Zur Kontroverse um Götz Alys „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“

Wortfolge/Szyk Słów 1 (2017), S. 39-62 (PDF)

Die folgenden Seiten betrachten einige Aspekte des im Jahr 2011 erschienenen Buches Warum die Deutschen? Warum die Juden? von Götz Aly, das den Untertitel Gleichheit, Neid und Rassenhass trägt,[1] sowie ausgewählte Reaktionen auf dieses Werk in der deutschsprachigen Presse. Dabei werden besonders die logische Struktur und die – natürlicherweise teils impliziten – Voraussetzungen der Argumentation des in Rede stehenden Buches, als auch der Rezensionen und Kommentare in den Blick gefaßt. Eine solche Unternehmung verspricht Gewinn, weil dort, wo auf den Neid und dessen Folgen abgehoben wird, lehrreiche Verzerrungen und Mißverständnisse selten auf sich warten lassen.

Alys Argumentation

Der Titel des Aly’schen Buches stellt zwei Fragen, die im Wesentlichen durch den mittleren Eintrag im Untertitel beantwortet werden. Es sei vor allem der Neid gewesen, der die Deutschen zur Judenfeindschaft getrieben habe – eine Einschätzung, die viele Zeitzeugen jüdischer und nicht-jüdischer Herkunft teilten (Aly 2011:92-93, 110-113, 186-187). Zum Anlaß habe gereicht, daß die Juden in Deutschland all jene Möglichkeiten, die die sich öffnende und industrialisierende Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts bot, besser – das ist: öfter und früher, gründlicher und umfassender – genutzt hätten als ihre nicht-jüdischen Nachbarn. Zu den wichtigsten Ursachen für diesen Unterschied zählt der Verfasser bestimmte Züge der jüdischen Kultur, die man als „Bildungswille“ (Aly 2011:38) zusammenfassen kann. Jüdische Eltern zeigten sich äußerer Armut ungeachtet sehr oft bereit, bis zu einem Sechstel ihrer Einkünfte für den Hebräisch- und Elementarunterricht ihrer Söhne auszugeben. Die Stunden vermittelten eine Sprache, die den Zugang zu den Quellen der eigenen Religion ermöglichte, doch im Umgang mit nicht-Juden durch (wenigstens) eine weitere Sprache ergänzt werden mußte. Das Ergebnis beschreibt Aly wie folgt:

Jüdische Jünglinge lernten zu abstrahieren, zu fragen, nachzudenken. Sie schulten den Verstand am Umgang mit Büchern, im gemeinsamen Lesen und Auslegen und im kontroversen Debattieren der heiligen Schriften. So trieben sie geistige Gymnastik, so praktizierten sie ihre Religion und wurden im wörtlichen Sinne mündig. Zudem beherrschten Juden meistens zwei oder drei Sprachen mit ihren unterschiedlichen Grammatiken und Ausdrucksfinessen. Vielfach benutzten sie neben der hebräischen auch die lateinische Schrift. Derart geschulte junge Männer verfügten über eine gediegene, leicht ausbaufähige intellektuelle Basis für den Aufstieg kraft Bildung. (Aly 2011:38)

Über die religiösen und weltlichen Bildungsbemühungen der christlichen Gegenseite vermerkt der Autor, sie „legten Wert auf das Auswendiglernen von Glaubenssätzen, hielten Diskussionen für Teufelszeug, vor dem sie die ‚Laien‘ bewahren müssten […]. […] Bis ins 20. Jahrhundert hinein warnten christliche Eltern ihre Kinder: ‚Lesen verdirbt die Augen!‘“ (Aly 2011:39) In der Folge habe die christliche Mehrheit eine weit geringere Mobilität hin zu Bildung und Wohlstand an den Tag gelegt, als sie bei den Juden zu beobachten war.

Nun reicht der Hinweis auf den Neid angesichts kultureller und also auch materieller Unterschiede natürlich nicht hin, die Ausgrenzung und Ermordung der deutschen und europäischen Juden zu erklären. Neid ist etwas Allgemein-Menschliches; Antisemitismus als Ausfluß des Neides etwas recht Verbreitetes[2]; die massenhafte Tötung der Beneideten eine Ausnahme. Darum führt Aly drei weitere historische Umstände an, die seiner Meinung nach dazu beigetragen haben, aus der schwelenden Disposition einen lodernden Brand zu fachen: (1) den wachsenden Erfolg nicht-jüdischer Deutscher, was Bildung und soziale Mobilität in die höheren Ränge der Gesellschaft angeht; (2) die zunehmende Desavouierung des überkommenen – gern als „bürgerlich“ bezeichneten, aber natürlich weit älteren – Begriffs von Eigentum durch die sozialistische Bewegung; (3) die Vermählung von sozialistischem und nationalistischem, auch rassistischem Denken. Die einzelnen Punkte sollen nun je für sich dargestellt werden.

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Stefan George und Wilhelm Röpke über – und gegen – die Massengesellschaft

Studia Neofilologiczne, X (2014), S. 35-52 (PDF)

Stefan George (1868-1933) führte verbalen „Krieg gegen das zur Masse gewordene Volk“[1]. Viele Gedichte namentlich des Spätwerks zeugen von seinem Widerwillen gegen die Großstadt und deren Einwohnerschaft; hinzu kommen einschlägige Äußerungen in Briefen und Gesprächen, soweit letztere von der Erinnerungsliteratur überliefert werden. Auch der Nationalökonom Wilhelm Röpke (1899-1966), dessen bekannteste Schriften – Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart und Jenseits von Angebot und Nachfrage – über die Grenzen der Wirtschaftstheorie hinaus weit in die kultur- und staatsphilosophische Reflexion reichen, war der Massengesellschaft abhold. Wo zwei so unterschiedliche Persönlichkeiten den Griffel über ein- und dasselbe Problem führen, wird es interessant sein zu sehen, wie sich deren Bestandsaufnahmen und Therapie-Vorschläge gegeneinander verhalten. Ebendies soll im Folgenden geschehen.

