäftigt hat, zuckt mit den Schultern: „Ja mei…“

Dennoch brodelt es in der Grünkern-Fraktion.

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Antikapitalismus Geschichte Wissenschaft

Deutscher Antiamerikanismus: Das antikapitalistische Motiv

Siegfried Frederick „Fred“ Singer ist ein distinguierter Wissenschaftler aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Er lehnt die Hypothese von der anthropogenen Erderwärmung ab. Damit erregt er den Unwillen der Bundestagsfraktion „Bündnis 90/Die Grünen“. Am 3.11.2010 bringt sie eine Kleine Anfrage ein, deren Gegenstand Singer bildet:

Ist der Bundesregierung bekannt, von wem Herr Singer in der Vergangenheit für seine Aktivitäten finanziert worden ist? Sind der Bundesregierung in Deutschland Geldgeber bekannt, die – ähnlich wie Exxon und Koch Industries in den USA – die Aktivitäten von Klimawandelleugnern finanzieren?

[…] Teilt die Bundesregierung die Einschätzung, dass man durch Veranstaltungen mit Herrn Singer reinen Interessenvertretern der fossilen Energiewirtschaft ein Forum gibt und damit deren unwissenschaftliche Arbeiten und unseriösen Aktivitäten bewusst aufwertet?[1]

Wir erblicken ein klassisches adhominem-Argument. Eine inhaltliche Auseinandersetzung findet nicht statt. Dafür werden Verdächtigungen geäußert, welche die Glaubwürdigkeit Singers untergraben sollen. Der Hinweis auf die „Geldgeber“ soll den Wissenschaftler als käuflich desavouieren.

Nun wirkt diese Angelegenheit in vielfacher Hinsicht bedenklich. Dirk Maxeiner empfiehlt sie Geschichts- und Sozialkundelehrern als Gegenstand einer Unterrichtsstunde zum Thema Totalitarismus[2]. Das mag noch übertrieben sein[3], obgleich das Vorgehen der Bundestagsfraktion „Bündnis 90/Die Grünen“ Anlaß zu mancherlei politischem, moralischem und auch ästhetischem Einwand gibt.

Uns soll vor allem eines interessieren: Das antikapitalistische Motiv, und wie es auf die Vereinigten Staaten gemünzt wird. Ganz offenbar wird Singers Wirken von den Grünen im Bundestag als eine Bedrohung empfunden, zu der es ohne die Finanzierung durch amerikanische Konzerne nicht gekommen wäre. Die USA treten in diesem Szenario als Nation auf, welche am stärksten durch den Kapitalismus geformt, in welcher der Kapitalismus am schärfsten ausgeprägt ist – und nach Deutschland getragen wird. Als jener „Brand […], der in die umfriedeten Hütten unserer Kultur geschleudert wird“, wie es Werner Sombart im Jahre 1913 ausgedrückt hat[4]. Hier haben wir eines der wesentlichen Motive des deutschen Antiamerikanismus in seiner Kontinuität: Eine westliche Nation bedroht mit ihrem Kapitalismus deutsche Wege und Weisen, und wie sowohl die Feuer-Metapher, als auch die Emphase der Klima-Diskussion andeuten, handelt es sich dabei um einen Konflikt auf Leben und Tod.

Zum Amerika-Bild deutscher Eliten vor 1914

Zehn Jahre vor dem Ersten Weltkriege lud St. Louis zur Weltausstellung in die Vereinigten Staaten von Amerika. Unter den Gästen waren auch bedeutende Vertreter des reichsdeutschen Wissenschaftsbetriebs, Max Weber und Werner Sombart, einer der führenden Vertreter der Jüngeren Historischen Schule in der Nationalökonomie, Verfasser vieler damals für bedeutend gehaltener Bücher, die über das Fachpublikum hinaus gelesen wurden.

