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Stil im Alltag

Soviel zu Mitte, jetzt in den Westen und Südwesten

Weitere Sittenbilder aus unserer exzentrischen Front- und Hauptstadt. Diesmal von Maximilian Tarrach auf seinem Blog Philosophische Auszeit. Zunächst eine kurze Skizze über das Berliner Bürgertum, die wiederum Antiamerikanismus verzeichnet:

In Berlin ist man als Bürgerlicher offen und liberal. Man schätzt die „Diversität“ dieser „großen Stadt“, hier sei einfach „immer etwas los“, die Stadt „werde nie langweilig“, außerdem erfreue man sich an den vielen Kulturen Kreuzbergs. Man ist ja pro Flüchtlinge, schließlich hat man Vorfahren aus Pommern, man geht ins kritische linke Theater und klatscht beim politischen Kabarett zu den antiamerikanischen Witzen. Nach so viel Klassenkampf und antikapitalistischer Revolte fährt man zurück in sein Villenviertel in Dahlem oder in den Grunewald und gießt seinen Vorgarten, sorgt sich um den Glanz der Mercedes S-Klasse oder eines SUV des persönlichen Geschmacks. Man setzt sich selbstredend für Chancengleichheit in der Gesellschaft ein, die eigenen Kinder jedoch schützt man vor zu viel schlechtem Umgang und hält die Gymnasien, auf denen bereits die eigene Familiendynastie das Abitur ablegte, auffällig ausländer- und niedriglohnsektorfrei.

Der launig geschriebene Text handelt eigentlich vom örtlichen Wohnungsmarkt; er lohnt eine Lektüre.

Da von Dahlem die Rede ist: Zwischen den Villen und reizenden kleinen Parks brummt eine Hochschule, und was sie ausbrütet, ähnelt dem, was sie schon vor Jahren hervorbrachte.

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Stil im Alltag

Von abgestanden Feindbildern

Über eine erwartbar „fortschrittliche“ Theater-Inszenierung in unserer glücklosen Hauptstadt (vor dem großen Lockdown) berichtet Juri Tonal auf dem Blog en arrêt!:

Die Eintönigkeit und Ideenlosigkeit der antiamerikanischen Kulturszene in Deutschland deutet auf ein tiefsitzendes Ressentiment. […] Willkommen im Berliner Kunstbetrieb. Wenn die neueste Aufführung im Berliner Ensemble also als ein “Debüt nach Maß” [(RBB)] beschrieben wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um Schrott handelt. […]

In Ubu Rex, das seit dem 13. Februar 2020 im Berliner Ensemble zu sehen ist, versucht sich Stef Lernous an einer Neufassung des Klassikers von Alfred Jarry, der 1896 einen gefräßigen, ordinären König inszenierte. Dieser geht auch über Leichen, um Macht und Einfluss zu gewinnen. Jarrys Original ist eine Herrschaftskritik, wenn man so will, die 1896 für einen echten Skandal sorgte, als die Uraufführung wegen Tumulten unterbrochen wurde. Der Autor der 2020er-Neufassung will dieses Stück ins Heute übersetzen. 

Es sei “[e]in ehrgeiziger Abend”, schreibt eine Autorin der Berliner Zeitung. Vorgenommen hat sich der Regisseur ein Stück über Donald Trump und den Verfall der Werte in Zeiten des Fernsehens. Zumindest mutet es so an: “Auf der Bühne sieht es aus wie bei Trumps unterm Sofa”, schreibt die Berliner Zeitung. Zwischen Chipstüten, heruntergekommenen Möbeln und Reality-TV thront Pa Ubu, der im Original von Alfred Jarry König Ubu ist. Es folgt diese Szene: “‘Gott hat die Welt nach seinem Ebenbild geschaffen. Gott ist rund. Ich bin rund’, und Pa schaut stolz an seinem Fettwanst hinunter über das gelb versiffte Hemd und die Schlabberkurzhose hinweg. ‘Also bin ich Gott!’” Da bleibt kein Auge trocken. Es ist das Bild der ungebildeten Unterschicht mit ihren fettleibigen Körpern und verschmutzter Kleidung, eine Symbolik der – natürlich selbstverschuldeten – Verkommenheit. Man könnte in ihr die Kehrseite der Kapitalgesellschaft erkennen, aber um die geht es nicht. Die Unterschicht mag man hier ohnehin nicht und zum Glück wohnt die jetzt in Amerika.

