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Wissenschaft

Neuerscheinung: Dahlmanns / Freise / Kowal (Hrsg.), „Krieg in der Literatur, Literatur im Krieg“

Unlängst erschienen: Karsten Dahlmanns / Matthias Freise / Grzegorz Kowal (Hrsg.), „Krieg in der Literatur, Literatur im Krieg“, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2020, 578 Seiten.

Der Band versammelt 37 Aufsätze von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den USA, China, der Schweiz, Österreich, Deutschland und Polen. Ein ausführliches Namenregister hilft bei der Erschließung seiner Inhalte. Weitere Informationen auf den Seiten des Verlags und bei Amazon (Blick ins Buch).

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Ökologismus Wissenschaft

Licht und Schatten. Eine Sieferle-Rezension

Der „Eiertanz“ (Popper 1984: 109) um Rolf Peter Sieferles 2017 im Verlag Antaios erschienenes Büchlein Finis Germania, zwischenzeitlich persona non grata auf der Bestsellerliste von Norddeutschem Rundfunk und Süddeutscher Zeitung, ist weithin bekannt (Müller 2017, Wang 2017). Die gegenwärtige Rezension befaßt sich nicht mit der Antaios-Publikation, sondern mit Sieferles Abhandlung Das Migrationsproblem, die ebenfalls 2017 erschienen ist, bei Manuscriptum.

Sieferles Migrationsproblem teilt sich in fünf Teile: „Migrationsursachen“, „Situation in den Zielländern“, „Narrative zur Legitimation“, „Motive der Akteure“, „Die längere historische Perspektive“. Der Großteil seiner Erwägungen betrifft die Situation in Europa, mithin jene Länder, die Ziel der Migration sind. Hier sieht der habilitierte Historiker Tendenzen zur Selbstdestruktion am Werke, die mit geregelter oder ungeregelter Einwanderung nichts zu tun haben, wohl aber von ihr verstärkt werden. Seine Argumente entstammen der – wenn man möchte, ‚klassischen‘ – liberalen[1] und auch der konservativen Kritik an der modernen Massendemokratie; die Ausuferung des Sozialstaats, deren volkswirtschaftliche und moralische Folgen werden beklagt. „Ein Produkt dieser Entwicklung“, so Sieferle im Anschluß an Helmut Schelsky, sei

der „betreute Mensch“, der die Vielfalt von sozialstaatlichen Leistungen, die ihm zufließen, für selbstverständlich hält: Bildung/Ausbildung, Gesundheitswesen, Infrastruktur, Kindergärten, Erziehungsgeld, Schwimmbäder, Sportstadien, Altersheime etc. Der betreute Mensch wird im Zuge dieser Entwicklung immer weicher und unselbständiger. Die Jungen werden zu Mädchen erzogen. Die Menschen werden empfindlicher, allergischer, veganer. (111-112)

Ein solcher Dekadenz-Befund ist nichts Neues, geschweige denn Originelles – aber auch nichts Überholtes! –, und sein Vorkommen ist weder auf das beginnende einundzwanzigste Jahrhundert, noch auf Deutschland beschränkt. Doch beeinträchtigt dieser Umstand keineswegs das Vergnügen, Sieferles Migrationsproblem zu lesen. Denn sein Buch schöpft aus der europäischen Bildungstradition seit der Antike, spricht von Barbaren, wo Barbaren (jeglicher Zeit und Herkunft) gemeint sind, und ruft damit einen gelinden, deshalb desto wirkmächtigeren Anklang an das Schicksal des (west-)römischen Reiches hervor; es nennt „ochlokratische Tendenzen“ als grundlegendes Problem jeder Demokratie (92), bezeichnet die gegenwärtigen Europäer im abschließenden Kapitel über mehrere Seiten mit Nietzsches Zarathustra als „letzte Menschen“ (130-132). Der Nietzsche-Bezug bleibt unausgewiesen; wie ja auch die Anklänge an Helmut Schoecks gewaltige Studie Der Neid zwar merklich sind, aber nicht belegt werden. Arnold Gehlen, Max Scheler und Max Weber stehen (ebenfalls nicht immer genannt) Pate, wo Sieferle mit den Begriffen der Hypermoral und Gesinnungsethik arbeitet, die Moral eines allumfassenden Humanismus als etwas Gefährliches, da Selbstzerstörerisches begreift.

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Antiliberalismus Geschichte Wissenschaft

Götz Aly und Hans-Ulrich Wehler über Kapitalismus, Antisemitismus und Sozialpolitik

Der vorliegende Essay enthält einige Beobachtungen und Reflexionen, die an den Aufsatz „Zur Kontroverse um Götz Alys Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ anschließen. Die neuerliche Beschäftigung mit Alys Forschung rechtfertigt sich aus dem Erscheinen seines neuesten Buches Europa gegen die Juden 1880-1945. Die 2017 publizierte Abhandlung stellt eine Weiterführung des Ansatzes dar, der Alys 2011 auf den Markt gekommenem Buch über den in letzter Konsequenz mörderischen Neid der Deutschen auf die Juden zugrunde liegt. Beide Aufsätze widmen sich also einem Forschungsprogramm, wenn Imre Lakatos’ Begriff in das Reich idiographischer Wissenschaft ausgedehnt werden darf (vgl. Lakatos 1982: 46-52).

Wie zuvor geschehen, sollen auch diesmal ausgewählte Reaktionen auf Alys Buch in der deutschsprachigen Presse diskutiert werden. Unter ihnen verdienen zwei Rezensionen besonderes Lob dafür, daß sie in einer Zeit, wo nur zu gern ‚mißverstanden‘ und entstellend zitiert wird, in prophylaktischer Absicht hervorheben, was auch der Verfasser der gegenwärtigen Zeilen über Alys Buch denkt:

An der deutschen Urheberschaft für den Holocaust lässt Aly keinen Zweifel. Nur böser Wille kann ihm die Absicht unterstellen, diese Schuld und Verantwortung relativieren zu wollen, wenn er betont, dass die Nationalsozialisten Helfer und Mittäter in ganz Europa fanden. (Jahr 2017)

Die Idee, Antisemitismus als europäisches Phänomen von Athen bis Budapest, von Paris bis Berlin zu deuten, ohne den Holocaust direkt in den Mittelpunkt zu rücken, ist originell. Darin nach heimlichen Entschuldungswünschen zu fahnden, ist keinen Gedanken wert, gerade bei einem Historiker, ohne den die hiesige Holocaustforschung um einiges ärmer wäre. (Reinecke 2017)

