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Mark Steyn: Multikulturalismus

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Liberalismus Nationalökonomie

Was hat die chilenischen Bergleute gerettet? Der Kapitalismus!

Auszüge aus einem bemerkenswerten Artikel von Daniel Henninger – in freier Übersetzung:

Wenn diese Bergleute vor fünfundzwanzig Jahren so tief verschüttet worden wären, wären sie zum Tode verurteilt gewesen. Welches Ereignis der vergangenen fünfundzwanzig Jahre hat ihr Leben gerettet?

Kurz gesagt, ein Bohrkopf der Firma Center Rock.

Dieses Wundergerät hat den Weg hinunter zu den gefangenen Bergleuten freigemacht. Center Rock Inc. ist eine Firma in Berlin, Pennsylvania. Sie hat vierundsiebzig Mitarbeiter. Nachdem der Chef der Firma, Brandon Fisher, von dem Unglück erfahren hatte, rief er in Chile an, um seinen Bohrkopf anzubieten. Die Chilenen haben akzeptiert. Die Bergleute sind am Leben.

Die längere Antwort? Der Bohrkopf der Firma Center Rock bildet ein bemerkenswertes Stück Technik, das von einer kleinen Firma entwickelt worden ist, die dergleichen für Geld – für Profit – tut. Darin liegt ihr Beweggrund, innovative Bohrtechnik zu entwickeln. Wenn sie Geld verdienen, können sie die Bohrtechnik weiter voranbringen.

Die Dynamik „Profit = Innovation“ war überall um das Bergwerk in Chile zu beobachten: Das Hochleistungskabel für den einfachen Rettungsbohrturm war aus Deutschland gekommen. Japan hatte das äußerst flexible Glasfiber-Kabel beigesteuert, durch das die Bergleute mit der Welt über Tage kommunizieren konnten.

Jeffrey Gabbay, der Gründer der Firma Cupron Inc. aus Richmond, Virgina, versorgte die Bergleute mit Socken, die Kupfer enthalten. Das Metall vernichtet Bakterien und vermindert so Fußgeruch und Infektionsgefahr. Chiles Gesundheitsminister kommentierte: „Ich wußte nicht, daß so etwas überhaupt existiert.“

Genau darum geht es. In einer „offenen Wirtschaft“ weiß niemand, was die innovativsten Firmen dieser oder jene Branche gerade entwickeln. Meistens achtet niemand darauf. Sie schaffen ja lediglich Arbeitsplätze und Wohlstand. Doch ohne sie wären die chilenischen Bergleute verloren gewesen.

Den gesamten Artikel finden Sie hier.

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Egalitarismus Stil im Alltag

„Hallo!“ Über verbalen Egalitarismus

Es ist mir nicht erinnerlich, wann die Deutschen begonnen haben, sich der Wendung “Guten Tag” zu entledigen.

In Niedersachsen jedenfalls wirkt man inzwischen über die Maßen förmlich, wenn man wagt, etwas anderes als “Hallo!” zu sagen. “Hallo!” hört man von der ältlichen Bäckersfrau, “Hallo-ho!” flötet die gutgelaunte Fleischerei-Fachverkäuferin, ein sachlich-zuversichtliches “Hallo!” weiß der Oberarzt anzubringen. Als seien wir alle eine große Familie  – von Störenfrieden wie Thilo Sarrazin abgesehen.

Vor sechsundachzig Jahren stellte der Philosoph Helmut Plessner fest: “Das Idol dieses Zeitalters ist die Gemeinschaft.” (Die Grenzen der Gemeinschaft, Bonn 1924, S. 26) Daran hat sich nichts geändert. Eher im Gegenteil; mit jener Unbedingtheit, die den Gegenstand der Plessnerschen Studie bildet, wühlen wir uns immer tiefer in die Gleichheit hinein. Wenigstens, was das Äußerliche angeht.

Denn daß aus dergleichen Träumen nichts werden kann, die Gesellschaft ebendasjenige ist, was sie ist: Gesellschaft nämlich, und nicht Gemeinschaft, wollen viele unter uns nicht einsehen. Dabei bräuchten sie nur zu verstehen, daß die “kalte” Gesellschaft Raum für viele kleine und größere Gemeinschaften bietet, – wie deutlich, doch in schrecklich verklausulierter Sprache Rainer Forst in seinem Buch Kontexte der Gerechtigkeit, Frankfurt a.M. 1994, zeigt -, sich zurückzulehnen und die nachstehende Anekdote zu genießen, die der tapfere Helmut Schoeck mitteilt:

Die den Europäer, je nach dem Grad seiner egalitären Sehnsüchte, so erstaunende oder beglückende Vertraulichkeit der Anrede im amerikanischen Alltag hat […] ihre Grenzen. Aber an solche denkt die Jugend ja ungern. Ehe sie jedoch von den Äußerlichkeiten einer vermeintlich enthierarchisierten Gesellschaft sich die Heilung aller zwischenmenschlichen Probleme verspricht, sei erwähnt, daß auch der vor seinem Richter stehende Kandidat für den elektrischen Stuhl zu hören bekam: “I am sorry, Al, but I have to send you to the chair.”