Der ganze Text, der im weiteren Verlauf u.a. Dan Diner aufbietet, ist hier zu finden.

Bild: Pixabay.

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Stil im Alltag

David Engels: A gdyby tak Polska domagała się praworządności w UE?

…a tymczasem we wszechświecie równoległym wydarzyło się co następuje:

Biorąc pod uwagę ostatnie wydarzenia w Europie Zachodniej, polski rząd ostrzega przed kryzysem demokracji w UE i apeluje o ogólnoeuropejską „tarczę ochronną dla praworządności”. W szczególności Niemcy i Francja są „powodem największego niepokoju” – powiedział w wywiadzie rzecznik polskiego rządu. „Wewnątrz Unii Europejskiej dostrzegamy proces postępującej degradacji wolności, praworządności i demokracji.” Polska i jej partnerzy nie mogą już dłużej przyglądać się temu bezczynnie i mają obowiązek udzielania obywatelom krajów sąsiednich wszelkiej niezbędnej pomocy w celu wzmocnienia tam struktur demokratycznych.

Pełny tekst na stronach Tygodnika Solidarność. Deutsche Version auf der Achse des Guten.

Photographie: Paweł Czerwiński (Unsplash), Hala Stulecia / Jahrhunderthalle in Wrocław / Breslau.

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Religion Stil im Alltag

Pawlukiewicz, Peterson

Am 21. März 2020 verstarb in Warschau der röm.-kath. Priester Piotr Pawlukiewicz, ein polenweit bekannter und beliebter Prediger und Redner, Verfasser einiger Bücher. Ich kenne ein-zwei Dutzend der vielen, vielen Predigten und Vorträge Pawlukiewiczens, die (in polnischer Sprache) auf Youtube zu finden sind und Abertausende Views gesammelt haben. Jeder dieser Filme, den ich gehört habe – denn natürlich geht’s um die Tonspur -, war ein Gewinn.

Wenn man über die Gründe des Erfolgs nachdenkt, dessen sich Pawlukiewicz erfreuen durfte, fällt eine Ähnlichkeit auf: Sein Stil gleicht jenem Jordan Petersons, womit hier auch der Peterson der Vorlesungsmitschnitte, der Peterson vor dem Bestseller-Autor gemeint ist. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß der Eine den Anderen, der Andere den Einen imitiert habe oder die Unterschiede zwischen Theologie und Psychologie vernachlässigenswert seien. Es geht um pure Koinzidenz, die gleichwohl auf Bemerkenswertes stößt.

Zum einen der – scheinbare! – Impromptu-Charakter des Vortrages selbst. Beide Redner sprechen frei, lesen nicht ab; Anekdoten und persönliche Reminiszenzen sorgen für Authentizität, während der gehörige Abstand zu sich selbst und Ironie Sentimentalität und Selbstverliebtheit verhindern. Wiewohl beide Redner unmittelbaren Kontakt zu Ihren Adressen herstellen, diese auch ansprechen, hat man den Eindruck, beiden Rednern beim Verfertigen und Vervollkommnen ihrer Gedanken zuzuhören, ihnen bei diesem Tun gleichsam über die Schulter zu blicken. Dieser Blick in die „Werkstatt“ ist von großem Reiz. Eine während des Vortrags, mit dem Vortrag wachsende Rede lebt; sie hat nichts elend Langweiliges. Soviel zum Äußeren.

Zum anderen, und das ist das Wichtigere, vermeiden beide Redner eines: die Trivialisierung, ja Verniedlichung dessen, wovon sie sprechen. Sie heben hervor, daß sie von bedeutenden Herausforderungen berichten, die bestanden sein wollen. Und bestanden werden müssen, sofern nicht diejenigen, an die sie sich wenden, ihr Leben in lauwarmer Gleichgültigkeit ertränken wollen.