Darüber hinaus betrachtet der vorliegende Aufsatz ausgewählte Argumente Hans-Ulrich Wehlers, der uns als scharfer Kritiker Alys erinnerlich ist (vgl. Dahlmanns 2017: 45, 52). Dies geschieht in der Absicht, Wehlers Kritik zu kontextualisieren. Wie sich erweisen wird, könnte ein systematischer Grund für Wehlers Ablehnung des Alyschen Forschungsprogramms vorliegen. Er wäre in Wehlers kapitalismuskritischen Anschauungen zu finden, die – mit manchem sachlichen Fehler belastet – sozialdemokratische Vorstellungen von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft favorisieren, sowie dem Umstand, daß jedwede anthropologische Argumentation, die vollständig genug ist, um auch den Neid zu kennen, auf Ideen sozialdemokratischen oder sozialistischen Zuschnitts zu wirken pflegt wie das Tageslicht auf Vampire. Insofern wiederholt Wehler mit Aly, was Karl Marx mit dem französischen Schriftsteller Eugène Sue vornahm, nachdem jener einen Roman über den Neid und dessen Überwindung als Aufgabe für den Einzelnen, nicht für die Gesellschaft, veröffentlicht hatte (vgl. Schoeck 1966: 159-163).

1 Alys Argument in grundsätzlicher Betrachtung

Alys neuestes Buch untersucht die Judenfeindschaft in Europa während der Jahre 1880 bis 1945, mit besonderem Gewicht auf der Zeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Dabei wird der deutsche Sprachraum ausgespart; erforscht werden Frankreich, Polen, die Ukraine, Rußland, Litauen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Griechenland.[1] Der Historiker beschreibt die verschiedenen Erscheinungen des Antisemitismus in diesen Ländern unter drei Aspekten:

  • Angehörige der Mehrheitsbevölkerung vieler der genannten Staaten berauben Juden ihres Besitzes, beschädigen oder vernichten deren Behausungen und Werkstätten, Ladengeschäfte etc., vergewaltigen, verstümmeln und morden (vgl. Aly 2017: 166-178 u.ö.).
  • Die Regierungen fast aller der genannten Staaten betreiben Sozialpolitik auf Kosten der Juden. Um die jeweilige Mehrheitsbevölkerung zu fördern, werden verschiedenste Gesetze erlassen, die Juden in ihrer Berufswahl und -tätigkeit behindern, jüdische Kaufleute und Unternehmer mit Sondersteuern und schikanösen Auflagen belegt. Auch im Bildungswesen wird den Juden das Fortkommen erschwert, um die Mehrheitsbevölkerung zu bevorteilen, z.B. durch konfessionell gebundene Studienplätze (vgl. ebd. 94-98, 205-208 u.ö.)
  • In den Jahren vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wird in den meisten der genannten Staaten eine Politik favorisiert, die auf die Emigration ihrer jüdischen Minderheit zielt. Dies soll einen möglichst homogenen Nationalstaat schaffen, ist nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen andere Minderheiten gerichtet. Daher wird es von Aly u.a. im Zusammenhang mit Maßnahmen des Bevölkerungsaustausches betrachtet (z.B. zwischen Griechenland und der Türkei, vgl. ebd. 188-192).
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Geschichte Wissenschaft

Steffen Dietzsch, Wilfried Lehrke: Geheimes Deutschland. Von Deutschlands europäischen Gründen.

Steffen Dietzsch und Wilfried Lehrke haben vor einiger Zeit ein Bändchen vorgelegt, in dem sie dafür werben, den Begriff „Geheimes Deutschland“ ernstzunehmen. Die im Umkreis Stefan Georges gebrauchte Fügung meint „die Idee dessen, was Deutschland jenseits bloßer historisch-politischer Zeit und Geschichtslagen sein sollte“; sie gehöre „zu den überempirischen Prinzipien, die uns über alle durchlittenen Schiffbrüche hinweg – wenn auch oft genug nur im Klandestinen – immer auch Denkräume für das Tiefste offen gehalten haben.“ (S. 68) Die beiden Verfasser schildern in affirmativer Weise die wertstiftenden Bezüge Georges und seiner Anhänger auf die Staufer, heben aber auch – und dies stärker als George oder gar gegen ihn – die Bedeutung der deutschen Klassik hervor: „Weimar verkörpert als seelische Landschaft des Deutschen dessen integrative Potenzen als etwas Besonderes seines Nationalcharakters.“ (S. 54, Kursiv im Original) Mit „integrative Potenzen“ dürften die Autoren u.a. die Fähigkeit vieler deutscher Dichter und Denker – das Klischeehafte dieser Reihung möge dem Rezensenten vergeben werden – verstehen, ästhetische Prinzipien und Bestandteile der Weltauffassung des antiken Griechentums aufzunehmen. Den Deutschen eigne darum dort, wo sie nicht lediglich im Praktisch-Tagespolitischen verhaftet bleiben, etwas Übernationales, ja Europäisches. In jedem Falle will die Rede vom Geheimen Deutschland, wie auch jene von der Klassik nicht auf ein Idyll hinaus. Die Autoren unterstreichen „die Differenz von lebendiger Deutsche [sic] Klassik und abstraktem Klassizismus (gleich welcher Couleur)“ (52): „Während deutsche Klassik die facettenreiche Passionsnatur des Menschen als Unabschließbares und Tragisches, damit Hochwidersprüchliches thematisiert, hält Klassizismus dem Menschen ein ‚ewiges‘ Maß des ‚Guten‘, ‚Wahren‘ und ‚Schönen‘ vor.“ (ebd.)

Soweit, wie zu erkennen, das Argument. Die kleine Abhandlung stellt – natürlich – keinen wissenschaftlichen Text dar, sondern einen Essay, der von Andeutungen und überraschenden Verknüpfungen lebt. So springen die beiden Verfasser recht unbekümmert zwischen Passagen aus dem Werk und Manuskripten Stefan Georges, Friedrich Nietzsches und Friedrich Gundolfs hin- und her, als ob das alles Bausteine eines Programmes wären! Zudem wirken einige der angeführten George-‚Stellen‘ recht konventionell. Wer sich nur ein wenig mit dem in Bingen aufgewachsenen Dichter beschäftigt hat, findet bei Dietzsch und Lehrke manches Erwartbare (S. 19-21, 24, 26-27, 29-30, 35, 44, 49), aber kaum Überraschendes. Es scheint, als sollten der Mensch Stefan George und sein Werk auf einen – in welcher Hinsicht auch immer – passenden Mythos, eine passende Charaktermaske zurechtgestutzt werden. Als in belebendes Gegenmittel sei die Monographie Das verfluchte Amerika. Stefan Georges Bildnis von Unternehmertum, Markt und Freiheit (Würzburg 2016) aus der Feder des Rezensenten empfohlen; darin vor allem der dritte Teil, der Georges beträchtlichem Unternehmer-Talent gewidmet ist.

