Perfekter Tag

„Hohe Luft“ über Kleinpolen. Strahlender Sonnenschein in glasklarer Kälte. Die Streifenfelder zeichnen die Umrisse der wenigen Wolken nach. Auf den zumeist sehr schmalen Äckern sind die Haupt- oder Nebenerwerbsbauern mit ihren jahrzehntealten Ursus-Traktoren unterwegs, die ebenso unverwüstlich sind wie ihre Besitzer, zumal Letztere an Ersteren selbst herumschrauben können. Es ist Sankt Michaelis, Festtag des Erzengels Michael.

Wieder im Haus, finde ich die Mail eines Freundes aus Deutschland vor. Eine seiner Bekannten habe sich die Zeit genommen, Trumps Ansprache vor den Vereinten Nationen zur Gänze und im Original zu hören, halte das meiste davon für sehr vernünftig, weil die Trittbrettfahrerei auf Kosten der westlichen Führungsmacht aufhören müsse. Überhaupt habe sie manches überdacht, bedaure vorschnelle und harsch vorgetragene Urteile über den Mann, der mir die Mail geschrieben hat, sei über ihre Arroganz sogenannten Rechtspopulisten gegenüber erschüttert, wiewohl sie nicht allem, was sie auf dieser Seite des Spektrums höre, zustimmen könne und wolle. Jedoch bildeten, das sehe sie nun ein, eben sowohl die Emergenz neuer Parteien, als auch die Divergenz der Meinungen unablösbare Züge dessen, was man Demokratie und Freiheit zu nennen pflege. Mein Freund möge ihr, die, wenn ich recht orientiert bin, keine Verflossene ist, nachsehen, daß sie die letzten Jahre in unzureichend durchlüfteten Milieus übellauniger Ausrichtung verbracht, sich die tektonischen Verschiebungen im bundesdeutschen Diskurs – er habe lächeln müssen, als er dieses ihm lange schon albern scheinende Wort wie einen Bodensatz alter Sünde (a mind not to be chang’d) in ihrem Schreiben las – nur unzureichend bewußt gemacht habe. Der Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus leuchte ihr ein, seit einiger Zeit schon, habe sie geschrieben, wiewohl sie niemandem außer ihm kenne, zu dem sie darüber sprechen könne; und, ja, man müsse stets prüfen, ob derjenige, welcher hochtrabende Forderungen moralischer Natur vorbringt, von Liebe oder Ressentiment getragen werde.

Sie glauben das nicht? Ich (leider) auch nicht.

Stefan George (12.07.1868-4.12.1933)

Heute vor einhundertfünfzig Jahren wurde Stefan George geboren. Ein Leserbrief-Schreiber auf der Achse des Guten fragt, warum er lesen solle, was „dieses unverständliche, mystisch überzogene Ego“ verfaßt habe.  Nun, darum vielleicht:

Sie sagen dass bei meinem sang die blätter
Und die gestirne beben vor entzücken ·
Dass die behenden wellen lauschend säumen ·
Ja dass sich menschen trösten und versöhnen.
Erinna weiss es nicht · sie fühlt es nicht.
Sie steht allein am meere stumm und denkt:
So war Eurialus beim rossetummeln
So kam Eurialus geschmückt vom mahle –
Wie mag er sein bei meinem neuen liede?
Wie ist Eurialus vorm blick der liebe?

Hoffnung durch Menschenwitz und Kunst

Eine britische Firma hat eine Armprothese entwickelt, die sich steuern läßt, ihrem Träger das Greifen, Halten und Fangen ermöglicht. Zudem ist sie erschwinglich, da im 3D-Printverfahren hergestellt. Schauen Sie in den Film hinein, um sich von zweierlei Freude anstecken zu lassen: von der Freude derjenigen, denen das Ding ein besseres Leben ermöglicht, und der Freude derjenigen, die das Ding entwickelt haben und weiter verbessern. Dergleichen wirkt besser als Kaffee!

Master Sgt. Roddie Edmonds: „We are all Jews.“

Während der Schlacht in den Ardennen (1944/45) gefangengenommen, fand sich Master Sgt. Roddie Edmonds in einem deutschen Kriegsgefangenenlager wieder – als Dienstältester unter etwa 1200 Mann.

Und jetzt versetzen wir uns in ihn hinein. Stellen Sie sich vor, unter Ihren Soldaten sind rund zweihundert Juden. Stellen Sie sich vor, wie ein deutscher Offizier auf Sie zukommt und verlangt, daß Ihre jüdischen Kameraden heraustreten sollen. Was antworten Sie?

Klicken Sie hier, um zu dem knapp viertelstündigen Film zu gelangen. Weitere Informationen bei Yad Vashem.

