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Political Correctness Stil im Alltag

Roger Scruton: Die Hexenjagd-Mentalität der politisch Korrekten

Hören Sie Roger Scruton über die Hexenjagd-Mentalität unserer Tage, die – oft genug durch Facebook, Twitter oder andere „soziale“ Medien bewehrt – manche Karriere auf dem Altar der politischen Korrektheit geopfert hat. Das ist soweit nichts Neues, wird aber doch von Sir Roger ergänzt um die Frage, wie denn eigentlich der (oder die) zu Opfernde ausgewählt werde, und den Hinweis, daß hier ein perverser Pay-off eine Rolle spiele: der Mob gewinnt in seiner Verfolgung ein Gefühl von Einigkeit, Verbundenheit, ja sogar Geborgenheit, indem er den „Bösewicht“ aussondert. Es dünstet also eine Art Nest- oder Stallwärme aus gemeinsamem Haß.

Hier ist der Podcast von knapp zehn Minuten Länge; hier ist der Text. Hörenswert auch Rabbi Jonathan Sacks zum Thema. Beides in englischer Sprache.

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Religion Stil im Alltag Video

Roger Scruton: Die Pforten, durch die das Sakrale auf uns wirkt

Interessanter Vortrag des unlängst verstorbenen Sir Roger Scruton über das Sakrale. Die Anlage des Vortrags verdient Augenmerk, weil sie vordergründig mißlungen wirken könnte. Sir Roger vollzieht die Grenzen des naturwissenschaftlich-säkular geprägten Weltbilds nach, bestimmt den Raum des Sakralen und beschreibt die Pforten, durch die das Sakrale – bestimmt u.a. als das Desekrierbare – auf uns wirkt. Aus katholischer Perspektive wäre einzuwenden, daß der Philosoph über neun Zehntel seines Vortrags bloß Fast-Sakrales bespricht, gleichsam vor der Schwelle des Eigentlichen tändelt. Darin aber liegt die Pointe dessen, was Scruton ausführt; Sir Roger zeigt in sehr zivilisierter, gleichwohl deutlicher Weise, daß der Gläubige das Sakrale genau deshalb erhält, weil er es als Inhalt seines Glaubens der Welt aufpfropft, einem Philosoph dergleichen jedoch als Verstoß gegen die Regeln seines Handwerks, eine petitio principii aufstoßen muß. Und daß bereits diesseits des Sprungs in den Glauben das Sakrale aufzufinden sei.

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Geschichte Liberalismus Stil im Alltag

Roger Scruton, England: An Elegy

Vor einiger Zeit kam ein englischer Bekannter nach Krakau, der auf seiner Insel an einer Universität lehrt. Er ist ein fortschrittlicher Mensch. Obgleich (oder: da) er kein Wort Polnisch versteht, kam er von seinem ersten Bummel durch die ehemalige Hauptstadt Polens mit Entsetzen zurück: er habe, so (in seiner Zunge) wörtlich, einen Aufmarsch von Nazis gesehen. Ich weiß nicht, was er gemeint hat, kann mir auch nicht recht vorstellen, was er gemeint haben könnte. Am Abend des selbigen Tages noch hat er mir in einiger Erregung auseinandergesetzt, aus welchen Gründen die St.-Georgsflagge, das rote Kreuz auf weißem Grund, die Flagge Englands, rassistisch sei…

Der Eifer meines Bekannten würde Roger Scruton zum Beispiel für die Entfremdung der Engländer von ihrem Land gereichen. Das abschließende Kapitel seines Buches England: An Elegy (London 2000) trägt den Titel „The Forbidding of England“; es beklagt, daß englische Studenten im Unterschied zu ihren Kommilitonen aus Wales oder Schottland ohne jede Vertrautheit mit den Helden ihrer eigenen – d.i. englischen (nicht: britischen) – Geschichte und von jeder Kenntnis ihrer eigenen Traditionen unbeleckt an die Universität kämen. „Nelson, to the majority of them, is Nelson Mandela“ (S. 248).

Das England, welches Scruton beschreibt, ist Vergangenheit. Es ist untergegangen, zerrieben von den Kräften gesellschaftlicher Veränderung, in den Orkus befördert nicht zuletzt auch durch einen kräftigen Tritt von Seiten des vereinigten Europas, da – wie Scruton deutlich herausarbeitet – die englische Rechtstradition, das ‚von unten‘ her, aus der Beilegung konkreter Streitfälle erwachsene Common Law, mit der kontinentaleuropäischen Rechtssatzung, die in der Regel ‚von oben‘ und aus Rechtsprinzipien hoher (Vag- und) Allgemeinheit erfolgt, unvereinbar bleibt. Scrutons reichlich zweihundertfünfzig Seiten starker Essay ist, wie sein Autor über das Werk des Komponisten Ralph Vaughan Williams sagt, „a tender appreciation of a doomed experiment in virtue“ (S. 228).