Sombart kehrte mit Eindrücken aus Amerika wieder, die sich von denen Webers fundamental unterscheiden; er stieß sich an der (vermeintlichen oder tatsächlichen) Kommerzialisierung des Lebens in der Neuen Welt: „«Greetings from this ghastly cultural Hell» read one of his postcards back to Germany. To another colleague he wrote that America was the land of the «Götterdämmerung of culture»”[5]. Weber hingegen vermochte mehr zu sehen, nämlich zum einen die religiöse Fundierung des Gastlandes:

Weber uncovered in the sects that he encountered in his America travels a “moral kernel” beneath what appeared to be that land’s shallow materialism. In doing so, he reversed the formula by which most German academics, including Sombart, viewed America. The American “sect,” for him, demonstrated that in the midst of modern capitalism the personal ethic of individual responsibility, about which he was writing in The Protestant Ethic, had survived and was the basis for social action.[6]

Wer sich der Weber’schen Charakterisierung protestantischer Kirchenzucht (das Luthertum ausnehmend) erinnert[7], dürfte erkennen, daß auf dieser Ebene von Laissez-faire und Anything goes keine Rede sein kann.

Zum anderen begreift Weber die Wirkung freiwilliger und zugleich anspruchsvoller Vereinigungen innerhalb und außerhalb der religiösen Sphäre. Da jeglicher Interessent sich um Aufnahme bewerben muß und, sofern durch keinen hinreichend anständigen Lebenswandel gewürdigt, abgewiesen werden kann, ist ein positiver Bescheid „gleichbedeutend mit einem Billet zum Aufstieg, vor allem mit der Bescheinigung vor dem Forum seines eigenen Selbstgefühls: sich «bewährt» zu haben.“[8] Weber bezeichnet diese Vereinigungen als „Träger jener ständischen Aristokratisierungstendenzen, welche, neben und – was wohl zu beachten ist – zum Teil im Gegensatz zur nackten Plutokratie“[9] wirken; „in der Vergangenheit und bis in die Gegenwart hinein war es ein Merkmal gerade der spezifisch amerikanischen Demokratie: daß sie nicht ein formloser Sandhaufen von Individuen, sondern ein Gewirr streng exklusiver, aber voluntaristischer, Verbände war.“[10]

Wie das Wort „mehr“ andeutet, handelt es sich hier nicht bloß um eine Meinungsverschiedenheit zwischen Sombart und Weber, die als subjektiv zu übergehen wäre. Vielmehr erfaßt der Soziologe all dasjenige, was auch der Vertreter der Jüngeren Historischen Schule in der Nationalökonomie zu erblicken vermag, und darüber hinaus die beiden gegenwärtig beschriebenen Sachverhalte. Damit erweist sich Webers Diagnose als umfassender und also – vom Standpunkt des Kritischen Rationalismus – besser im Vergleich zur Sombart’schen. [11].

Was Sombart auf seinen Postkarten nur anreißt, findet monumentalen Ausdruck in seinem Werk Der Bourgeois. Zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen, das im Jahre 1913 erschienen ist. Dort erscheinen die Vereinigten Staaten von Amerika als das am meisten „kapitalistische“ Land[12]. Dabei dienen die prominentesten Vertreter der „amerikanischen Dollarmenschen“[13] als Belege für die psychologisierende Hauptthese des Buches, daß der „moderne Wirtschaftsmensch“ zutiefst kindisch – und dessen Infantilität ansteckend sei:

In der Tat scheint mir die Seelenstruktur des modernen Unternehmers, wie des von seinem Geiste immer mehr angesteckten modernen Menschen überhaupt am ehesten uns verständlich zu werden, wenn man sich in die Vorstellungs- und Wertewelt des Kindes versetzt […]. Die letzten Wertungen dieser Menschen bedeuten eine ungeheure Reduktion aller seelischen Prozesse auf ihre allereinfachsten Elemente […], sind also eine Art von Rückfall in die einfachen Zustände der Kinderseele.[14]

Sombart läßt eine viergliedrige Analogie folgen, die diese These belegen soll. So spiegele zum Beispiel die Freude des Kindes an bloßer Größe, wie sie dessen Bewunderung für den Erwachsenen verrate, die Vorliebe des „modernen Wirtschaftsmenschen“ für das Quantitative:

In Amerika, wo wir natürlich diesen „modernen“ Geist immer am besten studieren können, weil er hier seine einstweilen höchste Entwicklungsstufe erreicht hat, macht man kurzen Prozeß und setzt einfach den Kostenpreis vor den zu bewertenden Gegenstand […]: „Haben Sie den 50 000-Dollar-Rembrandt im Hause des Herrn X. schon gesehen?“[15]

Wenn wir die Namen „Weber“ und „Sombart“ als Chiffren für zwei Weisen nehmen, in denen man sich den Vereinigten Staaten von Amerika nähern kann, unterliegt kaum einem Zweifel, daß der Sombart’sche Weg in Deutschland den Sieg davongetragen hat. Dies zu konstatieren, bedeutet natürlich nicht zu behaupten, daß ein jeder, der dem Sombart’schen Weg folgt, dessen Werke gelesen habe. Es geht schlicht darum, daß eine Haltung, die der Sombart’schen entspricht, sich unter deutschen Eliten weit verbreitet findet.

Der Erste Weltkrieg dürfte dazu beigetragen haben. Beide Seiten befleißigten sich höchst „kreativ“ der Propaganda, und auch die geistigen Schichten wollten nicht zurückstehen[16]. Wie Ludwig von Mises in der Rückschau auf die erste Zeit des Krieges bemerkt, konnte manches Mitglied der Jüngeren Historischen Schule „sich in Anpöbelung der «Unkultur» der Franzosen und Engländer nicht genug tun.“[17] Nach Eintritt der Vereinigten Staaten sollte auch ihnen die nämliche Ehre zugekommen sein.

Einen der verstörendsten Beiträge in diesem Zusammenhang liefert Max Scheler, der Begründer der Materialen Wertethik, welcher später einen großen Einfluß auf Karol Wojtyła/Johannes Paul II. ausüben sollte[18]. Der deutsche Philosoph zeigte schon vor dem Ersten Weltkrieg eine bis ins Eugenische vorgetriebene Angelsachsen-Verachtung. Seiner Auffassung nach rekrutiere in den Vereinigten Staaten und Großbritannien

die repräsentative Frauenschicht – ceteris paribus – sich mehr und mehr, wahrscheinlich schon durch Auslese der Erbwerte, aus solchen Individuen […], die spezifisch weiblicher Reize bar sind und wenig durch Liebes- und Mutterschaftssorgen im sozialen Emporkommen, in „Berechnung“ und kontinuierlichem Dienst an einer wesentlich utilitaristischen Zivilisation, gehindert sind.[19]

Scheler wiederholt den Fehler Sombarts – auf den er sich bei anderer Gelegenheit mit großem Lobe beruft[20] –, keinen tieferen Zug der amerikanischen Gesellschaft zu erfassen. Seine Ausführungen gehen somit an der Sache vorbei. Außerdem muten die Anwürfe Schelers trivial an – in dem Sinne nämlich, daß sie äußerst einfach herzustellen sind. Der Philosoph verläßt sich auf den Umstand, daß es für eine Frau, die sich in einen wohlsituierten Mann verliebt hat, unmöglich sein dürfte, einem Außenstehenden zu beweisen, daß sie jenen nicht seines Geldes wegen eheliche. Im Zweifelsfall läßt sich immer noch ein Essentialismus[21] – etwa „im Grunde“ oder „in letzter Konsequenz“ – einfügen, der alle Bemühungen der Dame zunichte macht. Vertreter des Kritischen Rationalismus sprechen in solchen Fällen von Immunisierung[22].

Fassen wir zusammen: Das Bild der Vereinigten Staaten von Amerika als zur Gänze kommerzialisierter und „bloß kapitalistischer“ Nation wird von Sombart und Scheler durch eine in dienlicher Weise unvollständige Bestandsaufnahme gewonnen und aufrechterhalten. Scheler folgend, vernichtet der Kapitalismus Weiblichkeit, Liebe und Ehe; die Grünen im Bundestag befürchten das Nämliche vom Einfluß des Kapitalismus auf die Wissenschaft. In beiden Fällen lägen die Dinge in Amerika am ärgsten. Die Bundestagsfraktion „Bündnis 90/Die Grünen“ nimmt ein Motiv auf, das bereits vor dem Ersten Weltkrieg unter deutschen Eliten virulent war.

