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Wissenschaft

Neuerscheinung: Dahlmanns / Freise / Kowal (Hrsg.), „Krieg in der Literatur, Literatur im Krieg“

Vor wenigen Tagen erschienen: Karsten Dahlmanns / Matthias Freise / Grzegorz Kowal (Hrsg.), „Krieg in der Literatur, Literatur im Krieg“, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2020, 578 Seiten.

Der Band versammelt 37 Aufsätze von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den USA, China, der Schweiz, Österreich, Deutschland und Polen. Ein ausführliches Namenregister hilft bei der Erschließung seiner Inhalte. Weitere Informationen auf den Seiten des Verlags und bei Amazon (Blick ins Buch).

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Ökologismus Wissenschaft

Licht und Schatten. Eine Sieferle-Rezension

Der „Eiertanz“ (Popper 1984: 109) um Rolf Peter Sieferles 2017 im Verlag Antaios erschienenes Büchlein Finis Germania, zwischenzeitlich persona non grata auf der Bestsellerliste von Norddeutschem Rundfunk und Süddeutscher Zeitung, ist weithin bekannt (Müller 2017, Wang 2017). Die gegenwärtige Rezension befaßt sich nicht mit der Antaios-Publikation, sondern mit Sieferles Abhandlung Das Migrationsproblem, die ebenfalls 2017 erschienen ist, bei Manuscriptum.

Sieferles Migrationsproblem teilt sich in fünf Teile: „Migrationsursachen“, „Situation in den Zielländern“, „Narrative zur Legitimation“, „Motive der Akteure“, „Die längere historische Perspektive“. Der Großteil seiner Erwägungen betrifft die Situation in Europa, mithin jene Länder, die Ziel der Migration sind. Hier sieht der habilitierte Historiker Tendenzen zur Selbstdestruktion am Werke, die mit geregelter oder ungeregelter Einwanderung nichts zu tun haben, wohl aber von ihr verstärkt werden. Seine Argumente entstammen der – wenn man möchte, ‚klassischen‘ – liberalen[1] und auch der konservativen Kritik an der modernen Massendemokratie; die Ausuferung des Sozialstaats, deren volkswirtschaftliche und moralische Folgen werden beklagt. „Ein Produkt dieser Entwicklung“, so Sieferle im Anschluß an Helmut Schelsky, sei

der „betreute Mensch“, der die Vielfalt von sozialstaatlichen Leistungen, die ihm zufließen, für selbstverständlich hält: Bildung/Ausbildung, Gesundheitswesen, Infrastruktur, Kindergärten, Erziehungsgeld, Schwimmbäder, Sportstadien, Altersheime etc. Der betreute Mensch wird im Zuge dieser Entwicklung immer weicher und unselbständiger. Die Jungen werden zu Mädchen erzogen. Die Menschen werden empfindlicher, allergischer, veganer. (111-112)

Ein solcher Dekadenz-Befund ist nichts Neues, geschweige denn Originelles – aber auch nichts Überholtes! –, und sein Vorkommen ist weder auf das beginnende einundzwanzigste Jahrhundert, noch auf Deutschland beschränkt. Doch beeinträchtigt dieser Umstand keineswegs das Vergnügen, Sieferles Migrationsproblem zu lesen. Denn sein Buch schöpft aus der europäischen Bildungstradition seit der Antike, spricht von Barbaren, wo Barbaren (jeglicher Zeit und Herkunft) gemeint sind, und ruft damit einen gelinden, deshalb desto wirkmächtigeren Anklang an das Schicksal des (west-)römischen Reiches hervor; es nennt „ochlokratische Tendenzen“ als grundlegendes Problem jeder Demokratie (92), bezeichnet die gegenwärtigen Europäer im abschließenden Kapitel über mehrere Seiten mit Nietzsches Zarathustra als „letzte Menschen“ (130-132). Der Nietzsche-Bezug bleibt unausgewiesen; wie ja auch die Anklänge an Helmut Schoecks gewaltige Studie Der Neid zwar merklich sind, aber nicht belegt werden. Arnold Gehlen, Max Scheler und Max Weber stehen (ebenfalls nicht immer genannt) Pate, wo Sieferle mit den Begriffen der Hypermoral und Gesinnungsethik arbeitet, die Moral eines allumfassenden Humanismus als etwas Gefährliches, da Selbstzerstörerisches begreift.

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Antiliberalismus Geschichte Wissenschaft

Götz Aly und Hans-Ulrich Wehler über Kapitalismus, Antisemitismus und Sozialpolitik

Der vorliegende Essay enthält einige Beobachtungen und Reflexionen, die an den Aufsatz „Zur Kontroverse um Götz Alys Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ anschließen. Die neuerliche Beschäftigung mit Alys Forschung rechtfertigt sich aus dem Erscheinen seines neuesten Buches Europa gegen die Juden 1880-1945. Die 2017 publizierte Abhandlung stellt eine Weiterführung des Ansatzes dar, der Alys 2011 auf den Markt gekommenem Buch über den in letzter Konsequenz mörderischen Neid der Deutschen auf die Juden zugrunde liegt. Beide Aufsätze widmen sich also einem Forschungsprogramm, wenn Imre Lakatos’ Begriff in das Reich idiographischer Wissenschaft ausgedehnt werden darf (vgl. Lakatos 1982: 46-52).

Wie zuvor geschehen, sollen auch diesmal ausgewählte Reaktionen auf Alys Buch in der deutschsprachigen Presse diskutiert werden. Unter ihnen verdienen zwei Rezensionen besonderes Lob dafür, daß sie in einer Zeit, wo nur zu gern ‚mißverstanden‘ und entstellend zitiert wird, in prophylaktischer Absicht hervorheben, was auch der Verfasser der gegenwärtigen Zeilen über Alys Buch denkt:

An der deutschen Urheberschaft für den Holocaust lässt Aly keinen Zweifel. Nur böser Wille kann ihm die Absicht unterstellen, diese Schuld und Verantwortung relativieren zu wollen, wenn er betont, dass die Nationalsozialisten Helfer und Mittäter in ganz Europa fanden. (Jahr 2017)

Die Idee, Antisemitismus als europäisches Phänomen von Athen bis Budapest, von Paris bis Berlin zu deuten, ohne den Holocaust direkt in den Mittelpunkt zu rücken, ist originell. Darin nach heimlichen Entschuldungswünschen zu fahnden, ist keinen Gedanken wert, gerade bei einem Historiker, ohne den die hiesige Holocaustforschung um einiges ärmer wäre. (Reinecke 2017)

Darüber hinaus betrachtet der vorliegende Aufsatz ausgewählte Argumente Hans-Ulrich Wehlers, der uns als scharfer Kritiker Alys erinnerlich ist (vgl. Dahlmanns 2017: 45, 52). Dies geschieht in der Absicht, Wehlers Kritik zu kontextualisieren. Wie sich erweisen wird, könnte ein systematischer Grund für Wehlers Ablehnung des Alyschen Forschungsprogramms vorliegen. Er wäre in Wehlers kapitalismuskritischen Anschauungen zu finden, die – mit manchem sachlichen Fehler belastet – sozialdemokratische Vorstellungen von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft favorisieren, sowie dem Umstand, daß jedwede anthropologische Argumentation, die vollständig genug ist, um auch den Neid zu kennen, auf Ideen sozialdemokratischen oder sozialistischen Zuschnitts zu wirken pflegt wie das Tageslicht auf Vampire. Insofern wiederholt Wehler mit Aly, was Karl Marx mit dem französischen Schriftsteller Eugène Sue vornahm, nachdem jener einen Roman über den Neid und dessen Überwindung als Aufgabe für den Einzelnen, nicht für die Gesellschaft, veröffentlicht hatte (vgl. Schoeck 1966: 159-163).

1 Alys Argument in grundsätzlicher Betrachtung

Alys neuestes Buch untersucht die Judenfeindschaft in Europa während der Jahre 1880 bis 1945, mit besonderem Gewicht auf der Zeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Dabei wird der deutsche Sprachraum ausgespart; erforscht werden Frankreich, Polen, die Ukraine, Rußland, Litauen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Griechenland.[1] Der Historiker beschreibt die verschiedenen Erscheinungen des Antisemitismus in diesen Ländern unter drei Aspekten:

  • Angehörige der Mehrheitsbevölkerung vieler der genannten Staaten berauben Juden ihres Besitzes, beschädigen oder vernichten deren Behausungen und Werkstätten, Ladengeschäfte etc., vergewaltigen, verstümmeln und morden (vgl. Aly 2017: 166-178 u.ö.).
  • Die Regierungen fast aller der genannten Staaten betreiben Sozialpolitik auf Kosten der Juden. Um die jeweilige Mehrheitsbevölkerung zu fördern, werden verschiedenste Gesetze erlassen, die Juden in ihrer Berufswahl und -tätigkeit behindern, jüdische Kaufleute und Unternehmer mit Sondersteuern und schikanösen Auflagen belegt. Auch im Bildungswesen wird den Juden das Fortkommen erschwert, um die Mehrheitsbevölkerung zu bevorteilen, z.B. durch konfessionell gebundene Studienplätze (vgl. ebd. 94-98, 205-208 u.ö.)
  • In den Jahren vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wird in den meisten der genannten Staaten eine Politik favorisiert, die auf die Emigration ihrer jüdischen Minderheit zielt. Dies soll einen möglichst homogenen Nationalstaat schaffen, ist nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen andere Minderheiten gerichtet. Daher wird es von Aly u.a. im Zusammenhang mit Maßnahmen des Bevölkerungsaustausches betrachtet (z.B. zwischen Griechenland und der Türkei, vgl. ebd. 188-192).
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Geschichte Wissenschaft

Steffen Dietzsch, Wilfried Lehrke: Geheimes Deutschland. Von Deutschlands europäischen Gründen.

Steffen Dietzsch und Wilfried Lehrke haben vor einiger Zeit ein Bändchen vorgelegt, in dem sie dafür werben, den Begriff „Geheimes Deutschland“ ernstzunehmen. Die im Umkreis Stefan Georges gebrauchte Fügung meint „die Idee dessen, was Deutschland jenseits bloßer historisch-politischer Zeit und Geschichtslagen sein sollte“; sie gehöre „zu den überempirischen Prinzipien, die uns über alle durchlittenen Schiffbrüche hinweg – wenn auch oft genug nur im Klandestinen – immer auch Denkräume für das Tiefste offen gehalten haben.“ (S. 68) Die beiden Verfasser schildern in affirmativer Weise die wertstiftenden Bezüge Georges und seiner Anhänger auf die Staufer, heben aber auch – und dies stärker als George oder gar gegen ihn – die Bedeutung der deutschen Klassik hervor: „Weimar verkörpert als seelische Landschaft des Deutschen dessen integrative Potenzen als etwas Besonderes seines Nationalcharakters.“ (S. 54, Kursiv im Original) Mit „integrative Potenzen“ dürften die Autoren u.a. die Fähigkeit vieler deutscher Dichter und Denker – das Klischeehafte dieser Reihung möge dem Rezensenten vergeben werden – verstehen, ästhetische Prinzipien und Bestandteile der Weltauffassung des antiken Griechentums aufzunehmen. Den Deutschen eigne darum dort, wo sie nicht lediglich im Praktisch-Tagespolitischen verhaftet bleiben, etwas Übernationales, ja Europäisches. In jedem Falle will die Rede vom Geheimen Deutschland, wie auch jene von der Klassik nicht auf ein Idyll hinaus. Die Autoren unterstreichen „die Differenz von lebendiger Deutsche [sic] Klassik und abstraktem Klassizismus (gleich welcher Couleur)“ (52): „Während deutsche Klassik die facettenreiche Passionsnatur des Menschen als Unabschließbares und Tragisches, damit Hochwidersprüchliches thematisiert, hält Klassizismus dem Menschen ein ‚ewiges‘ Maß des ‚Guten‘, ‚Wahren‘ und ‚Schönen‘ vor.“ (ebd.)

Soweit, wie zu erkennen, das Argument. Die kleine Abhandlung stellt – natürlich – keinen wissenschaftlichen Text dar, sondern einen Essay, der von Andeutungen und überraschenden Verknüpfungen lebt. So springen die beiden Verfasser recht unbekümmert zwischen Passagen aus dem Werk und Manuskripten Stefan Georges, Friedrich Nietzsches und Friedrich Gundolfs hin- und her, als ob das alles Bausteine eines Programmes wären! Zudem wirken einige der angeführten George-‚Stellen‘ recht konventionell. Wer sich nur ein wenig mit dem in Bingen aufgewachsenen Dichter beschäftigt hat, findet bei Dietzsch und Lehrke manches Erwartbare (S. 19-21, 24, 26-27, 29-30, 35, 44, 49), aber kaum Überraschendes. Es scheint, als sollten der Mensch Stefan George und sein Werk auf einen – in welcher Hinsicht auch immer – passenden Mythos, eine passende Charaktermaske zurechtgestutzt werden. Als in belebendes Gegenmittel sei die Monographie Das verfluchte Amerika. Stefan Georges Bildnis von Unternehmertum, Markt und Freiheit (Würzburg 2016) aus der Feder des Rezensenten empfohlen; darin vor allem der dritte Teil, der Georges beträchtlichem Unternehmer-Talent gewidmet ist.

