Kategorien
Res publica Stil im Alltag

Winter in der Hauptstadt

Wie man hört, haben die Berliner Verkehrsbetriebe ein Problem mit ihren Elektrobussen. Deren Reichweite fällt in der gegenwärtigen Kälte in sich zusammen wie ein Wahlversprechen.

Kategorien
Literatur Stil im Alltag

Gleichförmigkeit und Eigenbrötelei

Richard Fernandez stellt fest, daß der Besuch einer renommierten Universität heute weniger der Bildung diene, als dem Auf-Linie-Bringen:

educational institutions have lately been focused on creating cultural clones of themselves. They are full of speech codes, no-go areas of inquiry, forbidden subject matter, and even banned books. All too often, you go to college to narrow your mind.

(Bildungsinstitutionen haben sich in letzter Zeit darauf konzentriert, Klone ihrer selbst zu produzieren. Sie sind voll von Sprachregelungen, Denk- und Forschungsverboten, und sie haben sogar Bücher verboten. Nur zu oft gehen junge Leute auf eine Universität, um ihren geistigen Horizont nicht zu erweitern, sondern zu verengen.)

Eine Alternative dazu sei Autodidaktentum, ein Streben nach Wissen außerhalb von Universitäten. Fernandez präsentiert eine Liste berühmter Autodidakten und beruft sich auf Elon Musk:

Elon Musk famously said “you don’t need college” to learn. 

(Wie allgemein bekannt, hat Elon Musk gesagt: Man braucht keine Hochschule, um zu lernen.)

Natürlich zeigt sich Fernandez vorsichtig. Der ‚unabhängige‘ Weg taugt nicht für jedermann. Bildungsentscheidungen sind, wie alle menschlichen Entscheidungen, Entscheidungen unter Risiko. Dergleichen kann auch schiefgehen. Deshalb gibt es eine schöne Entgegnung oder Parodie auf die abschließenden Verse des bekannten Gedichts „The Road Not Taken“ von Robert Frost:

I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

(Ich nahm den Weg, den weniger Leute wählten, / und das hat all den Unterschied ausgemacht.)

Die Parodie lautet (in deutscher Sprache): „Ich nahm den Weg, den weniger Leute wählten, und jetzt weiß ich leider, leider nicht mehr, wo ich hingeraten bin.“

Glücklicherweise ist die Wahl zwischen Gleichförmigkeit und Eigenbrötelei nicht zwingend. Es gibt weitere Möglichkeiten: Man sucht sich eine weniger angesehene Universität, deren Dozenten weniger auf Linie sind, und/oder man sucht sich ‚altmodische‘ Dozenten, die zwischen Wissen, Denken und Frömmelei unterscheiden und viel von ihren Studenten verlangen. Zwei-drei solche Dozenten im Laufe eines Studiums genügen; es müssen nicht viele sein. David P. Goldman illustriert mit folgender Anekdote, worum es geht:

Long after my undergraduate years, I had the privilege of numerous conversations with Robert Mundell, the father of supply-side economics, among many other great achievements that later won him the Nobel Prize. I would ask him a question, and he would refer me to one of his articles. I struggled with the article (which I never understood at first reading) and asked him another question, and Mundell would refer me to yet another article. The conversations never lasted more than fifteen minutes (and usually less than five), and I had the strong impression that Mundell, who is a genius, thought me a dunce. Simply by telling me that I was on the wrong track, and referring me to another source, I learned to look through to the foundations of economics.

(Lange nach meinem Grundstudium hatte ich die Gelegenheit, oft mit Robert Mundell sprechen zu können, dem Begründer der angebotsorientierten Wirtschaftstheorie, welche ihm später zusammen mit seinen anderen wissenschaftlichen Leistungen den Nobelpreis einbringen sollte. Ich stellte ihm eine Frage, und er antwortete, indem er mich auf einen seiner Artikel verwies. Ich kämpfte mich durch den Artikel (den ich niemals beim ersten Lesen verstand); dann stellte ich ihm eine weitere Frage, und er verwies mich auf einen weiteren Artikel. Unsere Gespräche dauerten nie länger als fünfzehn Minuten (sondern in der Regel weniger als fünf Minuten), und ich hatte den deutlichen Eindruck, daß Mundell mich für einen Blödmann hielt. Aber dank seiner Hinweise, daß ich auf dem Holzweg war, und seiner Verweise auf andere Quellen lernte ich, die Grundlagen der Ökonomie zu verstehen.)