(Helmut Schoeck, Die Lust am schlechten Gewissen, Freiburg i. Brsg. 1973, S. 77.)

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Etatismus Geschichte

Wie man die schlechte Nachricht höflich überbringt

Hagen Schulzes „Kleine deutsche Geschichte“ zeichnet – neben vielem anderen – die deutsche Sozialstaatstradition nach. Der Historiker übt Zurückhaltung. Denn die Fakten sprechen für sich.

Schulze über das Deutsche Reich von 1871:

Das Sozialistengesetz von 1878 war die staatliche Antwort auf die Kampfansage der „Umsturzpartei“, wenn es sich auch in Kenntnis politischer Unterdrückungsmaßnahmen des 20. Jahrhunderts fast harmlos ausnimmt – immerhin blieb die SPD-Reichstagsfraktion bestehen und erstarkte von Wahl zu Wahl. Auf der anderen Seite führte die Reichsregierung seit 1880 Schritt für Schritt eine staatliche Sozialversicherung ein, die vorbildlich für ganz Europa wurde, um aus besitzlosen Sozialisten konservative Rentiers zu machen – was das anging, erwies sich die europaweit vorbildliche, wenn auch ganz aus dem Geist des ostelbischen Paternalismus erdachte Sozialpolitik als erfolglos, denn nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 war der Zustrom zur SPD stärker denn je. (Kleine deutsche Geschichte, S. 136)

Ansprüche auf Ansprüche (entitlements) wachsen mit dem Essen.

Zur Weimarer Republik:

Die Wirtschaftskrise erfaßte alle europäischen Staaten, aber in Deutschland wirkte sie besonders verheerend. Das lag unter anderem daran, daß der demokratische Staat von Weimar von seiner Geburt an ein schwacher Staat war, der den Bürgerkrieg zu vermeiden und deshalb die Zuneigung des Wählervolks zu erkaufen gesucht hatte, indem er zum Subventions- und Umverteilungsstaat geworden war. In einem Ausmaß, das weit über das der Vorkriegszeit hinausging, wurden nach allen Seiten hin Wünsche befriedigt, die von den organisierten Interessen an den Staat herangetragen wurden. Sichtbar wurde das am sprunghaften Anstieg der öffentlichen Ausgaben, vor allem im Sozialbereich. Während 1929 die Steuerlastquote das Doppelte des Prozentsatzes von 1913 betrug, nämlich 18% anstatt 9% am Vorabend des Ersten Weltkriegs, stiegen die Sozialausgaben von Reich, Ländern und Gemeinden im selben Zeitraum von 337 Millionen Mark im Jahr auf 4 Milliarden 751 Millionen Mark an: Das war nicht weniger als das Dreizehnfache. So verschaffte sich der ungeliebte Staat der Weimarer Republik die Loyalität der gesellschaftlichen Interessengruppen durch Stützungs- und Hilfszusagen, die im Krisenfall allesamt eingelöst werden mußten.

Und als die Krise kam, als die Volkswirtschaften der Industriestaaten nach dem „Schwarzen Freitag“ in die schwerste Bewährungsprobe der neueren Wirtschaftsgeschichte stürzten, als die Banken zusammenbrachen, die industrielle Produktion Europas innerhalb von drei Jahren um die Hälfte zurückging und ein Drittel der erwerbstätigen Bevölkerung in Deutschland arbeitslos war, als sämtliche sozialen Ausfallbürgschaften, die der Staat übernommen hatte, gleichzeitig eingelöst werden mußten, da war der deutsche Staat dem Problemlösungsdruck nicht mehr gewachsen. In England, wo die wirtschaftliche Talfahrt kaum weniger dramatisch war als in Deutschland, verteilte sich die Zuständigkeit für die Lösung der gesellschaftlichen Probleme auf viele verschiedene administrative und gesellschaftliche Schultern; hier überlebte die Staatsverfassung unversehrt. In Deutschland dagegen ging der Weimarer Staat unter dem gebündelten Erwartungsdruck der gesellschaftlichen Gruppen in die Knie. Und da die Loyalität der Bevölkerung gegenüber ihrer Staatsverfassung davon abhing, daß diese Verfassung und ihre Institutionen die sozialen Verteilungskonflikte lösen konnten, standen beim Scheitern des Sozialstaates auch dessen Verfassungsgrundlagen zur Disposition. So hat sich die parlamentarische Demokratie in Deutschland in ihrem Bestreben, starker Staat zu sein, selbst den Boden unter den Füßen fortgezogen. (Kleine deutsche Geschichte, S. 190-191)