In das genannte Zurechtstutzen Georges schreibt sich eine kaum anders als lachhaft zu nennende Monumentalisierung ein (S. 23):

Und umgekehrt sahen die jungen Dichter aus dem Pariser Kreis um Mallarmé (1890) in Stefan George, der ja als einziger Deutscher dazugehörte, den neuen Sänger des – vorerst noch geheimen – wahren Deutschland. Er ist ihnen der geistige Bote eines anderen Deutschlands als des Machtdeutschlands, das die Franzosen jüngst unterworfen hatte.

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Antikapitalismus Antiliberalismus Egalitarismus Geschichte Wissenschaft

Götz Alys neuere Holocaust-Forschung und ihre Rezeption. Eine kritische Bestandsaufnahme (Auszug)

Götz Aly ist einer der bekanntesten deutschen Historiker, die über die Entrechtung, Ausplünderung und Ermordung der europäischen Juden forschen. Der vorliegende Aufsatz beschäftigt sich mit einigen jüngeren Veröffentlichungen Alys, angefangen mit der 2005 publizierten Studie Hitlers Volksstaat, die aufzeigt, welche Vorteile der gewöhnliche Volksgenosse von ‚Vater Staat‘ unter den Nationalsozialisten erwarten durfte. Sodann werden die Bücher Warum die Deutschen? Warum die Juden? (2011) und Europa gegen die Juden. 1880-1933 (2017) besprochen. Beide Werke fragen nach den Vorbedingungen des Holocaust, soweit Moral und Ethik, sozialpolitische und solche Maßnahmen in Rede stehen, die der Schaffung möglichst homogener Nationalstaaten verpflichtet sind (vgl. Aly, Europa, 2017, S. 375-376). Während das 2011 erschienene Buch sich auf den deutschen Sprachraum konzentriert, erweitert die 2017 publizierte Studie den Blick auf verschiedene Staaten Mittel- und Ostmitteleuropas.

Die drei genannten Buchveröffentlichungen bilden ein Forschungsprogramm im Sinne Imre Lakatos’, dessen „harter Kern“ (Lakatos, Methodologie, 1982, S. 47-49) sich wie folgt formulieren ließe: Aly fragt nach den greif- oder zählbaren Vorteilen, in deren Genuß eine Mehrheitsbevölkerung kommt, wenn der Staat eine Minderheit (oder mehrere Minderheiten) drangsaliert.

Aly folgend, erklären diese Vorteile die erstaunliche Loyalität, welche die meisten Deutschen der nationalsozialistischen Führung entgegenbrachten, sie die massenhaften Verbrechen, von denen sie wußten oder ahnten, tolerieren ließen, sofern sie nicht selbst an den Greueltaten teilhatten. Alys Ansatz erlaubt ihm zudem, gewisse Sachzwänge der Hitlerschen „Gefälligkeitsdiktatur“, „jederzeit mehrheitsfähigen Zustimmungsdiktatur“ (Aly, Volksstaat, 2006, S. 36, 333) mit ihren vielfältigen Steuervergünstigungen, finanziellen und Sachleistungen für Geringverdiener, die keiner der als ‚minderwertig‘ klassifizierten Bevölkerungsgruppen angehören, auszumachen und als historischen Erklärungsansatz zu formulieren (ebd., S. 37, 51, 68, 70-71, 141-158, 325, 392). Dazu zählt die Unausweichlichkeit immer weiterer Eroberungen (ebd., S. 355), um auch die dortige Bevölkerung ihrer Lebensmittel und -grundlagen berauben zu können, der Raubmord an den europäischen Juden und das geplante Verhungern-Lassen von Millionen Menschen im Osten des Kontinents.

Alys Bücher pflegen teils heftige Reaktionen hervorzurufen. Unter diesen Reaktionen sollen im Folgenden besonders diejenigen interessieren, welche sich außerhalb der eigentlichen Fachdiskussion bewegen: jene also, die in den Feuilletons der großen Zeitungen und Zeitschriften und in sonstigen Stellungnahmen im weiteren Sinne politischer Natur zu finden sind. Denn Alys Forschungsprogramm hat einen Nebeneffekt. Es läßt nicht nur auf die verbrecherische „Gefälligkeitsdiktatur“ der NSDAP, sondern auf sämtliche Gemeinwesen anwenden, über die konstatiert werden darf, daß der fürsorgliche Staat seine Sozial- und sonstigen Programme auf Kosten einer Minderheit oder Fremder finanziere, während die Mehrheit seiner Bürger nicht danach frage – oder lieber nicht danach fragen wolle –, wo der Segen herkommt. Der „harte Kern“ von Alys Forschungsprogramm, der eine gewinnbringende Analyse und Kritik des nationalen Sozialismus im Deutschen Reich zwischen 1933 und 1945 ermöglicht, ermöglicht ebenfalls die Analyse und Kritik anderer Ausprägungen des Sozialismus oder Nationalismus. Dieser Umstand erklärt die Heftigkeit einiger der unten diskutierten Reaktionen auf Alys Werk, wie der Historiker im Nachwort zur Taschenbuchausgabe von Hitlers Volksstaat hinsichtlich des Sozialismus selbst vermutet (Aly, Volksstaat, 2006, 371-372; zum Verhältnis beider Ideologien Aly, Europa, 2017, S. 350).

Mehr in: Studia Niemcoznawcze / Studien zur Deutschkunde (Universität Warschau), Bd. LXII (2018), S. 89-101. Volltext als PDF verfügbar („SN62“).

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Antiliberalismus Egalitarismus Geschichte Wissenschaft

Zur Kontroverse um Götz Alys „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“

Wortfolge/Szyk Słów 1 (2017), S. 39-62 (zitierfähiges PDF)

Die folgenden Seiten betrachten einige Aspekte des im Jahr 2011 erschienenen Buches Warum die Deutschen? Warum die Juden? von Götz Aly, das den Untertitel Gleichheit, Neid und Rassenhass trägt,[1] sowie ausgewählte Reaktionen auf dieses Werk in der deutschsprachigen Presse. Dabei werden besonders die logische Struktur und die – natürlicherweise teils impliziten – Voraussetzungen der Argumentation des in Rede stehenden Buches, als auch der Rezensionen und Kommentare in den Blick gefaßt. Eine solche Unternehmung verspricht Gewinn, weil dort, wo auf den Neid und dessen Folgen abgehoben wird, lehrreiche Verzerrungen und Mißverständnisse selten auf sich warten lassen.

Alys Argumentation

Der Titel des Aly’schen Buches stellt zwei Fragen, die im Wesentlichen durch den mittleren Eintrag im Untertitel beantwortet werden. Es sei vor allem der Neid gewesen, der die Deutschen zur Judenfeindschaft getrieben habe – eine Einschätzung, die viele Zeitzeugen jüdischer und nicht-jüdischer Herkunft teilten (Aly 2011:92-93, 110-113, 186-187). Zum Anlaß habe gereicht, daß die Juden in Deutschland all jene Möglichkeiten, die die sich öffnende und industrialisierende Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts bot, besser – das ist: öfter und früher, gründlicher und umfassender – genutzt hätten als ihre nicht-jüdischen Nachbarn. Zu den wichtigsten Ursachen für diesen Unterschied zählt der Verfasser bestimmte Züge der jüdischen Kultur, die man als „Bildungswille“ (Aly 2011:38) zusammenfassen kann. Jüdische Eltern zeigten sich äußerer Armut ungeachtet sehr oft bereit, bis zu einem Sechstel ihrer Einkünfte für den Hebräisch- und Elementarunterricht ihrer Söhne auszugeben. Die Stunden vermittelten eine Sprache, die den Zugang zu den Quellen der eigenen Religion ermöglichte, doch im Umgang mit nicht-Juden durch (wenigstens) eine weitere Sprache ergänzt werden mußte. Das Ergebnis beschreibt Aly wie folgt:

Jüdische Jünglinge lernten zu abstrahieren, zu fragen, nachzudenken. Sie schulten den Verstand am Umgang mit Büchern, im gemeinsamen Lesen und Auslegen und im kontroversen Debattieren der heiligen Schriften. So trieben sie geistige Gymnastik, so praktizierten sie ihre Religion und wurden im wörtlichen Sinne mündig. Zudem beherrschten Juden meistens zwei oder drei Sprachen mit ihren unterschiedlichen Grammatiken und Ausdrucksfinessen. Vielfach benutzten sie neben der hebräischen auch die lateinische Schrift. Derart geschulte junge Männer verfügten über eine gediegene, leicht ausbaufähige intellektuelle Basis für den Aufstieg kraft Bildung. (Aly 2011:38)

Über die religiösen und weltlichen Bildungsbemühungen der christlichen Gegenseite vermerkt der Autor, sie „legten Wert auf das Auswendiglernen von Glaubenssätzen, hielten Diskussionen für Teufelszeug, vor dem sie die ‚Laien‘ bewahren müssten […]. […] Bis ins 20. Jahrhundert hinein warnten christliche Eltern ihre Kinder: ‚Lesen verdirbt die Augen!‘“ (Aly 2011:39) In der Folge habe die christliche Mehrheit eine weit geringere Mobilität hin zu Bildung und Wohlstand an den Tag gelegt, als sie bei den Juden zu beobachten war.

Nun reicht der Hinweis auf den Neid angesichts kultureller und also auch materieller Unterschiede natürlich nicht hin, die Ausgrenzung und Ermordung der deutschen und europäischen Juden zu erklären. Neid ist etwas Allgemein-Menschliches; Antisemitismus als Ausfluß des Neides etwas recht Verbreitetes[2]; die massenhafte Tötung der Beneideten eine Ausnahme. Darum führt Aly drei weitere historische Umstände an, die seiner Meinung nach dazu beigetragen haben, aus der schwelenden Disposition einen lodernden Brand zu fachen: (1) den wachsenden Erfolg nicht-jüdischer Deutscher, was Bildung und soziale Mobilität in die höheren Ränge der Gesellschaft angeht; (2) die zunehmende Desavouierung des überkommenen – gern als „bürgerlich“ bezeichneten, aber natürlich weit älteren – Begriffs von Eigentum durch die sozialistische Bewegung; (3) die Vermählung von sozialistischem und nationalistischem, auch rassistischem Denken. Die einzelnen Punkte sollen nun je für sich dargestellt werden.

Ad (1): Die jüdischen Einwohner Deutschlands unter den Hohenzollern und der Weimarer Verfassung verfügten im Durchschnitt über höhere Bildung und deutlich höheren Wohlstand. Doch holten die nicht-Juden auf. So

verringerte sich die materielle Differenz zwischen deutschen Juden und Nichtjuden seit etwa 1910. […] Die Mehrheitsdeutschen verringerten ihren Bildungsabstand zunächst langsam, dann schneller […]. […] Gehörten 1886/87 noch knapp zehn Prozent aller Studierenden in Preußen der jüdischen Religion an, waren es 1930 […] noch vier Prozent. Hatten Juden 1914 im Durchschnitt noch das Fünffache eines Durchschnittsdeutschen verdient, war es 1928 noch das Dreifache, eine erhebliche Angleichung in nur 14 Jahren. (Aly 2011:296)

Die Annäherung rührte nicht ausschließlich von privater Initiative her. Das deutsche Bürgertum – und also auch dessen jüdischer Anteil – verlor durch die mit dem Waffenstillstand 1918 zerstobenen Kriegsanleihen an Vermögen. Eine zugleich löbliche und tragische Rolle spielten für Aly die sozial- und bildungspolitischen Maßnahmen der Weimarer Republik. Realgymnasien und Oberrealschulen wurden besonders gefördert; nur noch knapp ein Drittel aller Abiturienten stammte von den Gymnasien herkömmlicher Art. Auf diese Weise „wurde die soziale Zusammensetzung der Ausbildungsgänge revolutioniert“ (Aly 2011:224), die Anzahl der Anwärter auf akademische Berufe stark vermehrt. In der Folge „herrschte die Meinung, und die Realität sprach dafür, die deutschen Hochschulen seien überfüllt, die Zukunftsaussichten für Hoch- und Fachschulabsolventen miserabel.“ (Aly 2011:225) Damit sei, so Aly weiter, eine besondere Konkurrenz zwischen den jüngeren nicht-jüdischen Deutschen und den in den akademischen Berufen stark vertretenen Juden entstanden, welchen bereits seit etwa 1880 ein spezifischer „Akademikerantisemitismus“ (Aly 2011:175; vgl. auch Benz 2011:63-68) entgegengeschlagen sei. Sie habe gerade bei den ambitionierten Deutschen in Verdrängungswünsche gemündet – oder wenigstens in eine willfährige Akzeptanz von politischen Maßnahmen, die auf Ausgrenzung (und, später, Ermordung) hinausliefen.