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Schoeck und Scheler

Studia Neofilologiczne, VIII (2012), S. 61-74 (PDF)

Der Soziologe Helmut Schoeck (1922-1993) nimmt in seinem Hauptwerk Der Neid[1] mehrmals Bezug auf Max Schelers vor dem ersten Weltkrieg erschienene Studie Das Ressentiment im Aufbau der Moralen,[2] einer „bohrenden, elastischen, brillant einsichtsreichen Analyse“.[3] Die Studie des Philosophen dient ihm als ein Ausgangspunkt – als etwas, an dem man sich orientiert, um den weiteren Weg fort von ihm zu nehmen. Diese Entwicklung soll auf den folgenden Seiten beleuchtet werden, nachdem im vorigen Band der Studia Neofilologiczne Schoecks Werk im Einzelnen vorgestellt wurde.[4]

I

Unter den Passagen der Scheler’schen Abhandlung, auf die sich Schoeck bezieht, befindet sich – natürlich – auch der berühmt gewordene Passus über Ressentimentkritik. Diese zeichne sich, so Scheler, dadurch aus,

daß jede Abhilfe der als mißlich empfundenen Zustände nicht Befriedigung auslöst – wie es bei jeder Kritik mit positiven Zielen der Fall ist –, sondern im Gegenteil Mißbefriedigung hervorruft, da sie das wachsende Lustgefühl, das im puren Schelten und der Negation liegt, unterbindet.[5]

Wer Ressentimentkritik vorbringt, ist an einer Verbesserung des Zustands, dem sie gilt, nicht interessiert. Eine solche Diagnose mag auf den ersten Blick kaum glaubhaft erscheinen. Dennoch gibt es eine ganze Reihe von Verhaltensweisen, die sich ausschließlich so erklären lassen, wenn kein anderes Explanans auffindbar ist, das empirischen Gehalt[6] beanspruchen kann. Ludwig von Mises, ein guter Bekannter von Scheler,[7] zählt einige solche Arten zu handeln auf, darunter jene des wirtschaftlich weniger begabten und sich zum Ausgleich „kulturkritisch“ gerierenden Mitglieds von Unternehmerfamilien.[8] Als Beispiel aus neuester Zeit ließe sich anführen, daß viele „Klimaschützer“ weiterhin eine Katastrophe erwarten, obwohl seit etwa einem Jahrzehnt keine nennenswerte Erwärmung des Planeten zu verzeichnen ist.[9]

Schoeck geht wie Scheler davon aus, daß es Ressentimentkritik gibt, und lobt den Philosophen für dessen Hellsichtigkeit, was die Folgen im Politischen angeht:

Scheler erkannte bereits vor über einem halben Jahrhundert, wie konstituierend das Ressentiment und der Neid für manche politischen Parteien sind, die durch Beseitigung der sozialen Probleme, an denen sie ihre Kritik demonstrieren, als Machtgruppen im politischen Spielfeld erledigt würden.[10]

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Sprachimperialismus

Amerikanisierte Welt

Eine Reihe von Vereinigungen in Deutschland engagiert sich für den Erhalt und die Pflege der deutschen Sprache. Sie sind recht unterschiedlichen Charakters; das Spektrum reicht von der sehr gediegenen Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) bis zum umtriebigen und teils unbotmäßig aggressiv handelnden (K. Wirth, 2010, S. 290-296) Verein Deutsche Sprache (VDS), welcher von dem Wissenschaftler, Hochschullehrer und Erfolgsautor Walter Krämer ins Leben gerufen wurde. Wo die Tätigkeit der letzteren Vereinigung von Liebe zur Muttersprache getragen wird, sich zivilisierter Umgangsformen befleißigt und während irgendwelcher „Aktionen“ das Eigentum anderer auch dann achtet, wenn diese Anglizismen lieben (ebd., S. 283), überzeugt sie. Weniger schlagend hingegen mutet ihre Analyse der Ursachen an: Da ist (i) von „Sprachimperialismus“ die Rede – was einen Kategorienfehler beinhaltet, weil das Englische sich, einem Herrscher gleich, ein Reich bauen zu wollen scheint, obschon man dergleichen Absichten nur Personen zuschreiben kann –; werden (ii) Kontinentaleuropäer, welche sich des Englischen gern und oft bedienen, zu Äffenden gestempelt – was, von Fragen der Höflichkeit abgesehen, mehr als vorschnell wirkt, denn es könnte ja gute Gründe geben, sich der führenden Verkehrssprache in Wissenschaft und Ökonomie bedienen zu wollen –; werden (iii) mit Schlagworten wie „Stoppt die Amerikanisierung“ und „USA-Massenverblödung“ (ebd., S. 283) alte Verwerfungen zwischen Anglosphäre und Kontinentaleuropa aufgerissen, die bis in die letzten Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg zurückreichen, als Max Scheler, Werner Sombart und andere wider das Merkantil-Utilitaristische im Angelsächsischen zogen.