Nach 1933:

Verfolgung und Gewalt waren die eine Seite des Regimes, Verführung und Faszination die andere. Das begann bereits damit, daß es kaum eine gesellschaftliche Gruppe, kaum ein politisches Interesse, kaum eine kollektive Hoffnung gab, die nicht in irgendeiner Weise vom Nationalsozialismus gestützt und genährt wurde. Die Arbeiterschaft wurde durch spektakuläre Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wie dem Bau der Autobahnen, durch sinkende Arbeitslosenzahlen, durch verbesserte soziale Leistungen in den Betrieben und durch Massenaktivitäten im Zeichen von „Kraft durch Freude“ beeindruckt. Handwerk und Kleinhandel profitierten von der Mehrbesteuerung der verhaßten Warenhäuser und von einer verschärften Zulassungspraxis bei der Gründung von Meisterbetrieben, die Bauern von landwirtschaftlichen Schutzzöllen und der Erhöhung der inländischen Agrarpreise, die Industriellen vom Ende der betrieblichen Mitbestimmung, dem Fortfall von Tarifkonflikten und von den zunehmenden Staatsaufträgen, vor allem im Rüstungsbereich. (Kleine deutsche Geschichte, S. 204)

In der jungen Bundesrepublik – vor den sozialliberalen Kabinetten:

Die Bundesregierung nutzte die volkswirtschaftlichen Verteilungsspielräume, um auf sozialpolitischem Gebiet in fast revolutionärer Weise tätig zu werden: Mit dem Bundesversorgungsgesetz von 1950 wurde drei Millionen Kriegsbeschädigten geholfen. Das Lastenausgleichsgesetz von 1952 setzte einen bisher nie dagewesenen Vermögenstransfer innerhalb der Bevölkerung in Gang, um diejenigen zu entschädigen, die durch Krieg, Vertreibung und Enteignungen in Ost- und Mitteldeutschland Vermögensverluste erlitten hatten.

Bundesvertriebenengesetz, Betriebsverfassungsgesetz, Bundesentschädigungsgesetz, Rentenreform, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Kindergeld: Der Sozialstaat, wir wir ihn heute haben, entstammt der Ära Adenauer, einer Zeit, die sich dem Glauben hingab, daß die Wirtschaft grenzenlos weiterwachsen und den Sozialstaat für alle Zeiten finanzieren werde. (Kleine deutsche Geschichte, S. 245)

Zwischen 1933 und 1945 lautete die Antwort auf die Frage nach der Finanzierung: Raub und Raubmord. Wie sie heute lautet, liegt im Dunkeln.

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Egalitarismus Geschichte Religionssurrogate

Russell über Marx und Calvin

Bertrand_Russell

Unsere Linksradikalen jugendlichen oder berufsjugendlichen Zuschnitts halten sich für „rationaler“ – es lebe der Komparativ! – als ihre nicht-linken Zeitgenossen. Diese Selbsteinschätzung könnte sich jedoch als hinfällig erweisen, wie Bertrand Russell in „New Hopes for a Changing World“ zeigt:

There is in Marx a cold logic which is reminiscent of Calvin. Calvin held that certain people – chosen not for their virtues but arbitrarily – are predestined to go to heaven, and the rest are predestined to go to hell. No one has a free will: if the elect behave well that is by God’s grace, and if the reprobate behave badly, that again is because God has so willed it. So in Marx’s system if you are born a proletarian you are fated to carry out the purposes of Dialectical Materialism (as the new God is called), while if you are born a bourgeois you are predestined to struggle vainly against the light, and to be cast into outer darkness if you live until the coming Revolution.

The whole process of history proceeds according to a logical system, which Marx took over, with slight modifications, from Hegel. Human developments are as irresistible and as independent of human will as the movements of the heavenly bodies. The force that brings about change in social affairs is the conflict of classes. After the proletarian revolution there will be only one class, and therefore change will cease. For a time the dispossessed bourgeoisie will suffer, and the elect, like Tertullian, will diversify their bliss by the contemplation of the damned in concentration camps. But Marx, more merciful than Calvin, will allow their sufferings to end with death.

