Politische Korrektheit

Beleidigtheit vs. Lernfähigkeit

Vor kurzem in einer katholischen Internet-Zeitschrift diese Perle gefunden:

It was with great delight that I came across a remark made by the esteemed editor Robert Fulford: “University education has always been offensive and always will be. Being offended is part of learning how to think.” The obligation of the professor is not to reinforce student prejudices. In order to learn, one must trade erroneous ideas for correct ones. This process exemplifies the passage from darkness to light. It may be humbling to recognize the errors of one’s ways, but it is not offensive.

(Es war eine große Freude, auf eine Bemerkung des geschätzten Herausgebers Robert Fulford zu stoßen: „Der Bildungsprozeß an einer Universitä war immer schon anstößig oder beleidigend [offensive] und wird es immer sein.“ Die Aufgabe des Professors besteht nicht darin, seine Studenten in ihren Vorurteilen zu bestärken. Um zu lernen, muß man irrige Ideen durch korrekte Vorstellungen ersetzen. Dieser Prozeß läßt sich als Heraustreten aus der Dunkelheit und Eintritt in das Licht verstehen. Es mag als demütigend empfunden werden, sich seine bisherigen Verfehlungen einzugestehen, aber es ist weder anstößig, noch beleidigend.)

Es sei nur allzuoft Stolz, so Donald Demarco, der Verfasser dieses Artikel unter dem Titel „The Offensiveness Pandemic“ weiter, der sich den Beleidigungsvorwurf zu nutze mache: „Wie können Sie es wagen, mir und anderen zu zeigen, wie unwissend ich bin?“

So hätten wir ein ‚modernes‘ Übel mit gänzlich ‚altmodischen‘ Begriffen durchschaut: Bescheidenheit vs. Stolz, Demut vs. Hoffart. Was dergleichen Hinterweltlertum nicht alles zu leisten vermag…

Weshalb es keine „weiße“ Mathematik gibt

Der in Rumänien aufgewachsene, an der renommierten Universität von Princeton (New Jersey, USA) lehrende Mathematiker Sergiu Klainerman erklärt, weshalb es keine „weiße“ Mathematik gibt.

For historical reasons, we often discuss contributions to the field of mathematics from the Egyptians, Babylonians, Greeks, Chinese, Indians and Arabs and refer to them as distinct entities. They have all contributed through a unique cultural dialogue to the creation of a truly magnificent edifice accessible today to every man and woman on the planet. Though we pay tribute to great historical figures who inform the practice of mathematics, the subject can be taught — and often is — with no reference to the individuals who have contributed to it. In that sense it is uniquely universal. 

(Wenn wir historische Fragen besprechen, diskutieren wir oft die Leistungen der Ägypter, Babylonier, Griechen, Chinesen, Inder und Araber auf dem Felde der Mathematik und beziehen uns auf diese Leistungen als je für sich abgrenzbare Bereiche. Alle diese Kulturen haben in einem einmaligen interkulturellen Dialog zur Schaffung eines mehr als großartigen Gebäudes beigetragen, das nun jedem Mann und jeder Frau auf unserem Planeten zugänglich ist. Auch wenn wir die bedeutenden historischen Gestalten ehren, die das mathematische Denken geprägt haben, kann die Mathematik selbst ohne jeden Bezug auf ihre Schöpfer gelehrt werden. Und so geschieht es ja oft. In diesem Sinne ist die Mathematik universal.)

Klainerman unterscheidet zwischen dem Kontext der Entdeckung („Wer hat’s erfunden? Wer hat’s verbessert?“) und dem Kontext der Rechtfertigung („Ist das folgerichtig? Sind die Voraussetzungen geklärt?“). Diese beiden Kontexte werden oft englisch benannt, nämlich als Context of Discovery und Context of Justification. Wenn Sie in das Klainerman-Zitat schauen, erkennen Sie den Kontext der Rechtfertigung im Teilsatz: „the subject can be taught — and often is — with no reference to the individuals who have contributed to it“ (es „kann die Mathematik selbst ohne jeden Bezug auf ihre Schöpfer gelehrt werden. Und so geschieht es ja oft“). Die Sache selbst macht’s, nicht aber, wer zu ihrer Entstehung beigetragen oder nicht beigetragen hat.