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Vom Glauben an die Vernunft

Zbliżenia interkulturowe 9 (2011)

Dirk Maxeiners Buch „Hurra, wir retten die Welt! Wie Politik und Medien mit der Klimaforschung umspringen“ läßt sich auf (wenigstens) zwei Weisen lesen. Man kann sich auf die Schilderung des Irrationalen darin konzentrieren und verzagen. Oder sich von Maxeiners Vertrauen in Vernunft und Wissenschaft inspirieren lassen.

Die Klimadebatte kreist um die Hypothese von der anthropogenen Erderwärmung, die behauptet, daß die Kohlendioxid-Emission von Industrie, Verkehr und Haushalten das Klima in entscheidender Weise beeinflusse. Bundeskanzlerin Angela Merkel, selbst promovierte Naturwissenschaftlerin, schließt diesbezüglich jeden Zweifel aus.[1] Doch liegen die Dinge weit weniger eindeutig. Wie Maxeiner ausführt, werde die Hypothese durch die Erfahrungswirklichkeit widerlegt; zum einen wirke sich eine erhöhte Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre weit weniger auf deren Temperatur aus, als die Prognosen voraussetzen; zum anderen habe seit 2001 keine Erwärmung stattgefunden, obwohl Industrie, Verkehr und Haushalte weiterhin fossile Energieträger verbrannt haben. Vor diesem Hintergrund „bleibt vom anthropogenen Treibhauseffekt nicht mehr viel übrig.“ (S. 49)

Der zweite Teil des Buches handelt von den außerwissenschaftlichen Einflüssen auf die Klimaforschung, welche der erste Teil bewußt ignoriert hat. Dazu zählen Politik, veröffentlichte Meinung (Medien), Nichtregierungsorganisationen und leider auch das unmoralische Verhalten gewisser Wissenschaftler, wie der Skandal um die Climate Research Unit (CRU) in Großbritannien gezeigt hat. Dort wurden Daten gefälscht oder, wenn von Skeptikern angefordert, „verloren“, die Redaktionen wissenschaftlicher Zeitschriften (in wenigstens einem Fall erfolgreich) unter Druck gesetzt, dissidente Aufsätze abzulehnen. Maxeiner referiert diese Geschehnisse mit hoher Bemühung um Sachlichkeit, vermeidet es auch dort, wo er deutlich Stellung bezieht, sich zu ereifern – selbst angesichts der Machinationen um die Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Ein gestandener Wissenschaftstheoretiker wie Karl Popper, der die ethische Dimension wissenschaftlicher Tätigkeit zu betonen pflegte, hätte weit Schneidenderes zu bemerken gefunden.

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Die Flucht vor den Fakten

Winslow Homer, The Gulf Stream (full)

Alan Sokal und Jean Bricmont sezieren in ihrem weitbekannten Buch Eleganter Unsinn vor allem französische Vorkommnisse „tiefer“ Psychologie, Philosophie, Literaturtheorie etc. (Sokal/Bricmont, Unsinn, 1999). Der nämlichen Erscheinung an amerikanischen Universitäten widmet Roger Kimball sein Werk The Rape of the Masters. Alle von Sokal, Bricmont und Kimball vorgeführten Akademiker vernachlässigen die Empirie; sie schreiben, was ihre Laune diktiert. Viele von ihnen zeigen zudem „die Tendenz, die verborgenen Beweggründe unserer Handlungen zu entschleiern.“ (Popper, Offene Gesellschaft, Bd. 2, S. 264). Was dabei herauskommt, sind „Deutungen“ maritimer Malerei, in denen ein Boot umkreisende Haie „can be read as castrating temptresses, their mouths particularly resembling the vagina dentata, the toothed organ that so forcefully expressed the male fear of female aggression.“  (Kimball, Rape, 2004, S. 123) Sollte ein Hai nicht auch bloß ein Hai sein können?

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Helmut Schoeck: Neid vs. Freiheit

Studia Neofilologiczne VII (2011), S. 105-114

In diesem Jahr wäre der 1922 in Graz geborene Soziologe Helmut Schoeck neunzig Jahre alt geworden. Wer ist dieser von Karl Popper und Friedrich August von Hayek geschätzte Denker, und warum lohnt es, sich seiner zu erinnern?

I

Schoecks Hauptwerk heißt Der Neid. Eine Theorie der Gesellschaft. Die monumentale Abhandlung dürfte die wichtigste Veröffentlichung zum titelgebenden Thema sein, seitdem Max Scheler seinen berühmten Aufsatz über das Ressentiment veröffentlicht hat. In der Tat bildet die Arbeit des jüngeren Gelehrten eine kritische Fortschreibung dessen, was der ältere geleistet hat. Schoeck vermeidet einige der weniger glücklichen Entscheidungen, die Scheler in methodischer Hinsicht getroffen hat – etwa die Rede von Vitaltypen[1] –, und erweitert den Gegenstandsbereich seiner Theorie: Sein Interesse gilt nicht einer durch vielfaches Wiederholen zum Charakterzug geronnenen Haltung,[2] sondern einem Motiv, welches hinter einzelnen Handlungen vermutet werden kann, wenn andere Erklärungsfaktoren versagen. Damit gelingt Schoeck eine in ihren  Voraussetzungen „schlankere“ Theorie. Sie kommt im Vergleich zur Schelerschen mit einem Weniger an Metaphysik aus. Und öffnet sich desto mehr der Empirie, während sie die von Scheler erfaßten Phänomene als Unterfall enthält.