This curiously primitive myth…

Was könnte man noch hinzufügen?

(Das Zitat findet sich auf den Seiten 121-122 der Ausgabe, welche 1956 bei George Allen & Unwin in London erschienen ist.)

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Auguste Mayer, Hobart-Town

…und, Freund, sehen Sie bloß „Imperialismus“ und „Ausbeutung“?

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Antirationalismus Dekadenz Egalitarismus Wissenschaft

Helmut Schoeck: Sinnvernichtung

02

Evolution hat keinen guten Ruf. Sie wird oft als etwas aufgefaßt, das allem Menschlichen fremd, gar entgegengesetzt sei; als ein entmenschtes Gegen-Evangelium. Dieser Eindruck läßt sich mildern, indem man sich um ein umfassenderes Bild der Sachlage bemüht. Und erkennt, daß der Mensch nicht nur „Glied“[1], sondern auch „Steuernder“[2] der Evolution ist – durch seine Kreativität. Wir sollten uns deshalb verdeutlichen, „daß wir es sind, die in all den Bereichen von der Religionssoziologie bis zur Technikentwicklung das jeweils Neue hervorbringen“.[3] Und zwar auf vielfältige Weise; „in der Möglichkeit zur Zuchtwahl wie zur Genmanipulation, im Entwerfen und Verwirklichen sozialer Systeme, im Konzipieren wissenschaftlicher Theorien und im Realisieren technologischer Artefakte zur Befriedigung […] menschlicher Bedürfnisse.“[4]

Wie sehr der Mensch die Evolution beeinflußt, macht ein näherer Blick auf deren „Mechanismen“ deutlich; – auf jene Mechanismen, die Evolution ermöglichen und vorantreiben. Charles S. Peirce unterscheidet drei solche Mechanismen:

(i)    Die Evolution per Zufallsvariation („tychastische Evolution“[5]), auf der der Darwinismus gründet.[6] Sie wird durch Zufälle wie denjenigen ermöglicht, daß gerade jener Paul gerade jene Paula in gerade jener Stadt traf, sich verliebte und schließlich ein Töchterchen namens Paulette zeugte. Paulette verdankt die Zusammensetzung ihrer Gene dem Zufall.

(ii)    Die „Evolution durch mechanische Notwendigkeit“[7] („anankastische Evolution“[8]). Mechanische Notwendigkeit wirkt, „[w]enn ein Ei dazu bestimmt ist, eine gewisse Reihe von embryonalen Transformationen durchzumachen, von der es ganz gewiß nicht abweicht“.[9] Jedenfalls, sofern nichts Äußeres dazwischen kommt. (Was hinwiederum einen Effekt tychastischer Evolution bilden würde – „das Sichkreuzen zweier unabhängiger Kausalreihen“.[11])

(iii)    Die „Evolution durch schöpferische Liebe“[12] („evolution by creative love“[13]; „agapastische Evolution“[14]). Dieser Mechanismus wird gern übersehen. Das ist bedauerlich. Denn ohne ihn erweist es sich als schlichtweg unmöglich, das Entstehen all der Ideen für Handwerkszeuge und technische Geräte, der wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Theorien, der Kunstwerke und der Meisterwerke der Architektur zu erklären. Schließlich gedeihen all diese Pläne und Dinge nur dann, wenn ein Mensch Arbeit und Mühe – „Gehirnschmalz“ – investiert, lange darüber nachdenkt, was er verbessern, was er noch besser gestalten könnte; mit einem Worte, ihnen Zuwendung schenkt. Man sorgt (wie bei Pflanzen[15]) durch Zuwendung dafür, daß seine Pläne gedeihen; durch schöpferische Liebe. Sonst gedeihen sie nicht.

Wir erkennen: Ein umfassendes Bild der Mechanismen, die Evolution ermöglichen, verändert unseren Eindruck vom Ort des Menschen in der Evolution, und dies in entscheidender Weise! Zwar bleiben wir Geschöpfe der Evolution, deren Launen – man denke an die Sonne – ausgeliefert. Doch sind wir auch – zu Teilen – deren Gestalter; wir beeinflussen die Evolution. Durch unsere Kreativität. Durch unsere Kulturleistungen. So weicht der Eindruck bloßen Ausgeliefert-Seins dem einer gewaltigen Abenteuer-Fahrt.[17]

Deshalb liegt es in unserem Interesse, ein umfassendes Bild der Mechanismen zu erwerben, die Evolution ermöglichen. Bevor wir – grundlos – verzagen. Und darob dem wissenschaftlichen Denken untreu werden.