In das genannte Zurechtstutzen Georges schreibt sich eine kaum anders als lachhaft zu nennende Monumentalisierung ein (S. 23):

Und umgekehrt sahen die jungen Dichter aus dem Pariser Kreis um Mallarmé (1890) in Stefan George, der ja als einziger Deutscher dazugehörte, den neuen Sänger des – vorerst noch geheimen – wahren Deutschland. Er ist ihnen der geistige Bote eines anderen Deutschlands als des Machtdeutschlands, das die Franzosen jüngst unterworfen hatte.

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Geschichte Wissenschaft

Götz Alys neuere Holocaust-Forschung und ihre Rezeption. Eine kritische Bestandsaufnahme (Auszug)

Götz Aly ist einer der bekanntesten deutschen Historiker, die über die Entrechtung, Ausplünderung und Ermordung der europäischen Juden forschen. Der vorliegende Aufsatz beschäftigt sich mit einigen jüngeren Veröffentlichungen Alys, angefangen mit der 2005 publizierten Studie Hitlers Volksstaat, die aufzeigt, welche Vorteile der gewöhnliche Volksgenosse von ‚Vater Staat‘ unter den Nationalsozialisten erwarten durfte. Sodann werden die Bücher Warum die Deutschen? Warum die Juden? (2011) und Europa gegen die Juden. 1880-1933 (2017) besprochen. Beide Werke fragen nach den Vorbedingungen des Holocaust, soweit Moral und Ethik, sozialpolitische und solche Maßnahmen in Rede stehen, die der Schaffung möglichst homogener Nationalstaaten verpflichtet sind (vgl. Aly, Europa, 2017, S. 375-376). Während das 2011 erschienene Buch sich auf den deutschen Sprachraum konzentriert, erweitert die 2017 publizierte Studie den Blick auf verschiedene Staaten Mittel- und Ostmitteleuropas.

Die drei genannten Buchveröffentlichungen bilden ein Forschungsprogramm im Sinne Imre Lakatos’, dessen „harter Kern“ (Lakatos, Methodologie, 1982, S. 47-49) sich wie folgt formulieren ließe: Aly fragt nach den greif- oder zählbaren Vorteilen, in deren Genuß eine Mehrheitsbevölkerung kommt, wenn der Staat eine Minderheit (oder mehrere Minderheiten) drangsaliert.

Aly folgend, erklären diese Vorteile die erstaunliche Loyalität, welche die meisten Deutschen der nationalsozialistischen Führung entgegenbrachten, sie die massenhaften Verbrechen, von denen sie wußten oder ahnten, tolerieren ließen, sofern sie nicht selbst an den Greueltaten teilhatten. Alys Ansatz erlaubt ihm zudem, gewisse Sachzwänge der Hitlerschen „Gefälligkeitsdiktatur“, „jederzeit mehrheitsfähigen Zustimmungsdiktatur“ (Aly, Volksstaat, 2006, S. 36, 333) mit ihren vielfältigen Steuervergünstigungen, finanziellen und Sachleistungen für Geringverdiener, die keiner der als ‚minderwertig‘ klassifizierten Bevölkerungsgruppen angehören, auszumachen und als historischen Erklärungsansatz zu formulieren (ebd., S. 37, 51, 68, 70-71, 141-158, 325, 392). Dazu zählt die Unausweichlichkeit immer weiterer Eroberungen (ebd., S. 355), um auch die dortige Bevölkerung ihrer Lebensmittel und -grundlagen berauben zu können, der Raubmord an den europäischen Juden und das geplante Verhungern-Lassen von Millionen Menschen im Osten des Kontinents.

Alys Bücher pflegen teils heftige Reaktionen hervorzurufen. Unter diesen Reaktionen sollen im Folgenden besonders diejenigen interessieren, welche sich außerhalb der eigentlichen Fachdiskussion bewegen: jene also, die in den Feuilletons der großen Zeitungen und Zeitschriften und in sonstigen Stellungnahmen im weiteren Sinne politischer Natur zu finden sind. Denn Alys Forschungsprogramm hat einen Nebeneffekt. Es läßt nicht nur auf die verbrecherische „Gefälligkeitsdiktatur“ der NSDAP, sondern auf sämtliche Gemeinwesen anwenden, über die konstatiert werden darf, daß der fürsorgliche Staat seine Sozial- und sonstigen Programme auf Kosten einer Minderheit oder Fremder finanziere, während die Mehrheit seiner Bürger nicht danach frage – oder lieber nicht danach fragen wolle –, wo der Segen herkommt. Der „harte Kern“ von Alys Forschungsprogramm, der eine gewinnbringende Analyse und Kritik des nationalen Sozialismus im Deutschen Reich zwischen 1933 und 1945 ermöglicht, ermöglicht ebenfalls die Analyse und Kritik anderer Ausprägungen des Sozialismus oder Nationalismus. Dieser Umstand erklärt die Heftigkeit einiger der unten diskutierten Reaktionen auf Alys Werk, wie der Historiker im Nachwort zur Taschenbuchausgabe von Hitlers Volksstaat hinsichtlich des Sozialismus selbst vermutet (Aly, Volksstaat, 2006, 371-372; zum Verhältnis beider Ideologien Aly, Europa, 2017, S. 350).

Mehr in: Studia Niemcoznawcze / Studien zur Deutschkunde (Universität Warschau), Bd. LXII (2018), S. 89-101. Volltext als PDF verfügbar („SN62“).

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Geschichte Wissenschaft

Zur Kontroverse um Götz Alys „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“

Wortfolge/Szyk Słów 1 (2017), S. 39-62 (zitierfähiges PDF)

Die folgenden Seiten betrachten einige Aspekte des im Jahr 2011 erschienenen Buches Warum die Deutschen? Warum die Juden? von Götz Aly, das den Untertitel Gleichheit, Neid und Rassenhass trägt,[1] sowie ausgewählte Reaktionen auf dieses Werk in der deutschsprachigen Presse. Dabei werden besonders die logische Struktur und die – natürlicherweise teils impliziten – Voraussetzungen der Argumentation des in Rede stehenden Buches, als auch der Rezensionen und Kommentare in den Blick gefaßt. Eine solche Unternehmung verspricht Gewinn, weil dort, wo auf den Neid und dessen Folgen abgehoben wird, lehrreiche Verzerrungen und Mißverständnisse selten auf sich warten lassen.

