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Wissenschaft

Neuerscheinung: Dahlmanns / Freise / Kowal (Hrsg.), „Krieg in der Literatur, Literatur im Krieg“

Unlängst erschienen: Karsten Dahlmanns / Matthias Freise / Grzegorz Kowal (Hrsg.), „Krieg in der Literatur, Literatur im Krieg“, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2020, 578 Seiten.

Der Band versammelt 37 Aufsätze von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den USA, China, der Schweiz, Österreich, Deutschland und Polen. Ein ausführliches Namenregister hilft bei der Erschließung seiner Inhalte. Weitere Informationen auf den Seiten des Verlags und bei Amazon (Blick ins Buch).

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Antiliberalismus Geschichte Wissenschaft

Götz Aly und Hans-Ulrich Wehler über Kapitalismus, Antisemitismus und Sozialpolitik

Der vorliegende Essay enthält einige Beobachtungen und Reflexionen, die an den Aufsatz „Zur Kontroverse um Götz Alys Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ anschließen. Die neuerliche Beschäftigung mit Alys Forschung rechtfertigt sich aus dem Erscheinen seines neuesten Buches Europa gegen die Juden 1880-1945. Die 2017 publizierte Abhandlung stellt eine Weiterführung des Ansatzes dar, der Alys 2011 auf den Markt gekommenem Buch über den in letzter Konsequenz mörderischen Neid der Deutschen auf die Juden zugrunde liegt. Beide Aufsätze widmen sich also einem Forschungsprogramm, wenn Imre Lakatos’ Begriff in das Reich idiographischer Wissenschaft ausgedehnt werden darf (vgl. Lakatos 1982: 46-52).

Wie zuvor geschehen, sollen auch diesmal ausgewählte Reaktionen auf Alys Buch in der deutschsprachigen Presse diskutiert werden. Unter ihnen verdienen zwei Rezensionen besonderes Lob dafür, daß sie in einer Zeit, wo nur zu gern ‚mißverstanden‘ und entstellend zitiert wird, in prophylaktischer Absicht hervorheben, was auch der Verfasser der gegenwärtigen Zeilen über Alys Buch denkt:

An der deutschen Urheberschaft für den Holocaust lässt Aly keinen Zweifel. Nur böser Wille kann ihm die Absicht unterstellen, diese Schuld und Verantwortung relativieren zu wollen, wenn er betont, dass die Nationalsozialisten Helfer und Mittäter in ganz Europa fanden. (Jahr 2017)

Die Idee, Antisemitismus als europäisches Phänomen von Athen bis Budapest, von Paris bis Berlin zu deuten, ohne den Holocaust direkt in den Mittelpunkt zu rücken, ist originell. Darin nach heimlichen Entschuldungswünschen zu fahnden, ist keinen Gedanken wert, gerade bei einem Historiker, ohne den die hiesige Holocaustforschung um einiges ärmer wäre. (Reinecke 2017)

Darüber hinaus betrachtet der vorliegende Aufsatz ausgewählte Argumente Hans-Ulrich Wehlers, der uns als scharfer Kritiker Alys erinnerlich ist (vgl. Dahlmanns 2017: 45, 52). Dies geschieht in der Absicht, Wehlers Kritik zu kontextualisieren. Wie sich erweisen wird, könnte ein systematischer Grund für Wehlers Ablehnung des Alyschen Forschungsprogramms vorliegen. Er wäre in Wehlers kapitalismuskritischen Anschauungen zu finden, die – mit manchem sachlichen Fehler belastet – sozialdemokratische Vorstellungen von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft favorisieren, sowie dem Umstand, daß jedwede anthropologische Argumentation, die vollständig genug ist, um auch den Neid zu kennen, auf Ideen sozialdemokratischen oder sozialistischen Zuschnitts zu wirken pflegt wie das Tageslicht auf Vampire. Insofern wiederholt Wehler mit Aly, was Karl Marx mit dem französischen Schriftsteller Eugène Sue vornahm, nachdem jener einen Roman über den Neid und dessen Überwindung als Aufgabe für den Einzelnen, nicht für die Gesellschaft, veröffentlicht hatte (vgl. Schoeck 1966: 159-163).

1 Alys Argument in grundsätzlicher Betrachtung

Alys neuestes Buch untersucht die Judenfeindschaft in Europa während der Jahre 1880 bis 1945, mit besonderem Gewicht auf der Zeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Dabei wird der deutsche Sprachraum ausgespart; erforscht werden Frankreich, Polen, die Ukraine, Rußland, Litauen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Griechenland.[1] Der Historiker beschreibt die verschiedenen Erscheinungen des Antisemitismus in diesen Ländern unter drei Aspekten:

  • Angehörige der Mehrheitsbevölkerung vieler der genannten Staaten berauben Juden ihres Besitzes, beschädigen oder vernichten deren Behausungen und Werkstätten, Ladengeschäfte etc., vergewaltigen, verstümmeln und morden (vgl. Aly 2017: 166-178 u.ö.).
  • Die Regierungen fast aller der genannten Staaten betreiben Sozialpolitik auf Kosten der Juden. Um die jeweilige Mehrheitsbevölkerung zu fördern, werden verschiedenste Gesetze erlassen, die Juden in ihrer Berufswahl und -tätigkeit behindern, jüdische Kaufleute und Unternehmer mit Sondersteuern und schikanösen Auflagen belegt. Auch im Bildungswesen wird den Juden das Fortkommen erschwert, um die Mehrheitsbevölkerung zu bevorteilen, z.B. durch konfessionell gebundene Studienplätze (vgl. ebd. 94-98, 205-208 u.ö.)
  • In den Jahren vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wird in den meisten der genannten Staaten eine Politik favorisiert, die auf die Emigration ihrer jüdischen Minderheit zielt. Dies soll einen möglichst homogenen Nationalstaat schaffen, ist nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen andere Minderheiten gerichtet. Daher wird es von Aly u.a. im Zusammenhang mit Maßnahmen des Bevölkerungsaustausches betrachtet (z.B. zwischen Griechenland und der Türkei, vgl. ebd. 188-192).
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Geschichte Stil im Alltag

Max Scheler: Staat und Kunst

Ein kluges Wort aus einem schlimmen Buche: „Kultur freilich, deren Schöpfer der Staat sein will, Kultur auf Grund von Staatsauftrag ist meist nur Öldruck und Kulisse.“ Max Scheler, Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg, Leipzig 1917 (dritte Auflage), S. 67.

Photographie (Wikipedia, gemeinfrei): Hannover, ein Gebäude der Leibniz-Universität.

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Antiliberalismus Antirationalismus Egalitarismus Political Correctness Stil im Alltag

James Damore, Google und Political Correctness

Heute in Ruhe die völlig unpassend zuweilen als „Anti-Diversity-Manifest“ bezeichneten Reflexionen des ehemaligen Google-Mitarbeiters James Damore gelesen. Den Text kennzeichnen Sachlich- und Nachdenklichkeit, Freundlich- und Höflichkeit; aus jeder Zeile spricht der ehrliche Wunsch, zum Besseren zu wirken.

Nur wer Damores Ausführungen nicht gelesen hat, kann zu einem Urteil wie diesem kommen:

Die Empörung über das in weiten Teilen altbekannte Stereotype wiederkäuende Pamphlet des Software Engineers von Google ist (zu Recht) groß. […] Machen wir uns nichts vor: Die im Dokument deutlich werdenden Ressentiments haben nach wie vor sehr viele Anhänger.

Immer wieder drollig, Die Zeit und/oder Zeit online als Institution für betreutes Schreiben.

Drolliger noch, daß sogleich auch von „Ressentiment“ gesprochen wird. Ist es wirklich zuviel verlangt, diesen auf Nietzsche zurückgehenden und von Scheler (zumeist) segensreich gebrauchten Begriff einmal vernünftig, also nicht-verstellend zu gebrauchen?! Ressentiment ist der geronnene Groll des Machtlosen und Versagers. James Damore hat einen Abschluß der Harvard-Universität. Das sieht mir nicht eben nach dem Profil des typischen Versagers aus…

Wie dem auch sei. Firmen können feuern, wen sie wollen. Oder sollten es wenigstens können. Dennoch gewinnt man den Eindruck, daß es um den Westen nicht gut stehe, wenn ein Mann wie Damore aus solchen Gründen gefeuert wird.

(Siehe auch hier – der FIDE-Titel ließ sich allerdings nicht bestätigen – und hier.)

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Egalitarismus Wissenschaft

Schoeck und Scheler

Studia Neofilologiczne, VIII (2012), S. 61-74 (PDF)

Der Soziologe Helmut Schoeck (1922-1993) nimmt in seinem Hauptwerk Der Neid[1] mehrmals Bezug auf Max Schelers vor dem ersten Weltkrieg erschienene Studie Das Ressentiment im Aufbau der Moralen,[2] einer „bohrenden, elastischen, brillant einsichtsreichen Analyse“.[3] Die Studie des Philosophen dient ihm als ein Ausgangspunkt – als etwas, an dem man sich orientiert, um den weiteren Weg fort von ihm zu nehmen. Diese Entwicklung soll auf den folgenden Seiten beleuchtet werden, nachdem im vorigen Band der Studia Neofilologiczne Schoecks Werk im Einzelnen vorgestellt wurde.[4]

I

Unter den Passagen der Scheler’schen Abhandlung, auf die sich Schoeck bezieht, befindet sich – natürlich – auch der berühmt gewordene Passus über Ressentimentkritik. Diese zeichne sich, so Scheler, dadurch aus,

daß jede Abhilfe der als mißlich empfundenen Zustände nicht Befriedigung auslöst – wie es bei jeder Kritik mit positiven Zielen der Fall ist –, sondern im Gegenteil Mißbefriedigung hervorruft, da sie das wachsende Lustgefühl, das im puren Schelten und der Negation liegt, unterbindet.[5]

Scheler erkannte bereits vor über einem halben Jahrhundert, wie konstituierend das Ressentiment und der Neid für manche politischen Parteien sind, die durch Beseitigung der sozialen Probleme, an denen sie ihre Kritik demonstrieren, als Machtgruppen im politischen Spielfeld erledigt würden.