Übersehene Liebe, wucherndes Unglück

Natürlich sind die drei von Peirce unterschiedenen Evolutionsmechanismen irreduzibel; wir müssen uns aller drei bedienen, wenn wir beschreiben wollen, wie wir zu denen geworden, die wir sind. Ohne Mechanismus (iii) etwa – die Evolution durch schöpferische Liebe – bliebe jedweder (im weitesten Sinne) kulturelle Fortschritt unerklärlich; denn ohne unseren Einfallsreichtum – der übrigens stets der Einfallsreichtum Einzelner ist – würden wir alle immer noch in Höhlen hausen. Trotzdem wird Mechanismus (iii) oft übersehen oder sogar mutwillig hinwegerklärt, das heißt auf einen der anderen Mechanismen zu reduzieren versucht, die Evolution ermöglichen. Im Widerspruch zu dem, was die Maßgabe der Umfassendheit fordert.

Jede Torheit hat ihren Preis; auch ein solcher Reduktionismus in der Evolutionsphilosophie. Wer Mechanismus (iii) übersieht oder forterklärt, muß sich nicht wundern, wenn er den Eindruck einer unfreundlichen, ja unmenschlichen Welt schafft. Einer Welt, in der Zufall – Mechanismus (i) –  und Naturnotwendigkeit – Mechanismus (ii) – herrschen, doch der einzelne Mensch nichts ausrichten kann. Man wird es nicht für übertrieben halten, wenn ich diesen Eindruck als künstlich niederdrückend beschreibe; als geeignet, Resignation und Depression auch dort hervorzurufen, wo wenig Anlaß besteht. Es liegt daher in unserem Interesse, uns auf keinerlei Reduktionismus einzulassen! Und – als Akt der Nächstenliebe – den Reduktionismus in der Evolutionsphilosophie zu bekämpfen.

Eine Welt, in der der Einzelne nichts ausrichten kann, beschreiben viele deutsche Schulbücher aus den 1970er Jahren – in „kritischer“ Absicht. Sie erweisen sich damit als in genau der Weise künstlich niederdrückend, die soeben beschrieben wurde. Schoeck macht deren ganze Perfidie deutlich:

Anschauungsbeispiele für etwas Schönes, Gelungenes, für das Kunstwerk, das in seiner Abgrenzbarkeit von der Umgebung, in seiner geglückten Ganzheit ein Erlebnis, wenigstens eine Ahnung von Sinn vermitteln könnte, werden aus der Schule verbannt. Erzählungen und Abbildungen geglückter Unternehmungen (das Betreten des Mondes ebenso wie Lindberghs Alleinflug über den Atlantik, ein Gedicht oder Gemälde) werden in vielen Fällen nur noch ins Schulbuch aufgenommen, wenn sie mit Bildern oder Texten eingerahmt sind, aus denen menschliches Versagen zu sprechen scheint. Das linke Lernziel heißt: schon das elfjährige Kind soll spüren, dein Leben in dieser Gesellschaft, in dieser Zeit ist sinnlos, ist überflüssig. Wie ein riesiger Staubsauger, der […] mit Dutzenden von Schläuchen aus der Seele des Kindes jeden Winkel absaugt, in dem noch ein Rest von Sinn verborgen sein könnte, sind die linken Lernziele […] ein wohlüberlegtes Instrument zur Abtötung jedes Erlebnisses von Sinn.

Welche enorme Gefahr für die seelische Gesundheit dies mit sich bringt, kann man z.B. den Ausführungen des Psychotherapeuten Professor Viktor E. Frankl, „Der Mensch auf der Suche nach Sinn“ […], entnehmen. Er sieht seit mehreren Jahren auf die Jugend eine ganz neue Art von Neurose zukommen. Diese hat mit den herkömmlichen Konflikten und Komplexen […] wenig zu tun. Es handelt sich nach seinen Beobachtungen bei jungen Menschen in zahlreichen westlichen Ländern um Gewissenskonflikte und eine „existentielle Frustration […], um ein Gefühl der Sinnlosigkeit der eigenen Existenz; das eigene Dasein habe keinen Sinn. Es läßt sich vorstellen, wie diese für unsere Zeit ohnehin typische Ursache seelischer Erkrankung in der Schule als „Lernziel“ bei Kindern wirkt.[19]

Natürlich scheint dem eigenen Dasein der Sinn zu mangeln, wenn man eingetrichtert bekommt, daß der Einzelne weder etwas gestalten, noch ausrichten könne! Wer jungen Menschen Mechanismus (iii) – die Evolution durch schöpferische Liebe, Einsatz und Gehirnschmalz des Einzelnen – vorenthält oder durch Gewissenskonflikte verstellt, für die es keinen sachlichen Anlaß gibt, handelt verantwortungslos. Ob als Schulbuchredakteur, Lehrer oder Dozent.