Alys Argumentation

Der Titel des Aly’schen Buches stellt zwei Fragen, die im Wesentlichen durch den mittleren Eintrag im Untertitel beantwortet werden. Es sei vor allem der Neid gewesen, der die Deutschen zur Judenfeindschaft getrieben habe – eine Einschätzung, die viele Zeitzeugen jüdischer und nicht-jüdischer Herkunft teilten (Aly 2011:92-93, 110-113, 186-187). Zum Anlaß habe gereicht, daß die Juden in Deutschland all jene Möglichkeiten, die die sich öffnende und industrialisierende Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts bot, besser – das ist: öfter und früher, gründlicher und umfassender – genutzt hätten als ihre nicht-jüdischen Nachbarn. Zu den wichtigsten Ursachen für diesen Unterschied zählt der Verfasser bestimmte Züge der jüdischen Kultur, die man als „Bildungswille“ (Aly 2011:38) zusammenfassen kann. Jüdische Eltern zeigten sich äußerer Armut ungeachtet sehr oft bereit, bis zu einem Sechstel ihrer Einkünfte für den Hebräisch- und Elementarunterricht ihrer Söhne auszugeben. Die Stunden vermittelten eine Sprache, die den Zugang zu den Quellen der eigenen Religion ermöglichte, doch im Umgang mit nicht-Juden durch (wenigstens) eine weitere Sprache ergänzt werden mußte. Das Ergebnis beschreibt Aly wie folgt:

Jüdische Jünglinge lernten zu abstrahieren, zu fragen, nachzudenken. Sie schulten den Verstand am Umgang mit Büchern, im gemeinsamen Lesen und Auslegen und im kontroversen Debattieren der heiligen Schriften. So trieben sie geistige Gymnastik, so praktizierten sie ihre Religion und wurden im wörtlichen Sinne mündig. Zudem beherrschten Juden meistens zwei oder drei Sprachen mit ihren unterschiedlichen Grammatiken und Ausdrucksfinessen. Vielfach benutzten sie neben der hebräischen auch die lateinische Schrift. Derart geschulte junge Männer verfügten über eine gediegene, leicht ausbaufähige intellektuelle Basis für den Aufstieg kraft Bildung. (Aly 2011:38)

Über die religiösen und weltlichen Bildungsbemühungen der christlichen Gegenseite vermerkt der Autor, sie „legten Wert auf das Auswendiglernen von Glaubenssätzen, hielten Diskussionen für Teufelszeug, vor dem sie die ‚Laien‘ bewahren müssten […]. […] Bis ins 20. Jahrhundert hinein warnten christliche Eltern ihre Kinder: ‚Lesen verdirbt die Augen!‘“ (Aly 2011:39) In der Folge habe die christliche Mehrheit eine weit geringere Mobilität hin zu Bildung und Wohlstand an den Tag gelegt, als sie bei den Juden zu beobachten war.

Nun reicht der Hinweis auf den Neid angesichts kultureller und also auch materieller Unterschiede natürlich nicht hin, die Ausgrenzung und Ermordung der deutschen und europäischen Juden zu erklären. Neid ist etwas Allgemein-Menschliches; Antisemitismus als Ausfluß des Neides etwas recht Verbreitetes[2]; die massenhafte Tötung der Beneideten eine Ausnahme. Darum führt Aly drei weitere historische Umstände an, die seiner Meinung nach dazu beigetragen haben, aus der schwelenden Disposition einen lodernden Brand zu fachen: (1) den wachsenden Erfolg nicht-jüdischer Deutscher, was Bildung und soziale Mobilität in die höheren Ränge der Gesellschaft angeht; (2) die zunehmende Desavouierung des überkommenen – gern als „bürgerlich“ bezeichneten, aber natürlich weit älteren – Begriffs von Eigentum durch die sozialistische Bewegung; (3) die Vermählung von sozialistischem und nationalistischem, auch rassistischem Denken. Die einzelnen Punkte sollen nun je für sich dargestellt werden.

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Antiamerikanismus Antiliberalismus Wissenschaft

Stefan George und Wilhelm Röpke über – und gegen – die Massengesellschaft

Studia Neofilologiczne, X (2014), S. 35-52 (PDF)

Stefan George (1868-1933) führte verbalen „Krieg gegen das zur Masse gewordene Volk“[1]. Viele Gedichte namentlich des Spätwerks zeugen von seinem Widerwillen gegen die Großstadt und deren Einwohnerschaft; hinzu kommen einschlägige Äußerungen in Briefen und Gesprächen, soweit letztere von der Erinnerungsliteratur überliefert werden. Auch der Nationalökonom Wilhelm Röpke (1899-1966), dessen bekannteste Schriften – Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart und Jenseits von Angebot und Nachfrage – über die Grenzen der Wirtschaftstheorie hinaus weit in die kultur- und staatsphilosophische Reflexion reichen, war der Massengesellschaft abhold. Wo zwei so unterschiedliche Persönlichkeiten den Griffel über ein- und dasselbe Problem führen, wird es interessant sein zu sehen, wie sich deren Bestandsaufnahmen und Therapie-Vorschläge gegeneinander verhalten. Ebendies soll im Folgenden geschehen.

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Egalitarismus Wissenschaft

Schoeck und Scheler

Studia Neofilologiczne, VIII (2012), S. 61-74 (PDF)

Der Soziologe Helmut Schoeck (1922-1993) nimmt in seinem Hauptwerk Der Neid[1] mehrmals Bezug auf Max Schelers vor dem ersten Weltkrieg erschienene Studie Das Ressentiment im Aufbau der Moralen,[2] einer „bohrenden, elastischen, brillant einsichtsreichen Analyse“.[3] Die Studie des Philosophen dient ihm als ein Ausgangspunkt – als etwas, an dem man sich orientiert, um den weiteren Weg fort von ihm zu nehmen. Diese Entwicklung soll auf den folgenden Seiten beleuchtet werden, nachdem im vorigen Band der Studia Neofilologiczne Schoecks Werk im Einzelnen vorgestellt wurde.[4]

I

Unter den Passagen der Scheler’schen Abhandlung, auf die sich Schoeck bezieht, befindet sich – natürlich – auch der berühmt gewordene Passus über Ressentimentkritik. Diese zeichne sich, so Scheler, dadurch aus,

daß jede Abhilfe der als mißlich empfundenen Zustände nicht Befriedigung auslöst – wie es bei jeder Kritik mit positiven Zielen der Fall ist –, sondern im Gegenteil Mißbefriedigung hervorruft, da sie das wachsende Lustgefühl, das im puren Schelten und der Negation liegt, unterbindet.[5]

Scheler erkannte bereits vor über einem halben Jahrhundert, wie konstituierend das Ressentiment und der Neid für manche politischen Parteien sind, die durch Beseitigung der sozialen Probleme, an denen sie ihre Kritik demonstrieren, als Machtgruppen im politischen Spielfeld erledigt würden.