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Deutscher Antiamerikanismus: Das antikapitalistische Motiv

Standard Oil

Siegfried Frederick „Fred“ Singer ist ein distinguierter Wissenschaftler aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Er lehnt die Hypothese von der anthropogenen Erderwärmung ab. Damit erregt er den Unwillen der Bundestagsfraktion „Bündnis 90/Die Grünen“. Am 3.11.2010 bringt sie eine Kleine Anfrage ein, deren Gegenstand Singer bildet:

Ist der Bundesregierung bekannt, von wem Herr Singer in der Vergangenheit für seine Aktivitäten finanziert worden ist? Sind der Bundesregierung in Deutschland Geldgeber bekannt, die – ähnlich wie Exxon und Koch Industries in den USA – die Aktivitäten von Klimawandelleugnern finanzieren?

[…] Teilt die Bundesregierung die Einschätzung, dass man durch Veranstaltungen mit Herrn Singer reinen Interessenvertretern der fossilen Energiewirtschaft ein Forum gibt und damit deren unwissenschaftliche Arbeiten und unseriösen Aktivitäten bewusst aufwertet?[1]

Wir erblicken ein klassisches adhominem-Argument. Eine inhaltliche Auseinandersetzung findet nicht statt. Dafür werden Verdächtigungen geäußert, welche die Glaubwürdigkeit Singers untergraben sollen. Der Hinweis auf die „Geldgeber“ soll den Wissenschaftler als käuflich desavouieren.

Nun wirkt diese Angelegenheit in vielfacher Hinsicht bedenklich. Dirk Maxeiner empfiehlt sie Geschichts- und Sozialkundelehrern als Gegenstand einer Unterrichtsstunde zum Thema Totalitarismus[2]. Das mag noch übertrieben sein[3], obgleich das Vorgehen der Bundestagsfraktion „Bündnis 90/Die Grünen“ Anlaß zu mancherlei politischem, moralischem und auch ästhetischem Einwand gibt.

Uns soll vor allem eines interessieren: Das antikapitalistische Motiv, und wie es auf die Vereinigten Staaten gemünzt wird. Ganz offenbar wird Singers Wirken von den Grünen im Bundestag als eine Bedrohung empfunden, zu der es ohne die Finanzierung durch amerikanische Konzerne nicht gekommen wäre. Die USA treten in diesem Szenario als Nation auf, welche am stärksten durch den Kapitalismus geformt, in welcher der Kapitalismus am schärfsten ausgeprägt ist – und nach Deutschland getragen wird. Als jener „Brand […], der in die umfriedeten Hütten unserer Kultur geschleudert wird“, wie es Werner Sombart im Jahre 1913 ausgedrückt hat[4]. Hier haben wir eines der wesentlichen Motive des deutschen Antiamerikanismus in seiner Kontinuität: Eine westliche Nation bedroht mit ihrem Kapitalismus deutsche Wege und Weisen, und wie sowohl die Feuer-Metapher, als auch die Emphase der Klima-Diskussion andeuten, handelt es sich dabei um einen Konflikt auf Leben und Tod.

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Max Scheler: Philosoph und Fiktion

In seiner berühmten Abhandlung über „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen“ widmet sich Scheler einem Phänomen, das dem Neid verwandt ist und sich doch von ihm unterscheidet. Auf deutsch lasse es sich am besten durch das Wort „Groll“ bezeichnen, ein „dunkel durch die Seele wandelndes, verhaltenes und von der Aktivität des Ich unabhängiges Zürnen, das durch wiederholtes Durchleben von Haßintentionen oder anderen feindseligen Emotionen schließlich sich bildet und noch keine bestimmte feindliche Absicht enthält, wohl aber alle möglichen Absichten solcher Art in seinem Blute nährt.“[1] Seit Friedrich Nietzsche den Begriff „zu einem Terminus technicus geprägt“[2] habe, pflege man eine solche Seelenlage als Ressentiment zu bezeichnen.

Scheler fragt darnach, wie Ressentiment entstehe, und beschreibt einige seiner wichtigsten Erscheinungsformen und Folgen, „bestimmte Arten von Werttäuschungen und diesen entsprechenden Werturteilen“.[3] Wo das Ressentiment einen Menschen bestimme, vermöge er keine Urteile ethischer oder ästhetischer Art zu fällen, die auf Gültigkeit hoffen dürfen. Von seinem Groll geblendet, „schlägt sein Wertgefühl […] um“.[4] Fortan hält er Niedriges für hoch, Hohes für niedrig. Der Ressentimentmensch spricht wie John Miltons Satan: „Evil be thou my good“.[5] Doch da eine solche „Ressentimentillusion“[6] niemals vollständig ist, ahnt der in ihr Gefangene, daß er irrt – und leidet.

Worauf Scheler hinausmöchte, läßt sich in den Redeweisen der akademischen Philosophie unserer Tage in etwa so reformulieren: Wir wissen nicht – und sehen uns der epistemologisch fundamentalen Unterscheidung zwischen wertenden und beschreibenden Sätzen wegen außerstande, es zu wissen –, wie ein gültiges („richtiges“) Werturteil zu lauten hat.[7] Werturteile können allenfalls Plausibilität beanspruchen. Äußern sich Menschen, deren Denken und Fühlen vom Ressentiment bestimmt wird, zu ethischen oder ästhetischen Fragen, dürfte die Plausibilität ihrer Werturteile stets bei Null liegen. – Schelers Abhandlung über das Ressentiment reduziert sich auf ein Argument ad hominem.