Gerade die Universalität, der nicht-ortsgebunde, nicht-kulturabhängige Charakter der Mathematik eröffne jungen Menschen aus aller Welt die Möglichkeit, durch Talent und Fleiß ärmlichen oder von Unfreiheit geprägten Ausgangsbedingungen zu entkommen. Es gebe keinen Grund, so Klainerman, die Kinder dieser oder jener Minderheit für weniger Mathematik-befähigt zu halten. Solcher Unsinn führe allenfalls dazu, talentierte junge Menschen jener anspruchsvollen Schulbildung zu berauben, derer sie bedürfen, um Erfolg im Leben zu haben.

(Bild: Pixabay.)

Gleichförmigkeit und Eigenbrötelei

Richard Fernandez stellt fest, daß der Besuch einer renommierten Universität heute weniger der Bildung diene, als dem Auf-Linie-Bringen:

educational institutions have lately been focused on creating cultural clones of themselves. They are full of speech codes, no-go areas of inquiry, forbidden subject matter, and even banned books. All too often, you go to college to narrow your mind.

(Bildungsinstitutionen haben sich in letzter Zeit darauf konzentriert, Klone ihrer selbst zu produzieren. Sie sind voll von Sprachregelungen, Denk- und Forschungsverboten, und sie haben sogar Bücher verboten. Nur zu oft gehen junge Leute auf eine Universität, um ihren geistigen Horizont nicht zu erweitern, sondern zu verengen.)

Eine Alternative dazu sei Autodidaktentum, ein Streben nach Wissen außerhalb von Universitäten. Fernandez präsentiert eine Liste berühmter Autodidakten und beruft sich auf Elon Musk:

Elon Musk famously said “you don’t need college” to learn. 

(Wie allgemein bekannt, hat Elon Musk gesagt: Man braucht keine Hochschule, um zu lernen.)

Natürlich zeigt sich Fernandez vorsichtig. Der ‚unabhängige‘ Weg taugt nicht für jedermann. Bildungsentscheidungen sind, wie alle menschlichen Entscheidungen, Entscheidungen unter Risiko. Dergleichen kann auch schiefgehen. Deshalb gibt es eine schöne Entgegnung oder Parodie auf die abschließenden Verse des bekannten Gedichts „The Road Not Taken“ von Robert Frost:

I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

(Ich nahm den Weg, den weniger Leute wählten, / und das hat all den Unterschied ausgemacht.)

Die Parodie lautet (in deutscher Sprache): „Ich nahm den Weg, den weniger Leute wählten, und jetzt weiß ich leider, leider nicht mehr, wo ich hingeraten bin.“

Glücklicherweise ist die Wahl zwischen Gleichförmigkeit und Eigenbrötelei nicht zwingend. Es gibt weitere Möglichkeiten: Man sucht sich eine weniger angesehene Universität, deren Dozenten weniger auf Linie sind, und/oder man sucht sich ‚altmodische‘ Dozenten, die zwischen Wissen, Denken und Frömmelei unterscheiden und viel von ihren Studenten verlangen. Zwei-drei solche Dozenten im Laufe eines Studiums genügen; es müssen nicht viele sein. David P. Goldman illustriert mit folgender Anekdote, worum es geht:

Long after my undergraduate years, I had the privilege of numerous conversations with Robert Mundell, the father of supply-side economics, among many other great achievements that later won him the Nobel Prize. I would ask him a question, and he would refer me to one of his articles. I struggled with the article (which I never understood at first reading) and asked him another question, and Mundell would refer me to yet another article. The conversations never lasted more than fifteen minutes (and usually less than five), and I had the strong impression that Mundell, who is a genius, thought me a dunce. Simply by telling me that I was on the wrong track, and referring me to another source, I learned to look through to the foundations of economics.

(Lange nach meinem Grundstudium hatte ich die Gelegenheit, oft mit Robert Mundell sprechen zu können, dem Begründer der angebotsorientierten Wirtschaftstheorie, welche ihm später zusammen mit seinen anderen wissenschaftlichen Leistungen den Nobelpreis einbringen sollte. Ich stellte ihm eine Frage, und er antwortete, indem er mich auf einen seiner Artikel verwies. Ich kämpfte mich durch den Artikel (den ich niemals beim ersten Lesen verstand); dann stellte ich ihm eine weitere Frage, und er verwies mich auf einen weiteren Artikel. Unsere Gespräche dauerten nie länger als fünfzehn Minuten (sondern in der Regel weniger als fünf Minuten), und ich hatte den deutlichen Eindruck, daß Mundell mich für einen Blödmann hielt. Aber dank seiner Hinweise, daß ich auf dem Holzweg war, und seiner Verweise auf andere Quellen lernte ich, die Grundlagen der Ökonomie zu verstehen.)