Helmut Schoeck

Wer Ressentimentkritik vorbringt, ist an einer Verbesserung des Zustands, dem sie gilt, nicht interessiert. Eine solche Diagnose mag auf den ersten Blick kaum glaubhaft erscheinen. Dennoch gibt es eine ganze Reihe von Verhaltensweisen, die sich ausschließlich so erklären lassen, wenn kein anderes Explanans auffindbar ist, das empirischen Gehalt[6] beanspruchen kann. Ludwig von Mises, ein guter Bekannter von Scheler,[7] zählt einige solche Arten zu handeln auf, darunter jene des wirtschaftlich weniger begabten und sich zum Ausgleich „kulturkritisch“ gerierenden Mitglieds von Unternehmerfamilien.[8] Als Beispiel aus neuester Zeit ließe sich anführen, daß viele „Klimaschützer“ weiterhin eine Katastrophe erwarten, obwohl seit etwa einem Jahrzehnt keine nennenswerte Erwärmung des Planeten zu verzeichnen ist.[9]

Schoeck geht wie Scheler davon aus, daß es Ressentimentkritik gibt, und lobt den Philosophen für dessen Hellsichtigkeit, was die Folgen im Politischen angeht:

Scheler erkannte bereits vor über einem halben Jahrhundert, wie konstituierend das Ressentiment und der Neid für manche politischen Parteien sind, die durch Beseitigung der sozialen Probleme, an denen sie ihre Kritik demonstrieren, als Machtgruppen im politischen Spielfeld erledigt würden.[10]

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Antiamerikanismus Antikapitalismus Antiliberalismus Geschichte Wissenschaft

Sprachimperialismus

Eine Reihe von Vereinigungen in Deutschland engagiert sich für den Erhalt und die Pflege der deutschen Sprache. Sie sind recht unterschiedlichen Charakters; das Spektrum reicht von der sehr gediegenen Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) bis zum umtriebigen und teils unbotmäßig aggressiv handelnden (K. Wirth, 2010, S. 290-296) Verein Deutsche Sprache (VDS), welcher von dem Wissenschaftler, Hochschullehrer und Erfolgsautor Walter Krämer ins Leben gerufen wurde. Wo die Tätigkeit der letzteren Vereinigung von Liebe zur Muttersprache getragen wird, sich zivilisierter Umgangsformen befleißigt und während irgendwelcher „Aktionen“ das Eigentum anderer auch dann achtet, wenn diese Anglizismen lieben (ebd., S. 283), überzeugt sie. Weniger schlagend hingegen mutet ihre Analyse der Ursachen an: Da ist (i) von „Sprachimperialismus“ die Rede – was einen Kategorienfehler beinhaltet, weil das Englische sich, einem Herrscher gleich, ein Reich bauen zu wollen scheint, obschon man dergleichen Absichten nur Personen zuschreiben kann –; werden (ii) Kontinentaleuropäer, welche sich des Englischen gern und oft bedienen, zu Äffenden gestempelt – was, von Fragen der Höflichkeit abgesehen, mehr als vorschnell wirkt, denn es könnte ja gute Gründe geben, sich der führenden Verkehrssprache in Wissenschaft und Ökonomie bedienen zu wollen –; werden (iii) mit Schlagworten wie „Stoppt die Amerikanisierung“ und „USA-Massenverblödung“ (ebd., S. 283) alte Verwerfungen zwischen Anglosphäre und Kontinentaleuropa aufgerissen, die bis in die letzten Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg zurückreichen, als Max Scheler, Werner Sombart und andere wider das Merkantil-Utilitaristische im Angelsächsischen zogen.

Hören wir eine Passage aus dem Vortrag „Macht über Marionetten“ des Germanisten Gert Ueding, der auf der Website des VDS veröffentlicht worden ist:

 „Die Globalisierung läuft nach dem Vorbild der USA ab“, stellt der Leiter der Pariser Zweigstelle von McKinsey befriedigt fest und weist darauf hin, daß die Dominanz der englischen Sprache für diesen Erfolg nicht unwichtig ist. Wir können solches Understatement ruhigen Gewissens in seine reale Dimension übersetzen.

Mit der Sprache wird angelsächsisches Wirtschaftsdenken übernommen, in dem etwa, so wieder jener McKinsey-Agent, die Unternehmenspolitik den Eigentümer-Interessen bedenkenlos untergeordnet wird, die Interessen der Beschäftigten keine Rolle spielen. Daß solche ökonomische Politik zur Unternehmenskultur hochgejubelt wird, wirkt wie ein zynischer lapsus linguae, ist aber in Wahrheit Bestandteil der Sprachpolitik. (G. Ueding, 2002)

Ueding setzt dem angelsächsisch „kalten“ Stil des Wirtschaftens deutsches Verantwortungsbewusstsein entgegen. Dergleichen wirkt wie das Bekenntnis einer schönen Seele. Doch steckt nicht viel dahinter. Denn Uedings Ausführungen gereichen zu einer suppressio veri: Es ist keine Rede davon, dass (i) die den Eigentümer-Interessen Geopferten nicht selten selbst Anteilseigner sind, wo der Aktienbesitz weit gestreut ist, und (ii) in einer weniger überregulierten Wirtschaft Menschen, die entlassen werden oder kündigen, leichter andere Arbeit finden können. Außerdem „vergisst“ Ueding zu erwähnen, dass (iii) Eigentümer-Interessen selbst kulturstiftend wirken können. Stichwort: Mäzenatentum. Hingegen hat (iv) deutsche Sozialpartnerschaft ihren Preis; wer sich den Realien des Marktes verweigert, lässt seine Kinder und Kindeskinder die Zeche zahlen – was man als Verstoß gegen das siebte Gebot auffassen kann –, während in der Zwischenzeit die Bundesrepublik Deutschland als Wirtschaftsstandort an Brauchbarkeit verliert. Natürlich dürfte diese bedauerliche Entwicklung keineswegs ohne Auswirkungen auf im engeren Sinne kulturelle Dinge bleiben – deren Finanzierung nämlich –, von denen wir annehmen dürfen, dass sie Ueding am Herzen liegen. Wie überhaupt zu bedenken ist, dass (v) ein Zusammenhang zwischen Freiheit, Wohlstand und Markt besteht, den zu ignorieren in der Bundesrepublik Deutschland und weiten Teilen Kontinentaleuropas inzwischen Staatsraison geworden zu sein scheint. Dieser Zusammenhang besteht schlichtweg deshalb, weil (vi) Unternehmer zu dienen verurteilt sind. Der aus Lemberg (Lwów) gebürtige Ludwig von Mises hat die Sachverhalte (v) und (vi) kristallklar herausgearbeitet:

 Auf dem Markt einer kapitalistischen Gesellschaft ist der gewöhnliche Mensch der souveräne Verbraucher, dessen Entschluß zu kaufen oder vom Kaufen abzusehen letztlich darüber entscheidet, was und in welcher Quantität und Qualität produziert werden soll. Händler und Hersteller, die ausschließlich oder vorwiegend damit beschäftigt sind, die Nachfrage der reicheren Klassen nach verfeinerten Luxusgütern zu befriedigen, spielen lediglich eine untergeordnete Rolle in der ökonomischen Struktur der Marktwirtschaft. Sie erreichen nie den Umfang der Großbetriebe. Großbetriebe dienen immer – direkt oder indirekt – den Massen.

Eben in diesem Aufsteigen der Menge besteht die radikale soziale Umwälzung, die die industrielle Revolution hervorgerufen hat. Die Menschen von niederer Geburt, welche in allen vorhergehenden Zeitaltern […] die Herden der Sklaven und Leibeigenen, der Pauper und Bettler bildeten, sind zu dem kaufenden Publikum emporgestiegen, um dessen Gunst die Geschäftsleute werben. Sie sind die Kunden, die „immer im Recht“ sind, die Schutzherren, arme Fabrikanten und Kaufleute reich und reiche arm zu machen.

In der Struktur einer Marktwirtschaft, die nicht durch die Praktiken von […] Politikern sabotiert wird, […] können nur diejenigen gedeihen, denen es gelungen ist, die Bedürfnisse der Menschen auf die bestmögliche und billigste Weise zu befriedigen. Reichtum kann nur dadurch erworben werden, daß man den Verbrauchern dient. […] In einem täglich sich wiederholenden Volksentscheid, in welchem jeder Pfennig Wahlrecht gewährt, bestimmen die Verbraucher, wer die Fabrikanlagen, Läden und Landgüter besitzen und verwalten soll. […]

Das ist es, was die moderne Auffassung von Freiheit bedeutet. Jeder erwachsene Mensch ist frei, sein Leben nach seinen eigenen Plänen zu formen. Er wird nicht gezwungen, nach den Wünschen einer planenden Autorität zu leben, die ihren Einheitsplan durch die Polizei, das heißt durch Zwang und Zwangsherrschaft durchsetzt. (L. v. Mises, 1979, S. 9-10; Übersetzung vom Verfasser des gegenwärtigen Aufsatzes anhand des Originals – L. v. Mises, 1972 – überarbeitet)

Die Alternative lautet: Entweder Marktwirtschaft und Freiheit, oder Unterwerfung. Anders gefasst: Ohne Markt keine Freiheit. Dies zu erkennen, sollte recht eigentlich jeder in der Lage sein. (Wilhelm Röpke würde an dieser Stelle aufseufzen; vgl. W. Röpke, 1959, S. 282-286.) Wenn man dennoch wie Ueding argumentiert, ist mehr im Busche als „nur“ Sprachliebe. Seine Rede treibt in einer seit Strömung des deutschen Denkens, die sichseit Wilhelminischer Zeit übelträchtiger Prominenz erfreut. Darum werden die von Ueding getroffenen Voraussetzungen nur selten kritisch überprüft; sie scheinen „Selbstverständliches“ auszumachen.

Ein Wort der Vorsicht: Die Rede von Traditionslinien will nicht auf ein „Es musste so kommen!“ hinaus. Recht verstanden, handelt es dabei sich um Moden im Denken, die auf diese oder andere Weise verlaufen können, zumal sie vom Fortschritt in der Wissenschaft allenfalls beeinflusst, nicht aber bestimmt werden.

*

Ueding grenzt sich von „nationalistischer Deutschtümelei“ ab (Ueding, 2002), seine Mitstreiter vom VDS betonen, „keine engstirnigen nationalistischen Ziele“ (VDS, leg. 2011) zu verfolgen. Das wirkt löblich, doch – unter zivilisierten Menschen – kaum der Rede wert. Die interessanten Fragestellungen liegen tiefer. So bestürzt die Paarung aus Antikapitalismus und Opposition gegen das Angelsächsische. Ganz offenbar gefallen sich weite Kreise in den geistigen Eliten Deutschlands bereits mehr als ein Jahrhundert in der Opposition gegen England, die Vereinigten Staaten von Amerika und dasjenige, wofür diese Länder stehen.

Einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, dem Großen Krieg, wie er anschließend hieß, weil er soviel verheert hatte, das sich seitdem nie wieder hat aufbauen lassen – zum Beispiel eine stabile, das heißt im Goldstandard gegründete Währung, deren erzieherischer und, wie die Debatte um den Euro zeigt, freiheitsverbürgender Effekt kaum zu überschätzen ist (R. Baader, 2005, S. 16-73) –, verfasste Max Scheler seine berühmte Studie „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen“. Die Abhandlung streift verschiedene Nebenthemen, unter anderem (i) den Bürger (Bourgeois) als Träger des Ressentiments und (ii) die Verworfenheit der angelsächsischen Kultur. Den damaligen Machtverhältnissen geschuldet, gilt Schelers Unwille vor allem den Briten.