Mit wissenssoziologischen Argumenten gegen die Bedingungen der Möglichkeit von Wissenschaft

Nun zeugt die Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag nicht lediglich von der Fortdauer des Kapitalismus-Motivs im deutschen Antiamerikanismus, sondern auch von der ungebrochenen Vorliebe für „entlarvende“, das heißt wissenssoziologische Argumente. Was Professor Singer sagt und schreibt, erhält weniger Aufmerksamkeit als die Frage, wer dessen Studien (ko-)finanziere.

Die Wissenssoziologie bildet eine von deutschen Denkern wesentlich geprägte Tradition. Scheler wird unter deren Vertreter gerechnet, Friedrich Nietzsche und Karl Marx zu deren Vorläufern. Die Wissenssoziologie „behauptet, daß das wissenschaftliche Denken und insbesondere das Denken über soziale und politische Angelegenheiten […] zum Großteil durch unbewußte und unterbewußte Elemente beeinflußt“[23] wird. „Diese Elemente bleiben dem beobachtenden Auge des Denkers verborgen, da sie gleichsam der Ort sind, den er bewohnt, sein sozialer Standort.“[24] Dabei besteht das Anliegen der Wissenssoziologie darin, zu größerer Objektivität beizutragen: „Der Weg zum wahren Wissen scheint in der Entschleierung unbewußter Annahmen, in einer Art […] Soziotherapie zu bestehen. Nur wer sozio-analysiert worden ist oder sich selbst sozio-analysiert hat“[25], darf hoffen, seine Irrtümer zu durchbrechen und objektives Wissen zu erlangen.

Leider trügt diese Hoffnung. Denn es bleibt unklar, weshalb eine solche Sozioanalyse zu höherer Objektivität führen sollte. Schließlich könnte sie lediglich darauf hinauslaufen, daß bestehende Vorurteile durch andere Vorurteile ersetzt werden. Außerdem erweist sich die Wissenssoziologie als selbstüberwindend (self-defeating): Auch sie ist von Menschen erschaffen worden, die einen „sozialen Standort“ haben; – also dürfte nach ihren eigenen Maßgaben kaum geraten sein, ihr zu vertrauen[26].

Wie wir spätestens seit Adam Smiths „unsichtbarer Hand“ wissen, unterliegen menschliche Handlungen dem Gesetz von den unbeabsichtigten Folgen[27]. Eine der ungewollten Konsequenzen der Wissenssoziologie besteht darin, daß sie die Bedingungen der Möglichkeit einer sachbezogenen Auseinandersetzung untergräbt. Nennt Marx Jeremy Bentham „dies nüchtern pedantische, schwatzlederne Orakel des gemeinen Bürgerverstandes des 19. Jahrhunderts“[28], vermeidet er eine Diskussion des Bentham’schen Standpunkts – und damit alles, was an Wissenschaft gemahnt. Dafür wendet er eine Waffe an, die als Ideologie-Verdacht zu bezeichnen üblich geworden ist.

Auch die Bundestagsfraktion der Grünen bedient sich des Ideologie-Verdachts. Kollateralschäden: Vernunft und Wissenschaft.

Cui bono?

Heiko Beyer und Ulf Liebe untersuchen die Verwandtschaft von Antiamerikanismus und Antisemitismus[29]. Ihre Ergebnisse sind auch für den vorliegenden Aufsatz interessant, der den Antikapitalismus als Topos des Antiamerikanismus betrachtet. Schließlich zeigen auch Antisemitismus und Antikapitalismus manchen gemeinsamen Zug, wie in nuce Marx’ Aufsatz „Zur Judenfrage“ zeigt[30].

Beyer und Liebe spüren Strukturprinzipien nach, die sowohl dem Antiamerikanismus, als auch dem Antisemitismus eignen. Dazu zählen sie (i) „Personifizierungen von Modernisierungsfolgen“, (ii) die „Konstruktion identitärer Kollektive“ und (iii) „Manichäismus“, sowie (iv) einen dienlichen Eklektizismus der Erfahrungswirklichkeit gegenüber[31].