Ad (2): Aly verteidigt die Weimarer Republik und deren Eliten gegen überscharfe Kritik:

Wer die Weimarer Republik unter den Stichwörtern „Unfähigkeit“ und „Agonie“ beschreibt, der irrt. Das Problem liegt umgekehrt: Mit ihren Leistungen beförderte die Weimarer Republik den sozialen Aufstieg. Sie weckte Erwartungen für ein besseres Leben, die sie am Ende – infolge des inneren und äußeren Drucks – nicht mehr erfüllen konnte. (Aly 2011:163; ähnlich Schulze 1998:160)

Die erwähnten Leistungen sind (im weiteren Sinne des Wortes) sozialpolitischer Natur. Das bedeutet: der Staat handelt. In dieser Hinsicht verbleibt die Weimarer Republik ganz in der Bismarck’schen Tradition, verstärkt und erweitert das Vorgefundene – während sie nolens volens den überkommenen Eigentumsbegriff untergräbt. Denn der Staat besitzt kein eigenes Geld. Er muß es entweder per Steuern, Enteignungen etc. eintreiben oder seine Wohltaten sonstwie finanzieren, z.B. bestehende Vermögen per Inflation entwerten. Aus diesen tieferen Gründen ist es sehr richtig und wichtig, wenn Aly der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands als einer der führenden Kräfte der Weimarer Republik vorwirft, sie habe mit „ihrer antikapitalistischen Programmatik“ (Aly 2011:130) als nach eigenem Selbstverständnis „antibürgerliche Kraft“ (Aly 2011:131) ebenjenen Kollektivismus gefördert, den – obgleich in anderer Schattierung – auch die Nationalsozialisten propagierten. Außerdem sei das Programm der SPD geeignet gewesen, Neider zu reizen, da es „die Umverteilung von Reichtum der Bemittelten zugunsten der Unbemittelten glückstheoretisch“ (ebd.), mithin utilitaristisch begründet habe. „So respektabel […] dieser Programmpunkt eingedenk des damals obwaltenden Massenelends“ (ebd.) gewirkt haben mochte, stellt er dennoch die moralische Achillesferse jedes sozialistischen Programms dar: „Zugespitzt formuliert: SPD und Gewerkschaften wollten das Gute und trugen auf eine für die Verantwortlichen kaum überschaubare Weise zum Bösen bei.“ (Aly 2011:133)

Ad (3): Aly stellt vier Gemeinsamkeiten der vorherrschenden antiliberalen (oder kollektivistischen) Weltanschauungen im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts fest:

Erstens erklärten sie die Welt aus einem einzigen, stark vereinfachenden Prinzip; zweitens wollten sie die strikte Abgrenzung gegen das als feindlich angesehene Außen; drittens erhoben sie ihre arme oder von Armut bedrohte Gefolgschaft zur erwählten, den anderen überlegenen Großgruppe, der die Zukunft gehöre; viertens versprachen sie ein in herrlichen Farben ausgemaltes Morgen, das nach einem kurzen, notfalls opferreichen letzten Gefecht oder Endkampf zu erobern sei. (Aly 2011:236-237)

Weniger als das chiliastische oder millenaristische Element – das letzte Gefecht vor der herrlichen Zukunft (Cohn 1961:271-275; Vondung 1988:229-233; Landes 2011:250-388; Dahlmanns 2015:267-276) – interessiert Aly die Austauschbarkeit der Inhalte. In der Tat machen solche „starken, nicht nur äußerlichen Ähnlichkeiten […] die Inhalte der neuen politischen Heilslehren disponibel“ (Aly 2011:237); es fällt leicht, eine Klassen- zu einer nationalistischen oder einer Rassentheorie umzubauen. Damit trafen die Nationalsozialisten auf sehr verbreitete Denkweisen (logisch gesprochen: Argumentformen), die sie in ihrem Sinne adaptieren konnten und die zur Popularität ihrer eigenen Programme beitrugen. Wie Aly betont, habe sich darunter nicht ausschließlich ein militanter Antisemitismus befunden, sondern auch der Plan, die nicht-jüdischen Anteile der Bevölkerung Deutschlands nach eugenischen Vorstellungen zu redefinieren. „Seit 1934 sterilisierten deutsche Ärzte mit beispielloser Radikalität mehr als 350 000 Männer und Frauen.“ (Aly 2011:272) Etwa sechstausend Frauen starben nach dem Eingriff an Infektionen.

Bemerkenswert – und bezüglich dessen, was zu (2) ausgeführt wurde, von pikanter Relevanz – ist, daß einige leitende Funktionäre der SPD sich der hier dargestellten Austauschbarkeit wenigstens insoweit bewußt waren, daß sie sie nutzen zu können glaubten. Alys Ausführungen über diesen Sachverhalt mögen, da von zentraler Bedeutung, ausführlich zitiert sein:

Das geflügelte Wort „Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerle“ […] [wurde] im SPD-Vorstand immer wieder gebraucht […]. Dort unterschied man zwischen dem antisemitischen „Gelehrtenpöbel“ und dem gelegentlich antisemitisch infiltrierten kleinen Mann. Letzterer zeige mit seinen Ressentiments „doch einen hohen Grad sozialer Unzufriedenheit, der“, gemäß 1880 in Kraft gesetzter sozialdemokratischer Lehrmeinung, „heute zwar in die falschen Bahnen gelenkt ist, aber den ganzen Antisemitenschwindel überdauern und schließlich uns zugutekommen wird“. […]

In seiner Rede „Sozialdemokratie und Antisemitismus“ im November 1893 folgte August Bebel demselben Gedanken. […] Eben weil die unappetitliche Hetze soziale Not anspreche, so führte Bebel aus, letztlich aber keine Lösung biete, würden die sozialdemokratischen Lehren am Ende bei den Antisemiten auf „fruchtbaren Boden“ fallen, werde die SPD dann die Ernte einfahren […]. […] [F]olglich fand Wilhelm Liebknecht den Antisemitismus „keineswegs unwillkommen“.

Nach Bebels Rede 1893 verabschiedete der Parteitag ohne Diskussion eine Resolution. Demgemäß richteten die Antisemiten ihren Kampf gegen eine Teilerscheinung des Kapitalismus, nämlich „das jüdische Ausbeutertum“, und sie würden „zu der Erkenntnis kommen müssen, dass nicht bloß der jüdische Kapitalist, sondern die Kapitalistenklasse überhaupt ihr Feind“ sei. Im Vorwärts konnten die SPD-Leute lesen: „So kulturwidrig (der Antisemitismus) ist, so ist er doch Kulturträger wider Willen – im wahrsten Sinn des Wortes Kulturdünger für die Sozialdemokratie.“ (Aly 2011:134-135)

Soweit die (sehr) grobe Zusammenfassung der Aly’schen Argumentation. Es sei angefügt, daß der Historiker seine Ausführungen über den Neid und das antiliberale Denken durch Anmerkungen ergänzt, die auf Verunsicherung hinauswollen. Die schnelle Wandlung des Deutschen Reiches vom Agrarstaat zu einer der führenden Industrienationen der Welt habe vielen (nicht-jüdischen) Deutschen den Eindruck von seelischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Unbehaustheit vermittelt; selbst diejenigen, welchen der Aufstieg gelungen sei, hätten mit Gefühlen des Ungenügens zu kämpfen gehabt. Die hauptsächliche Argumentationslinie des Buches freilich bedarf solcher Spekulationen nicht. Zum Neider kann auch werden, wer sich vor dem Kennenlernen des Besseren, Erfolgreicheren zufrieden glaubte und eingestehen müßte, auch weiterhin keine Not zu leiden. Weder der Neid, noch übermäßige und womöglich ruchlose Ambition müssen aus ärmlichen oder sonstwie schwierigen Verhältnissen erwachsen.[3] Dieser Umstand gereicht dem Aly’schen Buch zum Guten, da die Auffassung, daß weite Teile der deutschen Gesellschaft, wenigstens aber des Bürgertums, mit der Modernisierung im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert schlecht zurechtgekommen seien und an ihr gelitten hätten, nicht mehr als stichhaltig gilt (Rohkrämer 1999:38-39). Hans-Ulrich Wehler kritisiert denn auch Alys Schilderung „von schmalen Mobilitätskanälen und verlangsamten Aufwärtsbewegungen deutscher Schüler und Studenten“ als grundsätzlich verfehlt; allerdings irrt Wehler selbst, wenn er damit die „Grundlage eines angeblich generellen Sozialneids“ für nicht vorhanden hält (Wehler 2011; Wehler 2014:152), weil der Neid, wie bereits bemerkt, auch außerhalb von Deprivation geprägter oder repressiver Randbedingungen entstehen kann.

Der israelische Historiker Yehuda Bauer nennt demgegenüber Alys Ansatz „äußerst wichtig und neu“, lobt dessen „äußerst interessantes“ Vorgehen, obgleich es „nicht als eine völlig zufriedenstellende Lösung des Problems angesehen werden“ könne (Bauer 2012). In Betreff jenes Neuen sollte in Erinnerung gerufen werden, was eingangs berührt wurde; nämlich daß, wie von Aly beschrieben und zitiert, schon Zeitzeugen den Antisemitismus als Ausfluß des Neides zu erklären suchten. Auf die Grenzen der Aly’schen Deutung kommt der gegenwärtige Aufsatz später zu sprechen.

Zur Diskussion um die Rolle der Sozialdemokratie

Nachdem dargestellt worden ist, wie Aly argumentiert, sollen nun einige Reaktionen auf sein Buch näher betrachtet werden. Den Anfang bilden Kommentare zu Alys Blick auf die Rolle der deutschen Sozialdemokratie.

Wie zu erwarten, zeigt sich der Vorwärts, das traditionsreiche Organ der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, von Alys These, man habe dem Neid, dem kollektivistischen Denken und damit mittelbar den Nationalsozialisten Vorschub geleistet, wenig begeistert. Der Artikel Sozialdemokratie als Wegbereiter für den Antisemitismus? unterstellt dem Historiker unter der Zwischenüberschrift „So nicht, Herr Aly!“ (Pöttgen 2011), er sei an schnellem Geld interessiert.[4] Nachdem der Text einige der oben zitierten Äußerungen von „Vorwärts-Gründer Wilhelm Liebknecht“ (ebd.) und anderen SPD-Funktionären genannt hat, konstatiert er, Alys

unvollständige Darstellung vermittelt […] den Eindruck, Antisemitismus sei in der SPD eine allgemein akzeptierte Denkweise. Dem Anspruch, den Deutschen unangenehme Wahrheiten aufzutischen, wird Aly so nicht gerecht. Vielmehr vermittelt er den Eindruck, durch nur scheinbar ehrliches Anpacken von „heißen Eisen“ auf reißenden Absatz zu hoffen. (ebd.)

Das ist, natürlich, ein argumentum ad hominem; als solches könnte es ad rem selbst dann wenig Überzeugungskraft beanspruchen, wenn es weniger grobschlächtig ausgeführt worden wäre. Darüber hinaus wird die unzutreffende Feststellung getroffen, Aly wolle nahelegen – oder es unterlaufe ihm, so etwas nahezulegen –, daß der Antisemitismus „in der SPD eine allgemein akzeptierte Denkweise“ gewesen sei. Dergleichen kann nur glauben, wer das fragliche Buch äußerst oberflächlich gelesen hat.