Helmut Schoeck

Wer Ressentimentkritik vorbringt, ist an einer Verbesserung des Zustands, dem sie gilt, nicht interessiert. Eine solche Diagnose mag auf den ersten Blick kaum glaubhaft erscheinen. Dennoch gibt es eine ganze Reihe von Verhaltensweisen, die sich ausschließlich so erklären lassen, wenn kein anderes Explanans auffindbar ist, das empirischen Gehalt[6] beanspruchen kann. Ludwig von Mises, ein guter Bekannter von Scheler,[7] zählt einige solche Arten zu handeln auf, darunter jene des wirtschaftlich weniger begabten und sich zum Ausgleich „kulturkritisch“ gerierenden Mitglieds von Unternehmerfamilien.[8] Als Beispiel aus neuester Zeit ließe sich anführen, daß viele „Klimaschützer“ weiterhin eine Katastrophe erwarten, obwohl seit etwa einem Jahrzehnt keine nennenswerte Erwärmung des Planeten zu verzeichnen ist.[9]

Schoeck geht wie Scheler davon aus, daß es Ressentimentkritik gibt, und lobt den Philosophen für dessen Hellsichtigkeit, was die Folgen im Politischen angeht:

Scheler erkannte bereits vor über einem halben Jahrhundert, wie konstituierend das Ressentiment und der Neid für manche politischen Parteien sind, die durch Beseitigung der sozialen Probleme, an denen sie ihre Kritik demonstrieren, als Machtgruppen im politischen Spielfeld erledigt würden.[10]

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Antiamerikanismus Antikapitalismus Antiliberalismus Geschichte Wissenschaft

Sprachimperialismus

Eine Reihe von Vereinigungen in Deutschland engagiert sich für den Erhalt und die Pflege der deutschen Sprache. Sie sind recht unterschiedlichen Charakters; das Spektrum reicht von der sehr gediegenen Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) bis zum umtriebigen und teils unbotmäßig aggressiv handelnden (K. Wirth, 2010, S. 290-296) Verein Deutsche Sprache (VDS), welcher von dem Wissenschaftler, Hochschullehrer und Erfolgsautor Walter Krämer ins Leben gerufen wurde. Wo die Tätigkeit der letzteren Vereinigung von Liebe zur Muttersprache getragen wird, sich zivilisierter Umgangsformen befleißigt und während irgendwelcher „Aktionen“ das Eigentum anderer auch dann achtet, wenn diese Anglizismen lieben (ebd., S. 283), überzeugt sie. Weniger schlagend hingegen mutet ihre Analyse der Ursachen an: Da ist (i) von „Sprachimperialismus“ die Rede – was einen Kategorienfehler beinhaltet, weil das Englische sich, einem Herrscher gleich, ein Reich bauen zu wollen scheint, obschon man dergleichen Absichten nur Personen zuschreiben kann –; werden (ii) Kontinentaleuropäer, welche sich des Englischen gern und oft bedienen, zu Äffenden gestempelt – was, von Fragen der Höflichkeit abgesehen, mehr als vorschnell wirkt, denn es könnte ja gute Gründe geben, sich der führenden Verkehrssprache in Wissenschaft und Ökonomie bedienen zu wollen –; werden (iii) mit Schlagworten wie „Stoppt die Amerikanisierung“ und „USA-Massenverblödung“ (ebd., S. 283) alte Verwerfungen zwischen Anglosphäre und Kontinentaleuropa aufgerissen, die bis in die letzten Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg zurückreichen, als Max Scheler, Werner Sombart und andere wider das Merkantil-Utilitaristische im Angelsächsischen zogen.

Hören wir eine Passage aus dem Vortrag „Macht über Marionetten“ des Germanisten Gert Ueding, der auf der Website des VDS veröffentlicht worden ist:

 „Die Globalisierung läuft nach dem Vorbild der USA ab“, stellt der Leiter der Pariser Zweigstelle von McKinsey befriedigt fest und weist darauf hin, daß die Dominanz der englischen Sprache für diesen Erfolg nicht unwichtig ist. Wir können solches Understatement ruhigen Gewissens in seine reale Dimension übersetzen.

Mit der Sprache wird angelsächsisches Wirtschaftsdenken übernommen, in dem etwa, so wieder jener McKinsey-Agent, die Unternehmenspolitik den Eigentümer-Interessen bedenkenlos untergeordnet wird, die Interessen der Beschäftigten keine Rolle spielen. Daß solche ökonomische Politik zur Unternehmenskultur hochgejubelt wird, wirkt wie ein zynischer lapsus linguae, ist aber in Wahrheit Bestandteil der Sprachpolitik. (G. Ueding, 2002)

Ueding setzt dem angelsächsisch „kalten“ Stil des Wirtschaftens deutsches Verantwortungsbewusstsein entgegen. Dergleichen wirkt wie das Bekenntnis einer schönen Seele. Doch steckt nicht viel dahinter. Denn Uedings Ausführungen gereichen zu einer suppressio veri: Es ist keine Rede davon, dass (i) die den Eigentümer-Interessen Geopferten nicht selten selbst Anteilseigner sind, wo der Aktienbesitz weit gestreut ist, und (ii) in einer weniger überregulierten Wirtschaft Menschen, die entlassen werden oder kündigen, leichter andere Arbeit finden können. Außerdem „vergisst“ Ueding zu erwähnen, dass (iii) Eigentümer-Interessen selbst kulturstiftend wirken können. Stichwort: Mäzenatentum. Hingegen hat (iv) deutsche Sozialpartnerschaft ihren Preis; wer sich den Realien des Marktes verweigert, lässt seine Kinder und Kindeskinder die Zeche zahlen – was man als Verstoß gegen das siebte Gebot auffassen kann –, während in der Zwischenzeit die Bundesrepublik Deutschland als Wirtschaftsstandort an Brauchbarkeit verliert. Natürlich dürfte diese bedauerliche Entwicklung keineswegs ohne Auswirkungen auf im engeren Sinne kulturelle Dinge bleiben – deren Finanzierung nämlich –, von denen wir annehmen dürfen, dass sie Ueding am Herzen liegen. Wie überhaupt zu bedenken ist, dass (v) ein Zusammenhang zwischen Freiheit, Wohlstand und Markt besteht, den zu ignorieren in der Bundesrepublik Deutschland und weiten Teilen Kontinentaleuropas inzwischen Staatsraison geworden zu sein scheint. Dieser Zusammenhang besteht schlichtweg deshalb, weil (vi) Unternehmer zu dienen verurteilt sind. Der aus Lemberg (Lwów) gebürtige Ludwig von Mises hat die Sachverhalte (v) und (vi) kristallklar herausgearbeitet:

 Auf dem Markt einer kapitalistischen Gesellschaft ist der gewöhnliche Mensch der souveräne Verbraucher, dessen Entschluß zu kaufen oder vom Kaufen abzusehen letztlich darüber entscheidet, was und in welcher Quantität und Qualität produziert werden soll. Händler und Hersteller, die ausschließlich oder vorwiegend damit beschäftigt sind, die Nachfrage der reicheren Klassen nach verfeinerten Luxusgütern zu befriedigen, spielen lediglich eine untergeordnete Rolle in der ökonomischen Struktur der Marktwirtschaft. Sie erreichen nie den Umfang der Großbetriebe. Großbetriebe dienen immer – direkt oder indirekt – den Massen.

Eben in diesem Aufsteigen der Menge besteht die radikale soziale Umwälzung, die die industrielle Revolution hervorgerufen hat. Die Menschen von niederer Geburt, welche in allen vorhergehenden Zeitaltern […] die Herden der Sklaven und Leibeigenen, der Pauper und Bettler bildeten, sind zu dem kaufenden Publikum emporgestiegen, um dessen Gunst die Geschäftsleute werben. Sie sind die Kunden, die „immer im Recht“ sind, die Schutzherren, arme Fabrikanten und Kaufleute reich und reiche arm zu machen.

In der Struktur einer Marktwirtschaft, die nicht durch die Praktiken von […] Politikern sabotiert wird, […] können nur diejenigen gedeihen, denen es gelungen ist, die Bedürfnisse der Menschen auf die bestmögliche und billigste Weise zu befriedigen. Reichtum kann nur dadurch erworben werden, daß man den Verbrauchern dient. […] In einem täglich sich wiederholenden Volksentscheid, in welchem jeder Pfennig Wahlrecht gewährt, bestimmen die Verbraucher, wer die Fabrikanlagen, Läden und Landgüter besitzen und verwalten soll. […]

Das ist es, was die moderne Auffassung von Freiheit bedeutet. Jeder erwachsene Mensch ist frei, sein Leben nach seinen eigenen Plänen zu formen. Er wird nicht gezwungen, nach den Wünschen einer planenden Autorität zu leben, die ihren Einheitsplan durch die Polizei, das heißt durch Zwang und Zwangsherrschaft durchsetzt. (L. v. Mises, 1979, S. 9-10; Übersetzung vom Verfasser des gegenwärtigen Aufsatzes anhand des Originals – L. v. Mises, 1972 – überarbeitet)

Die Alternative lautet: Entweder Marktwirtschaft und Freiheit, oder Unterwerfung. Anders gefasst: Ohne Markt keine Freiheit. Dies zu erkennen, sollte recht eigentlich jeder in der Lage sein. (Wilhelm Röpke würde an dieser Stelle aufseufzen; vgl. W. Röpke, 1959, S. 282-286.) Wenn man dennoch wie Ueding argumentiert, ist mehr im Busche als „nur“ Sprachliebe. Seine Rede treibt in einer seit Strömung des deutschen Denkens, die sichseit Wilhelminischer Zeit übelträchtiger Prominenz erfreut. Darum werden die von Ueding getroffenen Voraussetzungen nur selten kritisch überprüft; sie scheinen „Selbstverständliches“ auszumachen.

Ein Wort der Vorsicht: Die Rede von Traditionslinien will nicht auf ein „Es musste so kommen!“ hinaus. Recht verstanden, handelt es dabei sich um Moden im Denken, die auf diese oder andere Weise verlaufen können, zumal sie vom Fortschritt in der Wissenschaft allenfalls beeinflusst, nicht aber bestimmt werden.

*

Ueding grenzt sich von „nationalistischer Deutschtümelei“ ab (Ueding, 2002), seine Mitstreiter vom VDS betonen, „keine engstirnigen nationalistischen Ziele“ (VDS, leg. 2011) zu verfolgen. Das wirkt löblich, doch – unter zivilisierten Menschen – kaum der Rede wert. Die interessanten Fragestellungen liegen tiefer. So bestürzt die Paarung aus Antikapitalismus und Opposition gegen das Angelsächsische. Ganz offenbar gefallen sich weite Kreise in den geistigen Eliten Deutschlands bereits mehr als ein Jahrhundert in der Opposition gegen England, die Vereinigten Staaten von Amerika und dasjenige, wofür diese Länder stehen.

Einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, dem Großen Krieg, wie er anschließend hieß, weil er soviel verheert hatte, das sich seitdem nie wieder hat aufbauen lassen – zum Beispiel eine stabile, das heißt im Goldstandard gegründete Währung, deren erzieherischer und, wie die Debatte um den Euro zeigt, freiheitsverbürgender Effekt kaum zu überschätzen ist (R. Baader, 2005, S. 16-73) –, verfasste Max Scheler seine berühmte Studie „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen“. Die Abhandlung streift verschiedene Nebenthemen, unter anderem (i) den Bürger (Bourgeois) als Träger des Ressentiments und (ii) die Verworfenheit der angelsächsischen Kultur. Den damaligen Machtverhältnissen geschuldet, gilt Schelers Unwille vor allem den Briten.

Ad (i): Was macht den Bürger zur Ressentimentfigur? Scheler wirft ihm vor, den traditionellen – und das bedeutet für Scheler: in irgendeinem Sinne „ritterlichen“, religiös-aristokratischen – Kanon (im engeren Sinne) moralischer, wie auch (im weiteren Sinne) ethischer Werte umzukehren, bis schließlich

die Berufswerte des Kaufmanns und Gewerbetreibenden, die Werte der Eigenschaften, durch die eben dieser Typus Homo reüssiert und Geschäfte macht, zu allgemeingültigen moralischen Werten, ja zu den „höchsten“ unter diesen erhoben werden. Klugheit, rasche Anpassungsfähigkeit, kalkulierender Verstand, Sinn für „Sicherheit“ des Lebens und allseitigen ungehemmten Verkehr, für Stetigkeit in der Arbeit und Fleiß, Sparsamkeit und Genauigkeit in der Einhaltung und Schließung der Verträge: das werden jetzt die Kardinaltugenden, denen Mut, Tapferkeit, Opferfähigkeit, Freude am Wagnis, Edelsinn, Lebenskraft, Eroberungssinn, gleichgültige Behandlung der wirtschaftlichen Güter, Heimatliebe und Familien-, Stammes-, Fürstentreue, Kraft zu herrschen und zu regieren, Demut usw. untergeordnet werden. (M. Scheler, 1972, S. 132)

Dergleichen Einlassungen bleiben natürlich schon deshalb ein Unsinn, weil sie keine der Herausforderungen zu begreifen vermögen, vor denen ein Unternehmer steht. Denn der Unternehmer muss dem souveränen Kunden dienen, herausfinden, was dieser will und wollen könnte, oder er verliert sein Kapital. Von Mises hat uns bereits darüber unterrichtet. Wenn wir uns vor Augen rufen, wie risikoreich dieses Spiel ist, erkennen wir: Auch der Bürger benötigt „Mut, Tapferkeit, Opferfähigkeit, Freude am Wagnis, […] Lebenskraft, […] Kraft zu herrschen und zu regieren, Demut“. – Letztere namentlich dem Kunden gegenüber.

Nun hat Arthur Schopenhauer die Mahnung ausgesprochen, man solle zum „Maaßstab [sic] eines Genies […] nicht die Fehler in seinen Produktionen, oder die schwächeren seiner Werke nehmen, um es danach tief zu stellen“ (A. Schopenhauer, 1947, S. 483). Weshalb die Schelerschen Invektiven dennoch angeführt werden? Genau deshalb, weil sie sich auf dem Niveau bewegen, auf dem wir sie antreffen. Es verwundert, dass ein Denker von der Statur Schelers solche Flachheiten zu produzieren sich im Stande zeigt, wenn es um Wirtschaft und Bürgertum geht; – desto mehr, als er mit von Mises persönlich bekannt, ja befreundet war (vgl. M. Rothbard, 1973, S. 2; L. v. Mises, 1978, S. 69).

Ad (ii):  Die angelsächsische Kultur, vor allem das „perfide Albion“, machen sich in Schelers Augen schuldig, da in ihnen der beklagte Werte-Umbruch am weitesten fortgeschritten sei. Eine allgemeine „Rechenhaftigkeit“ (M. Scheler, 1972, S. 88) sowohl im praktisch-alltäglichen Zugang zur Welt, als auch – in Gestalt des Utilitarismus – in der Philosophie sei die Folge. Der Philosoph scheut sich nicht, dieses Argument bis ins Eugenische zu führen, indem er beklagt, dass in den

höchst- und längstindustrialisierten Ländern die repräsentative Frauenschicht – ceteris paribus – sich mehr und mehr, wahrscheinlich schon durch Auslese der Erbwerte, aus solchen Individuen rekrutiert, die spezifisch weiblicher Reize bar sind und wenig durch Liebes- und Mutterschaftssorgen im sozialen Emporkommen, in „Berechnung“ und kontinuierlichem Dienst an einer wesentlich utilitaristischen Zivilisation, gehindert sind. (M. Scheler, 1972, S. 53)

Wir wollen diesen Anwurf übergehen. Ob einem solchen Argument, wie Andrei Markovits anlässlich kontinentaler Kritik an den USA vermutet, Angst vor selbstgewissen Frauen unterliege, möge unentschieden bleiben (A. Markovits, 2007, S. 66, 76). Wichtiger wirkt Schelers Vermutung, in Großbritannien einer „wesentlich utilitaristischen Zivilisation“ zu begegnen.

Hier ist zunächst zu fragen, welche Qualifikation mit der Einfügung des „wesentlich“ recht eigentlich vorgenommen werde. Es scheint durchaus möglich, ja wahrscheinlich, dass wir es lediglich mit einem Essentialismus des Zuschnitts: „Jeder Mensch, auch der Gerechte, bleibt wesentlich Sünder“ zu tun haben, dem keinerlei empirischer Gehalt zukommt und deshalb der Eingang in unsere handlungsleitenden Hypothesen verweigert werden sollte. In jedem Falle dürfen wir feststellen, dass Scheler keine ausschließlich utilitaristische Zivilisation meinen kann, weil eine solche gar nicht zu existieren in der Lage wäre. Wie nämlich von Friedrich August von Hayek überzeugend darlegt, pflegen „purifizierende“ Reformen eine Gesellschaft zum Untergang zu verurteilen, wenn sie nur konsequent genug durchgeführt werden (F. A. v. Hayek, 1991, S. 81). Eine hinreichend verbissene Utilitarismus-Orientierung dürfte entsprechende Folgen zeitigen. Scheler kämpft also gegen Windmühlen, oder er baut einen Popanz.

„Gut“, werden Sie sagen, „das ist einer von vielen, vielen Denkern. Muss man denn deshalb gleich von einer bedenklichen Strömung innerhalb der neueren deutschen Kultur sprechen?“ Man muss es – leider. Was in isolierter Darstellung wie die Grille eines einzelnen Philosophen wirken mag, die Melange aus Antiliberalismus und Gegnerschaft dem Angelsächsischen gegenüber, findet sich, wenn auch in veränderlichen Anteilen, bei vielen deutschen Denkern, und zwar sowohl bei jenen auf „der Linken“, als auch jenen auf „der Rechten“. Im Literarischen stößt es sowohl bei Bertolt Brecht auf, in dessen kapitalistischer Vorhölle „Sezuan“ die Währung nicht grundlos „Silberdollar“ heißt (B. Brecht, 1964, S. 18), als auch bei dem in Lebenshaltung und Schreibgestus gänzlich entgegengesetzten Stefan George, der seinem Groll auf Handel und Händler in dem Gedicht „Die tote Stadt“ Ausdruck gibt:

Die weite bucht erfüllt der neue hafen/Der alles glück des landes saugt · ein mond/Von glitzernden und rauhen häuserwänden ·/Endlosen strassen drin mit gleicher gier/Die menge tages feilscht und abends tollt./Nur hohn und mitleid steigt zur mutterstadt/Am felsen droben die mit schwarzen mauern/Verarmt daliegt · vergessen von der zeit.

Die stille veste lebt und träumt und sieht/Wie stark ihr turm in ewige sonnen ragt ·/Das schweigen ihre weihebilder schüzt/Und auf den grasigen gassen ihren wohnern/Die glieder blühen durch verschlissnes tuch.[…] (S. George, 1968, 243)

Die in der Hafenstadt handeltreibende („feilschende“) und anschließend nichtswürdigen Vergnügen nachgehende („tollende“) Menge dürfte Georges Schreckbild von „der angloamerikanischen Normalameise“ (George, nach Th. Karlauf, 2007, S. 504) spiegeln: „die völlige entseelung der menschheit, die amerikanisierung, die verameisung der erde, der sieg der Letzten Menschen aus dem Zarathustra, die das glück erfunden haben“ (George, nach Th. Karlauf, 2007, S. 505).

Die Malaise zeigt sich somit weit verbreitet. Bis sie schließlich unserer Tage bei einem gebildeten und freundlichen Manne wie Ueding auftritt, wenn er deutsche Kulturliebe angelsächsischem Kommerzdenken entgegensetzt.

*

Doch „endet nicht mit fluch der sang“ (S. George, 1968, S. 414). Was man tun soll, um die deutsche Sprache zu bewahren, sie gedeihen zu sehen? Ganz einfach: Dem Markt sein Recht lassen; er hat seine Gesetze. Ihn begreifen als das Meer, auf dem man segeln muß, kann und möchte. Und das Beste daran? Dergleichen dürfte sogar Freude bereiten!

Literatur

(anonym): VDS in Kürze. Leg. 2011. Online: http://www.vds-ev.de/verein (Zugriff am 3.09.2011).

R. Baader: Geld, Gold und Gottspieler.  Am Vorabend der nächsten Weltwirtschaftskrise.Gräfelfing: Resch 2005.

B. Brecht: Der gute Mensch von Sezuan. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1964.

S. George: Werke. Ausgabe in zwei Bänden, Bd. 1. Düsseldorf und München: H. Küpper 1968.

F. A. von Hayek: Die Verfassung der Freiheit. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1991.

Th. Karlauf: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. München: Blessing 2007.

A. Markovits: Uncouth Nation. Why Europe Dislikes America. Princeton: Princeton University Press 2007.

L. von Mises: Erinnerungen. Stuttgart und New York: Gustav Fischer 1978.

L. von Mises: The Anticapitalistic Mentality. Grove City: Libertarian Press 1972.

L. von Mises: Die Wurzeln des Antikapitalismus. Frankfurt a.M.: Fritz Knapp 1979.

W. Röpke: „Erziehung zur wirtschaftlichen Freiheit“. In: Albert Hunold: Erziehung zur Freiheit. Erlenbach-Zürich und Stuttgart: E. Rentsch1959, S.281-299.

M. N. Rothbard (Hrsg.): The Libertarian Forum, fünfter Jahrgang (1973), Nr. 11.

M. Scheler: Vom Umsturz der Werte. Abhandlungen und Aufsätze. Bern und München: Francke  1972.

A. Schopenhauer: Sämtliche Werke, Band 6. Wiesbaden: E. Brockhaus 1947.

G. Ueding: Macht über Marionetten. Die Zerstörung der Kultur durch die Zerstörung der Sprache. 2002. Online: http://www.vds-ev.de/component/content/article/113-literatur/700-prof-gert-ueding-macht-ueber-marionetten (Zugriff am 31. 07. 2010).