Mundell war nicht ’nett‘ zu Goldman, doch mehr als freundlich. Mundell hörte kurz zu, gab knappe Hinweise, die mehr als wertvoll waren. Das ist die Korrektur, das sind die Anregungen, die sich außerhalb von Universitäten (oder auch Hochschulen) schlecht gewinnen lassen. Und das bezeichnet den goldenen Mittelweg zwischen Gleichförmigkeit und Eigenbrötelei.

Ah, und dann gibt es da noch den Trick mit den zwei Noten, der offiziellen, in die Bücher eingehenden Note und einer weiteren, bloß als ‚idealistische‘ Orientierung für den Studenten figurierenden Note. Wie Prof. Mansfield (Harvard) berichtet, sei letztere für viele Studenten von größerer Bedeutung (vgl. im dort eingebetteten Video ab 14 Min. 30 Sek). So sind wir doch wieder bei den renommierten Universitäten angelangt.

Kategorien
Stil im Alltag

Wort der Woche: „Tugend-Wedler“

Tugend-Wedler, auch Tugendwedler, Subst., m.: eine Person, die → virtue signalling liebt, d.h. jemand, der einem → Gleißner oder (äußerst selten) → Gleißer, ferner → Gleisner, darin gleicht, daß er (fälschlich) hervorhebt, wie ungemein moralisch er sei. Nachweis (für beide Formen): Science Files, Artikel vom 6.12.2020.

Kategorien
Stil im Alltag Video

Medien mit Einschlag

Bill Whittle über Manipulationen von Seiten amerikanischer Medien im Zusammenhang mit den, nun, jüngsten Geschehnissen in den USA. Sehr empfehlenswert, da „nah am Text“ gearbeitet, obgleich man einwenden könnte, daß der Film ohne die abschließende Sequenz über George Soros überzeugender wäre.

In jedem Falle sind dergleichen Einseitigkeiten kein bloß amerikanisches Problem. Wie Boris Reitschuster mitteilt, begreifen sich laut einer Verbandszeitschrift für Journalisten 92 Prozent der ARD-Volontäre als Anhänger der Grünen, der Linken oder der SPD. Mit diesem Hinweis will ich nicht unterstellen, daß jene Volontäre ihren Job mit Täuschungsabsicht (mala fide) machen werden. Doch läßt sich auf die Gestirne schließen, nach denen sie ihren geistigen Kurs abstecken.

Kategorien
Stil im Alltag

„ph“-Phobie

Eines der tieferen Rätsel unter der Sonne ist, was die Leute gegen das „ph“ haben. Zuweilen scheint es, als fühlten sie sich regelrecht bedroht, wo es ihnen in schönen Wörtern begegnet, z.B. „Photographie“ oder „Telephon“. Was wird gewonnen, wenn wir diese Wörter modernisieren, also recht eigentlich verstümmeln zu den reiz- und respektlosen Zombies „Fotografie“ oder „Telefon“?

Weshalb ich von Respektlosigkeit schreibe? Schlicht deshalb, weil der Respekt, der ahnungsvolle Schauer vor dem kaum glaublichen Umstand, daß mit Licht gezeichnet (gemalt, geschrieben) werde, ja überhaupt mit Licht gezeichnet werden könne, verlischt (sic!), wo die Schreibung enthellenisiert wird. Gemeinmachung führt nur allzuoft zur Gemein-Machung.

Vergleichbares gilt für das zum Telefon degradierte Telephon. Von hier ist es nicht mehr weit zum Fon. Da hat man denn auch nichts wirklich Mitteilenswertes mehr zu sagen, und wie immer stirbt die Kultur Trippelschritt um Trippelschritt. Bis nichts mehr bleibt als der Philosoph – letzte Skrupel, Freunde? – und der Erzbösewicht unserer Tage, der was-auch-immer-Phobe.

Kategorien
Res publica Stil im Alltag

Cancel Culture? Neue Vertriebswege!

Ulrich Schödlbauer bemerkt auf Globkult über die Trennung des Fischer-Verlags von seiner langjährigen Autorin Monika Maron:

Der Vorgang ruft, neben dem politischen Aspekt, in Erinnerung, dass heutige Verlage vor allem Werbeplattformen in eigener Sache sind, die ihren Autoren Anteile an ihrer Marktpräsenz verkaufen. Das Buch, das gute Buch, die Schatztruhe der vielerlei Wahrheiten existiert nicht mehr. Das, was nach wie vor über den Buchhandel oder Amazon verkauft wird, ist bloß der ‚ordentliche‘ Ausdruck einer Datei, die auf multiplen Wegen ihre Leser erreichen könnte. Soll heißen, dem Vorgang des Buchdrucks selbst wohnt keinerlei aufklärerische Bedeutung mehr inne. Das Verlagswesen ist vom Verbreiter zum Flaschenhals seriöser Literatur geworden. Der Leser sollte das im Hinterkopf haben, will er das Verhalten von Massenverlagen und die Mentalität ihrer ‚Macher‘ verstehen. 

