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Franciszka Halamajowa, Gerechte unter den Völkern

Franciszka Halamajowa lebte in Sokal, einer Stadt am Bug, die in der Zwischenkriegszeit zu Polen gehörte. Rund sechstausend Juden bewohnten Sokal, dreißig von ihnen überlebten die deutsche Besatzung. Dreizehn dieser Dreißig verdanken ihr Leben Franciszka Halamajowa und ihrer Tochter Helena, die sie vom Mai 1943 bis zum Juli 1944 auf ihrem kleinbäuerlichen Anwesen in der Nähe Sokals verbargen und mit allem Nötigen versorgten – auf dem engen Dachboden über dem Schweinestall und in einem Kellerraum unter ihrem Wohnhaus.

Machen Sie sich klar, wie mutig und auch schwierig das ist: all diese Menschen haben ihre Bedürfnisse; wie bekommen Sie das zusätzliche Essen an den neugierigen Blicken der Nachbarn vorbei? Darüber und von einem Besuch der Geretteten in Sokal, auf dem wenig veränderten Grundstück, das ehemals Franciszka Helamajowa gehörte, berichtet der berührende Dokumentarfilm No. 4 Street of Our Lady. Hier auf Vimeo verfügbar.

Franciszka und Helena Halamajowa haben den Krieg überlebt. Sie sind im Zuge der Westverschiebung Polens als ethnische Polen aus der Gegend um Sokal vertrieben worden.

Lehrreich auch dieser Artikel von Danusha Goska zum Thema – dessen zweite Hälfte jedenfalls -, der die Angelegenheit aus polnischer Perspektive darstellt.

Wie schon bemerkt: Laß Dir nichts einreden, Du könnest nichts tun. Was nicht bedeutet, daß es leicht oder ungefährlich sei.

(Daß die Zahlenangaben zwischen den drei genannten Quellen variieren, tut der Relevanz der Sache keinen Abbruch. Alle eingangs genannten Zahlen folgen den Angaben von Yad Vashem. Wenn Sie den Namen von Frau Halamajowa in eine Suchmaschine eingaben, verwenden Sie bitte auch diese Form des Vornamens: Francisca. – Bildnis Franciszka Halamajowas von der Homepage des Films; Ausschnitt.)

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Yisrael Kristal (1903-2017)

Am 11. August 2017 verstarb der älteste Mann der Welt, nur einen Monat vor seinem 114. Geburtstag. Das machte ihn zu einem der zehn am längsten lebenden Männer seit Beginn der modernen Registrierungen. Wenn Sie nichts anderes als das von ihm wüssten, würden Sie zu Recht denken, dass er ein friedvolles Leben geführt hat, das von Angst, Trauer und Gefahr verschont blieb.

Das Gegenteil ist der Fall. Der betreffende Mann war Yisrael Kristal, ein Überlebender des Holocaust. 1903 in Polen geboren, überlebte er vier Jahre im Ghetto Lodz und wurde dann nach Auschwitz transportiert. Im Ghetto starben seine beiden Kinder. In Auschwitz wurde seine Frau umgebracht. Als Auschwitz befreit wurde, war er ein wandelndes Skelett mit einem Gewicht von nur 37 Kilo. Er war das einzige Mitglied seiner Familie, das überlebte.

Er war als religiöser Jude aufgewachsen und blieb es sein ganzes Leben lang. Als der Krieg vorbei und seine ganze Welt zerstört war, heiratete er erneut, diesmal eine andere Holocaustüberlebende. Sie hatten Kinder. Sie machten Aliyah in Haifa. Dort begann er wieder im Süßwarengeschäft, wie schon vor dem Krieg in Polen. Er stellte Süßigkeiten und Schokolade her. Er wurde ein Innovator. Wenn Sie jemals eine mit Schokolade bedeckte israelische Orangenschale oder Likörpralinen geformt wie kleine Flaschen und mit Silberfolie bedeckt gegessen haben, genießen Sie eines der Produkte, die von ihm stammen. Diejenigen, die ihn kannten, sagten, er sei ein Mann ohne Bitterkeit in seiner Seele gewesen. Er wollte, dass die Leute Süße schmeckten.

Im Jahr 2016, im Alter von 113 Jahren, feierte er endlich seine Bar Mizwa. Hundert Jahre früher hatte sich das als unmöglich erwiesen. Zu diesem Zeitpunkt war seine Mutter tot und sein Vater kämpfte im Ersten Weltkrieg. Mit einem fast poetischen Gefühl von Angemessenheit starb Yisrael am Erev Shabbat Ekev, der Parasha, der den zweiten Absatz des Sh’ma [Yisrael] mit seinen Befehlen enthält, Tefillin zu tragen und deinen Kindern die Torah zu lehren, “damit du und deine Kinder lange in dem Land lebest, das der Herr deinen Ahnen geschworen hat.”

Yisrael Kristal tat beides gewissenhaft. Auf seiner Bar Mizwa scherzte er, dass er der älteste Tefillin-Träger der Welt sei. Er versammelte seine Kinder, Enkel und Urenkel unter seinem Tallit und sagte: “Hier ist ein Mensch, und schau, wie viele Menschen er zum Leben erweckt hat. Da wir alle hier unter meinem Tallit stehen, denke ich: Sechs Millionen Menschen. Stell dir die Welt vor, die sie hätten bauen können.” Das war ein außergewöhnlicher Mann.

Auszug aus einem Text von Rabbi Jonathan Sacks, übersetzt und mit einleitenden Reflexionen versehen von faehrtensuche. Dort ist noch mehr zu finden.