K. Wirth: Der Verein Deutsche Sprache. Hintergrund, Entstehung, Arbeit und Organisation eines deutschen Sprachvereins. Bamberg: University of Bamberg Press 2010. Online: http://www.oapen.org/download?type=document&docid=368156 (Zugriff am 4. 05. 2012)

***

Der vorstehende Text ist ein Auszug aus dem Aufsatz „Die vielen Zwecke der Germanistik in einer ‚amerikanisierten‘ Welt“, in: Anna Majkiewicz/Karsten Dahlmanns (Hrsg.), Germanistik in vielen Kulturen. Studien und Reflexionen, Częstochowa: Wydawnictwo Wyższej Szkoły Lingwistycznej w Częstochowie 2012, S. 31-54. Der Text wurde für die gegenwärtige Veröffentlichung überarbeitet.

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Die Schafe in den Straßen Londons

Lee Rigby, R.I.P.

Sie erinnern sich an diesen alten Greenpeace-Slogan? Er zierte dereinst jedes dreißigste Fahrzeug in der (alten) Bundesrepublik Deutschland, Türen, Einrichtungsgegenstände, Textilien usw. Sein Gehalt indianischer Weisheit war nicht diskutierbar. Jedenfalls habe ich nicht erlebt, daß er angezweifelt worden wäre. (Dabei waren wir so stolz, „kritisch“ zu sein. Drollig, nicht wahr?)

Erst wenn der letzte Baum gerodet, 
der letzte Fluss vergiftet,
der letzte Fisch gefangen wird,
werdet ihr feststellen, daß man Geld nicht essen kann.

Nachdem am 22. Mai 2013 der britische Soldat Lee Rigby ermordet worden war, machten einige amerikanische Kommentatoren auf etwas aufmerksam, das in der europäischen Diskussion, wie diese Morde zu „interpretieren“ seien, unterzugehen droht(e). Sie vermerkten mit Bestürzung, daß alle dort anwesenden, einige Dutzend Schritte entfernt stehenden Männer nichts getan hatten, um Rigby zu retten. Kein Mann schritt ein. Deshalb verdienten jene (männlichen) Briten es, so eine der Stimmen aus den Vereinigten Staaten, als „Schafe in den Straßen Londons“ bezeichnet zu werden.

Es geht mir nicht um Briten-Bashing, denn ich mag das Land und sehe dessen Niedergang mit Bedauern. Ich möchte das Augenmerk auf etwas anderes lenken: Das Gesetz der unintendierten (ungeahnten und/oder ungewollten) Folgen menschlichen Handelns.

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Grünkernsuppe mit Totalitarismus

Zum deutschen Antimodernismus.

Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, hat ein Buch über die Grünen geschrieben und Spiegel online ein Interview gewährt. Darin heißt es:

SPIEGEL: Sie beschreiben die Grünen fast, als wären sie die neuen Nazis. Die Partei habe anfangs „gegen einen pragmatischen Politikstil und gegen die sich den Notwendigkeiten der Moderne öffnende Gesellschaft“ gekämpft.

Güllner: Ich will die Grünen um Gottes willen nicht mit den Nazis vergleichen. Doch rein soziologisch betrachtet, entstammte der ursprüngliche Nukleus dieser Bewegung in der Weimarer Zeit und später der Grünen-Bewegung dem gleichen antimodernen Segment der Gesellschaft, einem radikalisierten Teil der deutschen Mittelschicht.

Was soll man sagen? Das ist nichts Neues. Jeder, der sich auch nur ein wenig mit dem deutschen (bzw. deutschsprachigen) Antimodernismus seit der Zeit Wilhelms II. beschäftigt hat, zuckt mit den Schultern: „Ja mei…“

Dennoch brodelt es in der Grünkern-Fraktion.

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Die Flucht vor den Fakten

Alan Sokal und Jean Bricmont sezieren in ihrem weitbekannten Buch Eleganter Unsinn vor allem französische Vorkommnisse „tiefer“ Psychologie, Philosophie, Literaturtheorie etc. (Sokal/Bricmont, Unsinn, 1999). Der nämlichen Erscheinung an amerikanischen Universitäten widmet Roger Kimball sein Werk The Rape of the Masters. Alle von Sokal, Bricmont und Kimball vorgeführten Akademiker vernachlässigen die Empirie; sie schreiben, was ihre Laune diktiert. Viele von ihnen zeigen zudem „die Tendenz, die verborgenen Beweggründe unserer Handlungen zu entschleiern.“ (Popper, Offene Gesellschaft, Bd. 2, S. 264). Was dabei herauskommt, sind „Deutungen“ maritimer Malerei, in denen ein Boot umkreisende Haie „can be read as castrating temptresses, their mouths particularly resembling the vagina dentata, the toothed organ that so forcefully expressed the male fear of female aggression.“  (Kimball, Rape, 2004, S. 123) Sollte ein Hai nicht auch bloß ein Hai sein können?

Obschon die Misere sämtliche Nationen des Westens (und die Wasser zwischen ihnen) betrifft, liegt die zweifelhafte Ehre, solche Enthüllungsprosa zu früher Vollendung geführt zu haben, bei einem Denker deutscher Zunge. Es handelt sich um Sigmund Freud. Gegen das Denken des Begründers der Psychoanalyse und seiner Schule läßt sich schlechterdings kein Argument empirischer Natur führen. Denn ein „Psychoanalytiker kann jeden Einwand hinwegerklären, indem er zeigt, daß er das Werk der Verdrängung des Kritikers ist.“ (Popper, Offene Gesellschaft, 1980, Bd. 2, S. 264)

Nun muß die hier gegebene Einschätzung Freuds als (immer noch) umstritten gelten. Doch heißt es: „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ (Mt 7, 16 und 20) Und diesbezüglich unterliegt keinem Zweifel, daß Freud eine – gewaltige! – Senkung des Gesprächsniveaus in der akademischen und nicht-akademischen Welt zu verantworten hat. Kehren wir einen Moment zu dem maritimen Gemälde zurück: Lehrt uns die Vagina-dentata-Deutung etwas über die Malerei im Allgemeinen oder das Kunstwerk selbst, an das sie heranführen möchte?  Sie verstellt den Blick auf das Gemälde durch eine Interpretation, die zugleich grobschlächtig, „entlarvend“ und trivial wirkt. Die feineren Züge des Gemäldes – weite Teile der Erfahrungswirklichkeit – werden ignoriert. Wird so etwas zur Mode, verfallen Wissenschaft und Kultur.

In der außerakademischen Welt gereicht alles im weitesten Sinne psychoanalytische Vokabular inzwischen zur Allzweckwaffe unter den Argumenten ad hominem: Jegliche Zustimmungsverweigerung kann pathologisiert werden. Diesen Eindruck bestätigt die politische Diskussion in Deutschland, namentlich der Streit um die muslimische Immigration. Seit einigen Jahren wird Bürgern, welche die Entwicklung mit Sorge betrachten, „Islamophobie“ unterstellt. Damit werden immerhin „krankhafte Angstzustände“ attestiert: „Personen, die diese Einstellungen teilen, leiden demnach unter einer Krankheit und bedürfen einer Therapie.“ (Luft, Abschied, 2006, S. 335) Das totalitäre Potential einer solchen Pathologisierung Andersdenkender ist nicht zu leugnen, zumal sich die Sowjetunion der Einweisung in psychiatrische Anstalten als Repressionsmittel bedient hat (Heller/Nekrich, Geschichte, 1981, Bd. 2, S. 279-280, 304, 356).

Bemerkenswert wirkt, daß manchen Freunden von ad-hominem-Argumenten eine Pathologisierung nicht ausreicht; sie setzen eine weitere hinzu. So die Journalistin Ulrike Baureithel in einem Beitrag zur Debatte um Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab:

[(i)] Müßig, an dieser Stelle das krude islamophobische Weltbild Thilo Sarrazins noch einmal aufzurufen. [(ii)] Seltener kommt allerdings zur Sprache, dass hier offenbar auch die Ängste älterer Männer gegenüber der «Flut» junger, «fremder», potenter Männer den Diskurs antreiben. (Baureithel, Deutsche, 2010)

Nach Ziffer (i) erblicken wir den bekannten Phobie-Vorwurf. Für sich genommen, sollte er bereits hinreichend unwiderleglichen Abscheu stiften. Doch bleibt er nur Präludium, da nach Ziffer (ii) ein weiterer, „tieferer“ Anwurf folgt: Sarrazin treibe die Angst des älteren Mannes vor der Unzahl jüngerer und kräftigerer Männer. Zeugt dergleichen „Doppelt genäht, hält besser!“ von zu großem, oder aber von zu geringem Vertrauen in die Zauberkraft des Meisters?

Wissenssoziologie, Ideologie-Verdacht

Nun könnte man ein Vorgehen wie das von Frau Baureithel nicht weiter ernstnehmen. Schließlich richtet sich ihr naiver Glaube an die Verläßlichkeit der Psychoanalyse selbst. Leider jedoch stellt der Ausfall der Journalistin nur den Splitter eines weit verbreiteten und ernsten Problems dar. Dies zeigt z.B. die Klage des weltbekannten Wirtschaftshistorikers David Landes über die Gesprächskultur in seinem Fach:

much of the debate has taken the form of name-calling. The purpose (or effect) of these labels is to marginalize or exclude the adversary. He is a… (fill in the classifier). Nothing more need be said. (Landes, Wealth, 1999, S. 415)

Wir haben es wiederum mit Argumenten ad hominem zu tun. Nur handelt es sich dieses Mal nicht bloß um im weitesten Sinne psychoanalytische Argumente; auch „soziologische“ und/oder „ethische“ Argumente ad hominem werden zugelassen, um Dissidenten zum Schweigen zu bringen. Zu den Bestimmungen, die in Landes’ „He is a… (fill in the classifier).“ eingetragen werden können, zählen unter anderem: (i) Eurozentrist, (ii) Imperialist, (iii) Rassist, (iv) Frauenfeind, (v) Verächter der Homosexuellen. Der uns bereits bekannte Islamophobie-Vorwurf könnte je nach Wunsch unter (i) bis (iii) subsumiert oder als weiterer Eintrag in die Liste aufgenommen werden. Es bestürzt, wie einfach es ist, Wissenschaft zu verhindern.