Mundell war nicht ’nett‘ zu Goldman, doch mehr als freundlich. Mundell hörte kurz zu, gab knappe Hinweise, die mehr als wertvoll waren. Das ist die Korrektur, das sind die Anregungen, die sich außerhalb von Universitäten (oder auch Hochschulen) schlecht gewinnen lassen. Und das bezeichnet den goldenen Mittelweg zwischen Gleichförmigkeit und Eigenbrötelei.

Ah, und dann gibt es da noch den Trick mit den zwei Noten, der offiziellen, in die Bücher eingehenden Note und einer weiteren, bloß als ‚idealistische‘ Orientierung für den Studenten figurierenden Note. Wie Prof. Mansfield (Harvard) berichtet, sei letztere für viele Studenten von größerer Bedeutung (vgl. im dort eingebetteten Video ab 14 Min. 30 Sek). So sind wir doch wieder bei den renommierten Universitäten angelangt.

Rezension: Michael Esders, „Sprachregime“

Esders beruft sich gleich zu Beginn auf Victor Klemperers berühmtes Buch über die Sprache des Dritten Reiches: „Der gegenbildlichen Identität und Staatsräson der Bundesrepublik entsprechend, hat sich eine LTI mit umgekehrten Vorzeichen ausgebreitet. Die Sprache wurde zu dem, was ihre emanzipatorischen Leitbegriffe am entschiedensten negieren. Sie konnte es werden, weil sie […] das ‚Nie wieder‘ so ausstellt, dass niemand die Offensichtlichkeit des ‚Wieder‘ wahrnehmen muss.“ (S. 8) Dieses „Wieder“ ist ein von vielen Bundesbürgern wahrgenommener Mangel an Gedankenfreiheit bei ideologischer Gängelung, eine heute nicht mehr feldgraue oder braune, sondern „bunttümelnde Eintönigkeit“ (ebd.), wobei „bunt“ natürlich die Voraussetzungen und Auswirkungen einer multikulturellen und auf dem Felde der Sexualmoral nicht mehr von überkommenen Vorstellungen geprägten Gesellschaft meint. 

Nun dürften sowohl Esders‘ politische Voraussetzungen, als auch die Selbstverständlichkeit, mit der er seine Abhandlung in die Tradition Klemperers stellt, Teile des gebildeten Publikums abschrecken. Die Lektüre sei dennoch empfohlen. Esders‘ dreiteilige Studie – sie enthält die Abschnitte „Wahrheitssysteme“, „Narrative der Hypermoral“, „Matrix der Differenz“ – zeichnet sich durch gepflegte, nicht selten elegant zugespitzte und zumeist solide fundierte Argumente aus.

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Den gesamten Text finden Sie im 54. Band der Zeitschrift Orbis Linguarum, ab S. 385 des verlinkten PDFs.

Noch einmal zu David Hume und der Universität von Edinburgh

Schöner Artikel auf The American Mind, unterzeichnet von drei Hume-Kennern:

We see who these cancellers are and what kind of university they are building.

Hume’s works and name should not be soiled by association with the libraries at the University of Edinburgh.  We call for their removal from the library and transfer to a genuine institution of higher learning.

Nor should Hume’s great student and friend, Adam Smith, be tainted by association with the anti-intellectualism displayed by the place calling itself the University of Edinburgh.  We call for the removal of the special collection of Adam Smith from the Edinburgh library and removal to a place where the works will be respected, like Hillsdale College.

(Wir erkennen, wer diese Austilger sind und welche Art Universität sie schaffen möchten.

Der gute Name und das Werk David Humes sollte nicht durch eine Verbindung mit den Bibliotheken der Universität von Edinburgh befleckte werden. Wir rufen dazu auf, sie aus der dortigen Bibliothek zu entfernen und an eine Anstalt höherer Bildung zu schaffen, die den Namen verdient.