Anmerkungen

[1] Hans Poser, Wissenschaftstheorie. Eine philosophische Einführung. Stuttgart 2001, S. 276.
[2] Ebd., ohne Kursive. [3] Ebd. [4] Ebd.
[5] Charles S. Peirce, Naturordnung und Zeichenprozeß, ed. Pape. Frankfurt a.M. 1991, S. 249.
[6] Vgl. ebd., S. 243; zu einem irreduziblen Begriff von Zufall vgl. Poser, Wissenschaftstheorie…, S. 273-274.
[7] Peirce, Naturordnung…, S. 249. [8] Ebd. [9] Ebd., S. 246.
(Querverweis aus dem Buch fortgelassen.)
[11] Poser, Wissenschaftstheorie…, S. 273.
[12] Peirce, Naturordnung…, S. 249.
[13] Charles S. Peirce, The Collected Papers of Charles Sanders Peirce. Cambridge, Mass., 1965, 6.302 (zitiert nach Band und Paragraph).
[14] Peirce, Naturordnung…, S. 249.
[15] Vgl. Peirce, Collected Papers…, 6.289. D’accord Bertrand Russell, New Hopes for a Changing World. London 1951, S. 200-201.
(Querverweis aus dem Buch fortgelassen).
[17] An der in gewisser Weise alle Organismen teilhaben; vgl. Karl R. Popper,  Alles Leben ist Problemlösen. München 1994, S. 257-261.
(Querverweis aus dem Buch fortgelassen).
[19] Helmut Schoeck, Schülermanipulation. Freiburg i.Brsg. 1976, S. 99-100; vgl. Viktor Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. München 1990, S. 180-186. Meine alten Schul- und sonstigen Lehrbücher bestätigen Schoecks Darstellung. Sprachbuch 8 vergleicht die Textsorten Hörspiel und Erzählung anhand der gescheiterten Südpol-Expedition Scotts (vgl. Dietrich Homberger & Friedhelm Wippich, Sprachbuch 8. Frankfurt a.M. 1978, S. 78-85); Fundamente. Christsein heute verlangt, das apostolische Glaubensbekenntnis neben die Photographie eines hungernden Kindes aus Afrika zu schreiben (vgl. Reinhold Hedtke et al., Fundamente. Christsein heute. Gladbeck 1975, S. 104).
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Karsten Dahlmanns, Wissenschaftslogik und Liberalismus,  Berlin 2009, S. 133-136.

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Ralf Dahrendorf: Liberalismus ohne Liberalismus

Zbliżenia interkulturowe 3, 2008, S. 169-171

Ralf Dahrendorf, Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung, München 2006: C.H. Beck, 239 Seiten.

Ralf Dahrendorfs Versuchungen der Unfreiheit unternehmen „eine Erkundungsreise zu den Quellen des liberalen Geistes” (S. 9). Das Interesse des Autors gilt einer besonderen „Art” (ebd.) unter den Intellektuellen, die – da es sich um Exponenten des auf dem europäischen Kontinent nur allzuoft mißverstandenen oder gar verleumdeten liberalen Denkens handelt[1] – „nicht jedermanns Helden” (S. 10) sind, z.B. Karl Popper und Isaiah Berlin. Sir Ralf fragt darnach, „wie diese bedeutenden Gestalten den Versuchungen der Unfreiheit widerstanden haben. Was war die Quelle ihrer Kraft, als die Umstände, in denen sie lebten, die Sonne der Freiheit verfinsterten?” (S. 9) – eine faszinierende und außerhalb des im engeren Sinne Wissenschaftlichen mehr als wichtige Fragestellung. Denn es werden sehr oft wenig verantwortungsvolle, wenig redliche Denker[2] als Vorzeige-Intellektuelle gefeiert. Max Horkheimer und sein im Wesentlichen auf Unkenntnis basierender Angriff auf die Philosophie des amerikanischen Pragmatismus bildet dafür nur ein Beispiel.[3]