Ja und nein. Die Einschätzung des gegenwärtigen Verlagswesens überzeugt, die gedankliche Verknüpfung von Buchdruck und aufklärerischer Bedeutung weniger. Schließlich muß man nicht lange suchen, um antiaufklärerisches, (im Sinne Poppers) pseudowissenschaftliches oder schlechterdings obskures Zeugs zwischen prächtigen Buchdeckeln zu finden. Das ist keine Frage des Herausgabedatums, gilt heute ebenso wie vor 150 Jahren. Und natürlich existiert auch heute noch „das gute Buch, die Schatztruhe der vielerlei Wahrheiten“. Vereinzelt nämlich, wie immer schon.

Doch stimme ich Schödlbauer uneingeschränkt zu, wo er äußert: „Das, was nach wie vor über den Buchhandel oder Amazon verkauft wird, ist bloß der ‚ordentliche‘ Ausdruck einer Datei, die auf multiplen Wegen ihre Leser erreichen könnte.“ Sind, wie Schödlbauer richtig beobachtet, etablierte Verlage „vom Verbreiter zum Flaschenhals seriöser Literatur geworden“, muß sich die seriöse Literatur eben neue Vertriebswege suchen. Wenn kein anderer ‚traditionell‘ arbeitender Verlag ein Angebot macht, dann eben jenseits des überkommenen Verlagswesens. Die Technik steht zur Verfügung, das Internet und Print on Demand machen einen Direktvertrieb vom Schriftsteller-Schreibtisch zum Kunden möglich. Alternative Geschäftsmodelle wie Abonnements oder freiwillige Zahlungen funktionieren. Michael Klonovsky, Dushan Wegner und die Leute von der Achse des Guten machen es vor. Gut, die Beispiele reichen ins Journalistische, berühren keine „seriöse Literatur“, aber das muß ja nicht so bleiben. Zumal bereits der bloß vorderhand marktfeindliche Stefan George sich als überaus findig erwies, was Aufbau und Ausnutzung der Marke „Stefan George“ und geeignete, auch ungewöhnliche Vertriebswege angeht.

Mit einem Wort: Nicht jammern, sondern die Segnungen der Technik und der Katallaxie beherzt und mit unternehmerischem Elan nutzen!

Kategorien
Religion Stil im Alltag

Sonntagslektüre: In die Bresche!

Wie es klingt, wenn ein (katholischer) Bischof sich auf seine Kernaufgabe konzentriert und die Moden seiner Zeit dort läßt, wo sie hingehören, finden Sie hier – in einem Lehrschreiben von Thomas J. Olmsted, dem Bischof von Phoenix, Arizona. In mehr als einer Hinsicht wohltuend!

Kategorien
Literatur Stil im Alltag

Jörg Bernig: Labenbrods Umgebung

Wie das Radebeuler Amtsblatt für den September 2020 auf Seite 9 verlauten läßt, hat sich der Oberbürgermeister der sächsischen Stadt, Bert Wendsche bei Jörg Bernig „für die öffentliche Beschädigung“ entschuldigt, nachdem er zuvor Widerspruch gegen die Entscheidung des Stadtrats eingelegt hatte, den Schriftsteller zum Kulturamtsleiter zu wählen. Damit ist die Causa Bernig zu einem versöhnlichen Ende gelangt, wiewohl einzuwenden wäre, daß man nicht „sich entschuldigen“ kann, sondern bloß „um Entschuldigung bitten“.

Mir scheint, es wäre nun Zeit, einmal auf den Schriftsteller Bernig zu schauen, den es ja jenseits aller politischen Fragen auch noch gibt. Hören wir also, wie Bernig in seinem Roman Anders (2014) die Umgebung der Stadt Labenbrod schildert, die natürlich ein fiktives Radebeul verkörpert, zumal sie, wie ihr Name bezeugt, an der „Labe“ (Tschechisch für „Elbe“) liegt:

Die Stadt konnte etwas Südländisches haben. Es blühte in einem fort an den Häusern und in den Gärten um sie herum, das Frühjahr begann hier etwas eher als anderswo, und der Herbst wehrte sich hier länger gegen den Winter. Aber oben auf dem Kamm der Hügel, da begann mit eins eine andere Welt.