Ebensowenig sollte Humes großer Schüler und Freund Adam Smith durch eine Verbindung mit dem Antirationalismus jener Institution befleckt werden, die sich als Universität von Edinburgh bezeichnet. Wir rufen dazu auf, die Privatbibliothek von Adam Smith aus der Edinburgher Bibliothek zu enfernen und an einen Ort zu schaffen, wo diese Bücher respektiert werden, z.B. Hillsdale College.)

Unterzeichnet von Nicholas Capaldi, John W. Danford und Scott Yenor, die übrigens darauf hinweisen, daß Hume schon einmal von der Universität in Edinburgh geschaßt worden sei. Zu seinen Lebzeiten, weil er allzu „skeptisch“ gegenüber der (damals) christlichen Ausrichtung jener Hochschule gewesen sei.

Interessant, daß sie gerade Hillsdale College empfehlen. Hier mag die Frage staatlicher Förderung – oder besser: der Abwesenheit staatlicher Förderung eine Rolle spielen. Die Hochschule unterstreicht, keine staatlichen Mittel anzunehmen; das macht sie und die Menschen, die an ihr wirken, weit weniger cancellable.

Wenn Sie mögen, hören Sie doch die Rede von Verfassungsrichter Clarence Thomas während der feierlichen Eröffnung der 2019 fertiggestellten Kirche auf dem Campus von Hillsdale. Thomas beginnt ab etwa der 44. Minute zu sprechen (Text der Rede):

Womit denn auch der Skeptiker Hume und eine christlich ausgerichtete Institution höherer Bildung zusammengebracht würden. Bürgerliche Gegenkultur!

Rabbi Jonathan Sacks über „Cancel Culture“, menschliche Freiheit und Vergebung

Außerordentlich hörenswerte Bemerkungen von Rabbi Sir Jonathan Sacks über die grassierende „Cancel Culture“, das Zur-Strecke-Bringen tüchtiger Leute für Kleinig- und Nichtigkeiten, die teils weit zurückliegen, über den Zusammenhang von menschlicher Freiheit und Vergebung. Brillant ausgeführt, knapp und humorvoll, mit angemessener Schärfe, erstaunlich in seiner Tiefe – vom Banal-Politischen bis ins Religiöse (und Religiös-Existentielle) reichend. In englischer Sprache, von einer Viertelstunde Länge.

Theodore Dalrymple (Anthony Daniels) über den Zweck von Propaganda

„Als ich die Funktionsweise kommunistischer Gesellschaften studiert habe, kam ich zu dem Schluß, daß kommunistische Propaganda  die Menschen weder überreden oder überzeugen, noch informieren soll, sondern demütigen. Deshalb ist es desto besser, je weniger sie mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Wenn Menschen dazu gebracht werden, die offensichtlichsten Lügen stillschweigend über sich ergehen zu lassen oder, schlimmer noch, sie nachzubeten, verlieren sie ein für allemal ihren Sinn für Ehrlichkeit und Ehre. Eindeutigen Lügen zuzustimmen gereicht dazu, bei etwas Schlechtem mitzuwirken und selbst ein wenig schlecht zu werden. Die eigene Fähigkeit, sich irgendeinem Ansinnen zu verweigern, wird damit untergraben, ja sogar zerstört. Eine Gesellschaft entmännlichter Lügner ist leicht zu kontrollieren. Mir scheint, daß Political Correctness denselben Effekt hat und haben soll.“

Original:

In my study of communist societies, I came to the conclusion that the purpose of communist propaganda was not to persuade or convince, nor to inform, but to humiliate; and therefore, the less it corresponded to reality the better. When people are forced to remain silent when they are being told the most obvious lies, or even worse when they are forced to repeat the lies themselves, they lose once and for all their sense of probity. To assent to obvious lies is to co-operate with evil, and in some small way to become evil oneself. One’s standing to resist anything is thus eroded, and even destroyed. A society of emasculated liars is easy to control. I think if you examine political correctness, it has the same effect and is intended to.

Mark Steyn: Humorlosigkeit als Symptom des neuen Totalitarismus

Der unbezahlbare Mark Steyn über die beklagenswerte Tendenz, Witze, Scherze und Bemerkungen frotzelnden oder sarkastischen Zuschnitts übelzunehmen und/oder zu kriminalisieren: Humor-Feindlichkeit als Tyrannei-Indikator. – Höchst amüsante, wichtige und gegen Ende auch erbauliche Bemerkungen, die Sie hier finden.