Ein weiterer Artikel im Vorwärts, der Alys Buch gewidmet ist, berichtet von einem Treffen des Historikers mit dem SPD-Politiker Franz Müntefering auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2011:

Zu Beginn hat Aly den zweifachen ehemaligen SPD-Vorsitzenden gelobt als „vorbildlichen Politiker“ mit „dienendem Ethos“ […]. Doch der Lorbeer hilft dem Historiker nicht. „Bücher wie dieses sind nicht Mut machend“, poltert Müntefering. Alys Positionen hält er gar für „gefährlich“. […]

Der relativiert zwar „die SPD war niemals eine antisemitische Partei“, doch er bleibt auch in Frankfurt dabei: „Das kollektivistische Versprechen und der Antiliberalismus der SPD im 19. Jahrhundert haben deutlich zum Antisemitismus beigetragen.“ Die SPD eine antiliberale Partei? Das kann Franz Müntefering nicht auf sich sitzen lassen. „Wir Sozialdemokraten müssen der Freiheit ein großes Gewicht geben und tun das auch“, stellt er klar.“[5]

Eher marginale Aufmerksamkeit verdient das Wort „relativiert“. Es scheint in Übereinstimmung mit der die Sachlage verfehlenden Einschätzung des rund zwei Monate zuvor im selben Organ erschienenen Artikels Sozialdemokratie als Wegbereiter für den Antisemitismus? gesetzt worden zu sein, bildet somit die Fortsetzung einer haltlosen Behauptung. Wesentlicher wirken die beiden Äußerungen Münteferings. Seine zuletzt wiedergegebene Einlassung legt nahe, daß dem Politiker die unauflösliche Spannung zwischen individueller Freiheit – dies meint, was Philosophen als „negative“ Freiheit zu bezeichnen pflegen, da es sich stets um Freiheit vom oder gegen den Staat, von staatlicher Willkür oder gegen sie handelt etc. (Dahrendorf 2006:50-54) – und staatlichen Maßnahmen zur Verbesserung der materiellen Bedingungen ausgewählter Bevölkerungsgruppen bewußt sei, welche immer nur auf Kosten anderer Bevölkerungsgruppen möglich sind. Zuweilen und wider alle Absicht geschieht dergleichen sogar auch auf Kosten jener, die gefördert werden sollen (Hayek 2007:153; Sowell 2015:153-169). Münteferings Äußerung wäre somit ein Appell zur Vorsicht und Mäßigung, wo immer über sozialpolitische Programme nachgedacht wird, geboren aus der Einsicht in den unauflösbaren Konflikt zwischen Liberalismus und Etatismus.

Weshalb aber hält der SPD-Politiker Alys Auffassung für „gefährlich“? Hier kann nur spekuliert werden, was aus ebendiesen Gründen unterbleiben soll. Es läßt sich jedoch mit aller Sicherheit feststellen, daß die Ausführungen des Buches Warum die Deutschen? Warum die Juden? an den Grundfesten jener bedenklichen Tradition in Deutschland rütteln, die Legitimation eines Staatswesens nicht in der Freiheit – der, wie oben umrissen, „negativen“ Freiheit – zu suchen, die es gewähre, sondern im Wohlstand, wobei jener Wohlstand zu bedeutenden Teilen durch die öffentliche Hand garantiert und bereitgestellt werden soll. Sie rühren also an ein sehr tiefes Problem staatsphilosophischer Natur, dessen moralische Implikationen kaum zu überschätzen sind. Wer sich vor Augen ruft, daß die junge Bundesrepublik Deutschland nach den Konvulsionen, die deutscher Etatismus in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hervorgerufen hatte, zur eigenen Legitimierung kaum Besseres wußte, als ihr sozialstaatliches Versorgungsangebot auszubauen, der erkennt, daß er es mit einer tief eingewurzelten Haltung zu tun hat:

Die Bundesregierung nutzte die volkswirtschaftlichen Verteilungsspielräume, um auf sozialpolitischem Gebiet in fast revolutionärer Weise tätig zu werden: Mit dem Bundesversorgungsgesetz von 1950 wurde drei Millionen Kriegsgeschädigten geholfen. Das Lastenausgleichsgesetz von 1952 setzte einen bisher nie dagewesenen Vermögenstransfer innerhalb der Bevölkerung in Gang, um diejenigen zu entschädigen, die durch Krieg, Vertreibung und Enteignungen in Ost- und Mitteldeutschland Vermögensverluste erlitten hatten.

Bundesvertriebenengesetz, Betriebsverfassungsgesetz, Bundesentschädigungsgesetz, Rentenreform, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Kindergeld: Der Sozialstaat, wie wir ihn heute haben, entstammt der Ära Adenauer, einer Zeit, die sich dem Glauben hingab, daß die Wirtschaft grenzenlos weiterwachsen und den Sozialstaat für alle Zeiten finanzieren werde. (Schulze 1998:208-209)

Der abschließende Satz nennt den proton pseudos derartiger Legitimationsversuche; er zeigt das Problematische sozialstaatlicher Vorstellungen auf, noch bevor genuin moralische Argumente zu führen wären.

Eine weitere Äußerung Münteferings im zuletzt genannten Artikel des Vorwärts gilt dem Neid selbst: „‚Was ist Neid und wo fängt er an?‘, will Franz Müntefering wissen und schlägt die Brücke ins 21. Jahrhundert. ‚In Deutschland gibt es sittenwidrige Löhne. Auch das kann zu Neid führen.‘“ Diese Bemerkung ist im Hinblick auf ihre Voraussetzungen interessant. Sie legt nahe, daß Neid in bedrückenden Verhältnissen entstehe und im Zuge ihrer Verbesserung – wie anzunehmen ist: von Staats wegen – gemildert werde oder gar verschwinde. Eine solche Sicht muß als anthropologisch naiv gelten, wie die politische Diskussion in den demokratisch verfaßten Sozialstaaten unserer Tage beweist, deren Bürgern und Metöken ein bislang ungesehener Wohlstand zur Verfügung steht (Krämer 2000:150-154). Außerdem fällt Müntefering hinter Aristoteles zurück, der zwischen lähmendem, schädlichem Neid und dem anspornenden Ehrgeiz unterscheidet, es den Erfolgreicheren gleichzutun (Schoeck 1966:187). Da der Politiker eine solche Unterscheidung unterläßt, begreift er das Neid-Problem nicht als ein Phänomen der Ethik – d.h. als etwas, das den Charakter des jeweiligen Individuums fordern würde, mithin verschiedenen anderen ethischen Herausforderungen, etwa jener des Nihilismus, darin gliche, daß „[d]ie eigene Brust“ des jeweils Einzelnen der Ort ist, wo es „im unmittelbaren und souveränen Kampfe“ entschieden werden müßte (Jünger 1980:279) –, sondern als eines der äußeren Umstände, der materiellen und sonstigen Rahmenbedingungen, unter denen menschliches Handeln stattfindet. Damit wird die Illusion ermöglicht, es sei durch sozialtechnische Maßnahmen zu handhaben, gar zu lösen (DiFabio 2005:260).

„antisozialdemokratische Häme“?

Der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann meint über Alys Ausführungen, soweit sie der SPD im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert gelten: „Nicht gut finde ich […] seine antisozialdemokratische Häme. Sicher, Antisemitismus gab es auch innerhalb der Sozialdemokratie. Doch der war längst nicht so virulent und verbreitet wie bei den Konservativen.“ (Wippermann 2011; vgl. auch Jahr 2011)

Es mag sein oder nicht sein, daß der Antisemitismus „bei den Konservativen“ stärker gewesen sei als unter Sozialdemokraten; schlimmer geht’s immer. Ungeachtet dessen bleibt richtig, daß die, wie der Münchner Historiker und Journalist Gustav Seibt bemerkt, „in allen Schichten breit fundierte, erstaunlich oft auch offen artikulierte Kultur des Neides auf überproportional erfolgreiche jüdische Aufsteiger“ (Seibt 2011) und der in diesem Zusammenhang anzutreffende Kollektivismus überall zur Kenntnis genommen werden sollten, wo sie aufstoßen. So fragt Seibt im Anschluß an die Lektüre des Aly’schen Buches völlig zurecht, ob die Parteistiftung der Freien Demokraten nach „Friedrich Naumanns volksimperialistischem Versuch, Nationalismus und Sozialismus zu verbinden […], […] wirklich weiter nach diesem Mann“ (ebd.) heißen sollte. (Die Stiftung selbst handhabt das Problem, indem sie ihren Namen durch die Fügung „für die Freiheit“ ergänzt und jene deutlicher hervorhebt als ihre überkommene Bezeichnung.[6])

Besondere Aufmerksamkeit verdient der Vorwurf der „Häme“ den Sozialdemokraten gegenüber. Ein solcher Anwurf verwundert – zumal dann, wenn er von einem habilitierten Historiker vorgebracht wird –, weil als bekannt gelten dürfte, daß alles menschliche Handeln dem Gesetz der ungewollten Konsequenzen unterliegt (Merton 1935). Aly selbst weist  ausdrücklich darauf hin, daß das Tun der SPD-Funktionäre und -Anhänger ungewollte, kaum vorhersehbare Folgen gezeitigt habe (vgl. im Abschnitt „Alys Argumentation“ unter „Ad (2)“). Beide Sachverhalte verdeutlichen, weshalb Wippermanns Vorwurf haltlos ist. Dafür tritt das in einem nicht-trivialen Sinne Tragische deutlich hervor, sind im Handeln der Sozialdemokraten Züge von tragischer „Verfehlung“, ist an ihrem Schicksal eine gewisse „Dignität des Falles“ auszumachen (Lesky 1984:21, 32, ohne Kursive).

Mit dem Hinweis auf das Tragische als Konsequenz allgemein gültiger handlungslogischer Gegebenheiten dürfte deutlich geworden sein, daß auch die deutsche Sozialdemokratie Menschenwerk ist – und als solches der Kritik unterliegt. Dennoch inkriminiert Christoph Jahr in der Neuen Zürcher Zeitung:

Letztlich hat es den Anschein, als gehe es Aly vor allem darum, seinen Kampf gegen „1968“ und die Folgen fortzuführen. Wenn er gegen die Fortschrittsangst und den verkümmerten Freiheitssinn der christlichen Deutschen polemisiert, hat man bisweilen den Eindruck, eine neoliberale Kampfschrift vor sich zu haben.

Aly begnügt sich nicht damit, auf die tatsächlich problematischen Aspekte sozialer Homogenisierungsphantasien hinzuweisen. Er denunziert vielmehr das Streben nach sozialer Gerechtigkeit durchweg als im Ergebnis die Judenfeindschaft fördernde Regung. […] Beinahe möchte es scheinen, als wäre die deutsche Sozialdemokratie der stärkste Motor des Antisemitismus gewesen. Dass auch diese Partei nicht frei war vom taktischen Spiel mit der Judenfeindschaft und manche Aspekte dieses Phänomens verharmloste, ist richtig. Doch dass in keiner anderen Partei so viele Juden über Jahrzehnte hinweg konstant wichtige Führungspositionen wahrnehmen konnten, erfährt der Leser äusserstenfalls am Rande. (Jahr 2011)

Nun bildet die Anzahl jüdischer Mitglieder und Funktionäre in einer Partei keinerlei Indiz, das gegen die ungewollte und somit tragische Förderung der Judenfeindschaft durch diese Partei spräche. Weit interessanter mutet daher Jahrs Hinweis an, daß „das Streben nach sozialer Gerechtigkeit“ von Aly als etwas „denunziert“ werde, das in den Antisemitismus führt – oder führen kann. Ebendies rufe den Eindruck hervor, „eine neoliberale Kampfschrift vor sich zu haben.“

Wie jeder mit dem Übergangsfeld von Staatsphilosophie und Nationalökonomie auch nur einigermaßen Vertraute weiß, ist der Begriff „soziale Gerechtigkeit“ alles andere als unproblematisch. Friedrich August von Hayek bezweifelt, daß dem Begriff überhaupt eine einigermaßen scharfe Bedeutung zugeschrieben werden kann (Hayek 1991:114-119). Außerdem wäre zu berücksichtigen, daß „soziale“ Gerechtigkeit, sofern sie überhaupt als einer von mehreren Unterfällen des Gerechten akzeptiert werden sollte, mit anderen Kategorien von Gerechtigkeit konfligiert, so z.B. mit der Verfahrensgerechtigkeit, welche immer auch eine Frucht „negativer“ Freiheit ist. Schlußendlich wären Fragen zu klären, die der Umsetz- und Meßbarkeit von Vorstellungen „sozialer“ Gerechtigkeit gelten (Sowell 2015:177-207). Diese wenigen Hinweise dürften genügen, um zu zeigen, daß Jahr sich vergreift, wo er davon schreibt, es werde „denunziert“. Denn Alys Studie rührt in durchaus sachlicher Manier an (mindestens) zwei Problemfelder äußerster Relevanz: (1) unsere Maßstäbe des Gerechten, (2) das Schicksal der Freiheit im zwanzigsten Jahrhundert.

Patrick Bahners stellt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fest: Aly halte „den Sozialdemokraten vor, sie hätten das ‚Gift des Neides‘ ausgestreut und dadurch ‚der Gewalt ungewollt Vorschub geleistet‘. Dieser kausale Nexus ist nun umgedrehter Ernst Nolte: Hitler als Speerspitze der ewigen Linken!“ (Bahners 2011; in knapper Form über den genannten Nexus: Nolte 2011:49-52) Bahners’ Bemerkung dürfte des Hinweises auf Nolte wegen desavouierend gemeint sein. Wie sein in der Schweiz publizierender Kollege meint auch der für die FAZ schreibende Journalist, ein pro-liberales „Pamphlet“ (Bahners 2011) sei der bessere Ort für Alys Einlassungen. Freilich kann derartige Polemik nicht die Forschungs- und reflektierende Literatur zum Thema widerlegen (Hayek 2007:81). Alys Buch selbst wäre stärker, wenn sein Autor mehr von jener Literatur zur Kenntnis genommen hätte.