Dahrendorf interessieren die Menschen „hinter” den Intellektuellen; er versucht zu formulieren, was den Menschen Popper, den Menschen Berlin gegen die Sinn-Angebote der beiden Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts – „Gemeinschaft, ein Führer und verklärende Romantik der Sprache einerseits, die Partei, die Hoffnung auf das Paradies auf Erden und die Aura des Religiösen andererseits” (S. 39) – gewappnet habe. Dies verleiht dem Buch einen eigentümlichen Reiz; dem Autor gelingt es, die Dilemmata der Zeit einzufangen, angereichert durch eine Fülle teils anrührender Details aus dem Leben der Protagonisten, deren Selbstreflexion. Äußerungen von Denkern, die erkennen mußten, daß sie der totalitären Versuchung erlegen waren, verleihen dem Buch menschliche Tiefe (vgl. S. 34ff.). Exemplarisch Ignazio Silone, wie von Dahrendorf gegeben: „»Etwas davon bleibt und hinterlässt seine Zeichen auf dem Charakter, die man sein ganzes Leben mit sich herumträgt. Es fällt auf, wie leicht erkennbar die Ex-Kommunisten sind. Sie bilden eine Kategorie für sich, wie ehemalige Priester und frühere aktive Offiziere.«” (S. 38)

Gleichwohl ruft das Werk einen zwiespältigen Eindruck hervor. Dies dürfte dem Umstand geschuldet sein, daß der Autor den Begriff „liberaler Geist” in einer Weite faßt, die von Verwässerung zu sprechen erlaubt. Zwar führt Sir Ralf – auf wenigen Seiten wunderbar anschaulich (vgl. S. 62ff) – den Nachweis, daß liberales Denken nur dort gedeihe, wo man Uneinigkeit nicht lediglich erträgt, sondern erkennt, wie wertvoll sie für alle Weiterentwicklung sei. Doch aus diesem Nachweis erwachsen keine – oder nur äußerst zaghafte (vgl. S. 65) – Konsequenzen in Sachen Wirtschaftsverfassung. Hält Dahrendorf „die Wirtschaftsfreiheit nicht für ein wesentliches Merkmal der freien Welt und die wirtschaftliche Unfreiheit nicht für ein wesentliches Merkmal der unfreien Welt”[4]? Hier muß – unter Berufung auf die Autorität Wilhelm Röpkes – vor dem „schweren und sogar verhängnisvollen” Irrtum gewarnt werden, „daß die Organisation der Wirtschaft […] den Philosophen nicht berühre, der im geistig-politischen Bereich liberal, im wirtschaftlichen jedoch ein Kollektivist sein könne”.[5] Was soll ein Liberalismus ohne Liberalismus?

Verwunderung erweckt ferner, daß ein Denker vom Format Dahrendorfs sich dazu hergibt, Ernst Jünger – gegen den gewiß viel eingewendet werden kann – in weitgehend polemischer Manier abzufertigen (vgl. S. 120f.); dabei wird Jüngers Auf den Marmorklippen fehlerhaft nacherzählt.[6] Auf diesen Lapsus jedoch folgt wie Sonnenschein auf Regen ein äußerst wertvoller Vergleich Jüngers mit Theodor W. Adorno, dessen „reines Schauen aus dem Glaskäfig der ästhetischen Verfremdung […] in manchem dem von Jünger eng verwandt” (S. 123) sei. „»Ein bisschen leichtfertiger Höllenspass und ebenso leichtfertiges Revoluzzergeschwätz, wenn auch immer in feinen Worten«, […] (um […] [Dolf] Sternberger zu zitieren). Insofern war Adorno, wie Jünger, ein sehr deutscher Intellektueller.” (S. 125) Ein derartiger Hinweis gibt zu denken; Dahrendorf hat hier ein ernstes Defizit (nicht nur) der deutschen Nationalkultur getroffen, über das man sich Rechenschaft ablegen sollte.

So ist es der Widerwille gegen den moralischen Maximalismus und Manichäismus, auf den Sir Ralf abzielt, wenn er den liberalen Denker zu beschreiben versucht. (In dieser gestalterischen Entscheidung liegt vermutlich die Ferne des Werkes zur Wirtschaftsverfassung begründet, der Liberalismus ohne Liberalismus.) Dahrendorf sieht solche Skepsis in Erasmus von Rotterdam verkörpert, dessen Distanz zu Luthers Eiferertum er hervorhebt (vgl. S.81ff.). Auch dies eine wichtige Lektion! Denn nur allzuoft wird in unserer Zeit derjenige, der nicht eifert, für schwächlich oder prinzipienlos gehalten. Zeigen wir uns damit zivilisierter, gebildeter, weiser – oder auch nur klüger – als Erasmus?