Scrutons Buch zählt zum Schönsten und Traurigsten, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Dabei ist es ganz unsentimental; faktenreich, mit einiger Distanz und Ironie, zuweilen amüsant und bissig geschrieben, empfiehlt es sich zur Einführung in die englische (und britische) Kulturgeschichte. Sofern zugestanden wird, daß das seit einigen Jahrzehnten modische In-Grund-und-Boden-Kritisieren alles Westlichen, Abendländischen, Europäischen oder ‚Weißen‘, mithin Freiheit in Wohlstand Verbürgenden eine allzu einfache, daher wohlfeile und ermüdende Übung sei.

Selbst ein Kontinentaleuropäer, der mit den Engländern wenig am Hut hat oder eher an systematischen Fragen interessiert ist, wird aus diesem Buch manches Erhellende schöpfen können, ex negativo nämlich, über die logischen und praktischen Defizite der eigenen, von keiner vergleichbaren Gnade berührten Rechts- und Staatstradition; vielleicht wird er von hier aus Friedrich August von Hayeks Ausführungen über das Recht im Allgemeinen und das Common Law im Besonderen neu entdecken wollen (vgl. Hayeks, Law, Legislation and Liberty, Band 1). Und dem Liberalismustheoretiker oder Neocon, der Freiheit zu exportieren trachtet, dabei ein wenig „idealistisch“ (vulgo: blauäugig) sein mag, wird deutlich, daß er englische Freiheit alles Erdenkliche darstellen mag, nicht aber – den Normalfall.

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Geschichte Wissenschaft

Steffen Dietzsch, Wilfried Lehrke: Geheimes Deutschland. Von Deutschlands europäischen Gründen.

Steffen Dietzsch und Wilfried Lehrke haben vor einiger Zeit ein Bändchen vorgelegt, in dem sie dafür werben, den Begriff „Geheimes Deutschland“ ernstzunehmen. Die im Umkreis Stefan Georges gebrauchte Fügung meint „die Idee dessen, was Deutschland jenseits bloßer historisch-politischer Zeit und Geschichtslagen sein sollte“; sie gehöre „zu den überempirischen Prinzipien, die uns über alle durchlittenen Schiffbrüche hinweg – wenn auch oft genug nur im Klandestinen – immer auch Denkräume für das Tiefste offen gehalten haben.“ (S. 68) Die beiden Verfasser schildern in affirmativer Weise die wertstiftenden Bezüge Georges und seiner Anhänger auf die Staufer, heben aber auch – und dies stärker als George oder gar gegen ihn – die Bedeutung der deutschen Klassik hervor: „Weimar verkörpert als seelische Landschaft des Deutschen dessen integrative Potenzen als etwas Besonderes seines Nationalcharakters.“ (S. 54, Kursiv im Original) Mit „integrative Potenzen“ dürften die Autoren u.a. die Fähigkeit vieler deutscher Dichter und Denker – das Klischeehafte dieser Reihung möge dem Rezensenten vergeben werden – verstehen, ästhetische Prinzipien und Bestandteile der Weltauffassung des antiken Griechentums aufzunehmen. Den Deutschen eigne darum dort, wo sie nicht lediglich im Praktisch-Tagespolitischen verhaftet bleiben, etwas Übernationales, ja Europäisches. In jedem Falle will die Rede vom Geheimen Deutschland, wie auch jene von der Klassik nicht auf ein Idyll hinaus. Die Autoren unterstreichen „die Differenz von lebendiger Deutsche [sic] Klassik und abstraktem Klassizismus (gleich welcher Couleur)“ (52): „Während deutsche Klassik die facettenreiche Passionsnatur des Menschen als Unabschließbares und Tragisches, damit Hochwidersprüchliches thematisiert, hält Klassizismus dem Menschen ein ‚ewiges‘ Maß des ‚Guten‘, ‚Wahren‘ und ‚Schönen‘ vor.“ (ebd.)

Soweit, wie zu erkennen, das Argument. Die kleine Abhandlung stellt – natürlich – keinen wissenschaftlichen Text dar, sondern einen Essay, der von Andeutungen und überraschenden Verknüpfungen lebt. So springen die beiden Verfasser recht unbekümmert zwischen Passagen aus dem Werk und Manuskripten Stefan Georges, Friedrich Nietzsches und Friedrich Gundolfs hin- und her, als ob das alles Bausteine eines Programmes wären! Zudem wirken einige der angeführten George-‚Stellen‘ recht konventionell. Wer sich nur ein wenig mit dem in Bingen aufgewachsenen Dichter beschäftigt hat, findet bei Dietzsch und Lehrke manches Erwartbare (S. 19-21, 24, 26-27, 29-30, 35, 44, 49), aber kaum Überraschendes. Es scheint, als sollten der Mensch Stefan George und sein Werk auf einen – in welcher Hinsicht auch immer – passenden Mythos, eine passende Charaktermaske zurechtgestutzt werden. Als in belebendes Gegenmittel sei die Monographie Das verfluchte Amerika. Stefan Georges Bildnis von Unternehmertum, Markt und Freiheit (Würzburg 2016) aus der Feder des Rezensenten empfohlen; darin vor allem der dritte Teil, der Georges beträchtlichem Unternehmer-Talent gewidmet ist.