Wenn wir, diesen Strukturprinzipien folgend, die Frage nach dem Nutzen stellen – die immer auch die Frage einschließt, um wessen Nutzen es sich handle –, erhalten wir bemerkenswert ernüchternde Ergebnisse:

Ad (i): „Die Bestimmung «Amerikas» als Ort einer beängstigenden Zukunft, […] bzw. der «Amerikaner» als deren Macher“[32]. Wer die Dynamik einer Offenen Gesellschaft als beängstigend empfindet, sich – wie etwa Scheler[33] – nach einer ständisch geordneten, ruhenden Gesellschaft zurücksehnt, mag es tröstlich finden, wenigstens in Gedanken die beständige Veränderung schaffenden Kräfte aus der eigenen Gesellschaft hinaus in eine andere Gesellschaft hinein zu verlagern. So „sind“ es dann die Amerikaner, welche die Jugend verderben, die Männer geldgierig und die Frauen aufsässig machen.

Ad (ii): Indem den Amerikanern als „Fremdgruppe“ moralische Defizite unterstellt werden, wird „die Eigengruppe hypostasiert“[34], das heißt überhaupt erst als Gemeinschaft erlebbar gemacht. Ohne die Kontrastfolie eines äußeren Gegners oder Übels würde die Eigengruppe schnell in Untergruppen zerfallen, die einander gleichgültig oder abhold sind. (Beispiele: Der „Burgfrieden“ im innerlich zerstrittenen Deutschen Reiche; das Verhalten der Anhänger beliebiger Fußballvereine.)

Ad (iii): Wie Licht den Schatten braucht, um wirken zu können, bedarf der Gute des Bösen, um sich auszuzeichnen. Wenn „«Amerika» auf der Seite des Bösen steht bzw. als das Böse schlechthin ausgemacht wird“[35], läßt sich die Eigengruppe als Kreis moralisch höherstehender Menschen erleben. Ein entsprechender Mechanismus greift, wenn die Amerikaner als bäurisch und von fast food verdorben beschrieben werden; dies erlaubt, die der Eigengruppe Zugehörigen als ästhetisch höherstehender, kultivierter zu erleben.

Ad (iv): Natürlich bedarf es bei alledem eines in dienlicher Weise selektiven Umgangs mit der Erfahrungswirklichkeit. Gewissenhaftigkeit der Empirie gegenüber – jenes Bemühen um eine umfassende Bestandsaufnahme, die Max Weber vor Werner Sombart auszeichnet; dazu die von Karl Popper gepredigte Bereitschaft, sein Denken von der Erfahrungswirklichkeit korrigieren zu lassen[36] – dürfte es wenigstens erschweren, dem Antiamerikanismus anzuhängen.

Wie die Einträge (i) bis (iii) zeigen, zahlt sich Antiamerikanismus aus. Wenn nicht in klingender Münze, so in Selbstüberhöhung. Wenn Sombart vom „amerikanischen Dollarmenschen“ schreibt, versichert er sich und anderen, kein Geldmensch zu sein. Wenn der Dichter Stefan George, ein Zeitgenosse Sombarts und Schelers, von „der angloamerikanischen Normalameise“[37] spricht, bezeugt er sich und anderen, kein Durchschnittsmensch zu sein. Und wenn die Bundestagsfraktion von „Bündnis 90/Die Grünen“ die Finanzierung Singer’scher Forschungsprojekte durch amerikanische Konzerne inkriminiert, vermitteln sie sich und anderen den Eindruck, keiner entsprechenden Einflußnahme zu unterliegen: Deutsche Politiker wollen objektiver als ein renommierter Wissenschaftler aus den USA sein[38].

Um welchen Preis?

Alles hat seine Zeit – und seinen Preis. So auch der Antiamerikanismus und die ihn erst ermöglichende (deshalb: dienliche) Unbekümmertheit der Empirie gegenüber. Leider erlaubt der beschränkte Rahmen eines Aufsatzes lediglich, einen grundsätzlichen Aspekt dieses mehr als faszinierenden Problemkomplexes zu betrachten.