Bahners vermißt ferner einen Hinweis Alys auf „die Wurzeln der sozialdarwinistischen Doktrin vom Kampf ums Dasein in der liberalen politischen Ökonomie“ (Bahners 2011). Dies geschieht sehr wahrscheinlich in der Absicht, eine andere, Alys Sicht auf das Wirken der SPD widersprechende oder wenigstens ergänzende Quelle von Verdrängungs- und Vernichtungswünschen Ambitionierter auszumachen. Hier sollte berücksichtigt werden, daß evolutionäres Denken als „Deutungsschema“ weithin Anwendung findet, der Darwinismus jedoch nur einen Teilbereich jenes Denkens bildet (Poser 2000:256-277; Dahlmanns 2009:133-137). Zudem wollen die moralischen Verhältnisse gründlich durchdacht (Röpke 1959; Röpke 1965:41-46), alle wesentlichen Aspekte des Horatio-Alger-Mythos erkannt und verstanden sein (Zingales 2011), bevor die Markt- und Unternehmerwirtschaft einschließlich der ihr aufruhenden (Hartmann 1962:17-19) bürgerlichen Gesellschaft als etwas Dschungelhaftes abqualifiziert wird.

Materialismus?

Der in Freiburg im Breisgau lehrende Historiker Ulrich Herbert ist der Meinung, daß Aly materielle Faktoren „überzeichnet“ (Herbert 2011):

War es wirklich nur Neid? Juden standen im späten Kaiserreich ja nicht nur für materiellen Erfolg. Sie fanden sich zum großen Ärger ihrer Gegner in der verwirrenden Dynamik der Hochindustrialisierungsphase offenkundig besser zurecht als die meisten christlichen Deutschen.

Juden galten ihnen daher gleichermaßen als Symbole wie als Profiteure der Moderne: freche Journalisten, neugierige, aufmüpfige Gymnasiastinnen, kühl rechnende Börsianer, ironische Schriftsteller – sie repräsentierten in den Augen ihrer Gegner den Geist der Stadt, des Kapitalismus, des Liberalismus und Individualismus. Mit den Juden verbanden sich so alle Herausforderungen, Irritationen und Bedrängungen des modernen Lebens. Nicht nur Einkommensunterschiede oder unerreichter wirtschaftlicher Aufstieg, auch die Beschwerden über die Exzesse des Großstadtlebens wurden mit den Juden in Verbindung gebracht: Prostitution und Alkoholismus, Frauenemanzipation und Kriminalität, aber vor allem die Massenkultur. (Ebd.)

Herberts Bemerkungen wirken der äußeren Sachlage völlig angemessen, sofern das „Verwirrende“ in der „Dynamik der Hochindustrialisierungsphase“ nicht auf Deprivation und Leiden zielt (vgl. im Abschnitt „Alys Argumentation“). Wenig einsichtig jedoch mutet an, weshalb die bezüglich der Juden aufgezählten Rollen und Eigenschaften nicht als etwas gelten können sollten, das Anlaß zum Neiden gibt. Wer als einer von vielen „freche[n] Journalisten […] den Geist der Stadt, des Kapitalismus, des Liberalismus und Individualismus“ verkörpert, muß kein Vermögen scheffeln, um beneidet zu werden; schon seine Gewandtheit in Wort und Umgang gibt Anlaß genug. Neid ist desto schwerer zu überwinden, je weniger er äußerlichen Besitztümern und je mehr er dem Wesen – den Charakterzügen, Talenten usw. – der beneideten Person gilt (Schoeck 1966:123-126, 212). Genau deshalb kann von einer Überbetonung des Materiellen durch Aly keine Rede sein. So ist es zu begrüßen, wenn Bahners urteilt, daß der Verfasser des Buches Warum die Deutschen? Warum die Juden? „eine moralische Empirie der Eindrücke und Gefühle frei[lege]. Diese sozialpsychologische Neugier wird durch den Vorwurf des ‚Vulgärmaterialismus‘ (Hans-Ulrich Wehler) nicht mehr getroffen.“ (Bahners 2011)[7]

Was „die Exzesse des Großstadtlebens“ einschließlich der Frauenemanzipation angeht, sei darauf hingewiesen, daß die Kritik an diesen Phänomenen nicht unbesehen für bare Münze genommen zu werden verdient; so trat z.B. Stefan George in seinem Werk als unerbittlicher Kulturkritiker äußerst elitären Zuschnitts auf, während er privatim – und sehr oft in der Gesellschaft gebildeter, teils auch promovierter Damen – alle Chancen der modernen, „offenen“ Gesellschaft und ihrer wirtschaftlichen Grundlage, eines vergleichsweise unbeeinträchtigten Unternehmertums, zu nutzen wußte (Dahlmanns 2016:212-250).

Reduktionismus?

Der Frankfurter Gelehrte Micha Brumlik lobt die Absicht des Aly’schen Buches, „sozialwissenschaftliche Großtheorien, die nur dazu führen, die Last der Verantwortung wegzuschieben, durch eine Betrachtungen zu ergänzen, die die Räuber und Mörder [der NS-Zeit] wieder zu Menschen wie dir und mir macht.“ (Brumlik 2011; vgl. auch Aly 2006:366) Allerdings müsse bezüglich der Ausgangsthese Alys, es „wurzele der seit 1800 immer stärker werdende Judenhass der Deutschen in der Todsünde des Neides“, eingewandt werden, „dass es so einfach nicht geht.“ (Ebd.) Dies wisse auch Aly. Deshalb schließe er „eine historische Sozialpsychologie der Deutschen“ (ebd.) an,

die nicht nur auf die besondere Leistungsmotivation der Juden als Angehörige einer jahrtausendealten literalen Kultur verweist, sondern vor allem darauf, dass ihr Aufstreben nach dem Fall der Ghettomauern die Ressentiments all jener beflügelte, die sich, weil minder gebildet und minder mobil, überholt und enteignet wähnten. (Ebd.)

Wie Brumlik weiter ausführt, vermöge Alys „reduktionistische Sozialpsychologie“ (ebd.) u.a. den plötzlichen Erfolg der NSDAP seit 1930 nicht zu erklären. „Im Bewusstsein dieses Mankos bedient sich Aly […] einer anderen sozialwissenschaftlichen Großtheorie, die schon vor Jahren als ‚Modernisierungsansatz‘ diskutiert wurde.“ (Ebd.; einiges von dem, was unter dieser Bezeichnung zu subsumieren wäre, wurde oben unter (1) bis (3) beschrieben.) Brumlik kommt somit zu einer doppelten Diagnose; er nennt Alys Hinweis auf den Neid zu „einfach“ und dessen historisch-psychologische Betrachtungen „reduktionistisch“. Was ist davon zu halten?

Zunächst ließe sich fragen, ob Brumliks Rede von einem „Manko“ angemessen sei; es könnte ja immerhin denkbar sein, daß allgemeine Erwägungen, wie sie in Sozialpsychologien (reduktionistischer oder nicht-reduktionistischer Art) Eingang finden, für gewöhnlich kaum den Anspruch erheben können, konkrete Einzelereignisse zu erklären. Als ein Beispiel für den verständigen Umgang mit dieser logischen Gegebenheit läßt sich anführen, daß der Krakauer Philosoph Ryszard Legutko unterstreicht, wie wenig erwartbar die Ereignisse in der Volksrepublik Polen 1980 gewesen seien (Legutko 2012:72-73). Damit liegt wenigstens ein guter Grund vor, eher von einem gelungenen Zusammenspiel der beiden hauptsächlichen Elemente in Alys Argumentation zu sprechen, das an die Beschreibung einer allgemeinen Disposition und die Benennung besonderer historischer Faktoren – mithin: Kontingenzen – gemahnt, die überliefertes Handeln vor dem Hintergrund jener Disposition einsichtig und nachvollziehbar, wiewohl nicht entschuldbar machen. Brumlik gesteht dergleichen letztlich zu, wo er Aly vorwirft, dieser beschreibe „kaum anders als die Apologeten der 1950er Jahre […] Nationalsozialismus und Holocaust als Ergebnisse einer unvermeidbaren, tragischen Konstellation“ (Brumlik 2011) und verschenke so das moralische (oder pädagogische) Potential seines Buches. Letztere Einschätzung bezüglich der moralischen Wucht des Aly’schen Werks teilen freilich weder Seibt (Seibt 2011), noch der Verfasser des gegenwärtigen Aufsatzes. Dies gilt schon deshalb, weil menschliches Handeln nun einmal kontingenten Bedingungen unterworfen ist. Anderes läßt sich nicht denken. Es mutet daher bloß natürlich und durchweg vernünftig an, daß Aly, wie Bahners erkennt, „für das Problem, dass gerade in Deutschland der Neid auf die Juden […] verheerende Macht entfaltete, eine klassische historische Erklärung [liefert], die das Kontingente betont, das kurzfristige Ineinandergreifen verschiedenartiger Ursachen.“ (Bahners 2011) Auch Wehler betont die historische Kontingenz. Er wendet sie gegen Alys Deutung (Wehler 2014:153), was im Lichte der gegenwärtigen Bemerkungen über die eingeschränkte Erklärungskraft sozialpsychologischer Ansätze überflüssig wirkt.

Über den Reduktionismus-Vorwurf selbst wäre zu bemerken, daß eher solche Ansätze, die auf den Neid als Erklärungsfaktor verzichten, für reduktionistisch gehalten zu werden verdienen: Ihr logisches Instrumentarium weist im Vergleich zu Theorien, die den Neid als Erklärungsfaktor integrieren, Defizite auf. Sie sind damit, in anderer Redeweise, weniger umfassend, können gewisse Phänomene nicht erfassen, geschweige denn erklären (Schoeck 1966:126; Dahlmanns 2009:133-134, 139-141).

Dick aufgetragener Philosemitismus?

Wippermann argumentiert ähnlich wie Brumlik; er beurteilt Alys Ansatz als „[e]ine verblüffend einfache Antwort“, die „nun wirklich etwas zu einfach“ sei (Wippermann 2011). Neben dem Antisemitismus der Deutschen sei eine ganze Reihe anderer Faktoren zu berücksichtigen. Außerdem konstatiert Wippermann:

Etwas zu dick aufgetragen ist […] Götz Alys eigener Philosemitismus. Das ständige Loblied auf die so intelligenten, beruflich erfolgreichen, patriotischen und tüchtigen deutschen Juden ermüdet etwas und wirkt heute nach der Katastrophe auch etwas schal und abgestanden. Außerdem stimmt es so nicht ganz. Schließlich waren nicht alle deutschen Juden Musterdeutsche. Einige wollten es ganz bewusst nicht sein. Zu ihnen gehörten die Zionisten. Doch die werden kaum erwähnt. (Ebd.)

In der Tat enthält Alys Buch einige wenige Stellen, die sich im Sinne Wippermanns als „zu dick aufgetragen“ kritisieren lassen (Aly 2011:180-183, 186). Das macht sie nicht per se falsch. Dennoch muß zugegeben werden, daß die Grundannahme des Aly’schen Buchs seinen Autor dazu veranlaßt haben dürfte, den Blick auf die Tüchtigeren unter den jüdischen Einwohnern des Deutschen Reiches (und seiner Vorgängerstaaten), also die Tüchtigeren der Tüchtigeren zu richten. Dieses Auswahl-Moment will angemessen berücksichtigt sein. Ganz in diesem Sinne bemerkt Jahr:

Aly singt das Hohelied des rasanten Aufstiegs „der Juden“, die an „den Christen“ vorbeizogen – wodurch er ungewollt in die Litanei der Antisemiten einstimmt, nur dass er positiv bewertet, was jene verteufelten. Dass dieser Eindruck entsteht, liegt nicht zuletzt daran, dass er einen „deutsch-jüdischen“ Gegensatz konstruiert – und konstruieren muss, weil seine Argumentation sonst nicht aufgeht –, der wenig Differenzierungen kennt.