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Stil im Alltag Video

Radosław Gajdas und Natalia Szcześniaks empfehlenswerter Architektur-Vlog

Prokrastination ist Freiheit, und sie trägt Früchte. So bin ich vor einiger Zeit auf den Videoblog von Radosław Gajda und Natalia Szcześniak gestoßen. Hier werden interessante Geschichten über Gebäude und Städte erzählt – voller Leidenschaft für die Sache, mit bemerkenswerter (auch technischer) Eleganz, dem Blick für das Wesentliche und ebenjene Kleinigkeiten, die ein Gemäuer oder eine Ansammlung von Gemäuern liebenswert machen. Leider sind diese Vlogs „nur“ auf Polnisch verfügbar, wenn man von derzeit 16 Filmen in englischer Sprache oder mit englischen Untertiteln absieht. Aber auch den des Polnischen Unkundigen empfiehlt sich ein Blick hinein.

Die nachfolgenden beiden Episoden habe ich mir angeschaut und kann sie besten Gewissens empfehlen.

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Egalitarismus Stil im Alltag

Worte, Worte, Worte

Die posttraditionelle Gesellschaft (ge)braucht neue Ausdrucksformen. Das zeigt sich am Verschwinden christlicher Motive und Losungen auf deutschsprachigen Beileidskarten. Wasserumflossene Steine, Nebelschwaden im Nadelwald ersetzen das Kreuz; wattig-unverbindliche Sprüche, Gandhi- oder Schweitzer-Zitate die Christusworte. Selbst der Valentinstag wird modernisiert. In einem Prospekt mit Fertigsträußen, das mir in die Hand fällt, ist nicht mehr von „Ihrer Frau“ oder „Ihrer Verlobten“ die Rede, sondern bindungstyp- und genderneutral von „Ihrem Herzensmenschen“ oder „Ihrem Sonnenschein“, einmal beherzt progressivistisch, dabei allerdings die eben noch praktizierte Neutralität über Bord werfend, auch von einem Bukett für „Ihren Liebsten“.

Übrigens fühle ich mich von solchem Wandel keineswegs bedroht. Ich mag Blumen. Gleichwohl sollte man sich verdeutlichen, wie tief ein solcher Wandel einschneidet. Deshalb mag es nicht zur Gänze sinnlos sein, sich an Chestertons Zaun zu erinnern: Wenn wir den Zweck (oder die Daseinsberechtigung) einer Institution nicht erkennen, folgt daraus nicht, daß kein solcher Zweck (keine solche Daseinsberechtigung) vorliege; vielleicht haben wir bloß nicht lange genug darüber nachgedacht.

Bild: Gemälde von Pierre-Auguste Renoir. Wikimedia Commons, gemeinfrei.

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Religion Stil im Alltag Video

Roger Scruton: Die Pforten, durch die das Sakrale auf uns wirkt

Interessanter Vortrag des unlängst verstorbenen Sir Roger Scruton über das Sakrale. Die Anlage des Vortrags verdient Augenmerk, weil sie vordergründig mißlungen wirken könnte. Sir Roger vollzieht die Grenzen des naturwissenschaftlich-säkular geprägten Weltbilds nach, bestimmt den Raum des Sakralen und beschreibt die Pforten, durch die das Sakrale – bestimmt u.a. als das Desekrierbare – auf uns wirkt. Aus katholischer Perspektive wäre einzuwenden, daß der Philosoph über neun Zehntel seines Vortrags bloß Fast-Sakrales bespricht, gleichsam vor der Schwelle des Eigentlichen tändelt. Darin aber liegt die Pointe dessen, was Scruton ausführt; Sir Roger zeigt in sehr zivilisierter, gleichwohl deutlicher Weise, daß der Gläubige das Sakrale genau deshalb erhält, weil er es als Inhalt seines Glaubens der Welt aufpfropft, einem Philosoph dergleichen jedoch als Verstoß gegen die Regeln seines Handwerks, eine petitio principii aufstoßen muß. Und daß bereits diesseits des Sprungs in den Glauben das Sakrale aufzufinden sei.