Ad (i): Was macht den Bürger zur Ressentimentfigur? Scheler wirft ihm vor, den traditionellen – und das bedeutet für Scheler: in irgendeinem Sinne „ritterlichen“, religiös-aristokratischen – Kanon (im engeren Sinne) moralischer, wie auch (im weiteren Sinne) ethischer Werte umzukehren, bis schließlich

die Berufswerte des Kaufmanns und Gewerbetreibenden, die Werte der Eigenschaften, durch die eben dieser Typus Homo reüssiert und Geschäfte macht, zu allgemeingültigen moralischen Werten, ja zu den „höchsten“ unter diesen erhoben werden. Klugheit, rasche Anpassungsfähigkeit, kalkulierender Verstand, Sinn für „Sicherheit“ des Lebens und allseitigen ungehemmten Verkehr, für Stetigkeit in der Arbeit und Fleiß, Sparsamkeit und Genauigkeit in der Einhaltung und Schließung der Verträge: das werden jetzt die Kardinaltugenden, denen Mut, Tapferkeit, Opferfähigkeit, Freude am Wagnis, Edelsinn, Lebenskraft, Eroberungssinn, gleichgültige Behandlung der wirtschaftlichen Güter, Heimatliebe und Familien-, Stammes-, Fürstentreue, Kraft zu herrschen und zu regieren, Demut usw. untergeordnet werden. (M. Scheler, 1972, S. 132)

Dergleichen Einlassungen bleiben natürlich schon deshalb ein Unsinn, weil sie keine der Herausforderungen zu begreifen vermögen, vor denen ein Unternehmer steht. Denn der Unternehmer muss dem souveränen Kunden dienen, herausfinden, was dieser will und wollen könnte, oder er verliert sein Kapital. Von Mises hat uns bereits darüber unterrichtet. Wenn wir uns vor Augen rufen, wie risikoreich dieses Spiel ist, erkennen wir: Auch der Bürger benötigt „Mut, Tapferkeit, Opferfähigkeit, Freude am Wagnis, […] Lebenskraft, […] Kraft zu herrschen und zu regieren, Demut“. – Letztere namentlich dem Kunden gegenüber.

Nun hat Arthur Schopenhauer die Mahnung ausgesprochen, man solle zum „Maaßstab [sic] eines Genies […] nicht die Fehler in seinen Produktionen, oder die schwächeren seiner Werke nehmen, um es danach tief zu stellen“ (A. Schopenhauer, 1947, S. 483). Weshalb die Schelerschen Invektiven dennoch angeführt werden? Genau deshalb, weil sie sich auf dem Niveau bewegen, auf dem wir sie antreffen. Es verwundert, dass ein Denker von der Statur Schelers solche Flachheiten zu produzieren sich im Stande zeigt, wenn es um Wirtschaft und Bürgertum geht; – desto mehr, als er mit von Mises persönlich bekannt, ja befreundet war (vgl. M. Rothbard, 1973, S. 2; L. v. Mises, 1978, S. 69).

Ad (ii):  Die angelsächsische Kultur, vor allem das „perfide Albion“, machen sich in Schelers Augen schuldig, da in ihnen der beklagte Werte-Umbruch am weitesten fortgeschritten sei. Eine allgemeine „Rechenhaftigkeit“ (M. Scheler, 1972, S. 88) sowohl im praktisch-alltäglichen Zugang zur Welt, als auch – in Gestalt des Utilitarismus – in der Philosophie sei die Folge. Der Philosoph scheut sich nicht, dieses Argument bis ins Eugenische zu führen, indem er beklagt, dass in den

höchst- und längstindustrialisierten Ländern die repräsentative Frauenschicht – ceteris paribus – sich mehr und mehr, wahrscheinlich schon durch Auslese der Erbwerte, aus solchen Individuen rekrutiert, die spezifisch weiblicher Reize bar sind und wenig durch Liebes- und Mutterschaftssorgen im sozialen Emporkommen, in „Berechnung“ und kontinuierlichem Dienst an einer wesentlich utilitaristischen Zivilisation, gehindert sind. (M. Scheler, 1972, S. 53)

Wir wollen diesen Anwurf übergehen. Ob einem solchen Argument, wie Andrei Markovits anlässlich kontinentaler Kritik an den USA vermutet, Angst vor selbstgewissen Frauen unterliege, möge unentschieden bleiben (A. Markovits, 2007, S. 66, 76). Wichtiger wirkt Schelers Vermutung, in Großbritannien einer „wesentlich utilitaristischen Zivilisation“ zu begegnen.

Hier ist zunächst zu fragen, welche Qualifikation mit der Einfügung des „wesentlich“ recht eigentlich vorgenommen werde. Es scheint durchaus möglich, ja wahrscheinlich, dass wir es lediglich mit einem Essentialismus des Zuschnitts: „Jeder Mensch, auch der Gerechte, bleibt wesentlich Sünder“ zu tun haben, dem keinerlei empirischer Gehalt zukommt und deshalb der Eingang in unsere handlungsleitenden Hypothesen verweigert werden sollte. In jedem Falle dürfen wir feststellen, dass Scheler keine ausschließlich utilitaristische Zivilisation meinen kann, weil eine solche gar nicht zu existieren in der Lage wäre. Wie nämlich von Friedrich August von Hayek überzeugend darlegt, pflegen „purifizierende“ Reformen eine Gesellschaft zum Untergang zu verurteilen, wenn sie nur konsequent genug durchgeführt werden (F. A. v. Hayek, 1991, S. 81). Eine hinreichend verbissene Utilitarismus-Orientierung dürfte entsprechende Folgen zeitigen. Scheler kämpft also gegen Windmühlen, oder er baut einen Popanz.

„Gut“, werden Sie sagen, „das ist einer von vielen, vielen Denkern. Muss man denn deshalb gleich von einer bedenklichen Strömung innerhalb der neueren deutschen Kultur sprechen?“ Man muss es – leider. Was in isolierter Darstellung wie die Grille eines einzelnen Philosophen wirken mag, die Melange aus Antiliberalismus und Gegnerschaft dem Angelsächsischen gegenüber, findet sich, wenn auch in veränderlichen Anteilen, bei vielen deutschen Denkern, und zwar sowohl bei jenen auf „der Linken“, als auch jenen auf „der Rechten“. Im Literarischen stößt es sowohl bei Bertolt Brecht auf, in dessen kapitalistischer Vorhölle „Sezuan“ die Währung nicht grundlos „Silberdollar“ heißt (B. Brecht, 1964, S. 18), als auch bei dem in Lebenshaltung und Schreibgestus gänzlich entgegengesetzten Stefan George, der seinem Groll auf Handel und Händler in dem Gedicht „Die tote Stadt“ Ausdruck gibt:

Die weite bucht erfüllt der neue hafen/Der alles glück des landes saugt · ein mond/Von glitzernden und rauhen häuserwänden ·/Endlosen strassen drin mit gleicher gier/Die menge tages feilscht und abends tollt./Nur hohn und mitleid steigt zur mutterstadt/Am felsen droben die mit schwarzen mauern/Verarmt daliegt · vergessen von der zeit.