Dennoch zählt Schelers Studie zu den großen Texten der Philosophie. Es sind die scharfen, wie aus dem Leben selbst geschnittenen Beobachtungen, die für sie einnehmen; – etwa über die „freie Resignation“[8] als Remedium gegen Werttäuschungen, wenn im Alter die Kräfte schwinden.[9]

Und es sind die gewaltigen Urteile der Abhandlung, welche betören. Scheler handelt mit dem Anspruch, das Ressentiment als „eine der Quellen des Umsturzes jener ewigen Ordnung im menschlichen Bewußtsein“[10] – der ewigen Ordnung der Werte nämlich –  dingfest zu gemacht zu haben. Sein Bannstrahl trifft die bürgerliche Kultur der Neuzeit einschließlich ihrer wirtschaftlichen Organisation, der Marktwirtschaft; die Wege und Weisen der Angelsachsen; schließlich den Humanismus (die „moderne Menschenliebe“); all das sei ressentimentvergiftet. Vom Ressentiment unverdorben geblieben sei hingegen der „Kern“ des Christentums, obgleich es leichter als alles andere durch den Ressentimentmenschen mißbraucht werden könne.[11] Scheler, der viel Nietzsche’sches angenommen hat, wendet sich gegen den Meister, wo es ihm  geboten scheint.

Bürgerliche Kultur hat keinen guten Stand bei Scheler. Der Philosoph lehnt die Gesellschaft seiner Zeit ab, weil ein in bestimmter Weise defizitärer „Typus“ Mensch in ihr vorherrsche. Es handelt sich um den „Gemeinen“ – in Abgrenzung zum „Vornehmen“.[12]

Scheler vertritt die Auffassung, daß der „Gemeine“ zu selbständigem Werterkennen kaum in der Lage sei. Letzterem gelangten „nur jene Wertqualitäten überhaupt zur klaren Erfassung […], die «mögliche» Differenzwerte zwischen Eigenwerten und Fremdwerten sind.“[13] In der Folge lebe der „Gemeine“ vom und für den Vergleich seiner selbst mit anderen Menschen: „Er vermag an anderen keinen Wert aufzufassen, ohne ihn zugleich als ein «Höher» und «Niedriger», als ein «Mehr» oder «Weniger» seines Eigenwertes zu nehmen, ohne also die anderen an sich und sich an den anderen zu messen.“[14]

Nun zerfällt der Scheler’sche Typus des „Gemeinen“ in zwei Untertypen. Diese muten wie die Hörner eines bösen Dilemmas an, – worin wir einen gestalterischen Impetus vermuten dürfen. Es handelt sich um (i) den Ressentimentmenschen und (ii) den Streber.

Ad (i): Mangelt dem „Gemeinen“, was der tägliche Wettstreit in einer Konkurrenzgesellschaft erfordert, sieht er sich in aussichtsloser Lage. Solche Ohnmacht kann bewirken, daß er dem Ressentiment anheimfällt,[15] wenn er nicht den Ausweg „freier Resignation“ findet.[16]

Ad (ii): Besitzt der „Gemeine“ ausreichend Willenskraft und Intellekt, sowie alle körperlichen Voraussetzungen, um in einer Konkurrenzgesellschaft mithalten zu können, tritt er als Streber auf. Scheler beschreibt ihn als einen Menschen, für den sich das Mehrsein, Mehrgelten usw. im möglichen Vergleich zu anderen als Zielinhalt seines Strebens vor irgendwelchen qualifizierten Sachwert schiebt; dem jede „Sache“ nur gleichgültiger Anlaß wird, das ihn drückende Gefühl des „Wenigerseins“, das sich in dieser Art des Vergleichs einstellt, aufzuheben.[17]

Indes verdiene niemand als Streber bezeichnet zu werden, wenn „ihm noch ein Eigengehalt einer «Sache» vorschwebt, die er in Tätigkeit und Beruf fördert und vertritt“.[18] Das (im Wortsinne) Hohle an seinem Geltungsstreben macht den Streber.

Es bedarf kaum mehr der Beschreibung, wie die Scheler’sche Selbststilisierung verlaufen wird. Der „Gemeine“ gibt die Kontrastfolie; dessen rudimentärem Werterfassen wird dasjenige des Philosophen entgegengestellt – in seiner Vollständigkeit, in seiner Tiefe. Was soll man davon halten?

Scheler zielt auf eine Befreiung des Einzelnen und seines Werturteils von dem der Masse. Eine solche Befreiung ist von unschätzbarem Wert. Sie muß von jeder Generation aufs Neue errungen werden, weil selbst in der offensten „Offenen Gesellschaft“ auch die Gegenkräfte sich beständig erneuern.[19]

Scheler fundiert die Befreiung des Einzelnen, indem er dem Werterkennen einen exklusiven Charakter verleiht: „Wie es für gewisse mathematische Probleme und Theorien nur ganz wenige gibt, die sie auch nur verstehen, so kann dies auch für sittliche und religiöse Dinge der Fall sein.“[20] Es sei ein populistischer Irrweg („Herdenkonvention“[21]), in der Ethik all dasjenige zu ignorieren, „was nicht den Sinnen und dem Verstande des – jeweilig Blödesten klarzumachen ist!“[22]

Dergleichen möchte man unterschreiben. Alles Vorige aber wirkt weniger überzeugend. Introspektion und, was etwas anderes ist, Werterfassen mögen uns – vielleicht – offenstehen. Doch der Einblick in fremde Seelen bleibt auch einem Scheler verwehrt. Was von außen wie das „Gemeine“ und, sofern sie nicht grollen, Streberhafte der hoi polloi wirken mag, dürfte sich aus deren jeweiliger Innenperspektive anders ausnehmen: Da wird Karriere gemacht, um mit den höheren Einkünften die Familie besser nähren zu können, seinen geliebten Kindern eine gute Ausbildung – ja, womöglich sogar Bildung im klassischen, dem kaum übersetzbaren Sinne – zu ermöglichen. Da wird ein Haus mit großem Garten erworben, weil es der Familie, die bislang in einem Wohnblock gelebt hat, ein tieferes Leben ermöglicht. Scheler sieht an diesen Dingen vorbei, obschon er in seiner Abhandlung über das Ressentiment eine Philosophie der Liebe entwickelt, welche die in den soeben gegebenen Beispielen beschriebenen Handlungen begrüßen dürfte.[23] Erst eine solche suppressio veri ermöglicht ihm, sein Urteil über die „Bürger“ um ihn zu fällen: Ein Verdikt, durch dessen Schwärze der Stern des Philosophen desto herrlicher leuchten soll.