Antiamerikanismus führt zu einer folgenreichen Fehlorientierung, wo die großen Revolutionen des achtzehnten Jahrhunderts in Rede stehen. So hält es Popper für

tragisch, daß Europa fast immer nur dem mißlungenen Beispiel der Französischen Revolution (mißlungen jedenfalls bis zu de Gaulles Etablierung der Fünften Republik) Beachtung geschenkt hat, während das großartige Beispiel der Amerikanischen Revolution – zumindest im Schulunterricht – kaum zur Kenntnis genommen und fast immer mißverstanden wird. Denn Amerika hat den Beweis geliefert, daß die Idee der persönlichen Freiheit, wie sie zuerst Solon von Athen zu verwirklichen suchte und wie sie Immanuel Kant durchdachte, kein utopischer Traum ist. Das amerikanische Beispiel hat gezeigt, daß eine Regierungsform der Freiheit nicht nur möglich ist, sondern die größten Schwierigkeiten überwinden kann; eine Regierungsform, die vor allem darauf gegründet ist, die Despotie zu vermeiden – nicht zuletzt auch die Despotie der Majorität des Volkes – durch eine Teilung und Verteilung der Macht und durch gegenseitige Kontrolle der geteilten Mächte.[39]

Die Leistung der amerikanischen Revolution liegt somit darin, die Despotie des Adels abzuschaffen und sie nicht, wie in Frankreich (und später in Rußland und Deutschland) geschehen, durch eine neue Despotie des Pöbels, bzw. sich des Pöbels bedienender Intellektueller[40] oder sonstiger Glücksritter zu ersetzen; die amerikanische Revolution hat die alte Despotie beendet und keine neue Despotie an ihre Stelle gesetzt. Dies leistet die amerikanische Verfassung, wie Popper ausführt, durch ihre Checks and Balances, und durch Limited Government, den Schutz des Bürgers vor der Mehrheit seiner Mitbürger und vor dem Staate. Wie wichtig dergleichen Rechtsgüter sind, zeigen die Exzesse der französischen Revolution (über die jene des Ancien Régime nicht vergessen werden sollten[41]) und die Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts.

Die Früchte der beschriebenen Fehlorientierung zeigen sich bis in unsere Tage. Auch im heutigen Europa lassen sich autoritäre oder gar totalitäre Tendenzen ausmachen. Ökologismus und Klima-Kult weisen bereits hinreichend Faktenresistenz und Manichäismus auf,[42] um Sorge zu bereiten, und wie es sich für eine aufkeimende totalitäre Bewegung gehört, kommt es bereits zu Fällen vorauseilenden Gehorsams – indem etwa Kinder-Malwettbewerbe untergehenden Eisbären gewidmet werden[43]. Auch wird bereits von Gewaltakten wider Andersdenkende phantasiert, wie (nicht nur) der Skandal um einen Werbefilm für die Kampagne „10:10“ zeigt,[44] in welchem dissidente Schulkinder, Mitarbeiter u.a. schlankerhand in die Luft gesprengt werden[45]. Wenn eine solche Bewegung sich des Staats bemächtigt, oder der Staat gleichsam auf sie aufspringt, sind unter europäischen Verfassungen größere Übel für den einzelnen Bürger zu befürchten, als dies in Amerika der Fall wäre.

Ein weiteres Zeichen, das Besorgnis erregt, bilden die jüngsten Prozesse gegen Bürger der Niederlande (Geert Wilders), Italiens (Oriana Fallaci), Dänemarks (Lars Hedegaard), Österreichs (Elisabeth Sabaditsch-Wolff, Susanne Winter) und Frankreichs (Michel Houellebecq, Brigitte Bardot), die von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen, bzw. gemacht haben[46]. In den Vereinigten Staaten von Amerika wären derartige Prozesse durch den Ersten Verfassungszusatz ausgeschlossen.