Die stille veste lebt und träumt und sieht/Wie stark ihr turm in ewige sonnen ragt ·/Das schweigen ihre weihebilder schüzt/Und auf den grasigen gassen ihren wohnern/Die glieder blühen durch verschlissnes tuch.[…] (S. George, 1968, 243)

Die in der Hafenstadt handeltreibende („feilschende“) und anschließend nichtswürdigen Vergnügen nachgehende („tollende“) Menge dürfte Georges Schreckbild von „der angloamerikanischen Normalameise“ (George, nach Th. Karlauf, 2007, S. 504) spiegeln: „die völlige entseelung der menschheit, die amerikanisierung, die verameisung der erde, der sieg der Letzten Menschen aus dem Zarathustra, die das glück erfunden haben“ (George, nach Th. Karlauf, 2007, S. 505).

Die Malaise zeigt sich somit weit verbreitet. Bis sie schließlich unserer Tage bei einem gebildeten und freundlichen Manne wie Ueding auftritt, wenn er deutsche Kulturliebe angelsächsischem Kommerzdenken entgegensetzt.

*

Doch „endet nicht mit fluch der sang“ (S. George, 1968, S. 414). Was man tun soll, um die deutsche Sprache zu bewahren, sie gedeihen zu sehen? Ganz einfach: Dem Markt sein Recht lassen; er hat seine Gesetze. Ihn begreifen als das Meer, auf dem man segeln muß, kann und möchte. Und das Beste daran? Dergleichen dürfte sogar Freude bereiten!

Literatur

(anonym): VDS in Kürze. Leg. 2011. Online: http://www.vds-ev.de/verein (Zugriff am 3.09.2011).

R. Baader: Geld, Gold und Gottspieler.  Am Vorabend der nächsten Weltwirtschaftskrise.Gräfelfing: Resch 2005.

B. Brecht: Der gute Mensch von Sezuan. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1964.

S. George: Werke. Ausgabe in zwei Bänden, Bd. 1. Düsseldorf und München: H. Küpper 1968.

F. A. von Hayek: Die Verfassung der Freiheit. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1991.

Th. Karlauf: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. München: Blessing 2007.

A. Markovits: Uncouth Nation. Why Europe Dislikes America. Princeton: Princeton University Press 2007.

L. von Mises: Erinnerungen. Stuttgart und New York: Gustav Fischer 1978.

L. von Mises: The Anticapitalistic Mentality. Grove City: Libertarian Press 1972.

L. von Mises: Die Wurzeln des Antikapitalismus. Frankfurt a.M.: Fritz Knapp 1979.

W. Röpke: „Erziehung zur wirtschaftlichen Freiheit“. In: Albert Hunold: Erziehung zur Freiheit. Erlenbach-Zürich und Stuttgart: E. Rentsch1959, S.281-299.

M. N. Rothbard (Hrsg.): The Libertarian Forum, fünfter Jahrgang (1973), Nr. 11.

M. Scheler: Vom Umsturz der Werte. Abhandlungen und Aufsätze. Bern und München: Francke  1972.

A. Schopenhauer: Sämtliche Werke, Band 6. Wiesbaden: E. Brockhaus 1947.

G. Ueding: Macht über Marionetten. Die Zerstörung der Kultur durch die Zerstörung der Sprache. 2002. Online: http://www.vds-ev.de/component/content/article/113-literatur/700-prof-gert-ueding-macht-ueber-marionetten (Zugriff am 31. 07. 2010).

K. Wirth: Der Verein Deutsche Sprache. Hintergrund, Entstehung, Arbeit und Organisation eines deutschen Sprachvereins. Bamberg: University of Bamberg Press 2010. Online: http://www.oapen.org/download?type=document&docid=368156 (Zugriff am 4. 05. 2012)

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Der vorstehende Text ist ein Auszug aus dem Aufsatz „Die vielen Zwecke der Germanistik in einer ‚amerikanisierten‘ Welt“, in: Anna Majkiewicz/Karsten Dahlmanns (Hrsg.), Germanistik in vielen Kulturen. Studien und Reflexionen, Częstochowa: Wydawnictwo Wyższej Szkoły Lingwistycznej w Częstochowie 2012, S. 31-54. Der Text wurde für die gegenwärtige Veröffentlichung überarbeitet.

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Vom Glauben an die Vernunft

Zbliżenia interkulturowe 9 (2011)

Dirk Maxeiners Buch „Hurra, wir retten die Welt! Wie Politik und Medien mit der Klimaforschung umspringen“ läßt sich auf (wenigstens) zwei Weisen lesen. Man kann sich auf die Schilderung des Irrationalen darin konzentrieren und verzagen. Oder sich von Maxeiners Vertrauen in Vernunft und Wissenschaft inspirieren lassen.

Die Klimadebatte kreist um die Hypothese von der anthropogenen Erderwärmung, die behauptet, daß die Kohlendioxid-Emission von Industrie, Verkehr und Haushalten das Klima in entscheidender Weise beeinflusse. Bundeskanzlerin Angela Merkel, selbst promovierte Naturwissenschaftlerin, schließt diesbezüglich jeden Zweifel aus.[1] Doch liegen die Dinge weit weniger eindeutig. Wie Maxeiner ausführt, werde die Hypothese durch die Erfahrungswirklichkeit widerlegt; zum einen wirke sich eine erhöhte Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre weit weniger auf deren Temperatur aus, als die Prognosen voraussetzen; zum anderen habe seit 2001 keine Erwärmung stattgefunden, obwohl Industrie, Verkehr und Haushalte weiterhin fossile Energieträger verbrannt haben. Vor diesem Hintergrund „bleibt vom anthropogenen Treibhauseffekt nicht mehr viel übrig.“ (S. 49)

Der zweite Teil des Buches handelt von den außerwissenschaftlichen Einflüssen auf die Klimaforschung, welche der erste Teil bewußt ignoriert hat. Dazu zählen Politik, veröffentlichte Meinung (Medien), Nichtregierungsorganisationen und leider auch das unmoralische Verhalten gewisser Wissenschaftler, wie der Skandal um die Climate Research Unit (CRU) in Großbritannien gezeigt hat. Dort wurden Daten gefälscht oder, wenn von Skeptikern angefordert, „verloren“, die Redaktionen wissenschaftlicher Zeitschriften (in wenigstens einem Fall erfolgreich) unter Druck gesetzt, dissidente Aufsätze abzulehnen. Maxeiner referiert diese Geschehnisse mit hoher Bemühung um Sachlichkeit, vermeidet es auch dort, wo er deutlich Stellung bezieht, sich zu ereifern – selbst angesichts der Machinationen um die Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Ein gestandener Wissenschaftstheoretiker wie Karl Popper, der die ethische Dimension wissenschaftlicher Tätigkeit zu betonen pflegte, hätte weit Schneidenderes zu bemerken gefunden.