Der Verfassungsrichter und die Litanei um Demut

Clarence Thomas ist ein interessanter Mann. Aus äußerst ärmlichen Verhältnissen stammend, eine Kindheit inmitten von Analphabetismus, des Englischen nicht mächtig, gelehrt von katholischen Nonnen, aufgestiegen zu einem der Verfassungsrichter der Vereinigten Staaten von Amerika – also (bis zu dessen Ableben) Kollege Antonin Scalias, der auf diesen Seiten bereits ausführlich zu Wort gekommen ist.

Das Interview mag zu Beginn ein wenig seltsam wirken, weil Thomas von seiner Frau interviewt wird, der Stil „kritischen“ Europäern wenig zusagen dürfte. Sehen Sie es sich bitte trotzdem weiter an. Zumal – passend in die Zeit vor Ostern – der knapp siebzigjährige Verfassungsrichter beschreibt, welche große Rolle in seinem Leben die Litanei um Demut gespielt hat und weiterhin spielt. (Siehe auch die englische Version, auf die sich Ginni und Clarence Thomas beziehen.)

Sollen wir’s wagen, etwas daraus zu zitieren, nachdem schon so vor- und nachsichtig von der „Zeit vor Ostern“ geschrieben worden ist?

Jesus, gewähre mir die Gnade, das zu wünschen, daß andere höher geschätzt werden als ich; Jesus, gewähre mir die Gnade, das zu wünschen, daß andere mehr geliebt werden als ich; Jesus, gewähre mir die Gnade, das zu wünschen, daß andere auserwählt werden und ich leer ausgehe; Jesus, gewähre mir die Gnade, das zu wünschen, daß andere Lob erhalten und ich übersehen werde; Jesus, gewähre mir die Gnade, das zu wünschen, daß andere mir in allem vorgezogen werden; Jesus, gewähre mir die Gnade, das zu wünschen, daß andere heiliger werden als ich, vorausgesetzt, daß ich so heilig werde, wie ich soll.

Kein schlechtes Alternativprogramm zur Jagd auf die sprichwörtlichen 15 Minuten Ruhm. Und daß man damit weit kommt – so weit, wie man eben soll (nicht: will) – zeigt das Beispiel Clarence Thomas‘ selbst.

Bitte klicken Sie auf das Bild, um zu dem Film zu gelangen.

Wytrzymać – Aushalten

kosciol-sw-anny-w-krakowie

Der Krakauer Pfarrer Wojciech Węgrzyniak erzählt eine Anekdote, die mir nicht übel gefällt:

Na kolacji usiadłem naprzeciw starszego księdza. 45 lat kapłaństwa. W pewnym momencie mówię:

– Jak widzę starszych księży, to im gratuluję, że wytrzymali w kapłaństwie tyle lat. Dla młodszych to jest świadectwo. Już nawet nie pytam o jakość, ale sama ilość robi wrażenie.

Odpowiedź była krótka:

– Nie podoba mi się słowo „wytrzymali“. Ja po to poszedłem do seminarium, żeby być księdzem, a nie żeby wytrzymywać w kapłaństwie.

Das ist (mehr oder weniger): Zum Abendessen setzte ich mich einem älteren Priester gegenüber. Fünfundvierzig Jahre Dienst als Geistlicher.

Nach einer Weile sagte ich zu ihm: „Immer wenn ich ältere Priester sehe, gratuliere ich ihnen dafür, so viele Jahre im Priesterstand ausgehalten zu haben. Für uns Jüngere ist das ein Zeugnis. Ich frage gar nicht erst nach der Qualität, schon die Menge macht Eindruck.“

Die Antwort war kurz: „Der Ausdruck ‚ausgehalten zu haben‘ gefällt mir nicht. Ich bin auf das Priesterseminar gegangen, um Priester zu werden, nicht deshalb, weil ich es als Geistlicher ‚aushalten‘ wollte.“

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Bild: Sankt-Annen-Kirche in Krakau. Quelle: Zbiory Specjalne, Biblioteka Naukowa PAU i PAN w Krakowie. Własność: Polska Akademia Umiejętności. Prawa autorskie: Utwór w domenie publicznej.

Weltraum-Tourismus in greifbarer Nähe

Weltraum-Tourismus

Haben Sie zuerst „Weltraum-Terrorismus“ gelesen? Das zeigt: Es ist höchste Zeit für etwas (im Wortsinne) Erhebendes. In den Vereinigten Staaten von Amerika beschäftigen sich einige Firmen damit, die technischen Grundlagen privater Weltraumfahrt zu entwickeln. Eine von ihnen heißt „Blue Origin“. Sie wird vertikale Tagesfahrten anbieten: sechs Weltraum-Touristen werden in etwas mehr als einhundert Kilometer Höhe geschossen werden, wo sie für kurze Zeit Schwerelosigkeit erleben und den Ausblick durch die großen Fenster ihrer Kapsel genießen können. Wenn alles klappt. Toi toi toi!

Mehr (Realfilme und Computer-Animationen) auf der „Blue Origin“-Website. Von dort wurde auch das Bild für diesen Beitrag genommen.