Wer zeichnet verantwortlich? Außerhalb der Schule Freuds begegnen Topoi, welche die wissenschaftliche Auseinandersetzung durch Verdächtigungen „soziologischer“ und/oder „ethischer“ Art ersetzen, in charakteristischer Weise bei Marx. Wie wir gesehen haben, hat der (Ko-)Verfasser des Manifests der Kommunistischen Partei keine adäquate Diagnose der ihn umgebenden Gesellschaft erstellt. Auch seine Prophezeiungen haben sich als wenig verläßlich erwiesen. So wird man konstatieren müssen, daß Marx’ Erbe vor allem in einer Senkung des Gesprächsniveaus in den Sozialwissenschaften bestehe – durch Argumente ad hominem, die darauf hinauswollen, daß derjenige, dessen Meinung Marx nicht zusagt, entweder ein im pejorativen Sinne bürgerlicher, enger und philisterhafter Mensch sei, der alles Nicht-Pekuniäre als Hirngespinst abtut,  oder aber der prinzipienlose Mietling eines oder mehrerer solcher Menschen, ein Büttel der Bourgeoise sei. Wir können diese Art von Argumenten als Ideologie-Verdacht bezeichnen.

Des weiteren stoßen solcherart „verdächtigende“ Argumente bei Friedrich Nietzsche und Max Scheler auf. Beide Denker gebrauchen den Begriff des Ressentiments, der Jüngere bezieht sich auf den Älteren (Scheler, Ressentiment, 1972, 37-38). Damit treffen sie zuweilen ins Schwarze – denn zweifelsohne verraten manche Menschen einen Groll gegen alles Schöne, Kluge und Erfolgreiche –, doch besitzen viele Salven der beiden Denker rhetorischen, „dienlichen“ Charakter. Deshalb muß der von Nietzsche und Scheler in das Arsenal philosophischer Argumente eingeführte Ressentiment-Verdacht als allzu leicht einsetzbare Waffe gelten. Wird sie im Übermaß gebraucht, verflacht der philosophische Diskurs.

Scheler wird unter die Vertreter der Wissenssoziologie gerechnet, Nietzsche und Marx zu deren Vorläufern. Es handelt sich also um eine von Denkern deutscher Zunge wesentlich geprägte Tradition. Die Wissenssoziologie „behauptet, daß das wissenschaftliche Denken und insbesondere das Denken über soziale und politische Angelegenheiten […] zum Großteil durch unbewußte und unterbewußte Elemente beeinflußt“ wird. „Diese Elemente bleiben dem beobachtenden Auge des Denkers verborgen, da sie gleichsam der Ort sind, den er bewohnt, sein sozialer Standort.“ (Popper, Offene Gesellschaft, 1980, Bd. 2, S. 261) Hier will die Wissenssoziologie zu größerer Objektivität beitragen: „Nur wer sozio-analysiert worden ist oder sich selbst sozio-analysiert hat“ (ebd., S. 264), darf hoffen, seine Irrtümer zu durchbrechen und objektives Wissen zu erlangen.

Leider trügt diese Hoffnung. Denn es bleibt unklar, weshalb eine Sozioanalyse zu höherer Objektivität führen sollte. Schließlich könnte sie lediglich bestehende Vorurteile durch andere Vorurteile ersetzen. Außerdem erweist sich die Wissenssoziologie als selbstüberwindend (self-defeating): Auch sie ist von Menschen erschaffen worden, die einen „sozialen Standort“ haben; darf man ihr trauen? (ebd., S. 265-266)

Trotzdem werden wissenssoziologische Argumente in der politischen Debatte Deutschlands mit dem Anspruch geführt, über „wahr“ und „falsch“ zu entscheiden. Dies zeigt der Streit um den Klimawandel und dessen Ursachen. So finden sich einer Kleinen Anfrage der Fraktion „Bündnis 90/Die Grünen“ im Deutschen Bundestag vom 3.11.2010 die folgenden Verdächtigungen gegen einen einzelnen Wissenschaftler aus den USA:

Ist der Bundesregierung bekannt, von wem Herr Singer in der Vergangenheit für seine Aktivitäten finanziert worden ist? Sind der Bundesregierung in Deutschland Geldgeber bekannt, die – ähnlich wie Exxon und Koch Industries in den USA – die Aktivitäten von Klimawandelleugnern finanzieren? […] Teilt die Bundesregierung die Einschätzung, dass man durch Veranstaltungen mit Herrn Singer reinen Interessenvertretern der fossilen Energiewirtschaft ein Forum gibt und damit deren unwissenschaftliche Arbeiten […] bewusst aufwertet? (Maxeiner, Grüne, 2010)

Ein Mietling soll zur Strecke gebracht werden. Nicht Mann gegen Mann, sondern Bundestagsfraktion gegen Privatmann. Dirk Maxeiner, der von dieser Begebenheit berichtet, erkennt darin Totalitarismus. Das mag noch übertrieben sein. In jedem Falle erspart sich die Fraktion der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Thesen von Professor Singer – den Blick auf die Erfahrungswirklichkeit.

Literatur

Baureithel, Ulrike: „Deutsche! Denkt wilders!“ http://www.freitag.de/kultur/1036-deutsche-denkt-wilders (21.09.2010). Zit.: Baureithel, Deutsche, 2010.

Heller, Michail; Nekrich, Aleksandr: Geschichte der Sowjetunion. Königsstein/Ts. 1981. Zit.: Heller/Nekrich, Geschichte, 1981.

Kimball, Roger: The Rape of the Masters. How Political Correctness Sabotages Art. San Francisco 2004. Zit.: Kimball, Rape, 2004.

Landes, David S.: The Wealth and Poverty of Nations. New York 1999. Zit.: Landes, Wealth, 1999.

Luft, Stefan: Abschied von Multikulti. Wege aus der Integrationskrise. Gräfelfing 2006. Zit.: Luft, Abschied, 2006.

Marx, Karl; Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei. Berlin (Ost) 1986. Zit.: Marx/Engels, Manifest, 1986.

Maxeiner, Dirk: „Grüne machen mit Klimakatastrophen-Zweiflern den Sarrazin“. Zitiert nach:
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/
gruene_kleine_anfrage_zwecks_aushebelung_der_meinungsfreiheit
(12.11.2010). Zit.: Maxeiner, Grüne, 2010.

Popper, Karl: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Zwei Bände. Tübingen 1980. Zit.: Popper, offene Gesellschaft, 1980.

Scheler, Max: „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen“. In: Max Scheler: Vom Umsturz der Werte. Abhandlungen und Aufsätze. Bern/München 1972, S. 33-147. Zit.: Scheler, Ressentiment, 1972.

Sokal, Alan; Bricmont, Jean: Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen. München 1999. Zit.: Sokal/Bricmont, Unsinn, 1999.

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Der vorstehende Text ist ein Auszug aus dem Artikel „Auf antiempirischem Abweg? Zu einer bedenklichen Tradition des deutschen Geistes“, erschienen in Studia Niemcoznawcze, Band XLVIII, S. 337-350. Das reproduzierte Gemälde stammt von Winslow Homer; es trägt den Namen „Golfstrom“ („The Gulf Stream“). Mehr Informationen über Maler und Werk bietet die Nationalgalerie in Washington.

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Helmut Schoeck: Neid vs. Freiheit

Studia Neofilologiczne VII (2011), S. 105-114

In diesem Jahr wäre der 1922 in Graz geborene Soziologe Helmut Schoeck neunzig Jahre alt geworden. Wer ist dieser von Karl Popper und Friedrich August von Hayek geschätzte Denker, und warum lohnt es, sich seiner zu erinnern?

I

Schoecks Hauptwerk heißt Der Neid. Eine Theorie der Gesellschaft. Die monumentale Abhandlung dürfte die wichtigste Veröffentlichung zum titelgebenden Thema sein, seitdem Max Scheler seinen berühmten Aufsatz über das Ressentiment veröffentlicht hat. In der Tat bildet die Arbeit des jüngeren Gelehrten eine kritische Fortschreibung dessen, was der ältere geleistet hat. Schoeck vermeidet einige der weniger glücklichen Entscheidungen, die Scheler in methodischer Hinsicht getroffen hat – etwa die Rede von Vitaltypen[1] –, und erweitert den Gegenstandsbereich seiner Theorie: Sein Interesse gilt nicht einer durch vielfaches Wiederholen zum Charakterzug geronnenen Haltung,[2] sondern einem Motiv, welches hinter einzelnen Handlungen vermutet werden kann, wenn andere Erklärungsfaktoren versagen. Damit gelingt Schoeck eine in ihren  Voraussetzungen „schlankere“ Theorie. Sie kommt im Vergleich zur Schelerschen mit einem Weniger an Metaphysik aus. Und öffnet sich desto mehr der Empirie, während sie die von Scheler erfaßten Phänomene als Unterfall enthält.

So besteht einer der bemerkenswertesten Züge des Schoeckschen Hauptwerkes in dessen Einbeziehung kulturanthropologischer oder völkerkundlicher Forschungsergebnisse. Während seiner Lektüre wird deutlich, daß viele Handlungsweisen und Motivationen, die zumeist als kennzeichnend für die westliche oder „moderne“ Zivilisation begriffen und nicht selten inkriminiert werden, auch in außereuropäischen und vormodernen Kulturen angetroffen werden können. Diese im einzelnen immer wieder überraschende Perspektive veranlaßt dazu, landläufige Einstellungen jenen Erscheinungen gegenüber zu überdenken, Wertungen zu überprüfen. Auf diese Weise vermag Schoeck, durch faktenreiche, empirischer Kritik zugängliche Argumente für seinen Standpunkt zu werben, ohne – wie Scheler – auf den beispielhaft verbindlichen Charakter seines Wertgefühls und ein gerüttelt Maß Rhetorik zu bauen.[3] Hören wir ein Beispiel:

Eine der merkwürdigsten Institutionen des Neides, zugleich aber eine, die große Ähnlichkeit mit dem heutigen Gefühlskomplex „soziale Gerechtigkeit“ aufweist, ist der Muru-Überfall bei den Maori auf Neuseeland. […]

Das Maori-Wort muru heißt an sich plündern, und zwar das Besitztum solcher, die sich gegen die Gemeinschaft irgend etwas hatten zuschulden kommen lassen. Dagegen wäre in einer Gesellschaft ohne Justizapparat nichts einzuwenden. Nachdenklicher macht erst das Verzeichnis der „Verbrechen gegen die Gesellschaft“, die mit Muru-Überfällen geahndet wurden. Ein Mann, der einen des Plünderns durch die Gesellschaft lohnenden Besitz hatte, konnte sicher mit muru rechnen, selbst wenn ein noch so entfernt Verwandter von ihm sich irgend etwas zuschulden kommen ließ. Ähnliches ließ sich ja auch in Europa während der Hexenprozesse beobachten. […]

Der Mann, dessen Frau Ehebruch beging, die Freunde eines Mannes, der gestorben war, der Vater eines Kindes, das verunglückte, […] für dies und Hunderte von Gründen konnte der einzelne um seinen Besitz kommen, einschließlich seiner Ernte und seiner Lebensmittelvorräte. Genauso wie es in Amerika aber heute Personen gibt, die stolz auf die hohe Einkommenssteuer sind, die sie zahlen müssen, scheint es Maori gegeben zu haben, die den Muru-Überfall als Auszeichnung, als ein Zeichen des beneidenswerten hohen Ansehens betrachteten.[4]

Die geographischen Sprünge von Neuseeland nach Europa und in die Vereinigten Staaten von Amerika wirken inspirierend, und die zeitliche Perspektive trägt das Ihrige dazu bei: Was im Europa der frühen Neuzeit geschehen, ist auf Neuseeland bis ins neunzehnte Jahrhundert vorgekommen, und wie in den USA unserer Tage haben manche versucht, dem bösen Spiel etwas Gutes abzugewinnen. Sollte Schoecks meisterhafte Darstellung angemessen sein, eröffnet sie einen unverstellten Blick auf die conditio humana, – der zudem die Maori in äußerst sympathischer Weise als Menschen ernstnimmt („de-exotisiert“). Wir erkennen, was Kulturforschung leisten kann, wo sie den Dogmen des Multikulturalismus (noch) nicht unterliegt.

