Meike Katharina Gallina: Zuviel der Armut

Ein hochinteressanter Artikel auf dem Löwenblog über unser Bild der Verhältnisse, in denen Jesus Christus aufgewachsen sei. Die Autorin rät dazu, mit der Zuschreibung von Armut nicht zu übertreiben – ob aus der „müßig-gefühlige[n] Annahme des automatischen moralischen Vorsprungs des Armen vor dem Reichen“ heraus oder anderweitig motiviert. Die „Stallepisode“ (in Bethlehem) solle nicht dazu verleiten, „dem ganzen Leben“ der heiligen Familie den „Stempel der Armut“ aufzudrücken.

Josef war τέκτων, also im Grunde Universalhandwerker rund ums Haus, wir sprechen häufig von Zimmermann, was hier keinen Unterschied macht. Der Tradition nach war Josef überdies kein angestellter, sondern selbstständiger Handwerker mit eigener Werkstatt. [Einen] Hinweis auf die wirtschaftlichen Verhältnisse der Heiligen Familie liefert Lk 2,24: Das Paar opfert zwei Tauben – Das klassische Opfer der armen Leute, die sich kein Schaf leisten konnten, weil die Vögel selbst gefangen werden konnten. Aus der Tatsache, sich kein Opferschaf leisten zu können, Armut zu schließen, scheint mir etwas übereifrig. […]

Hinweis auf „ordentliche Verhältnisse“ ist auch der Umstand, dass Josef und Maria jährlich zum Passafest nach Jerusalem fuhren. Vorgeschrieben war die Wallfahrt für alle Juden, die maximal eine Tagesreise von Jerusalem entfernt wohnten, Nazareth liegt aber gut drei Tagesreisen entfernt. Dazu kommen mindestens zwei vorgeschriebene Tage Aufenthalt. Acht bis zehn Tage Urlaub waren also im Budget. 

Es lohnt sich, den ganzen Text zu lesen.

(Bild: Bartolomé Esteban Murillo, Die heilige Familie mit dem Johannesknaben, Ausschnitt.)