In das genannte Zurechtstutzen Georges schreibt sich eine kaum anders als lachhaft zu nennende Monumentalisierung ein (S. 23):

Und umgekehrt sahen die jungen Dichter aus dem Pariser Kreis um Mallarmé (1890) in Stefan George, der ja als einziger Deutscher dazugehörte, den neuen Sänger des – vorerst noch geheimen – wahren Deutschland. Er ist ihnen der geistige Bote eines anderen Deutschlands als des Machtdeutschlands, das die Franzosen jüngst unterworfen hatte.

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Stil im Alltag Video

Sir Roger Scruton und Douglas Murray im Gespräch

Roger Scruton und Douglas Murray über die Zukunft des Konservativismus, das Ressentiment der „Fortschritt“-Fanatiker, Sündenböcke, die notwendig unschuldig sein müssen, und eine Architektur, die Menschen erlaubt, sich zuhause zu fühlen. Aber worüber hier gesprochen wird, ist gleichgültig. Wie die beiden Gentlemen sprechen, ist das Wesentliche – ein Labsal für Intellekt und Gemüt. Geist und Gelassenheit, Selbstironie und Augenzwinkern, alles was ihn ausmacht, den in unserem Alltag so schmerzlich Vermißten, den Gentleman.

Bitte nehmen Sie sich die knapp anderthalb Stunden Zeit.

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Geschichte Political Correctness

Haß auf das Eigene, nicht Menschenliebe

Eine bemerkenswerte Passage in Markus Vahlefelds Mal eben kurz die Welt retten (Köln 2017, S. 50):

Ob es nun Ho Chi Minh, Fidel Castro oder Che Guevara war, die Ikonen der Linken waren immer ausgemachte Mörder, denen man mit Hochachtung und Respekt begegnete, während im gleichen Atemzug die Mörder aus dem eigenen Kulturkreis in Grund und Boden verdammt wurden. Nicht der Ekel vor dem Morden, sondern der Ekel vor dem Eigenen und die Anbetung des Fremden hat sich bis heute erhalten und wird von den Linken weiterhin perpetuiert.

Da ist was dran. Ernesto „Che“ Guevara ist chic, und das zeugt – mindestens – von einem „Messen mit zweierlei Maß“ (Vahlefeld, ebd.). Daß der „Ekel vor dem Eigenen“, das Gegenteil jener Haltung, die Roger Scruton empfiehlt und in seinem Buch England: An Elegy zelebriert, dabei eine Schlüsselrolle spiele, darf als ausgemacht gelten.

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Geschichte Meme

Roger Scruton: Culture is Judgement.

Roger Scruton, How to Be a Conservative, London 2015, S. 156. Die Passage lautet im Ganzen:

Reflecting on amusement and humour, and their place in our lives, you get a very clear intimation of a more general truth, about the nature and meaning of culture – namely that culture is judgement, and that judgement counts.

(Wenn Sie über Angenehm-Erheiterndes und Humor nachdenken und auch darüber, welche Rolle diese Dinge in unserem Leben spielen, erlangen Sie eine Einsicht allgemeineren Charakters über das Wesen und die Bedeutung von Kultur – daß nämlich alle Kultur Wertung sei; und daß das Bewerten entscheide.)

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Liberalismus Negative Freiheit Stil im Alltag

The Return to Civilised Teaching, or: „Look on my works, ye Apparatchiks, and despair!“

Roger Scruton:

Buckingham is a unique institution, probably the least politically correct university in Europe, and one that is organized more or less entirely on business principles, paying people like me according to their success in attracting students. […] Founded by Margaret Thatcher, Buckingham was at first more a business school than a fully developed university. Now it has a growing and successful humanities faculty, and takes advantage of the Charter which some neglectful bureaucrat allowed it to obtain in order to validate degrees at both undergraduate and postgraduate level. It is expanding its presence in London, with the use of a building in Gower Street and the possibility of obtaining a permanent home in the centre, within mortar range of the BBC. My own course takes place in a private dining room at a London Club, where the students can enjoy discussion and wine over dinner, supplemented by private tutorials leading to a written thesis on a topic agreed between us. This return to civilised teaching, of people who are really interested in learning, has been a refreshing experience for me, and the success of the first year has encouraged me to offer the course again for the year to come.

(Bild: Pressematerial auf der Homepage von Roger Scruton, Ausschnitt.)