II

Worauf will Schoeck mit seinem kulturanthropologischen Panoptikum hinaus? Auf eine staatsphilosophische Nutzanwendung von höchster Relevanz. Für Schoeck nämlich besteht der „eigentliche Irrtum des Sozialismus“[5] und zugleich das „wirklich Tragische am sozialistischen Ideengut“[6] in der Hoffnung, man könne „eine Gesellschaft der vom Neid erlösten Gleichen […] schaffen.“[7] Der Sozialist (Marxist; Egalitarist usf.) versuche sich an etwas Unmöglichem; es sei darum weise, dergleichen von sich (und anderen) nicht zu verlangen.[8] Ultra posse nemo obligatur.

Genauso wie es in Amerika aber heute Personen gibt, die stolz auf die hohe Einkommenssteuer sind, die sie zahlen müssen, scheint es Maori gegeben zu haben, die den Muru-Überfall als Auszeichnung, als ein Zeichen des beneidenswerten hohen Ansehens betrachteten.

Helmut Schoeck

Schoecks Hauptwerk bildet, wie auch sein sonstiges Schaffen, somit ein Beispiel für einen Liberalismus, welcher, in der Form einem indirekten Beweise folgend, seine Kraft aus der logischen und/oder sachlichen Widerlegung antiliberaler Argumente schöpft. Ein solcher „Anti-Antiliberalismus“ stellt sicher eine der wirkungsvollsten Verteidigungen des Vernünftigen dar, welche die Staatsphilosophie in einer pluralistischen Gesellschaft aufzubieten vermag.[9]

Doch damit nicht genug. Schoeck beschreibt auch, was geschieht, wenn mit jenem „Grundirrtum“ die Natur des Neides unverstanden bleibt, der Egalitarismus zur politischen Maxime erhoben wird: „Praktisch wirkte sich die Muru-Institution so aus, daß niemand irgendein bewegliches Gut behalten konnte. Der Anreiz, durch Arbeit zu etwas zu kommen, ging verloren.“[10] Legt sich die Angst vor dem Neider wie Mehltau auf alle Handlungsvorsätze, erstarrt, was Innovation hätte schaffen können. Aus diesem Grunde wirkt jeglicher Egalitarismus fortschrittsfeindlich, was Wissenschaft, Technik (einschließlich Medizin)[11] und Wirtschaft angeht, und im Hinblick auf die schönen Künste lähmend.[12] Die Besten schweigen, stellen vorsichtshalber ihr Licht unter den Scheffel, – oder sie gehen (brain drain). Immerhin tragen sie auf diese Weise ihren Schöpfersinn in die weite Welt. So wirkt die „Flucht vor dem Neid der Nächsten […] nicht selten zivilisationsfördernd.“[13] Derzeit profitieren die Vereinigten Staaten von Amerika und Australien von diesem Mechanismus, während Europa seines Egalitarismus wegen zurückfällt. Wir erblicken einen Wettstreit, vor dem The Great Game sich wie ein Kinderspiel ausnimmt.

Schoeck versteht es, das Drama des Begabten, der sich vor (möglichen) Neidern zu rechtfertigen sucht, bewegend zu schildern. Er zitiert u.a. aus den Aufzeichnungen des bekannten Schweizer Seelenarztes und Autors Paul Tournier, wie dieser sich mit seiner Steuererklärung auf den Weg zu einer Gruppe von Arbeitern gemacht hat, um sich eine Kreuzfahrt „sozial erlauben“ zu lassen, und, nachdem diese Hürde genommen, sogleich den nächsten Anlaß zu schuldhafter Zerknirschung findet: Den Hunger in der Dritten Welt.[14] Bezeichnenderweise ist sich Tournier über die Haltlosigkeit seiner Selbstvorwürfe im Klaren – wir werden im nächsten Abschnitt darauf zurückkommen –; doch findet er keinen Ausweg. Schoeck spricht in diesem Zusammenhang vom „Masochismus des Abendländers“,[15] einer Haltung, die, wie er an anderem Ort anschaulich belegt, durchaus ihren Nutzen bringt. Nachdem der Soziologe einen „sozial engagierten“ Schriftsteller aus begütertem Hause auf die Gegenstandslosigkeit gewisser Vorwürfe gegen dessen Familie von Fabrikanten aufmerksam gemacht hatte, entgegnete dieser: „Rauben Sie mir nicht die Tränen meiner Kindheit!“[16] Schoeck hält es seitdem für „klar, daß der Schmerz des schlechten Gewissens, und das damit erzeugte Gefühl, ein guter Mensch zu sein, eine Investition im eigenen Gemüt bildet, die man ungern aufgibt, selbst wenn man die Falschheit der Gründe für das schlechte Gewissen voll begriffen hat.“[17] Die Psychologie des „Gutmenschen“ (Globalisierungskritikers, Klimaschützers, Gentechnik-Bekämpfers etc.) ist uns seit langem vertraut.

III

Ins Positive gewendet, bedeutet Schoecks These über den Zusammenhang von Neid, Egalitarismus und Stagnation: „Je mehr es in einer Gesellschaft den Privatleuten wie den Trägern der politischen Macht möglich ist, so zu handeln, als ob es keinen Neid gäbe, desto größer wird das wirtschaftliche Wachstum und die Zahl der Neuerungen im allgemeinen sein.“[18] Wissenschaft, Kultur, Technik und Künste (einschließlich Handwerk) werden dort am wenigsten in ihrer Entfaltung gehemmt,

wo das offizielle normative System, das Brauchtum, die Religion und die Alltagsweisheit und die öffentliche Meinung sich ziemlich einmütig so eingestellt haben, als ob man auf die Neider keine Rücksicht zu nehmen brauche. Es handelt sich dabei um eine den meisten Mitgliedern einer solchen Gesellschaft geläufige Überzeugung, die es erlaubt, mit den beobachtbaren Unterschieden zwischen den Menschen realistisch und ohne zuviel nagenden Neid fertigzuwerden, um eine […] Gesinnung also, die es ihrerseits dem Gesetzgeber und der politischen Macht erlaubt, die ungleichen Errungenschaften der Mitglieder des Gemeinwesens gleichmäßig zu schützen, aber unter Umständen ungleichmäßig zu fördern.[19]

Natürlich werde, so Schoeck, dieses Gleichgewicht auf Erden bloß annäherungsweise erreicht.

Die gegebene Passage berührt sich in drei Punkten mit den Auffassungen Friedrich August von Hayeks: (i) Wie der Hinweis auf die unter Umständen ungleichmäßige Förderung zeigt, läßt Schoeck u.a. eine besondere Unterstützung für die Ärmsten in der Gesellschaft zu; dies entspricht Hayeks positiver Haltung einer Grundsicherung gegenüber, wie sie in dessen The Road to Serfdom Ausdruck findet.[20] (ii) Des weiteren zeugt die Nennung der Religion von der Nähe der beiden Standpunkte. Hayek warnt vor dem „rationalistischen“ Mißverständnis, man könne ein Moralsystem wie jenes, auf dem die westliche Zivilisation beruht, aus einer oder sehr wenigen Grundannahmen herleiten[21] und betont die Rolle, welche der Religion für dessen Entstehen und Erhaltung zukommt.[22] Auch Schoeck hebt die Religion als Mittel zur Neidbewältigung hervor.[23] Gleichzeitig enthält er sich im Sinne Hayeks „rationalistischer“ Vorschläge, wie mit dem Neide umzugehen sei, bewegt sich in vorgefundenen, „gewachsenen“ Moralen. (iii) Schließlich gleichen sich die Theorien beider Denker auch darin, daß sie kulturelle Evolution in einer Manier abbilden, die beeindruckt. Auf diesen Zug der Schoeckschen Theorie wurde im vorigen Abschnitt durch das Wort „Wettstreit“ hingewiesen. Hayek legt eine sehr umfassende Theorie kultureller Evolution vor, die – landläufigen Klischees über liberales Denken zuwider – nicht darwinistisch ist, obgleich sie von Gruppenselektion spricht; allenfalls läßt sie sich im Anschluß an Karl Popper als Quasi-Lamarckismus bezeichnen,[24] in dem, wie von Charles S. Peirce angemahnt, liebende, selbstlose Zuwendung (Agapasmus) eine bedeutende Rolle spielt.[25]

Der evolutionäre Zugang erlaubt Schoeck, die unterschiedlichen Geschicke „erster“ und „dritter“ Welt in nicht-ideologischer Weise zu erfassen. Sein Hauptwerk präsentiert reichhaltiges Material aus den Arbeiten von Kulturanthropologen und Völkerkundlern, welches deutlich macht, wie sehr die Menschen innerhalb und außerhalb des Westens ihres Glückes Schmied gewesen und es weiterhin sind. So gibt es in weiten Gebieten der Welt eine „Neidschranke“.[26] Sie ist magisch bewehrt; der Tüchtige und/oder Glückliche fürchtet sich vor dem „bösen Blick“ oder anderen Formen des Schadenzaubers, den Neider ausüben.[27] Außerdem wird ihm selbst unterstellt, durch nicht-redliche, jenseitige Mittel sein überdurchschnittliches Talent oder seinen Wohlstand  erworben zu haben: „Ein frühreifes, aufgewecktes Kind bei den Lovedu gilt als künftige Hexe.“[28] Aus alledem entsteht Furcht vor dem Erfolg. Entwicklung wird verhindert.[29]

Wie Schoecks Beispiele mannigfach verdeutlichen, ist Afrika nicht deshalb arm, weil es vom industrialisierten Norden „ausgebeutet“ werde. Europas Kultur hat die Neidschranke überwinden – oder wenigstens in entscheidender Weise mildern können, die Bildung dynamischer, stets voranschreitender Konkurrenzgesellschaften ermöglicht.[30] Der „dritten Welt“ ist dergleichen nicht gelungen; die dortigen Gesellschaften sind statisch geblieben. Diesen Sachverhalt mag man im Westen bedauern, doch liegt er außerhalb westlicher Verantwortung. Es besteht kein Grund für ein schlechtes Gewissen à la Tournier; Schoeck stellt das Gegengift bereit.