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Antikapitalismus Stil im Alltag

Verfehlte Schuldzuweisung

Alexander von Schönburg bespricht in Cato 3/2019 Michael Houellebecqs Serotonin. Dabei zitiert er eine Passage aus dem Roman des französischen Schriftstellers, in der am Beispiele Spaniens von Rollkoffern und deren Vorgängern die Rede ist, welche getragen werden mußten, sofern nicht eigens dafür bestallte Kofferträger diese Aufgabe übernahmen: „Wie alle Länder des abendländischen Europas“ habe sich Spanien „in einem tödlichen Prozeß der Produktivitätssteigerung“ verfangen und „Stück für Stück aller nichtqualifizierten Tätigkeiten entledigt, die einst dazu beigetragen hatten, das Leben etwas weniger unerfreulich zu gestalten, und im gleichen Zug den Großteil seiner Bevölkerung zur Massenarbeitslosigkeit verdammt.“ Von Schönburg nimmt den Faden Houellebecqs auf: der Siegeszug des Rollkoffers und das Verschwinden das Kofferträgers stünden „stellvertretend für die Häßlichkeit unserer praktisch-effizienten Gegenwart, einer Welt, die sich aufteilt in die Habenden, die mit ihrer Vielfliegerkarte durch die Gegend jetten, auf der einen und die zur Unsichtbarkeit verurteilte Masse auf der anderen Seite, die mit Sozialhilfe abgefunden“ werde. Letztere werde „zu einem Leben in sozialer und kultureller Isolation gezwungen“.

So weit, so gut. Natürlich ist an der Opposition zwischen den „Somewheres“ und den „Anywheres“ etwas dran. Aber – und das ist ein wichtiges Aber – es liegt keinesfalls an der Markt- und Unternehmerwirtschaft mit ihren Vorstellungen von Produktivität und Effizienz, dem bösen, bösen Kapitalismus, daß es keine Kofferträger mehr gibt. Sondern an staatlichen Eingriffen. Die Kofferträger sind durch Mindestlohn-Gesetze und andere Formen der Sozialgesetzgebung, die „nichtqualifizierte Tätigkeiten“ (Houellebecq) teurer und teurer machen, aus dem Markt gedrängt – vulgo: um Lohn und Brot gebracht worden. Nicht der Kapitalismus, sondern der europäische Sozialstaat wäre zur Verantwortung zu ziehen.

Allgemeine Nutzanwendung: Kulturkritik sollte nicht auf verfehlten Prämissen beruhen. Sonst drohen verfehlte Therapie-Vorschläge.

Alle Zitate: Cato 3/2019, S. 66. Bild: Pixabay.

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Antiliberalismus Stil im Alltag

Richard Fernandez: Verlassen Sie sich nicht darauf, daß es sieben Wochentage geben wird

Schöner Artikel von Richard Fernandez über die Gefahren des Social Engineering, wobei mir – Popper entgegen – immer weniger entscheidend scheint, ob das Social Engineering in Form eines großen Wurfes oder nur piecemeal vonstatten gehe, weil es ja selbstverständlich auch antibürgerliche Radikale mit Ausdauer und Oikophobe mit Geduld gibt: Leute, die ihren großen Wurf auf viele kleine Würfchen zu verteilen geneigt sind. Fernandez:

Social engineering is alive and well and with the aid of technology more potent than ever.  (Dem Social Engineering geht’s gut und es ist bei Kräften – mit der Hilfe neuer Technologien einflußreicher denn je.)

Bitte lesen Sie den Artikel (in englischer Sprache).

(Bild: Pixabay.)

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Religion Stil im Alltag Video

Rabbi Jonathan Sacks über „Cancel Culture“, menschliche Freiheit und Vergebung

Außerordentlich hörenswerte Bemerkungen von Rabbi Sir Jonathan Sacks über die grassierende „Cancel Culture“, das Zur-Strecke-Bringen tüchtiger Leute für Kleinig- und Nichtigkeiten, die teils weit zurückliegen, über den Zusammenhang von menschlicher Freiheit und Vergebung. Brillant ausgeführt, knapp und humorvoll, mit angemessener Schärfe, erstaunlich in seiner Tiefe – vom Banal-Politischen bis ins Religiöse (und Religiös-Existentielle) reichend. In englischer Sprache, von einer Viertelstunde Länge.