Zusammenfassung und Ausblick

Das antikapitalistische Motiv im deutschen Antiamerikanismus setzt eine gewisse Blindheit bezüglich der Vereinigten Staaten voraus, und es befördert diese Blindheit. Wer wie Werner Sombart und Max Scheler in den USA bloß Kommerzialisierung und Kapitalismus erblickt, hat es versäumt, die tieferen Züge des Landes zur Kenntnis zu nehmen, wie es Sombarts Zeit- und Reisegenosse Max Weber vermochte. Mit dem antikapitalistischen Motiv im deutschen Antiamerikanismus verwoben zeigt sich ein wissenssoziologisch gefärbter Angriff auf die Glaubwürdigkeit amerikanischer Wissenschaftler; sie seien durch ihre Geldgeber korrumpiert. Dieser Anwurf wurzelt in einer von deutschen Denkern (Marx, Scheler) wesentlich geprägten Tradition. Zu deren nicht-intendierten Folgen gehört, daß sie die Bedingungen der Möglichkeit von Wissenschaft, mithin sachbezogener Diskussion untergraben. Das antirationalistische (und also antizivilisatorische, kulturzerstörende) Potential einer solchen Haltung sei hier noch einmal unterstrichen.

Der Antiamerikanismus hat seinen (subjektiven) Nutzen; werden „die Amerikaner“ zum Bösen, läßt sich die Eigengruppe als Gruppe erfahren und in durch den (vermeintlichen oder tatsächlichen) Kontrast als höherwertig erfahren. Wie Popper ausführt, ist dafür der Preis einer sehr tief reichenden Fehlorientierung in staatsphilosophischen Fragen zu zahlen: Es bleibt unverstanden, wie wichtig der Schutz des einzelnen Bürgers vor der Despotie der Mehrheit seiner Mitbürger und des Staates ist. Wer in den USA nur Kommerz und Kapitalismus erblickt und an der Freiheit vorbeiblickt, die notwendig (negative) Freiheit des Einzelnen ist[47] und „bereits im Bereiche der Wirtschaft als der vordersten Frontlinie verteidigt werden“[48] muß, dem harren: Etatismus, Autoritarismus und, wenn es schlimm kommt, Totalitarismus.

Anmerkungen

[1] D. Maxeiner: Grüne machen mit Klimakatastrophen-Zweiflern den Sarrazin.
Online: http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/
gruene_kleine_anfrage_zwecks_aushebelung_der_meinungsfreiheit
[Zugriff am 12.11.2010].

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. jedoch unten, im Abschnitt „Um welchen Preis?“.

[4] W. Sombart: Der Bourgeois. Zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen. Reinbek: Rowohlt 1988, S. 345.

[5] C. Loader: Puritans and Jews: Weber, Sombart and the Transvaluators of Society. „Canadian Journal of Sociology“, Jg. 26, Nr. 4, 2001, S. 636.

[6] Ebd., S. 639.

[7] M. Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1988, S. 20-21.

[8] Ebd., S. 215.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Dieses Argument orientiert sich am sog. Teilklassenvergleich, wie er von K. Popper beschrieben wird. Vgl. K. Popper: Logik der Forschung. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1976, S. 80–81 beschrieben wird.

[12] Vgl. W. Sombart: Der Bourgeois…, S. 150, 294.

[13] Ebd., S. 27; vgl. ebd. S. 169–170, 172, 180–181.

[14] Ebd., S. 171.

[15] Ebd., S. 172.

[16] Vgl. G. Moore: The Super-Hun and the Super-State: Allied Propaganda and German Philosophy During the First World War. „German Life and Letters“, Jg. 54, Nr. 4, 2001, S. 310–330.

[17] L. von Mises: Erinnerungen. Stuttgart: Gustav Fischer 1978, S. 40.

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Aus: Majkiewicz / Dus (Hrsg.), Idea przemiany 3, Czestochowa 2011, S. 165-177

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Geschichte

Christian Graf von Krockow: Drei Blicke auf Preußen

„Die Deutschen in ihrem Jahrhundert 1890-1990“ ist ein bemerkenswertes Buch. Es bietet eine Fülle nachdenklicher Passagen, die selbst dort, wo man seinem Verfasser Graf von Krockow nicht zustimmen möchte, bedenkenswert sind. Zumal auch der Ton des Werks angenehm wirkt; man hat den Eindruck, einem gelehrten und kultivierten Manne zu lauschen, wie dieser seine Gedanken entwickelt.