IV

Neid ist unstillbar. Wo ein Anlaß erlischt, sucht er sich den nächsten. Diesen Umstand verdeutlicht Schoeck – wiederum kompositorisch brillant –, indem er auf die Kibbuzim in Israel hinweist. Von Idealisten erschaffen, einem konsequenten Egalitarismus verpflichtet, der die Abschaffung des Privateigentums einschließt, wird in diesen Experimentalsiedlungen schließlich derjenige beneidet, welcher gern allein ist, um einem besonderen Interesse zu frönen.[31] Folglich muß der Einzelne seinen Neid je für sich besiegen; durch Willensanstrengung und Übung. Religion kann, wie schon bemerkt, dazu beitragen. Aber auch der Beistand von Verwandten und Bekannten: „Helena Morley, Pseudonym für Senhora Augusto Mario Caldeira Brant, Gattin eines führenden Mannes in Rio de Janeiro, […] berichtet aus ihrer Kindheit: ‚Als ich klein war, litt ich sehr unter dem Neid. Dafür bin ich meiner Großmutter dankbar. Sie half mir aus dem Neid.’“[32] Entferntere Vorbilder dürften ein Übriges tun.

Das Motiv fremder Hilfe zur Neidüberwindung enthält auch ein Roman Eugène Sues. Schoeck widmet diesem Stück Literatur besondere Aufmerksamkeit, weil dessen Autor den Zorn von Karl Marx hervorgerufen hat:

Sue führt uns eine vollständige Psychotherapie eines Neiders vor. […] Der Dialog, in dem David seinen Schüler dazu bringt, den Neid in ein Gefühl des Ansporns zu verwandeln und es auf den ihm möglichen Gebieten dem Marquis gleichzutun, bietet eine Weltanschauung, die jedem Sozialrevolutionär ein Greuel sein muß. Es ist […] die Überzeugung, daß am Status quo alles in Ordnung sei […]. Jeder könne etwas aus sich und seinem Leben machen, wenn er nur wolle. Und niemandem sei geholfen, wenn man lediglich die obere Schicht enteigne oder vernichte. Es überrascht deshalb nicht, daß Georg Lukács auf die beißende Kritik von Karl Marx an Eugène Sue hinweisen kann: Sue habe sich „feig der Oberfläche der kapitalistischen Gesellschaft angepaßt … aus Opportunismus die Wirklichkeit verzerrt und verfälscht“.[33]

Damit erreichen wir eine Wasserscheide. Die Standpunkte Marx’ und Sues schließen einander aus; sie sind unversöhnlich. Für Schoeck zeigt sich hier eine Kulturrevolution, deren Bekämpfung er die verbleibenden Jahre seines Lebens gewidmet hat. Die Moderne habe mit dem Neunten und Zehnten Gebot die Grundlagen von Juden- und Christentum aufgegeben und sei zur „Weisheit“ der Naturvölker zurückgekehrt: Wo beneidet wird, wird nicht mehr der Neider, sondern der Beneidete beschuldigt.[34] Es liegt Ironie darin; was sozialistische Intellektuelle verbreiten, mutet aus Schoeckscher Perspektive weniger fortschrittlich, denn reaktionär an.[35]

Schoeck hat in einer Fülle von kleineren und größeren Schriften gegen diesen „Umsturz der Werte“ (Scheler) angekämpft. Sie beziehen sich zum größeren Teil auf einzelne Vorgänge oder Äußerungen aus Politik, Kultur und gesellschaftlichem Leben, die inzwischen weniger prominente Einträge in den Annalen der Zeitgeschichte ausmachen. So läßt sich an ihnen manches über die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (und anderer Staaten) – und auch manches Prinzipielle lernen. Daß dabei sowohl Schoecks Standpunkt, als auch seine Sprache sich von dem unterscheidet, was unserer Tage in der politischen Diskussion Deutschlands den Ton angibt, erhöht den Reiz solcher Lektüre in nicht unbeträchtlicher Weise.

Zu den erstaunlichsten sittlichen Perversionen unserer Zeit gehört ja gerade die Scheinheiligkeit, mit der sogar der berufsmäßige (und wohldotierte) Agitator, der systematische Aufwiegler neidvoller Ressentiments sich selbst als Verkörperung der volonté générale ausgeben kann, ohne sofort durch energische Kritik in Schranken gewiesen zu werden.

Helmut Schoeck

Eines seiner schmaleren Bücher widmet sich dem Werte-Umbruch, wie er in Schulbüchern zu beobachten ist. Es ist zunächst unter dem Titel Schülermanipulation erschienen,[36] später in einer erweiterten Neuausgabe als Kinderverstörung, von Karl Popper mit großem Nachdruck empfohlen.[37] Schoeck unterstellt darin den Verfassern „fortschrittlicher“ Schulbücher die Absicht, „eine Generation haßerfüllter Neider heranzuziehen, die mit dem bestem Gewissen der Welt jeden, der durch Glück und Zufall ihnen etwas voraus hat, vernichten wollen.“[38] Man möchte dergleichen für übertrieben halten, doch überzeugen die im Verlaufe der kleinen Schrift aufgebotenen Zitate aus Kinder- und Schulbüchern, sowie Lehrerhandbüchern (teils zu jenen Schulbüchern, teils allgemeinerer Natur) vom Gegenteil. Außerdem läßt sich eine Probe aufs Exempel machen. Wer in den achtziger Jahren ein westdeutsches Gymnasium besucht hat, kann seine Schulbücher aus dem Keller holen, um sie mit den Schulbüchern älterer Verwandter zu vergleichen. Ein solcher Vergleich bestätigt Schoecks Diagnose, soweit die bescheidenen Mittel des Verfassers blicken lassen. Während das ältere Buch eine neidfreie Haltung und tätige Zuversicht empfiehlt,[39] fehlt diese Lehre im neueren Lehrwerk; dort wird anläßlich des Themas „Mündig werden“ zum Neid auf die Eltern angestachelt,[40] wo nicht zur Furcht vor dem Beneidet-Werden angehalten wird.[41] Sein Kapitel „Lebensläufe“ enthält keinen einzigen Text, welcher davon berichtet, daß jemand durch Talent und harte, ehrliche Arbeit etwas aus sich gemacht hätte, wie von Sue als Gegengift wider den Neid empfohlen.[42]

V

Unter den Diagnosen, die Schoeck während seines Kulturkampfes trifft, wirken viele wie Vorwegnahmen.

Der Soziologe warnte bereits in den 1970er Jahren vor einer Aufweichung des Leistungsprinzips in Bildung und Arbeitswelt. Die „Entschulung der Schule“,[43] die Senkung der Standards im Rahmen „emanzipatorischer“ Pädagogik, schaffe nichts Gutes, allenfalls „ein Heer von unbeschäftigbaren jungen Menschen, eine Wirtschaft, die weder dynamische Renten noch regelmäßige Reallohnsteigerungen ermöglicht“.[44] Flankiert werde diese Bewegung durch eine „Verschulung der Gesellschaft“, die vor allem eine sich verbreitende Unselbständigkeit aufzeige und weiter befördere: Während man früher selbst etwas aus sich gemacht habe, erwarte man heute, daß dies von einer Institution – also von außen – geleistet werde.[45] Im Jahre 2011 produziert die deutsche „Beschulungsbürokratie“[46] Schulabgänger, deren Wissen, sofern sie überhaupt zu lesen und schreiben vermögen, nicht an das früherer Schülergenerationen heranreicht. Die sprichwörtliche Hartz-IV-Gesellschaft besteht nur noch zum Bruchteil aus Arbeitswilligen, welche – ein Bruchteil vom Bruchteil – die notwendigen Fertigkeiten erworben haben; dies alles geschieht im Einvernehmen mit einer sowohl profitierenden, als auch den Niedergang weiter verstärkenden Betreuungsbürokratie.[47] Über diejenigen, welche diese beiden Fehlentwicklungen in Wort und/oder Tat vorantreiben, bemerkte der Soziologe, Schelers Kritik am Typus (nicht „Vitaltypus“) des „sozial“ Engagierten aufnehmend,[48] bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert:

Zu den erstaunlichsten sittlichen Perversionen unserer Zeit gehört ja gerade die Scheinheiligkeit, mit der sogar der berufsmäßige (und wohldotierte) Agitator, der systematische Aufwiegler neidvoller Ressentiments sich selbst als Verkörperung der volonté générale ausgeben kann, ohne sofort durch energische Kritik in Schranken gewiesen zu werden. Er argumentiert etwa wie folgt: Ich stachle den Neid der Leute auf, damit sie voller Zorn das fordern, was ich glaube, daß sie fordern sollen. Mein Kollege Ronald F. Howell, Professor für politische Theorie, pflegt diesen Auftrag in Rousseaus volonté générale so zu definieren: „General will is what the people would want if they wanted what they ought to want.“[49]

Diese Kritik reicht sehr tief; auch wenn ihre Form an ein Argument ad hominem gemahnt, weist sie auf die unheilige Allianz von Neid, Demagogentum und Despotie, sowie darauf, daß die kontinentaleuropäische Tradition es jenen Aufwieglern leichter mache, als – wie zu ergänzen wäre – ihr angelsächsischer Widerpart. Dort steht es besser um die „negative“ Freiheit des Bürgers, den Schutz des Einzelnen vor Übergriffen des Staates und/oder der Mehrheit seiner Mitbürger.