Es scheint, als wirke bei Scheler ein Ressentiment dem „Bürger“ gegenüber; – ein Umstand, der an Poppers Bemerkung erinnert, Freud sei ein Fall für Freud, Adler ein Fall für Adler gewesen.[24] Sollte es sich bei Scheler um einen Fall für Scheler handeln?

„Rechenhaftigkeit“

Der „Gemeine“ sucht, so Scheler, seinen Eigenwert im Vergleich mit den Anderen zu messen. Messen erfaßt Mengen. Alles Quantitative gemahnt Scheler an den Geist des „Bürgers“ und dessen, so der Philosoph, „kalkulierenden“ Verstand; es gilt ihm als etwas Niederes. Man mag diese Kette vager Assoziationen für ein non sequitur halten, doch will zur Kenntnis genommen sein, daß Scheler solcher Auffassung ist. Was treibt ihn dazu?

Wie bereits bemerkt, befürchtet Scheler einen Umsturz der Werte.[25] Er werde vom Ressentiment befördert, dessen Träger auch und gerade der „Bürger“ sei; und er vollziehe sich, indem die Berufswerte des Kaufmanns und Gewerbetreibenden, die Werte der Eigenschaften, durch die eben dieser Typus Homo reüssiert und Geschäfte macht, zu allgemeingültigen moralischen Werten, ja zu den „höchsten“ unter diesen erhoben werden. Klugheit, rasche Anpassungsfähigkeit, kalkulierender Verstand, Sinn für „Sicherheit“ des Lebens und allseitigen ungehemmten Verkehr, für Stetigkeit in der Arbeit und Fleiß, Sparsamkeit und Genauigkeit in der Einhaltung und Schließung der Verträge: das werden jetzt die Kardinaltugenden, denen Mut, Tapferkeit, Opferfähigkeit, Freude am Wagnis, Edelsinn, Lebenskraft, Eroberungssinn, gleichgültige Behandlung der wirtschaftlichen Güter, Heimatliebe und Familien-, Stammes-, Fürstentreue, Kraft zu herrschen und zu regieren, Demut usw. untergeordnet werden.[26]

In einer weiteren Abhandlung unterstellt Scheler dem „Bürger“ eine über die Jahrhunderte „steigende Rechenhaftigkeit der seelischen Grundeinstellung auf Welt und Leben überhaupt.“[27] Auch dort werden Tugenden wie Mut, Tapferkeit und Freude am Wagnis jenen „bürgerlichen“ Zuschnitts kontrastiert. Scheler geht dabei soweit, den „Bürger“ als „geringerwertigen Vitaltypus“[28] zu bezeichnen: „Diesem «angsthaften», «rechenhaften» Typus steht der «gläubige», der «vital vertrauensvolle» und «muthafte» Typus gegenüber.“[29]

Selbst- und Fremdvertrauen, Mut und Hingabe, Opferfähigkeit und Lebenskraft auf der einen Seite; Angst und der Wunsch nach „Sicherheit“, Berechnung und Anpassungsfähigkeit, Vertragsbindung und schwindende (oder bereits geschwundene) Lebenskraft auf der anderen. Wiederum legt Scheler mit einer „dienlichen“ Zeichnung des Gegenübers das Fundament für eine Selbststilisierung: Der Philosoph gebe sich hohen Idealen hin, lehne es ab, den eigenen Vorteil in Betracht zu ziehen. Dabei fällt auf, daß der Begründer der materialen Wertethik mit dem Topos des „Bürgers“ als eines „geringerwertigen Vitaltypus“ vorwegnimmt, was spätestens seit Wilhelm Reich zur Folklore psychologisierender Gesellschaftskritik gehört.[30] Konservativer und fortschrittlicher Antiliberalismus berühren einander; so auch hier.

Vor allem aber taugt Schelers Gegenüberstellung zweier Wert-Tafeln – der Tugenden des kalkulierenden „Bürgers“ und der Tugenden des vertrauensvoll Muthaften – weit weniger, als ein oberflächlicher Blick vermuten läßt. Um dies zu erklären, ist ein kurzer Ausflug in die Wirtschaftslehre nötig:

Alle bürgerliche (wir lassen von Schelers Sicht und damit von den Anführungsstrichen) Kultur beruht auf Produktion und Handel, dem Geschäft. Handel bildet kein Nullsummenspiel, sondern eines, in dem beide Parteien gewinnen.[31] Widrigenfalls bliebe unerklärbar, weshalb unsere Mitbürger tagaus, tagein Millionen von Handelsverträgen schließen, zu denen sie kein Mensch zwingt. Wenn aber der Handel kein Nullsummenspiel darstellt, wird deutlich, daß unterhalb der hohen Ideale (selbstloser Hingabe, freudiger Selbstaufopferung) nicht gleich Verworfenheit beginnt, sondern für ein Drittes Raum bleibt. Wie Wilhelm Röpke ausführt, ist jeglicher Handel und mit ihm die bürgerliche Zivilisation

weder auf Egoismus in dem Sinne aufgebaut, daß die eigene Wohlfahrt zum Schaden anderer gefördert wird, noch auf der […] Hingabe in dem Sinne, daß die eigene Wohlfahrt zum Nutzen anderer vernachlässigt wird. Es ist vielmehr eine ethisch neutrale Beziehung, in der kraft einer vertraglichen Gegenseitigkeit das Ziel der eigenen Wohlfahrtssteigerung mit dem Mittel fremder Wohlfahrtssteigerung erstrebt wird.[32]

Nun setzt ein solches Wunder mancherlei voraus. Vor allem eine gute Geschäftsidee, ein neues und lohnendes Produkt. Schließlich wird in der Marktwirtschaft nur derjenige prosperieren, welcher den Kunden eine Ware anbietet, die ihnen gefällt. Den Markt zu erobern,[33] ist alles andere als eine triviale Aufgabe, weil seine Majestät der Kunde sich wählerisch gibt und die Konkurrenz nicht schläft.

Dies alles im Blick, wird verständlich, daß der Bürger größeren Mutes und Eroberungssinns, größerer Tapfer- und Opferfähigkeit, größerer Führungskraft nach innen und Demut dem Kunden gegenüber bedarf, als Scheler anzunehmen  bereit ist. Wer auf dem Markt bestehen will, muß Tugenden an den Tag legen, die über das Rechenhafte hinausgehen. Doch selbst damit nicht genug. Denn hinzukommen muß ein gerüttelt Maß Schöpferkraft (neudeutsch: Kreativität), wie Ludwig von Mises zeigt:

Millions of people like to drink Pinkapinka, a beverage by the world-embracing Pinkapinka Company. […] If you want to acquire wealth, then try to satisfy the public by offering them something that is cheaper or which they like better. Try to supersede Pinkapinka by mixing another beverage.[34]

Mit einem Worte: Denk Dir ’was aus! Die Marktwirtschaft bietet somit reichlich Gelegenheit, neue Geschäftsideen, innovative Produkte und die meisten der von Scheler geschätzten und vermißten Tugenden zu erproben. Mehr noch, sie setzt sie voraus. Daß der Philosoph dergleichen übersieht, liegt an seiner rudimentären Vorstellung dessen, was ein Unternehmer zu leisten hat.

Bestürzend wirkt: Scheler war ein guter Bekannter von Mises’.[35]  Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, ein tieferes Bild vom Unternehmertum zu gewinnen. Scheler hat es nicht gewollt. Röpke würde Scheler „ressentimentgeladene Wirtschaftsferne der Geisteswelt“[36] vorwerfen. Unser Verdacht aus dem vorigen Kapitel hat sich erhärtet. Scheler ist ein Fall für Scheler.

Anmerkungen

[1] Max Scheler, „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen“, Vom Umsturz der Werte. Abhandlungen und Aufsätze, Bern u. München 1972, S. 33-147, Zitat S. 36-37.

[2] Ebd., S. 36.

[3] Ebd., S. 38.

[4] Ebd., S. 66.

[5] Von Scheler, „Das Ressentiment…“, S. 52, in der Fußnote gegeben.

[6] Scheler, „Das Ressentiment…“, S. 51.

[7] Vgl. Hans Poser, Wissenschaftstheorie, Stuttgart 2001, S. 33-36.

[8] Scheler, „Das Ressentiment…“, S. 54, ohne Kursive.

[9] Vgl. ebd., S. 50-51.

[10] Ebd., S. 63.

[11] Vgl. ebd., S. 75.

[12] Vgl. ebd., S. 48.

[13] Ebd., S. 47.

[14] Ebd. Wie Scheler unterstreicht, nimmt auch der Vornehme Vergleiche vor. Doch entscheide die Reihenfolge von Werterfassen und Vergleich: „Der Vornehme erlebt die Werte vor dem Vergleich; der Gemeine erst im und durch den Vergleich.“ (Ebd.)

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. oben im gegenwärtigen Kap.

[17] Scheler, „Das Ressentiment…“, S. 48.

[18] Ebd.

[19] Vgl. Leszek Kołakowski, „Samozatrucie otwartego społeczeństwa“, Czy diabeł może być zbawiony i 27 innych kazań, Krakau 2006, S. 291-306.

[20] Scheler, „Das Ressentiment…“, S. 125.

[21] Ebd.

[22] Ebd.

[23] Vgl. Scheler, „Das Ressentiment…“, S. 72-77.

[24] Vgl. Frank Cioffi, „Psychoanalysis, Pseudo-Science and Testability“, in: Gregory Currie und Alan Musgrave (edd.), Popper and the Human Sciences, Dordrecht 1985, S. 13-44, bes. 17.

[25] Vgl. in Kap. I.

[26] Scheler, „Das Ressentiment…“, S. 132.

[27] Scheler, „Die Zukunft des Kapitalismus“, Vom Umsturz der Werte. Abhandlungen und Aufsätze, Bern u. München 1972, S. 382-395, Zitat S. 388.

[28] Ebd.

[29] Ebd. Scheler betont ebd., S. 388-389, daß mit dem Gläubigen nicht „die Angehörigen des orthodoxen Kirchenglaubens“ gemeint seien, sondern „ein bestimmter Vitaltypus“.