War die Stadt unten ein grünes Kissen aus Linden, Kastanien und mächtigen Magnolien, so hatte sich oben ein Kiefernwald bis an den östlichen Hügelrand herangeschlichen. Er stand dort wie ein Barbarenheer, rotstämmig mit krätziger Rinde und zerzaustem Haar. Wie Wächter warteten die Kiefern da oder wie fiebrige Eroberer und gierten hinab auf die kultivierte Welt, die sie einnehmen, aber nicht erhalten wollten. Vielleicht hatten so auch die wirklichen Barbarenstämme auf Rom geblickt, bevor sie es plünderten und zerstörten. Abends glomm die Kiefernhaut bei flachstehender Sonne feurig und bedrohlich auf.

Die Hügel westlich des Flusses dagegen schwangen in Feldern davon, eines und noch eines und noch eines, und sie trugen, so schien es, immer andere Frucht, Gerste oder Weizen, Mais oder Raps. Zwischen den Feldern schlängelten sich Alleen mit alten Obstbäumen die Hügel hinauf, sie standen im Mai an der schmalen Straße weiß und rosa Spalier. Einer der Hügel leuchtete von einem Jahr auf’s andere lila von Lavendel. Wald und Felder hingen über der Stadt wie Heranrückungen längst vergangener Zeiten, wie letzte Echos aus den großen Tagen der Wildnis, aus denen der Dreifelderwirtschaft, die ja ein Kampf gegen die Wildnis war. […]

Sie passierten mit dem Moped den östlichen Hügelkamm und fuhren lange durch den Kiefernwald, es duftete nach Harz und Sandboden. Links und rechts der Straße standen weißgestrichene Markierungssteine an den Straßengräben, manche lehnten schief, als wären sie betrunken oder zum Umsinken müde. […] Der Waldausgang war ein Gleißen, sie hielten auf der kerzengeraden Straße darauf zu, das Moped summte und brummte unter ihnen, es sandte Wellen durch ihre Körper, und es dauerte eine Ewigkeit, bis sie den Wald wieder verließen, aber dann öffnete sich alles. Das Kiefernschattige verschwand, zu beiden Seiten dehnten sich Getreidefelder aus, mit einem Mal lag kein Harzgeruch mehr in der Luft.

Gar nicht schlecht, oder? Bernigs Anders enthält viele derart ‚dichte‘ Beschreibungen. Der Erzähler begleitet die Figuren, als würde er ihnen über die Schulter blicken; er schildert optische Eindrücke, Geräusche und Gerüche mit einer Intensität, die, wie auch die musikalische Qualität der Prosa, das Buch lesenswert macht. Dazu enthält es eine melancholische Liebesgeschichte mit überraschendem und im Hinblick auf die Logik des Erzählten höchst interessantem Ausgang.

Zitat aus: Jörg Bernig, Anders, Mitteldeutscher Verlag 2014, jetzt beziehbar über das Buchhaus Loschwitz, S. 72-73.

Kategorien
Stil im Alltag Video

John DeBerry über die Situation in den USA

Ort & Zeit: Repräsentantenhaus des Staates Tennessee, 12. August 2020. Gesunder Menschenverstand, moralische Klarheit, mutig und kraftvoll vorgetragen, mit Reminiszenzen an Jim Crow und Martin Luther King.

Kategorien
Geschichte Stil im Alltag

„This isn’t the new normal, it’s the normal we forgot.“

„Das ist keine neue Normalität, sondern eine Normalität, die wir vergessen haben.“ Lesenswerter Artikel über das Wüten der Spanischen Grippe im ländlichen Alberta, Kanada, vor rund einhundert Jahren. Ein Zeitungsausschnitt empfiehlt u.a.: „Avoid crowds“, Menschenmengen zu vermeiden, aber auch: „Keep as much as possible in the Sunshine“, möglichst lange im Sonnenschein zu verweilen, bevor er mahnt: „Don’t be ’scared'“, sich nicht, nun, übermäßig verschrecken zu lassen; ein Zwiebelzüchter schaltet eine Anzeige, in der er sein Produkt als „one of the best preventatives against influenza“, eines der besten Mittel zur Vorbeugung gegen die Grippe anpreist. Mehr auf dem Blog Glen’s Travels.

Bild: Unsplash (alter Traktor in der kanadischen Provinz Alberta).