Zwar waren die deutschen Juden am Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich überproportional gebildet, städtisch und wohlhabend, doch es gab auch ein jüdisches Proletariat und Kleinbürgertum, dem es ökonomisch nicht besser ging als den nichtjüdischen Klassengenossen. Auch wehrten keineswegs alle Christen die neuen Zeiten ab, sondern nutzten beherzt deren Chancen. Zudem tut Aly die vielen Beispiele reibungslosen Zusammenlebens mit ein paar Randbemerkungen ab. Man kann ihm den Vorwurf nicht ersparen, dass er „essenzialistisch“ argumentiert und zu ebenjenen völkerpsychologischen Stereotypen Zuflucht nimmt, die in demagogischer Absicht verwendet zu haben er den Antisemiten mit Recht vorwirft. (Jahr 2011)

Die neuere Kritik an essentialistischer Argumentation geht auf Karl Popper zurück. Der Begründer des Kritischen Rationalismus rät davon ab, nach dem „Wesen“ von Entitäten zu fragen; er empfiehlt, deren Verhalten unter reproduzierbaren Umständen zu untersuchen, um Hypothesen zu überprüfen (Popper 1976:7-8; Popper 1980:59-61). Und tatsächlich treten in Alys Buch annähernd ausschließlich solche Juden auf, deren „Wesen“, ihre Ausstattung an Talenten und Charakterzügen, den Befürchtungen neiderfüllter Antisemiten zu entsprechen scheint. Andere Einstellungen, die zur Judenfeindschaft führen können, kommen kaum vor – etwa jene Tendenz im europäischen Nationalismus, das eigene Volk als „auserwählt“, somit einerseits als etwas Homogenes oder zu Homogenisierendes (Wehler 2014:152) und andererseits als etwas in Konkurrenz zu den Juden als eigentlich auserwähltem Volk Stehendes zu begreifen (Goldman 2011:159-168), oder „die sich nach 1918 rapide verbreitende Vorstellung vom jüdischen Bolschewismus“ (Herbert 2011). Außerdem stellt sich die Frage, wie mit Alys Vorgehen zu vereinbaren sei, daß bedeutende Anteile der jüdischen Einwohnerschaft im Deutschen Reich, Ostmittel- und Osteuropa kaum erfolgreicher als ihre nicht-jüdischen Nachbarn waren oder gar in äußerster Armut lebten (Herbert 2011; Jahr 2011). Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Alys Ansatz bedarf der Ergänzung. Dies gilt auch dann, wenn Alys Ausführungen, die sich auf das Phänomen des Neides stützen, sonstiger Kritik sachlicher Ausprägung standhalten.

Schlußbetrachtung

Die Diskussion um Alys Warum die Deutschen? Warum die Juden? in der deutschen Presse bewegt sich auf uneinheitlichem Niveau. Wie im Verlauf des gegenwärtigen Aufsatzes gezeigt, mangelt einigen Kommentaren das wünschenswerte Maß an Reflexion handlungslogischer Natur. So wird, als gölte kein ultra posse nemo obligatur, davon ausgegangen, daß die Betonung des Historisch-Kontingenten die moralische Wucht des Aly’schen Buches mindere. Außerdem wird von „Häme“ gesprochen, dem Buch ein „gefährlicher“ Charakter zugeschrieben, wo die handlungslogischen und also auch die moralischen Verhältnisse des von Aly Behandelten undurchdrungen bleiben. „Gefährlich“ ist Alys Ansatz ausschließlich für den deutschen Etatismus, auf dessen Kontinuität bis in die Bundesrepublik Deutschland, wie gezeigt, Schulze hinweist, und sonstige Spielformen des Kollektivismus. Wenn es hier etwas vorzuwerfen gibt, so lediglich, daß Aly nicht gründlich genug Programm und Früchte der französischen Revolution von den angelsächsischen, skandinavischen und schweizerischen Freiheitstraditionen unterscheidet (Röpke 1948:76-77), deshalb recht blauäugig wirkende Bezüge auf die äußerst problematische Tradition herstellt, welche mit dem Jahr 1789 beginnt (Aly 2011:13-14, 280). Dieser Eindruck mag der Kürze jener Bezugnahmen geschuldet sein. In jedem Falle stehen sie in einem doppelten Mißverhältnis zu anderen Zügen des Aly’schen Buches; einerseits zu dessen „wichtig[er]“ (Seibt 2011) Schilderung der Verheerungen während der Napoleonischen Besetzung Deutschlands (Aly 2011:76-79, 280), andererseits zu Alys Kollektivismus-Kritik, seinem „altliberalen Furor“ (Brumlik 2011) oder solchem neoliberaler Ausprägung (Jahr 2011). Der abwertende Charakter der beiden zuletzt genannten Beschreibungen unterstreicht zusammen mit der einschlägigen Bemerkung Bahners’ (vgl. im Abschnitt „antisozialdemokratische Häme?“), welch’ schweren Stand pro-freiheitliches Denken unter den Intellektuellen im deutschen Sprachraum hat.

Die Diskussion um Alys Buch gewönne an Wert, wenn sie über den Tellerrand der deutschen Geschichte hinausblicken würde. Zwar wirft Wehler Aly vor, daß dieser „aus der internationalen Mobilitätsforschung zu der hochgradig in Bewegung versetzten deutschen Gesellschaft keine empirischen Kenntnisse abgerufen“ habe (Wehler 2014:152), vermißt Bahners einen Vergleich zur Judenfeindschaft in Großbritannien, gestützt auf die „überaus lebhafte Forschung“ dort (Bahners 2011). Aber diese Hinweise bleiben negativ und steril; sie beleben nicht, worauf Aly zielt. Darum soll zum Abschluß des gegenwärtigen Aufsatzes gezeigt werden, wie eine im Wortsinne globale Perspektive Alys Ansatz stärkt:

Der US-amerikanische Nationalökonom Thomas Sowell bietet viele Beispiele für seine These auf, daß es, soweit das Soziale reicht, kaum etwas Heikleres gibt, als einer tüchtigeren und folglich reicheren Minderheit in einer weniger tüchtigeren und also ärmeren Mehrheitsgesellschaft anzugehören. Zu solchen Minderheiten zähl(t)en die Japaner in Peru vor dem Zweiten Weltkrieg, die ethnischen Chinesen in Malaysia und anderen Staaten Südostasiens, die Tamilen in Sri Lanka, die Libanesen in Sierra Leone und die Ibo in Nigeria (Sowell 2015:51, 61-63, 84-85, 205); bis in die ersten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts auch die Deutschen im Osten Europas einschließlich Rußlands (ebd.:56, 72-74), schließlich die Juden im Deutschen Reich (ebd.:85). Die Mehrheitsbevölkerungen reagier(t)en je nach Lage der Dinge mit Neid, Diskriminierung oder Gewalt (Beittinger 2004: 38-39; Sowell 2015:74-76, 144-145). Sowells umfassender Ansatz verdeutlicht, daß Aly recht hat, wo er feststellt: „Die Schwachen sind die Gefährlichen.“ (Aly 2011:277) Die in den Holocaust mündende Judenfeindschaft in Deutschland erscheint in dieser Perspektive als massenmörderischer Extremfall eines verbreiteten Phänomens – wobei die Rolle der erwähnten (und weiterer) Kontingenzen berücksichtigt werden muß (Bauer 2012).

Bemerkenswert ist, wie weit die Übereinstimmungen zwischen Aly und Sowell in das Persönlich-Lebensweltliche der Zeitzeugen reichen. Sowell berichtet: „In Bolivia, a terrorist of indigenous descent, when asked why he was engaging in terrorist activity, replied: ‚So that my daughter will not have to be your maid.‘“ (Sowell 2015: 145) Bei Aly heißt es: „Lasst sie [d.i. die Juden] nur noch 40 Jahre so weiterwirtschaften, und Söhne der christlichen ersten Häuser mögen sich als Packknechte bei den jüdischen verdingen.“ (Jakob Friedrich Fries, nach Aly 2011:63; vgl. ebd.:90, 97, 116, 119).

Anmerkungen

[1] Das programmatische Eingangskapitel des Aly’schen Buchs ist unentgeltlich zugänglich auf http://www.fischerverlage.de/media/fs/308/LP_978-3-10-000426-0.pdf (25.07.2016).

[2] Um die Verbreitung von Neid und Antisemitismus zu illustrieren, sei Thomas Sowell zitiert, dessen Schaffen gegen Ende des vorliegenden Aufsatzes ausführlich berücksichtigt werden wird:

Although diversity has become one of the leading buzzwords of our time, it has a history that goes back several generations. In the early twentieth century, the principle of geographic diversity was used to conceal bias against Jews in the admission of students to Harvard and other leading academic institutions. Because the Jewish population was concentrated in New York and other east coast communities at that time, quota limits on how many Jewish students would be admitted were concealed by saying that Harvard wanted a diverse student body, consisting of students from around the country. Therefore some highly qualified Jewish applicants could be passed over, in favor of less qualified applicants from the midwest or other regions of the country. (Sowell 2016)

[3] Von äußerstem Wert sind hier die folgenden Beobachtungen von Theodore Dalrymple (eigentlich Anthony Daniels) an der Figur des Macbeth in Shakespeares gleichnamigen Drama:

Macbeth […] is no Richard III, ‚Deformed, unfinished, sent before my time / Into this breathing world scarce half made up,‘ whose physical deformity parallels, indeed plausibly explains, his moral deformity. On the contrary, Macbeth is a hero, a valiant soldier in a good cause, bravely and loyally saving the realm of good king Duncan […]. […] Nor is he the victim of injustice or ingratitude that might extenuate, though not excuse, his later crimes. He has nothing to complain of: quite the reverse, for he is fortunate in his aristocratic birth, and he is more than generously rewarded by the king for his military services. […] He cannot complain of his domestic or economic circumstances, either. When Duncan later arrives at Macbeth’s castle, he remarks upon its beauty and tranquility: [‚]This castle hath a pleasant seat; the air [/] Nimbly and sweetly recommends itself [/] Unto our gentle senses.[‘] (Dalrymple 2005:33-34.)

[4] Daß dem Hinweis auf die Einkünfte eines Bestseller-Autors anläßlich einer Debatte über den Neid etwas Selbstreflexives und somit durchaus Ironisches eignet, sei nur am Rande bemerkt.

[5] [ohne Verfasserangabe] „Ein gefährliches Buch“, in: Vorwärts (Online-Ausgabe, Veröffentlichungsdatum: 15.10.2011), http://www.vorwaerts.de/artikel/gefaehrliches-buch (23.07.2016).

[6] Vgl. die Gestaltung der Homepage der Friedrich-Naumann-Stiftung, www.freiheit.org (1.09.2016).

[7] Wehler rezensiert Alys Buch Hitlers Volksstaat im Jahr 2005 unter dem Titel „Engstirniger Materialismus“; gegen Ende des Textes spricht er von „anachronistische[m] Vulgärmaterialismus“ (Wehler 2005:54). Alys Riposte erkennt auf Seiten Wehlers Inkonsequenz im Methodologischen und einen Unwillen, sich „von den Quellen überraschen“ zu lassen (Aly 2006:376-377, 397; zur Relevanz der Überraschung durch Empirie Popper 1992)

Literatur

  • Aly, Götz (2006): Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Frankfurt a.M.: Fischer.
  • Aly, Götz  (2011): Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933. Frankfurt a.M.: Fischer.
  • Bahners, Patrick (2011): „Ein Historiker im Kampf gegen den Egalitarismus“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (Online-Ausgabe, Veröffentlichungsdatum: 10.09.2011), http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/goetz-aly-warum-die-deutschen-warum-die-juden-ein-historiker-im-kampf-gegen-den-egalitarismus-11229052.html (1.09.2016).
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  • Wippermann, Wolfgang (2011): „Reiner Neid? Anmerkungen zu Götz Alys Versuch, den deutschen Antisemitismus zu erklären“. In: Jüdische Allgemeine (Online-Ausgabe, Veröffentlichungsdatum: 18.08.2011) http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/11034 (28.07.2016)
  • Zingales, Luigi (2011): „Who Killed Horatio Alger? The Decline of the Meritocratic Ideal“. In: City Journal, Herbst 2011. Nach: http://www.city-journal.org/html/who-killed-horatio-alger-13413.html (1.09.2016).
  • [ohne Verfasserangabe] „Ein gefährliches Buch“, in: Vorwärts (Online-Ausgabe, Veröffentlichungsdatum: 15.10.2011), http://www.vorwaerts.de/artikel/gefaehrliches-buch (23.07.2016).

Zitable Fassung: Wortfolge/Szyk Słów 1 (2017), S. 39-62 (PDF). Geringfügige Abweichungen zwischen der dortigen und der gegenwärtigen Fassung sind nicht auszuschließen.

Über Alys neueres Buch zum Thema unter dem Titel Europa gegen die Juden (2017) mehr in Wortfolge/Szyk Słów 2 (2018), S. 31-54 (PDF). Nach Ablauf der Sperrfrist wird auch dieser Aufsatz hier erscheinen.