Es folgen drei Passagen aus dem Werk des Grafen, die von Preußen handeln. Deren erste weist darauf hin, was Preußen nicht ist:

Hitler behauptet, daß er die preußische Armee zum Vorbild nimmt. Dort aber gab es den absoluten und blinden Gehorsam der Befehlsempfänger gerade nicht. Es galt vielmehr die Eigenverantwortlichkeit in der Ausführung – wie die Anekdote aus der Schlacht bei Königgrätz anschaulich macht: Ein Major hat etwas Unsinniges getan und beruft sich auf den Befehl, der ihm erteilt wurde. Doch er bekommt zu hören: „Herr, dazu hat Sie der König von Preußen zum Stabsoffizier gemacht, daß Sie wissen, wann Sie einen Befehl nicht ausführen dürfen!“

Die zweite Passage reicht tief in die Ethik und Geschichtsphilosophie; sie fragt nach dem summum bonum „des“ Preußen – und sucht den Kontrast in der Neuen Welt:

…kommt es auf den Idealismus des Selbstopfers im Dienst für das Höhere und Höchste an, sei dies der Staat, das Volk, die Gemeinschaft oder was auch immer. Nicht das Lebensglück zählt, sondern die Pflichterfüllung. Auch dafür hat der Soldatenkönig das Muster geschaffen; in seinem Zeichen steht der Kampf mit dem Thronerben – und der Sieg des Vaters über den Sohn. Was wiegt dagegen der persönliche Preis, den Friedrich zahlen muß, die unerbittlich wachsende Einsamkeit, am Ende die Menschenverachtung, der bloß noch Hunde als Gefährten bleiben?

Unsere Kathedrale der Pflichterfüllung, über einer Schädelstätte des Glücks aufgetürmt: Es ist des Nachdenkens wert, daß noch zu Lebzeiten des großen Königs, 1776, fern im Westen der Gegenentwurf seine Gestalt finden wird, der dazu bestimmt ist, Epoche zu machen: „pursuit of happiness“, das Streben nach Glück als ein dem Menschen eingeborenes und unveräußerliches Recht.

Ernst Jünger allerdings hat wiederum dazu die Gegenparole gefunden: „Jede Haltung“, sagt er 1932, „der ein wirkliches Verhältnis zur Macht gegeben ist, läßt sich auch daran erkennen, daß sie den Menschen nicht als Ziel, sondern als Mittel… begreift. Der Mensch entfaltet seine höchste Kraft, entfaltet Herrschaft überall dort, wo er im Dienste steht. Es ist das Geheimnis der echten Befehlssprache, daß sie nicht Versprechungen macht, sondern Forderungen stellt. Das tiefste Glück des Menschen besteht darin, daß er geopfert wird, und die höchste Befehlskunst darin, Ziele zu zeigen, die des Opfers würdig sind.“ Das erwies sich keineswegs als Wahn, sondern als eine deutsche Wahrheit – oder wenn es denn Wahn war, als der schreckensvoll wirksame.“

Die dritte und letzte Passage schließlich beleuchtet anläßlich der de-facto-Vernichtung Preußens den deutschen Regionalismus, eine – wie bei dieser Gelegenheit zu bemerken sowohl sinnvoll, als auch verzeihlich sein mag – aus polnischer Perspektive oftmals unterschätzte Größe in der deutschen Geschichte:

Der Verfasser ist zufällig Zeuge eines Festakts zur Gründung der „Niedersächsischen Landespartei“ im Jahre 1946 gewesen. Damals stellte der Hauptredner – später Bundesminister, dann Ministerpräsident von Niedersachsen – die geschichtliche Stunde unter das Motto: „Der Erbfeind (Preußen) liegt zerschmettert am Boden, die achtzigjährige Schmach von Langensalza (Kapitulation der hannoverschen Armee vor der preußischen) [oben] ist gelöscht und die gelbweiße Fahne wieder am Mast!“

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Christian Graf von Krockow, „Die Deutschen in ihrem Jahrhundert 1890-1990“, rev. und erw. Ausgabe, Reinbek bei Hamburg 1990, Seiten 162-163, 413 und 442.