[30] Vgl. Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus, Köln 1986, S. 12-13, 310-312. Einen Überblick über die Folgen  gibt Wolfgang Brezinka, Die Pädagogik der Neuen Linken, München u. Basel 1972, S. 174-180.

[31] Vgl. Friedrich August von Hayek, The Fatal Conceit, Chicago 1991, S. 95.

[32] Wilhelm Röpke, Die Lehre von der Wirtschaft, Erlenbach-Zürich 1965, S. 41.

[33] Röpke, Die Lehre…, S. 45, lehnt solche kriegerischen Vokabeln ab, wo es um Handel und Produktion geht; sie gemahnen an einen Kriegs- und Beutezug, was unter die ethisch negativen Beziehungen zu subsumieren wäre. In der Auseinandersetzung mit Schelers heroischen Idealen jedoch unterstreichen bellikose Begrifflichkeiten in sehr willkommener Weise, daß auch dem Bürger das Heroische nicht fremd ist.

[34] Ludwig von Mises, The Anticapitalistic Mentality, Grove City 1972, S. 7-8, Kursive von mir.

[35] Vgl. Murray N. Rothbard, „Ludwig von Mises: 1881-1973“, nach: http://mises.org/rothbard/misesobit.asp (24.12.2010), und Ludwig von Mises, Erinnerungen, Stuttgart u. New York 1978, S. 69.

[36] Wilhelm Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage, Erlenbach-Zürich 1966,S. 173, ohne Kursive.

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Der vorstehende Text ist ein Auszug aus dem Essay „Philosoph und Fiktion. Über Max Schelers Stilisierungen seiner selbst und Anderer“, der in dem von Jacek Rzeszotnik herausgegebenen Band Schriftstellerische Autopoiesis (Darmstadt 2011) erschienen ist.

Helmut Schoeck: Sinnvernichtung

02

Evolution hat keinen guten Ruf. Sie wird oft als etwas aufgefaßt, das allem Menschlichen fremd, gar entgegengesetzt sei; als ein entmenschtes Gegen-Evangelium. Dieser Eindruck läßt sich mildern, indem man sich um ein umfassenderes Bild der Sachlage bemüht. Und erkennt, daß der Mensch nicht nur „Glied“[1], sondern auch „Steuernder“[2] der Evolution ist – durch seine Kreativität. Wir sollten uns deshalb verdeutlichen, „daß wir es sind, die in all den Bereichen von der Religionssoziologie bis zur Technikentwicklung das jeweils Neue hervorbringen“.[3] Und zwar auf vielfältige Weise; „in der Möglichkeit zur Zuchtwahl wie zur Genmanipulation, im Entwerfen und Verwirklichen sozialer Systeme, im Konzipieren wissenschaftlicher Theorien und im Realisieren technologischer Artefakte zur Befriedigung […] menschlicher Bedürfnisse.“[4]

Wie sehr der Mensch die Evolution beeinflußt, macht ein näherer Blick auf deren „Mechanismen“ deutlich; – auf jene Mechanismen, die Evolution ermöglichen und vorantreiben. Charles S. Peirce unterscheidet drei solche Mechanismen:

(i)    Die Evolution per Zufallsvariation („tychastische Evolution“[5]), auf der der Darwinismus gründet.[6] Sie wird durch Zufälle wie denjenigen ermöglicht, daß gerade jener Paul gerade jene Paula in gerade jener Stadt traf, sich verliebte und schließlich ein Töchterchen namens Paulette zeugte. Paulette verdankt die Zusammensetzung ihrer Gene dem Zufall.

(ii)    Die „Evolution durch mechanische Notwendigkeit“[7] („anankastische Evolution“[8]). Mechanische Notwendigkeit wirkt, „[w]enn ein Ei dazu bestimmt ist, eine gewisse Reihe von embryonalen Transformationen durchzumachen, von der es ganz gewiß nicht abweicht“.[9] Jedenfalls, sofern nichts Äußeres dazwischen kommt. (Was hinwiederum einen Effekt tychastischer Evolution bilden würde – „das Sichkreuzen zweier unabhängiger Kausalreihen“.[11])

(iii)    Die „Evolution durch schöpferische Liebe“[12] („evolution by creative love“[13]; „agapastische Evolution“[14]). Dieser Mechanismus wird gern übersehen. Das ist bedauerlich. Denn ohne ihn erweist es sich als schlichtweg unmöglich, das Entstehen all der Ideen für Handwerkszeuge und technische Geräte, der wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Theorien, der Kunstwerke und der Meisterwerke der Architektur zu erklären. Schließlich gedeihen all diese Pläne und Dinge nur dann, wenn ein Mensch Arbeit und Mühe – „Gehirnschmalz“ – investiert, lange darüber nachdenkt, was er verbessern, was er noch besser gestalten könnte; mit einem Worte, ihnen Zuwendung schenkt. Man sorgt (wie bei Pflanzen[15]) durch Zuwendung dafür, daß seine Pläne gedeihen; durch schöpferische Liebe. Sonst gedeihen sie nicht.

Wir erkennen: Ein umfassendes Bild der Mechanismen, die Evolution ermöglichen, verändert unseren Eindruck vom Ort des Menschen in der Evolution, und dies in entscheidender Weise! Zwar bleiben wir Geschöpfe der Evolution, deren Launen – man denke an die Sonne – ausgeliefert. Doch sind wir auch – zu Teilen – deren Gestalter; wir beeinflussen die Evolution. Durch unsere Kreativität. Durch unsere Kulturleistungen. So weicht der Eindruck bloßen Ausgeliefert-Seins dem einer gewaltigen Abenteuer-Fahrt.[17]

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