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Antiamerikanismus Antikapitalismus Antiliberalismus Wissenschaft

Stefan George und Wilhelm Röpke über – und gegen – die Massengesellschaft

Studia Neofilologiczne, X (2014), S. 35-52 (PDF)

Stefan George (1868-1933) führte verbalen „Krieg gegen das zur Masse gewordene Volk“[1]. Viele Gedichte namentlich des Spätwerks zeugen von seinem Widerwillen gegen die Großstadt und deren Einwohnerschaft; hinzu kommen einschlägige Äußerungen in Briefen und Gesprächen, soweit letztere von der Erinnerungsliteratur überliefert werden. Auch der Nationalökonom Wilhelm Röpke (1899-1966), dessen bekannteste Schriften – Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart und Jenseits von Angebot und Nachfrage – über die Grenzen der Wirtschaftstheorie hinaus weit in die kultur- und staatsphilosophische Reflexion reichen, war der Massengesellschaft abhold. Wo zwei so unterschiedliche Persönlichkeiten den Griffel über ein- und dasselbe Problem führen, wird es interessant sein zu sehen, wie sich deren Bestandsaufnahmen und Therapie-Vorschläge gegeneinander verhalten. Ebendies soll im Folgenden geschehen.

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Egalitarismus Wissenschaft

Schoeck und Scheler

Studia Neofilologiczne, VIII (2012), S. 61-74 (PDF)

Der Soziologe Helmut Schoeck (1922-1993) nimmt in seinem Hauptwerk Der Neid[1] mehrmals Bezug auf Max Schelers vor dem ersten Weltkrieg erschienene Studie Das Ressentiment im Aufbau der Moralen,[2] einer „bohrenden, elastischen, brillant einsichtsreichen Analyse“.[3] Die Studie des Philosophen dient ihm als ein Ausgangspunkt – als etwas, an dem man sich orientiert, um den weiteren Weg fort von ihm zu nehmen. Diese Entwicklung soll auf den folgenden Seiten beleuchtet werden, nachdem im vorigen Band der Studia Neofilologiczne Schoecks Werk im Einzelnen vorgestellt wurde.[4]

I

Unter den Passagen der Scheler’schen Abhandlung, auf die sich Schoeck bezieht, befindet sich – natürlich – auch der berühmt gewordene Passus über Ressentimentkritik. Diese zeichne sich, so Scheler, dadurch aus,

daß jede Abhilfe der als mißlich empfundenen Zustände nicht Befriedigung auslöst – wie es bei jeder Kritik mit positiven Zielen der Fall ist –, sondern im Gegenteil Mißbefriedigung hervorruft, da sie das wachsende Lustgefühl, das im puren Schelten und der Negation liegt, unterbindet.[5]

Wer Ressentimentkritik vorbringt, ist an einer Verbesserung des Zustands, dem sie gilt, nicht interessiert. Eine solche Diagnose mag auf den ersten Blick kaum glaubhaft erscheinen. Dennoch gibt es eine ganze Reihe von Verhaltensweisen, die sich ausschließlich so erklären lassen, wenn kein anderes Explanans auffindbar ist, das empirischen Gehalt[6] beanspruchen kann. Ludwig von Mises, ein guter Bekannter von Scheler,[7] zählt einige solche Arten zu handeln auf, darunter jene des wirtschaftlich weniger begabten und sich zum Ausgleich „kulturkritisch“ gerierenden Mitglieds von Unternehmerfamilien.[8] Als Beispiel aus neuester Zeit ließe sich anführen, daß viele „Klimaschützer“ weiterhin eine Katastrophe erwarten, obwohl seit etwa einem Jahrzehnt keine nennenswerte Erwärmung des Planeten zu verzeichnen ist.[9]

Schoeck geht wie Scheler davon aus, daß es Ressentimentkritik gibt, und lobt den Philosophen für dessen Hellsichtigkeit, was die Folgen im Politischen angeht:

Scheler erkannte bereits vor über einem halben Jahrhundert, wie konstituierend das Ressentiment und der Neid für manche politischen Parteien sind, die durch Beseitigung der sozialen Probleme, an denen sie ihre Kritik demonstrieren, als Machtgruppen im politischen Spielfeld erledigt würden.[10]

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Antiamerikanismus Antikapitalismus Antiliberalismus Geschichte Wissenschaft

Sprachimperialismus

Eine Reihe von Vereinigungen in Deutschland engagiert sich für den Erhalt und die Pflege der deutschen Sprache. Sie sind recht unterschiedlichen Charakters; das Spektrum reicht von der sehr gediegenen Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) bis zum umtriebigen und teils unbotmäßig aggressiv handelnden (K. Wirth, 2010, S. 290-296) Verein Deutsche Sprache (VDS), welcher von dem Wissenschaftler, Hochschullehrer und Erfolgsautor Walter Krämer ins Leben gerufen wurde. Wo die Tätigkeit der letzteren Vereinigung von Liebe zur Muttersprache getragen wird, sich zivilisierter Umgangsformen befleißigt und während irgendwelcher „Aktionen“ das Eigentum anderer auch dann achtet, wenn diese Anglizismen lieben (ebd., S. 283), überzeugt sie. Weniger schlagend hingegen mutet ihre Analyse der Ursachen an: Da ist (i) von „Sprachimperialismus“ die Rede – was einen Kategorienfehler beinhaltet, weil das Englische sich, einem Herrscher gleich, ein Reich bauen zu wollen scheint, obschon man dergleichen Absichten nur Personen zuschreiben kann –; werden (ii) Kontinentaleuropäer, welche sich des Englischen gern und oft bedienen, zu Äffenden gestempelt – was, von Fragen der Höflichkeit abgesehen, mehr als vorschnell wirkt, denn es könnte ja gute Gründe geben, sich der führenden Verkehrssprache in Wissenschaft und Ökonomie bedienen zu wollen –; werden (iii) mit Schlagworten wie „Stoppt die Amerikanisierung“ und „USA-Massenverblödung“ (ebd., S. 283) alte Verwerfungen zwischen Anglosphäre und Kontinentaleuropa aufgerissen, die bis in die letzten Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg zurückreichen, als Max Scheler, Werner Sombart und andere wider das Merkantil-Utilitaristische im Angelsächsischen zogen.

Hören wir eine Passage aus dem Vortrag „Macht über Marionetten“ des Germanisten Gert Ueding, der auf der Website des VDS veröffentlicht worden ist:

 „Die Globalisierung läuft nach dem Vorbild der USA ab“, stellt der Leiter der Pariser Zweigstelle von McKinsey befriedigt fest und weist darauf hin, daß die Dominanz der englischen Sprache für diesen Erfolg nicht unwichtig ist. Wir können solches Understatement ruhigen Gewissens in seine reale Dimension übersetzen.

Mit der Sprache wird angelsächsisches Wirtschaftsdenken übernommen, in dem etwa, so wieder jener McKinsey-Agent, die Unternehmenspolitik den Eigentümer-Interessen bedenkenlos untergeordnet wird, die Interessen der Beschäftigten keine Rolle spielen. Daß solche ökonomische Politik zur Unternehmenskultur hochgejubelt wird, wirkt wie ein zynischer lapsus linguae, ist aber in Wahrheit Bestandteil der Sprachpolitik. (G. Ueding, 2002)

Ueding setzt dem angelsächsisch „kalten“ Stil des Wirtschaftens deutsches Verantwortungsbewusstsein entgegen. Dergleichen wirkt wie das Bekenntnis einer schönen Seele. Doch steckt nicht viel dahinter. Denn Uedings Ausführungen gereichen zu einer suppressio veri: Es ist keine Rede davon, dass (i) die den Eigentümer-Interessen Geopferten nicht selten selbst Anteilseigner sind, wo der Aktienbesitz weit gestreut ist, und (ii) in einer weniger überregulierten Wirtschaft Menschen, die entlassen werden oder kündigen, leichter andere Arbeit finden können. Außerdem „vergisst“ Ueding zu erwähnen, dass (iii) Eigentümer-Interessen selbst kulturstiftend wirken können. Stichwort: Mäzenatentum. Hingegen hat (iv) deutsche Sozialpartnerschaft ihren Preis; wer sich den Realien des Marktes verweigert, lässt seine Kinder und Kindeskinder die Zeche zahlen – was man als Verstoß gegen das siebte Gebot auffassen kann –, während in der Zwischenzeit die Bundesrepublik Deutschland als Wirtschaftsstandort an Brauchbarkeit verliert. Natürlich dürfte diese bedauerliche Entwicklung keineswegs ohne Auswirkungen auf im engeren Sinne kulturelle Dinge bleiben – deren Finanzierung nämlich –, von denen wir annehmen dürfen, dass sie Ueding am Herzen liegen. Wie überhaupt zu bedenken ist, dass (v) ein Zusammenhang zwischen Freiheit, Wohlstand und Markt besteht, den zu ignorieren in der Bundesrepublik Deutschland und weiten Teilen Kontinentaleuropas inzwischen Staatsraison geworden zu sein scheint. Dieser Zusammenhang besteht schlichtweg deshalb, weil (vi) Unternehmer zu dienen verurteilt sind. Der aus Lemberg (Lwów) gebürtige Ludwig von Mises hat die Sachverhalte (v) und (vi) kristallklar herausgearbeitet:

 Auf dem Markt einer kapitalistischen Gesellschaft ist der gewöhnliche Mensch der souveräne Verbraucher, dessen Entschluß zu kaufen oder vom Kaufen abzusehen letztlich darüber entscheidet, was und in welcher Quantität und Qualität produziert werden soll. Händler und Hersteller, die ausschließlich oder vorwiegend damit beschäftigt sind, die Nachfrage der reicheren Klassen nach verfeinerten Luxusgütern zu befriedigen, spielen lediglich eine untergeordnete Rolle in der ökonomischen Struktur der Marktwirtschaft. Sie erreichen nie den Umfang der Großbetriebe. Großbetriebe dienen immer – direkt oder indirekt – den Massen.

Eben in diesem Aufsteigen der Menge besteht die radikale soziale Umwälzung, die die industrielle Revolution hervorgerufen hat. Die Menschen von niederer Geburt, welche in allen vorhergehenden Zeitaltern […] die Herden der Sklaven und Leibeigenen, der Pauper und Bettler bildeten, sind zu dem kaufenden Publikum emporgestiegen, um dessen Gunst die Geschäftsleute werben. Sie sind die Kunden, die „immer im Recht“ sind, die Schutzherren, arme Fabrikanten und Kaufleute reich und reiche arm zu machen.

In der Struktur einer Marktwirtschaft, die nicht durch die Praktiken von […] Politikern sabotiert wird, […] können nur diejenigen gedeihen, denen es gelungen ist, die Bedürfnisse der Menschen auf die bestmögliche und billigste Weise zu befriedigen. Reichtum kann nur dadurch erworben werden, daß man den Verbrauchern dient. […] In einem täglich sich wiederholenden Volksentscheid, in welchem jeder Pfennig Wahlrecht gewährt, bestimmen die Verbraucher, wer die Fabrikanlagen, Läden und Landgüter besitzen und verwalten soll. […]

Das ist es, was die moderne Auffassung von Freiheit bedeutet. Jeder erwachsene Mensch ist frei, sein Leben nach seinen eigenen Plänen zu formen. Er wird nicht gezwungen, nach den Wünschen einer planenden Autorität zu leben, die ihren Einheitsplan durch die Polizei, das heißt durch Zwang und Zwangsherrschaft durchsetzt. (L. v. Mises, 1979, S. 9-10; Übersetzung vom Verfasser des gegenwärtigen Aufsatzes anhand des Originals – L. v. Mises, 1972 – überarbeitet)

Die Alternative lautet: Entweder Marktwirtschaft und Freiheit, oder Unterwerfung. Anders gefasst: Ohne Markt keine Freiheit. Dies zu erkennen, sollte recht eigentlich jeder in der Lage sein. (Wilhelm Röpke würde an dieser Stelle aufseufzen; vgl. W. Röpke, 1959, S. 282-286.) Wenn man dennoch wie Ueding argumentiert, ist mehr im Busche als „nur“ Sprachliebe. Seine Rede treibt in einer seit Strömung des deutschen Denkens, die sichseit Wilhelminischer Zeit übelträchtiger Prominenz erfreut. Darum werden die von Ueding getroffenen Voraussetzungen nur selten kritisch überprüft; sie scheinen „Selbstverständliches“ auszumachen.

Ein Wort der Vorsicht: Die Rede von Traditionslinien will nicht auf ein „Es musste so kommen!“ hinaus. Recht verstanden, handelt es dabei sich um Moden im Denken, die auf diese oder andere Weise verlaufen können, zumal sie vom Fortschritt in der Wissenschaft allenfalls beeinflusst, nicht aber bestimmt werden.

*

Ueding grenzt sich von „nationalistischer Deutschtümelei“ ab (Ueding, 2002), seine Mitstreiter vom VDS betonen, „keine engstirnigen nationalistischen Ziele“ (VDS, leg. 2011) zu verfolgen. Das wirkt löblich, doch – unter zivilisierten Menschen – kaum der Rede wert. Die interessanten Fragestellungen liegen tiefer. So bestürzt die Paarung aus Antikapitalismus und Opposition gegen das Angelsächsische. Ganz offenbar gefallen sich weite Kreise in den geistigen Eliten Deutschlands bereits mehr als ein Jahrhundert in der Opposition gegen England, die Vereinigten Staaten von Amerika und dasjenige, wofür diese Länder stehen.

Einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, dem Großen Krieg, wie er anschließend hieß, weil er soviel verheert hatte, das sich seitdem nie wieder hat aufbauen lassen – zum Beispiel eine stabile, das heißt im Goldstandard gegründete Währung, deren erzieherischer und, wie die Debatte um den Euro zeigt, freiheitsverbürgender Effekt kaum zu überschätzen ist (R. Baader, 2005, S. 16-73) –, verfasste Max Scheler seine berühmte Studie „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen“. Die Abhandlung streift verschiedene Nebenthemen, unter anderem (i) den Bürger (Bourgeois) als Träger des Ressentiments und (ii) die Verworfenheit der angelsächsischen Kultur. Den damaligen Machtverhältnissen geschuldet, gilt Schelers Unwille vor allem den Briten.

Ad (i): Was macht den Bürger zur Ressentimentfigur? Scheler wirft ihm vor, den traditionellen – und das bedeutet für Scheler: in irgendeinem Sinne „ritterlichen“, religiös-aristokratischen – Kanon (im engeren Sinne) moralischer, wie auch (im weiteren Sinne) ethischer Werte umzukehren, bis schließlich

die Berufswerte des Kaufmanns und Gewerbetreibenden, die Werte der Eigenschaften, durch die eben dieser Typus Homo reüssiert und Geschäfte macht, zu allgemeingültigen moralischen Werten, ja zu den „höchsten“ unter diesen erhoben werden. Klugheit, rasche Anpassungsfähigkeit, kalkulierender Verstand, Sinn für „Sicherheit“ des Lebens und allseitigen ungehemmten Verkehr, für Stetigkeit in der Arbeit und Fleiß, Sparsamkeit und Genauigkeit in der Einhaltung und Schließung der Verträge: das werden jetzt die Kardinaltugenden, denen Mut, Tapferkeit, Opferfähigkeit, Freude am Wagnis, Edelsinn, Lebenskraft, Eroberungssinn, gleichgültige Behandlung der wirtschaftlichen Güter, Heimatliebe und Familien-, Stammes-, Fürstentreue, Kraft zu herrschen und zu regieren, Demut usw. untergeordnet werden. (M. Scheler, 1972, S. 132)

Dergleichen Einlassungen bleiben natürlich schon deshalb ein Unsinn, weil sie keine der Herausforderungen zu begreifen vermögen, vor denen ein Unternehmer steht. Denn der Unternehmer muss dem souveränen Kunden dienen, herausfinden, was dieser will und wollen könnte, oder er verliert sein Kapital. Von Mises hat uns bereits darüber unterrichtet. Wenn wir uns vor Augen rufen, wie risikoreich dieses Spiel ist, erkennen wir: Auch der Bürger benötigt „Mut, Tapferkeit, Opferfähigkeit, Freude am Wagnis, […] Lebenskraft, […] Kraft zu herrschen und zu regieren, Demut“. – Letztere namentlich dem Kunden gegenüber.

Nun hat Arthur Schopenhauer die Mahnung ausgesprochen, man solle zum „Maaßstab [sic] eines Genies […] nicht die Fehler in seinen Produktionen, oder die schwächeren seiner Werke nehmen, um es danach tief zu stellen“ (A. Schopenhauer, 1947, S. 483). Weshalb die Schelerschen Invektiven dennoch angeführt werden? Genau deshalb, weil sie sich auf dem Niveau bewegen, auf dem wir sie antreffen. Es verwundert, dass ein Denker von der Statur Schelers solche Flachheiten zu produzieren sich im Stande zeigt, wenn es um Wirtschaft und Bürgertum geht; – desto mehr, als er mit von Mises persönlich bekannt, ja befreundet war (vgl. M. Rothbard, 1973, S. 2; L. v. Mises, 1978, S. 69).

Ad (ii):  Die angelsächsische Kultur, vor allem das „perfide Albion“, machen sich in Schelers Augen schuldig, da in ihnen der beklagte Werte-Umbruch am weitesten fortgeschritten sei. Eine allgemeine „Rechenhaftigkeit“ (M. Scheler, 1972, S. 88) sowohl im praktisch-alltäglichen Zugang zur Welt, als auch – in Gestalt des Utilitarismus – in der Philosophie sei die Folge. Der Philosoph scheut sich nicht, dieses Argument bis ins Eugenische zu führen, indem er beklagt, dass in den

höchst- und längstindustrialisierten Ländern die repräsentative Frauenschicht – ceteris paribus – sich mehr und mehr, wahrscheinlich schon durch Auslese der Erbwerte, aus solchen Individuen rekrutiert, die spezifisch weiblicher Reize bar sind und wenig durch Liebes- und Mutterschaftssorgen im sozialen Emporkommen, in „Berechnung“ und kontinuierlichem Dienst an einer wesentlich utilitaristischen Zivilisation, gehindert sind. (M. Scheler, 1972, S. 53)

Wir wollen diesen Anwurf übergehen. Ob einem solchen Argument, wie Andrei Markovits anlässlich kontinentaler Kritik an den USA vermutet, Angst vor selbstgewissen Frauen unterliege, möge unentschieden bleiben (A. Markovits, 2007, S. 66, 76). Wichtiger wirkt Schelers Vermutung, in Großbritannien einer „wesentlich utilitaristischen Zivilisation“ zu begegnen.

Hier ist zunächst zu fragen, welche Qualifikation mit der Einfügung des „wesentlich“ recht eigentlich vorgenommen werde. Es scheint durchaus möglich, ja wahrscheinlich, dass wir es lediglich mit einem Essentialismus des Zuschnitts: „Jeder Mensch, auch der Gerechte, bleibt wesentlich Sünder“ zu tun haben, dem keinerlei empirischer Gehalt zukommt und deshalb der Eingang in unsere handlungsleitenden Hypothesen verweigert werden sollte. In jedem Falle dürfen wir feststellen, dass Scheler keine ausschließlich utilitaristische Zivilisation meinen kann, weil eine solche gar nicht zu existieren in der Lage wäre. Wie nämlich von Friedrich August von Hayek überzeugend darlegt, pflegen „purifizierende“ Reformen eine Gesellschaft zum Untergang zu verurteilen, wenn sie nur konsequent genug durchgeführt werden (F. A. v. Hayek, 1991, S. 81). Eine hinreichend verbissene Utilitarismus-Orientierung dürfte entsprechende Folgen zeitigen. Scheler kämpft also gegen Windmühlen, oder er baut einen Popanz.

„Gut“, werden Sie sagen, „das ist einer von vielen, vielen Denkern. Muss man denn deshalb gleich von einer bedenklichen Strömung innerhalb der neueren deutschen Kultur sprechen?“ Man muss es – leider. Was in isolierter Darstellung wie die Grille eines einzelnen Philosophen wirken mag, die Melange aus Antiliberalismus und Gegnerschaft dem Angelsächsischen gegenüber, findet sich, wenn auch in veränderlichen Anteilen, bei vielen deutschen Denkern, und zwar sowohl bei jenen auf „der Linken“, als auch jenen auf „der Rechten“. Im Literarischen stößt es sowohl bei Bertolt Brecht auf, in dessen kapitalistischer Vorhölle „Sezuan“ die Währung nicht grundlos „Silberdollar“ heißt (B. Brecht, 1964, S. 18), als auch bei dem in Lebenshaltung und Schreibgestus gänzlich entgegengesetzten Stefan George, der seinem Groll auf Handel und Händler in dem Gedicht „Die tote Stadt“ Ausdruck gibt:

Die weite bucht erfüllt der neue hafen/Der alles glück des landes saugt · ein mond/Von glitzernden und rauhen häuserwänden ·/Endlosen strassen drin mit gleicher gier/Die menge tages feilscht und abends tollt./Nur hohn und mitleid steigt zur mutterstadt/Am felsen droben die mit schwarzen mauern/Verarmt daliegt · vergessen von der zeit.

Die stille veste lebt und träumt und sieht/Wie stark ihr turm in ewige sonnen ragt ·/Das schweigen ihre weihebilder schüzt/Und auf den grasigen gassen ihren wohnern/Die glieder blühen durch verschlissnes tuch.[…] (S. George, 1968, 243)

Die in der Hafenstadt handeltreibende („feilschende“) und anschließend nichtswürdigen Vergnügen nachgehende („tollende“) Menge dürfte Georges Schreckbild von „der angloamerikanischen Normalameise“ (George, nach Th. Karlauf, 2007, S. 504) spiegeln: „die völlige entseelung der menschheit, die amerikanisierung, die verameisung der erde, der sieg der Letzten Menschen aus dem Zarathustra, die das glück erfunden haben“ (George, nach Th. Karlauf, 2007, S. 505).

Die Malaise zeigt sich somit weit verbreitet. Bis sie schließlich unserer Tage bei einem gebildeten und freundlichen Manne wie Ueding auftritt, wenn er deutsche Kulturliebe angelsächsischem Kommerzdenken entgegensetzt.

*

Doch „endet nicht mit fluch der sang“ (S. George, 1968, S. 414). Was man tun soll, um die deutsche Sprache zu bewahren, sie gedeihen zu sehen? Ganz einfach: Dem Markt sein Recht lassen; er hat seine Gesetze. Ihn begreifen als das Meer, auf dem man segeln muß, kann und möchte. Und das Beste daran? Dergleichen dürfte sogar Freude bereiten!

Literatur

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Th. Karlauf: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. München: Blessing 2007.

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***

Der vorstehende Text ist ein Auszug aus dem Aufsatz „Die vielen Zwecke der Germanistik in einer ‚amerikanisierten‘ Welt“, in: Anna Majkiewicz/Karsten Dahlmanns (Hrsg.), Germanistik in vielen Kulturen. Studien und Reflexionen, Częstochowa: Wydawnictwo Wyższej Szkoły Lingwistycznej w Częstochowie 2012, S. 31-54. Der Text wurde für die gegenwärtige Veröffentlichung überarbeitet.

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Vom Glauben an die Vernunft

Zbliżenia interkulturowe 9 (2011)

Dirk Maxeiners Buch „Hurra, wir retten die Welt! Wie Politik und Medien mit der Klimaforschung umspringen“ läßt sich auf (wenigstens) zwei Weisen lesen. Man kann sich auf die Schilderung des Irrationalen darin konzentrieren und verzagen. Oder sich von Maxeiners Vertrauen in Vernunft und Wissenschaft inspirieren lassen.

Die Klimadebatte kreist um die Hypothese von der anthropogenen Erderwärmung, die behauptet, daß die Kohlendioxid-Emission von Industrie, Verkehr und Haushalten das Klima in entscheidender Weise beeinflusse. Bundeskanzlerin Angela Merkel, selbst promovierte Naturwissenschaftlerin, schließt diesbezüglich jeden Zweifel aus.[1] Doch liegen die Dinge weit weniger eindeutig. Wie Maxeiner ausführt, werde die Hypothese durch die Erfahrungswirklichkeit widerlegt; zum einen wirke sich eine erhöhte Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre weit weniger auf deren Temperatur aus, als die Prognosen voraussetzen; zum anderen habe seit 2001 keine Erwärmung stattgefunden, obwohl Industrie, Verkehr und Haushalte weiterhin fossile Energieträger verbrannt haben. Vor diesem Hintergrund „bleibt vom anthropogenen Treibhauseffekt nicht mehr viel übrig.“ (S. 49)

Der zweite Teil des Buches handelt von den außerwissenschaftlichen Einflüssen auf die Klimaforschung, welche der erste Teil bewußt ignoriert hat. Dazu zählen Politik, veröffentlichte Meinung (Medien), Nichtregierungsorganisationen und leider auch das unmoralische Verhalten gewisser Wissenschaftler, wie der Skandal um die Climate Research Unit (CRU) in Großbritannien gezeigt hat. Dort wurden Daten gefälscht oder, wenn von Skeptikern angefordert, „verloren“, die Redaktionen wissenschaftlicher Zeitschriften (in wenigstens einem Fall erfolgreich) unter Druck gesetzt, dissidente Aufsätze abzulehnen. Maxeiner referiert diese Geschehnisse mit hoher Bemühung um Sachlichkeit, vermeidet es auch dort, wo er deutlich Stellung bezieht, sich zu ereifern – selbst angesichts der Machinationen um die Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Ein gestandener Wissenschaftstheoretiker wie Karl Popper, der die ethische Dimension wissenschaftlicher Tätigkeit zu betonen pflegte, hätte weit Schneidenderes zu bemerken gefunden.