Dahrendorf liest uns also die Leviten. Er tut wohl daran, denn wir haben es nötig. Leider jedoch beeinträchtigt er deren Wirkung durch eine Ungleichbehandlung Jüngers und Adornos: Daß der Verfasser der Marmorklippen bei Sir Ralf keine Gnade findet, wirkt nachvollziehbar. Daß aber Adorno sich gegen Ende des Werkes in ein- und derselben Denker-Kohorte mit Popper und Berlin wiederfindet, bleibt trotz aller Bitten um „Nachsicht und Ironie” (S. 220) unverständlich – nach alledem, was Dahrendorf über (oder: gegen) Adorno festgestellt hatte[7], und noch vor alledem, was Popper über seinen neuen, derart ihm zugedachten Mitgenossen Adorno zu bemerken unabdingbar gefunden hätte.[8] Spätestens hier verliert sich die Entdeckungsreise zu den Quellen des liberalen Geistes im Gestrüpp der Beliebigkeit. So viele bemerkenswerte Portraits, Deutungen und Einsichten – darunter ein melancholisches, von großer Zuneigung gezeichnetes Portrait Englands (vgl. S. 157ff.) – auf dem Wege gesammelt wurden.

Anmerkungen

[1] Vgl. Stephen Holmes, The Anatomy of Antiliberalism, Cambridge, Mass., 1993, passim. Über das Denken östlich des Bug informiert Andrzej Walicki, Legal Philosophies of Russian Liberalism, Notre Dame, Ill., 1992, bes. S. 9-104 („The Tradition of the Censure of Law”).

[2] „[U]nsere intellektuelle Redlichkeit: Wir sollen uns unsere Fehler, unsere Fehlbarkeit, unsere Unwissenheit eingestehen.” So unmißverständlich Karl Popper, Auf der Suche nach einer besseren Welt, München 1984, S. 215.

[3] Vgl. Hans Joas, Pragmatismus und Gesellschaftstheorie, Frankfurt a.M. 21999, S. 99. Welches Ansehen Horkheimer bei einer gewissen Generation von Vertretern der institutionalisierten Kultur genoß, zeigt sich im Goethe-Institut zu Krakau; dort prunkt eine gebundene Ausgabe von Horkheimers Werken (in der Nähe einer ebenfalls gebundenen Ausgabe seines Freundes Adorno), während Kant nur in Taschenbüchern vorhanden ist.

[4] Wilhelm Röpke, „Erziehung zur wirtschaftlichen Freiheit”, in: Albert Hunold (Hrsg.), Erziehung zur Freiheit, Erlenbach-Zürich u. Stuttgart 1959: S. 281-299, S. 283.

[5] Ebd.

[6] Ernst Jünger schreibt von einem „Feldzug, der den Völkern von Alta Plana galt und der dann scheiterte.” (Ernst Jünger, Auf den Marmorklippen, Stuttgart 161995, S. 19) Dahrendorf behauptet, er sei gewonnen worden (vgl. S. 120).

[7] Dem Rezensenten und sicher einem jedem, der den Unterschied deutscher und angelsächsischer Philosophie am eigenen Leibe erfahren hat, gefällt ganz besonders die nachfolgende Bemerkung Dahrendorfs über Adorno, die darum dem Leser nicht vorenthalten bleibe: „Theodor W. Adorno genoss zwar die äusseren Arbeitsbedingungen in Oxford, der ersten Station seines Exils; »sachlich freilich sind Schwierigkeiten, da meine eigentlichen philosophischen Dinge den Engländern begreiflich zu machen zu den Unmöglichkeiten zählt und ich meine Arbeit gewissermassen auf Kinderniveau zurückschrauben muss, um verständlich zu bleiben«. Wer war da wohl Schuld, Adornos »eigentliche philosophische Dinge« oder »die Engländer«?” (S. 158, die Eigentümlichkeiten in der Schreibung entsprechen dem Original)

[8] Vgl. Karl Popper, „Gegen die großen Worte”, in: ders., Auf der Suche nach einer besseren Welt, München 1984, S. 99-113.

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Milton Friedman: Gier

Gierig sind immer die Anderen, Sie nicht!

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Samuel Adams: Maxime

If ye love wealth better than liberty, the tranquillity of servitude than the animating contest of freedom–go from us in peace. We ask not your counsels or arms. Crouch down and lick the hands which feed you. May your chains sit lightly upon you, and may posterity forget that ye were our countrymen!

Samuel Adams am ersten August im Jahre des Herrn 1776