Gleichfalls bereits in den 1970er Jahren erkannte Schoeck das freiheitsfeindliche Potential übergroßer Sorge um die Umwelt, und er machte deren wissenschaftliche und philosophische Schwächen dingfest.[50] Heute kämpft Dirk Maxeiner (zusammen mit Michael Miersch und anderen) gegen die Dogmen eines zum mainstream gewordenen Ökologismus, unter dessen prominenten Vertretern einige freimütig eingestehen, die liberale Demokratie für einen Teil des Problems zu halten.[51]

Vor über fünfzig Jahren erschienen Werk beklagte Schoeck die Naivität westlicher „Kanonenbootpolitik im Rückwärtsgang“;[52] wer versuche, durch den Verzicht auf eigene Interessen und wirtschaftliche Förderung die Sympathien außerwestlicher Staaten zu gewinnen, möge sich erinnern, daß solches Handeln für gewöhnlich Undankbarkeit, Neid und Ressentiment, sowie bei jeglichem Mißlingen Schadenfreude hervorrufe.[53] Im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends erleben wir einen Westen, der sich weitgehend selbst aufgegeben hat. Ohne deshalb seinen Widersachern sympathischer geworden zu sein.

Schluß

Schoeck hat seinen Krieg verloren. Er war nicht zu gewinnen – in einem Land, in dem „sich der Scharfsinn mehrerer Generationen professioneller Sozialpolitiker weniger darauf richtete, die Gesellschaft von der sozialen Prothetik der Bismarckzeit zu befreien, als diese vielmehr zu vervollständigen.“[54] Und, den überzeugenden Argumenten des Soziologen zum Trotze, weiter diesem Ziele dient. Die Bundesrepublik Deutschland zeigt sich im Jahre 2011 etatistischer, als noch vor dreißig Jahren. Auch der Egalitarismus wirkt stärker denn je. Der Ökologismus (einschließlich Klima-Sorge) feiert wildere Feste, denn vor einigen Jahrzehnten.

Man könnte diesen Sachverhalt in der Rückschau wie folgt ausdrücken: Schoecks Bemühungen zum Trotze hat Deutschland in seiner Standardtendenz verharrt; es nähert sich weiterhin „– in unpersönlicher und technisch perfekter Form – dem ‚wohlwollenden Despotismus’ des 17. und 18. Jahrhunderts.“[55] Die sich fortschrittlich gerierenden Gruppierungen der 1960er und 70er Jahre haben dazu beigetragen. Damit erweisen sie sich als Fortschreibung, nicht aber als der Bruch mit deutschen Traditionen übelträchtigen Charakters, zu welchem sie sich erklären. Wenn Ironie und Tragik sich vermählen können, erblicken wir es hier.

Schoeck wird in Deutschland wenig gelesen. „Der Neid“ läßt sich in der Originalsprache derzeit nur antiquarisch erhalten. In der angelsächsischen Welt erinnert man sich des streitbaren Soziologen öfter, wie sich per Suchmaschine belegen läßt. Eine englische Übersetzung seines Hauptwerkes steht Interessierten zur Verfügung, verlegt vom renommierten Liberty Fund in den USA.

Was würde Schoeck dazu sagen? Der Neid vertreibt die Besten, und diese tragen ihr Wissen in die Welt.

Anmerkungen

[1] Vgl. Scheler, Max: Das Ressentiment im Aufbau der Moralen. In: Scheler, Max: Vom Umsturz der Werte. Abhandlungen und Aufsätze. Bern u. München: Francke 1972. S. 33-147, besonders S. 132 und 137.
[2] Vgl. ebd., S. 36.
[3] Der Kritische Rationalismus erkennt im Übergang von nicht-prüfbaren („metaphysischen“) zu prüfbaren, d.h. wissenschaftlichen Ausführungen einen Fortschritt. Vgl. Popper, Karl: Logik der Forschung. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1976. S. 222.
[4] Schoeck, Helmut: Der Neid. Eine Theorie der Gesellschaft. Freiburg im Brsg. u. München: Karl Alber 1966. S. 354. Inkonsequente Schreibung des Wortes „Muru-Überfall“ wie im Original.
[5] Ebd., S. 228, ohne Kursive.
[6] Ebd., S. 229.
[7] Ebd., S. 229. Vgl. ebd., S. 387-388.
[8] Vgl. ebd. S. 390.
[9] Vgl. Dahlmanns, Karsten: Wissenschaftslogik und Liberalismus. Mit dem Kritischen Rationalismus durch das Dickicht der Weltanschauungen. Berlin: Weidler 2009. S. 174-175.
[10] Schoeck, H.: Der Neid. S. 355.
[11] Vgl. Rand, Ayn: Capitalism. The Unknown Ideal. New York: Signet 1967. S. 172.
 
[12] Vgl. Röpke, Wilhelm: Jenseits von Angebot und Nachfrage. Erlenbach-Zürich u. Stuttgart: Eugen Rentsch 1966. S. 261-262.
[13] Schoeck, H.: Der Neid. S. 383.
[14] Vgl. ebd., S. 288 und 294.
[15] Ebd., S. 294, ohne Kursive.
[16] Schoeck, Helmut: Die 12 Irrtümer unseres Jahrhunderts. München u. Berlin: Herbig 1985. S. 349.
[17] Ebd., S. 349-350.
[18] Schoeck, H.: Der Neid, S. 17.
[19] Ebd.
[20] Vgl. Hayek, Friedrich August von: The Road to Serfdom. Chicago: The University of Chicago Press 2007. S. 215.
[21] Vgl. Hayek, Friedrich August von: The Fatal Conceit. The Errors of Socialism. Chicago: The University of Chicago Press 1991. S. 52.
[22] Vgl. ebd., S. 136-137.
[23] Vgl. Schoeck, H.: Der Neid. S. 147-150.
[24] Vgl. Hayek, F. A. von: The Fatal Conceit. S. 25.
[25] Vgl. Peirce, Charles Sanders: Evolutionary Love (Collected Papers of Charles Sanders Peirce 6.287-6.317). http://www.cspeirce.com/menu/library/bycsp/evolove/evolove.htm (28.05.2011).
[26] Vgl. Schoeck, H.: Der Neid. S. 58.
[27] Vgl. ebd., S. 42-47, 65 u.ö.
[28] Ebd., S. 51.
[29] Vgl. ebd., S. 68-74.
[30] In Europa lassen sich Überbleibsel von Schaden- und Gegenzauber nachweisen. Schoeck bemerkt: „In Bayern und Österreich mischen alte Bauern noch ‚Neidkraut’ im Stall ins Futter, um das Vieh vor dem ‚Verneiden’ zu schützen.“ (Ebd., S. 414.) Als der Verfasser des vorliegenden Aufsatzes vor wenigen Jahren seinen Sohn im Kinderwagen durch ein Städtchen im nördlichen Kleinpolen spazierengefahren hat, ist ihm empfohlen worden, eine rote Kokarde am Kinderwagen zu befestigen; dergleichen verhindere Übel, wenn neidische Menschen auf das Kind blickten.
[31] Vgl. Schoeck, H.: Der Neid. S. 320-326.
[32] Ebd., S. 327.
[33] Ebd., S. 163.
[34] Vgl. ebd., S. 284 und 289.
[35] D’accord Hayek, F. A. von: The Fatal Conceit. S. 17-19.
[36] Vgl. Schoeck, Helmut: Schülermanipulation. Freiburg im Brsg.: Herder 1976.
[37] Vgl. Schoeck, Helmut: Kinderverstörung. Asendorf: Mut 1987. S. 4. Popper hat seine Empfehlung handschriftlich verfaßt; sie trägt das Datum „11-9-87“. Der Verfasser dankt dem Mut-Verlag in Asendorf für die Übersendung einer Kopie dieses Schreibens.
[38] Ebd., S. 84. (Schoeck, H.: Schülermanipulation. S. 62.)
[39] Vgl. Iben, Harry, Reitemeier, Heinrich u.a. (Hrsg.): Schauen und Schaffen. Ein deutsches Lesebuch für das siebte Schuljahr. Frankfurt a.M., Berlin u. Bonn: Moritz Diesterweg 1959. S. 43-45, 117, 209.
[40] Vgl. Eggert, Hartmut, Kleinegees, Helmut u.a. (Hrsg.): texte deutsch. Gy8. Braunschweig: Westermann 1978. S. 88-123.
[41] Vgl. ebd., S. 28-39, 206-241.
[42] Vgl. ebd., S. 170-200.
[43] Vgl. Schoeck, Helmut: Ist Leistung unanständig? Osnabrück: A. Fromm 1971. S. 37-40.
[44] Ebd., S. 60.
[45] Vgl. Schoeck, Helmut: Das Geschäft mit dem Pessimismus. Freiburg im Brsg.: Herder 1975. S. 79-89. Welche Relevanz diesem Umbruch zukommt, verdeutlichen ex negativo die folgenden Zeilen von Bruce Caldwell über Friedrich August von Hayek: „Schooled in a university tradition that permitted bright students to explore areas on their own, he was confident enough to plunge into new fields of study when he thought that they might help him discover solutions to his problems.“ Caldwell, Bruce: Hayek’s Challenge. An Intellectual Biography of F.A. Hayek. Chicago u. London: The University of Chicago Press 2005: 9.
[46] Schoeck, H.: Die 12 Irrtümer unseres Jahrhunderts. S. 51.
[47] Vgl. Heinsohn, Gunnar: Der Sozialstaat pumpt Geld und vermehrt die Armut. http://www.welt.de/debatte/article6305249/Der-Sozialstaat-pumpt-Geld-und-vermehrt-die-Armut.html (9.06.2011).
[48] Vgl. Scheler, M.: Das Ressentiment im Aufbau der Moralen. S. 81-83.
[49] Schoeck, Helmut: Was heißt politisch unmöglich? Erlenbach-Zürich u. Stuttgart: Eugen Rentsch 1959. S. 225.
[50] Vgl. Schoeck, Helmut: Die Lust am schlechten Gewissen. Freiburg im Brsg.: Herder 1973. S. 150-153. Vgl. ferner Schoeck, H.: Die 12 Irrtümer unseres Jahrhunderts. S. 107-137.
[51] Vgl. Maxeiner, Dirk: Hurra, wir retten die Welt! Wie Politik und Medien mit der Klimaforschung umspringen. Berlin: wjs 2010. S. 106.
[52] Schoeck, H.: Was heißt politisch unmöglich? S. 152.
[53] Vgl. ebd., S. 167-172.
[54] Habermann, Gerd: Geschichte der deutschen Sozialpolitik in freiheitlicher Bewertung. In: Vaubel, Roland, und Barbier, Hans D.: Handbuch Marktwirtschaft. Pfullingen: Neske 1986: 78. Was die Jahre von 1933 bis 1945 angeht, folgt der gegenwärtige Aufsatz Götz Alys These von der „Gefälligkeitsdiktatur“. Vgl. Aly, Götz: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Frankfurt a.M.: S. Fischer 2006. S. 36-38.
[55] Ebd., S. 79.